Zynismus

Zynismus war mal die Lebensanschauung der Kyniker. Diogenes war ein Kyniker. Er soll in einer Tonne gelebt haben. Um seine Verachtung für die öffentliche Meinung zu zeigen, soll er auf dem Marktplatz onaniert haben. Als Alexander ihn nach einem Wunsch fragte, sagte Diogenes: „Geh mir aus der Sonne." Er war das frühe Vorbild eines Zynikers. Jean Genet sagte: "Zynismus ist die Kunst, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten." Und Anton Tschechow: "Kein Zynismus kann das Leben übertreffen." Dem schließe ich mich an. Die Haltung vieler 68er, sobald sie nicht vollkommen angepaßt sind, ist heute Zynismus. Aber die Welt ist noch schlimmer, als sie zynisch sein können. Und zudem machen sie sich dann auch oftmals noch über jene lustig, die noch etwas tun, z.B. politisch aktiv sind. Der Zyniker versucht, Dinge lächerlich zu machen. Zynismus ist dann eine humoristische Variante der Depression. Ich beziehe mich hier auf den Zynismus als Zeichen der Resignation. Danach ist ein Zyniker jemand, der Ideale hat, aber ganz genau weiß, dass sie nicht realisierbar sind. Es ist ein Gefühl der Desillusionierung. Man kann zum Beispiel zynisch gegenüber seiner Arbeit sein. Man kann auch frustriert gegenüber Politikern, Wirtschaftsbossen oder z.B. dem Fernsehen sein. Und man ist pessimistisch, dass sich je etwas verändern wird. Peter Sloterdijk hat sich mit seiner „Kritik der zynischen Vernunft", 200 Jahre nach Kants Kritik der reinen Vernunft im Jahre 1983 erschienen, mit dem Zynismus als gesellschaftliches Phänomen der europäischen Geschichte auseinandergesetzt. Die Postmoderne ist heute voll von der zynischen Orientierungslosigkeit, und das schon seit den 80er Jahren. Gegen den Zynismus müßte kritisches Denken und Handeln gesetzt werden. Ich schließe mit dem größten Zyniker an- Karl Kraus: Das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt.