Chronik der „Wende“: Teil 1

 

Anfang 1989 bis zum Rücktritt Honeckers

 

von Anne Seeck

 

Die „Chronik der Wende“ von der Bundeszentrale für politische Bildung enthält Aufnahmen des West- und DDR-Fernsehens vom 1.1.1989 bis zu den Wahlen am 18. März 1990. Ergänzt um weitere Dokumente (politische Sachbücher zur „Wendezeit“) wird aufgezeigt, wie das Westfernsehen und Westpolitiker in Richtung „deutsche Einheit“ gearbeitet haben und wie sich DDR-BürgerInnen über den Tisch ziehen lassen haben, wobei viele dabei maßgeblich als „Nationalisten“ mitgewirkt haben. Von „Wir sind das Volk“ und „Wir sind ein Volk“ bis zu „Ausländer raus“ und „Das Boot ist voll“ war es nicht weit.


Dieses Jahr feiern sich die ehemaligen DDR-Bürgerrechtler wieder als Freiheitskämpfer, die eine „friedliche Revolution“ vor 25 Jahren bewerkstelligt hätten. Klaus Bittermann schreibt über den „Verein von Nervensägen“, nämlich die „Schmuseopposition“ in der DDR, dass diese sich „hinter den Rockschößen der Kirche verschanzte und ihre Kritik ungefähr den Koffeingehalt vom 'Wort zum Sonntag' hatte.“ (Bittermann, S. 14) Diese DDR-Opposition war in keinster Weise auf den gesellschaftlichen Umbruch vorbereitet und hatte nichts an Alternativen, außer „freien Wahlen“ und schließlich „deutscher Vereinigung“ anzubieten. Einige linke Oppositionelle beschwören noch, dass sie den Sozialismus wollten und die anderen ihre Ideen verraten haben. Jene, die in Posten gelangt sind, beschwören wiederum, dass sie schon immer diese „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ wollten und die anderen arme Spinner seien. Was soll`s, mit dem „untertänigen Volk“ war nur ein anderer Staat zu machen und kein wirklicher Sozialismus.

(Es war vorhersehbar, hier Artikel von mir zur DDR: http://www.freiheitpur.i-networx.de/ddr.html)


Interessant ist, wie eine jeweilige Machtergreifung (und -erhaltung) der Systeme funktioniert.


Es sollten nach diesem „Wende“- und Vereinigungsprozeß u.a. folgen:

Ideologieaustausch (vom Marxismus-Leninismus in der DDR zur neoliberalen Ideologie der 90er)

Elitenaustausch (Entnazifizierung nach 1945 vs. Entlassung wegen IM-Tätigkeit nach 1990, Abschieben in den Vorruhestand, Ablösung von SED- Funktionären, Auflösung von Institutionen)

Enteignungen (Verstaatlichung in der DDR vs. Privatisierungswelle in D, Treuhandanstalt)

Bevölkerungsmobilisierung (zum Beispiel Austausch der Feiertage 7.10. der Tag der Republik vs.3.10.Tag der Einheit, Patriotismus im Sport in der DDR und Fußballpatriotismus in D)

Kontrolle der Bevölkerung durch Überwachung und Repression (MfS vs. Überwachtes Deutschland, NSA, NSU, Geschichte: Verbot der KPD, Berufsverbote, Radikalenerlaß, Deutscher Herbst, heute Extremismus- und Totalitarismustheorie)

Instrumentalisierung durch Verfassung, Recht und Justiz (politische Justiz vs. Grundrechtereport)

Verfügungsgewalt über Massenmedien (SED- Medien vs. Bertelsmann, Springer & co)


Hier ein Artikel von mir zu 20 Jahren Einheit: http://www.trend.infopartisan.net/trd1010/t131010.html


Die Chronik der „Wende“ 1. Teil


Am 1.1.1989 tritt die neue Reiseverordnung in Kraft, von der viele ausgeschlossen sind. Daher würden viele nur in einem Ausreiseantrag und Botschaftsbesetzungen einen Ausweg sehen, so das Westfernsehen.

Am 15. Januar 1989 gibt es eine Demo mit 150 bis 200 Leuten in Leipzig. (aus Anlaß der Verhaftungen bei der LL-Demo 1988) „Sie blieben friedlich und diszipliniert. Wenn die Ampel auf Rot stand, hielt der Tross an und wartete auf Grün.“ (Kowalczuk, S.309) 53 wurden festgenommen und am Abend wieder freigelassen. Das veranlasste Honecker selbst. „Am wirkungsvollsten war der Protest von US- Außenminister Shultz und Bundesaußenminister Genscher noch am 15. Januar in Wien, wo sie wenige Tage später das KSZE- Nachfolgedokument unterzeichneten. Honeckers Rede zum Müntzer-Gedenken reagierte darauf. Die Leipziger Ereignisse erhielten so eine staatspolitische Bedeutung, die den Organisatoren wohl selbst nicht im Traum eingefallen wäre.“ (Kowalczuk, S. 310)

Ende Januar sagt Honecker, die Mauer werde noch 50 oder 100 Jahre bestehen bleiben.

Am 6. Februar 1989 gibt es den letzten Mauertoten.

Leipziger Frühjahrsmesse: Am 19. März 1989 gehen 500 Bürger in Leipzig auf die Straße. Sie rufen „Wir wollen raus“.

Rolf Henrich kritisiert in Kennzeichen D die neue Reiseverordnung. Die DDR- Bürger dürften nur in acht Länder der Welt reisen und hätten damit „Wohnhaft“. Ende März berichtet der Spiegel über seine bevorstehende Publikation „Der vormundschaftliche Staat“.

Am 7. Mai sind Kommunalwahlen. Im Vorfeld gibt es 40 000 Eingaben mit Bezug zu den Wahlen. „Das war schon seit vielen Jahren ein beliebtes Mittel, um ein Telefon, eine Wohnung oder die Genehmigung für eine Westreise zu erhalten. (…) Dabei sind noch nicht einmal Zehntausende Eingaben an die SED berücksichtigt. Die meisten kamen aus Ost-Berlin sowie aus den Bezirken Leipzig, Dresden, Halle und Karl- Marx-Stadt. Die Absender forderten soziale Verbesserungen, mahnten dringend notwendige Reparaturen an, suchten um Befürwortung einer Westreise nach, setzten sich für Umweltschutzfragen ein oder kritisierten allgemein soziale und kulturelle Missstände. Hinter jeder Eingabe stand die direkte oder indirekte Drohung, bei Nichterfüllung nicht wählen zu gehen oder eine Gegenstimme abzugeben.“ (Kowalczuk, S. 320f.) Man stelle sich das heute vor. „Entweder meine Sanktion bei Hartz IV wird aufgehoben oder ich gehe nicht zur Wahl.“ Nur weil die SED ihre lächerlichen 99,9% Zustimmung bekommen wollte.

Bürger überwachten die Auszählung der Stimmen (in ca. 50 Städten in mehr als 1000 Wahllokalen) und stellten Gegenstimmen von 3-30% fest. Die Wahlbeteiligung betrug 60-80%. In Berlin gab es die meisten Wahlverweigerer. Nach offiziellen Angaben machten Nichtwähler und Gegenstimmen jedoch nur ca. 300 000 von 12,5 Millionen Wahlberechtigten aus. Die Oppositionellen stellten Strafanzeige wegen Wahlfälschung.

Anfang Juni wird der chinesische Aufstand auf dem Platz des Himmlischen Frieden niedergeschlagen. Das wird von der DDR-Staatsführung gutgeheißen, Schabowski reist nach Peking.

Einen Monat nach den Wahlen findet eine Demo in Berlin wegen der Wahlfälschung statt. Jeden 7. im Monat soll ein Protesttag stattfinden.

Im Juni 1989 fordert Friedrich Schorlemmer auf einem Christlichen Friedensseminar eine legale Opposition wie in Polen und Ungarn zu schaffen, die gewählt werden kann. „Der Kopf des Seminars“ fordert später ein demokratisches Wahlsystem. (Kowalczuk, S. 359) Andererseits „Basisdemokratie war eines der großen Worte des Jahres 1989. Es beinhaltete eine scharfe Absage an das SED-System, impliziert aber auch an Parteien und die parlamentarische Demokratie.“ (Kowalczuk, S. 356) Marianne Birthler und Markus Meckel denken über einen „Runden Tisch“ nach polnischem Vorbild nach.

Die ersten nationalistischen Töne sind zu vernehmen. Der Theologe Karl- Heinz Blaschke sagt Anfang Juli auf dem Evangelischen Kirchentag in Leipzig: „Das Bleiben ist eine nationale Aufgabe. Auch hier ist ein Stück Deutschland.“ Kowalczuk bezeichnet ihn als „letzten bürgerlichen Historiker“, der deshalb internationales Ansehen genoss...(Kowalczuk, S.355)

Am 7./8. Juli tagt der Warschauer Pakt und hebt die „Breshnew-Doktrin“ auf. Es wird vereinbart, dass es künftig keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten mehr geben dürfe. Das ist ein Zeichen an Polen und Ungarn. Honecker brach bei der Sitzung zufällig zusammen, Stoph soll nur noch einsilbig gestammelt haben.

Im Westfernsehen werden „DDR-Deutsche“ in der Botschaft in Budapest gezeigt. Die DDR wird so dargestellt: „16 Jahre Warten auf einen Trabant“, „Für Ostgeld kriegt man nichts“, „miserable wirtschaftliche Situation, leider nicht nur für die Menschen, auch für die Umwelt“, „Leipzig eine dem Verfall preisgegebene Stadt“. Jemand sagt dem Westfernsehen: „Bei uns fehlt das Westgeld. Wenn wir das kriegen.“ Mitte August werden im Westfernsehen wieder „DDR-Deutsche“ in der Budapester Botschaft gezeigt. Am 19. August zeigt das Westfernsehen das pan-europäische Picknick in Ungarn, für kurze Zeit ist die Grenze offen, 900 „DDR-Deutsche“ fliehen nach Österreich. Anfang September werden wieder Demonstranten gezeigt, die rufen „Wir wollen raus“.

In Leipzig finden am 4. September die Montagsgebete mit 1000 Menschen statt, anschließend demonstrierten 800.

Am gleichen Tag trafen sich linke Oppositionelle. Ziel war es die „Vereinigte Linke“ zu gründen. Kowalczuk schreibt: „Die 'Vereinigte Linke' war die einzige Neugründung, die ausdrücklich und alternativlos sozialistische, kommunistische und rätedemokratische Ideen vertrat.“ (Kowalczuk, S. 361)

Am 7. September war die vierte Demonstration in Berlin wegen der Wahlfälschung. Es beteiligten sich 59 Leute (!), die zugeführt wurden.

Im DDR- Fernsehen heißt es, das seien alles nur Stories der Westmedien.

Am 9. und 10. September gründet sich in Grünheide das Neue Forum. In dem Aufruf ist nirgendwo von Sozialismus die Rede, weder von seinem Erhalt noch von seiner Abschaffung. Daher hätte er eine große Sogwirkung entwickelt..., so Kowalczuk, der Projektleiter der Forschungsabteilung der Stasiunterlagen-Behörde ist. Das nächste Treffen des Neuen Forums sollte am 2. Dezember sein...

Es erscheint ein vertrauliches SED-Papier zum Gründungsaufruf des „Neuen Forums“: „Wahrheitswidrig heißt es (…), in dem Gründungsaufruf des 'Neuen Forums' stünde als Ziel, 'das Machtmonopol des Staates zu beseitigen'. Außerdem tauche nirgends 'Sozialismus' oder 'sozialistisch' in dem Aufruf auf. 'Sollen wir derartigem Gedankengut etwa Pressefreiheit gewähren?' SDP und 'Demokratischer Aufbruch' träten noch 'unverhohlener in ihrer antisozialistischen und konterrevolutionären Programmatik' auf. Theoretisch hatten die Verfasser Recht: sich auf die Forderungen einzulassen, liefe in letzter Konsequenz auf die Beseitigung des SED-Sozialismus hinaus.“ (Kowalczuk, S. 418f.)


Am 11.9. findet das nächste Leipziger Monatsgebet statt, mit 1000 Betenden und 500 Demonstranten. Am nächsten Tag strahlt das Westfernsehen (Kontraste) einen Bericht über den Verfall Leipzigs aus, der wesentlich zur Mobilisierung beiträgt. An dem Tag wurde zur Bildung von „Demokratie Jetzt“ aufgerufen. „Beide deutsche Staaten sollten um der Einheit willen aufeinander zu reformieren.“, hieß es in den Thesen. (Kowalczuk, S. 364) Am 14.9. wurde dann die Bildung der Gruppe „Demokratischer Aufbruch“ verkündet. In wenigen Tagen hatten sich fünf neue, landesweite Oppositionsgruppen gezeigt, schreibt Kowalczuk. Wo? Natürlich im Westfernsehen. Man stelle sich vor, im Westen bilden sich kleine Splittergruppen. Wo ist dann das Westfernsehen?

Kowalczuk schreibt: „Gerade weil die meisten Oppositionellen namentlich bis auf wenige Ausnahmen wie Bärbel Bohley oder Eppelmann in der Gesellschaft weithin unbekannt waren, trug dieses Gründungsfieber erheblich zur Mobilisierung der Gesellschaft bei. Denn die rasch aufeinander folgenden Nachrichten von immer neuen Aufrufen erweckten in der Öffentlichkeit den Anschein, dass an vielen Orten ganz unterschiedliche Personen nicht mehr schweigend der Krise zuschauen wollten und andere Handlungsoptionen als die Flucht wählten. Kaum ein Aussenstehender wußte, dass die Initiatoren sich alle überwiegend lange und gut kannten. Nun gab es auf einmal eine neue Alternative, die nicht mehr Weggehen oder Hierbleiben, sondern nur noch Schweigen oder Einmischen hieß. Die hohe Informationsdichte in den Westmedien trug entscheidend dazu bei, dass die Aufrufe bekannt wurden und sich bald jeder befragen musste, wo er eigentlich stünde. Das hatte zur Folge, dass ab Mitte September das Land von einer wochenlangen Flut von Aufrufen, Resolutionen, Offenen Briefen und bald auch immer wieder neuen Vereinsgründungen überzogen wurden.“ (Kowalczuk, S. 367) Diese Flut gibt es auch im Westen, aber sind sie im Westfernsehen? Die Rolle des Westfernsehens in der Wendezeit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Besonders das Neue Forum nutzte die Westmedien mit Unterstützung von Roland Jahn und Ralf Hirsch, ihnen wurde nach der Wende mit Posten gedankt.

Eine große Wirkung hatte eine Resolution der Rockmusiker, die diese auf Konzerten verlasen und sich nicht einschüchtern ließen.

Am Abend des 10. Septembers verkündet Staatschef Horn in Ungarn: „DDR- Bürger können reisen, das tritt ab 0 Uhr in Kraft. Im Westfernsehen hört man Stimmen: „Wahnsinn“, „Sehr gute Gefühle“. Am frühen Morgen sind die ersten in der BRD. Harry Tisch wird dazu von Westmedien befragt. Er sagt: „Sie haben doch die Obhutspflicht für die übernommen.“ Peter Decker und Karl Held schreiben 1989 im Buch „DDR kaputt, Deutschland ganz“, dass die BRD die DDR nicht staatlich anerkannt hat und DDR- Bürger sofort die westdeutsche Staatsbürgerschaft bekamen, sobald sie in die BRD ausreisten. Das Öffnen der Grenze durch die neue ungarische Regierung war wiederum als „diplomatischer Wink(...) weniger den Export von SED-geschädigten Ostdeutschen als den freiwilligen Import von Kapital und marktwirtschaftlichen Vorschriften betreffend.“ (S.21) Auch die „Willkommenskultur“ für die Flüchtlinge in der BRD soll sich bald ändern.

Mitte September wird die Botschaft in Prag im Westfernsehen gezeigt: „Wir glauben an nichts, was die Kommunisten versprechen“, sagt ein „DDR-Deutscher“. Dann werden die Nichtzulassung des Neuen Forums und „Wir wollen raus“- Sprüche aus Leipzig im Westfernsehen gezeigt.

19 Teilnehmer bleiben in Haft. Ansonsten wurden immer alle nach 24 Stunden freigelassen. Am 18. September sind es 3000 Demonstranten, 3 Haftstrafen.

Über eine Veranstaltung des Neuen Forums berichtet der Ständige Vertreter der BRD in der DDR ans Bonner Bundeskanzleramt, „Sie machte einen amateurhaften, hilflosen Eindruck.(...) Die oppositionellen Gruppen setzen sich zu allermeist aus Intellektuellen zusammen, die über wenig oder gar keine politische Erfahrung verfügen.“ (Kowalczuk, S.369) Keine Einmischung vom Westen? Und da fragt man sich auch, was haben die Oppositionellen all die Jahre gemacht?

Am 25. September sind es dann 4000 bis 8000 Demonstranten in Leipzig...Kowalczuk schreibt: „Es sind jeweils Schätzungen, die auf Medienberichten, Augenzeugeneinschätzungen sowie auf Unterlagen von SED, MfS, Polizei und anderen staatlichen Einrichtungen beruhen. Während die staatlichen Institutionen eher zur Untertreibung neigten, gaben Oppositionelle und Medien tendenziell Maximalwerte an. 100, 200 Personen mögen sich noch gut schätzen lassen, 20 000, 70 000, 500 000 nicht mehr. Natürlich gab es im Herbst 1989 gute Gründe, möglichst hohe Zahlen anzugeben (…) Denn hohe Zahlen erzeugen eher die beabsichtigte Sogwirkung(...) Denn Revolutionen sind Angelegenheiten von Minderheiten, die sich gegen die Regierung und gegen die passive Mehrheit richten.“ Und auch in der Opposition ist es „Ende September eine kleine Minderheit von insgesamt höchstens 5000 Menschen, die sich den neuen Gruppen namentlich angeschlossen hatten. Darunter waren nicht wenige, die sich gleichzeitig zu zwei, drei, vier Gruppen bekannten.“ (Kowalczuk, S. 372)

Die Stasi ermittelt währenddessen die Stimmung in der Bevölkerung: „Besonders bedrohlich erschien, dass in der Gesellschaft keine Ablehnung der Flüchtlinge und Antragsteller mehr in relevanten Größenordnungen zu verzeichnen sei. Ihnen schlage mehrheitlich Verständnis entgegen.“ (Kowalczuk, S. 376)

Schließlich warten 4000 Flüchtlinge in der Prager Botschaft. Einer spricht für sie: „Wir halten das nicht mehr aus.“ Und am Abend des 30. September ist es soweit. Im Hof der Botschaft in Prag spricht BRD-Außenminister Genscher „Heute ihre Ausreise“. Jubeln. „Endlich Freiheit“, hört man eine Stimme. Auch in der Warschauer Botschaft sitzen 800 Menschen und Anfang Oktober strömen wieder junge Familien in die Prager Botschaft.

Am 2. Oktober ist es in Leipzig wieder soweit, diesmal sind es zwischen 8000 und 25 000 (!?) Demonstranten, so Kowalczuk. „Leipzig erlebte die größte oppositionelle Demonstration seit dem 17. Juni 1953.“ (Kowalczuk, S. 381) Erstmals sind die Rufe „Wir bleiben hier“ lauter als „Wir wollen raus“.

Am 3. Oktober hielten sich in der Prager Botschaft wieder etwa 6000 und in der Umgebung 2000 Menschen auf, 3-4000 waren auf dem Weg nach Prag. Die Jugend verließ das Land.

Was macht die DDR-Staatsführung? Krenz schrieb: „Ich würde die zweite Variante empfehlen.“ (Kowalczuk, S. 382) Das ist die Grenzschließung. Sie schließen die Grenzen zur Tschechoslowakei. Ohne Genehmigung kann man die DDR nicht mehr verlassen. Trotzdem: „Im gesamten Oktober flüchteten 57 000 Menschen, 30 600 durften offiziell ausreisen.“ (Kowalczuk, S. 386)

In der DDR warten mittlerweile Menschen, um auf die Züge aus Prag in die BRD aufzuspringen. 20 000 Menschen sammeln sich am 4. Oktober am Dresdener Hauptbahnhof. Es sind nicht nur Ausreisewillige, sondern auch Dresdner Protestpotential. Kowalczuk schreibt: „Es kam zu stundenlangen Schlachten, Zerstörungen, zum Einsatz von Wasserwerfern ('Arbeiterwaschmaschine') und Tränengas. Modrow forderte NVA-Kräfte an. (…) Insgesamt handelte es sich um 179 Hundertschaften, die erst am 11. November 'wieder in die militärische Struktur aufgenommen' wurden(...) Die Bilanz war verheerend, Verletzte in einem bislang nicht gekannten Ausmaß, ein halb zerstörter Bahnhof und Bahnhofsvorplatz, an diesem und den nächsten Tagen bis 11. Oktober über 1300 Festnahmen, von denen 428 erst im Dezember 1989 wieder frei kamen (…) Dresden kam nicht zur Ruhe, auch in den nächsten Tagen fanden Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern und gewalttätigen Auseinandersetzungen statt (…) Anders als mit den Verhafteten in Leipzig oder früher Ostberlin stellte sich keine landesweite Solidarität mit den Festgenommenen ein. Die vorherrschende Meinung außerhalb Dresdens blieb weiterhin ablehnend- es waren 'nur' Ausreisewillige (…) Rufe nach 'Deutschland, Deutschland' und 'Deutschlandfahnen' gehörten zu dieser unfriedlichen Nacht wie selbstverständich dazu.“ (Kowalczuk, S. 384) Das Neue Forum schreibt: „Gewalt ist kein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Lasst Euch nicht provozieren! Wir haben nichts zu tun mit rechtsradikalen und antikommunistischen Tendenzen!“ (Kowalczuk, S. 385) Das Flugblatt kam aus Berliner Kreisen, es ist nicht geklärt, wer es in Umlauf gesetzt hat. Die Begriffe „rechtsradikal“ und „antikommunistisch“ hätten Menschen erschreckt, so Kowalczuk.


Am 6. Oktober reist Gorbatschow an. Der Berater Charles Powell sagte über Gorbatschow: „Margaret Thatcher kannte Präsident Gorbatschow wahrscheinlich besser als jeder andere führende Politiker des Westens. Man könnte sagen, sie habe ihn entdeckt. Er kam 1984 nach Großbritannien. Es war sein erster wichtiger Auslandsbesuch. (…) Er verbrachte sechs Stunden mit Margaret Thatcher.(...) Über die Jahre, nach 1984, haben sich Margaret Thatcher und Gorbatschow häufig getroffen. Und- ja- ich möchte fast sagen, sie beanspruchte für sich eine Art Eigentumsrecht an Gorbatschow- insofern, als dass sie ihm im Westen quasi den Boden bereitet hatte. So waren unsere Hoffnungen auf ein freieres, ein menschlicheres System in der Sowjetunion denn auch hauptsächlich mit der Person Gorbatschow verbunden.“ (Plato, S. 38) Und Genscher (FDP) sprach in Davos über „Gorbi“: „Wir müssen Gorbatschow ernst nehmen, wir müssen ihn beim Wort nehmen und wir dürfen eine historische Chance nicht versäumen.“ (Plato, S.39) Horst Teltschik sagt zu Gorbi: „Gorbatschow hat mir selbst einmal gesagt, dass er den Eindruck gewonnen hat, er kann Helmut Kohl vertrauen. (…) Diese Reise (Anm. in die BRD) hat ihn zweierlei gelehrt. Einmal bei der Besichtigung der Unternehmen, bei der Reise durchs Land, hat er immer gesagt: Ordnung, die Ordnung in Deutschland. Alles sauber, alles ordentlich- war er fasziniert. Und dann hat ihn fasziniert der Zustand unserer Unternehmen, der Reichtum, also die Wohlhabenheit des Landes. Mein Eindruck ist, dass da für ihn die Erkenntnis kam, dass wir, die Deutschen, der Partner der Zukunft sein müssten, der ihnen dabei hilft, die Reformpolitik in der Sowjetunion in die Zukunft zu führen.“ (Plato, S.44) Schewardnadse soll zu Genscher nach dem BRD- Besuch von „Gorbi“ gesagt haben: „Auch die Berliner Mauer werde fallen, wenn die Zeit dafür reif sei, doch dazu sei eine gewisse Atmosphäre des Vertrauens und des Respekts unerlässlich.“ (Plato, S.46).... Gorbatschow erhoffte sich vom Westen „ökonomische Hilfsversprechen“. Aber hier beginnt nicht das weltpolitische Machtspiel. Plato schreibt: „Die Akten zur Wiedervereinigung, die im Auftrag des Bundeskanzleramtes herausgegeben wurden, die Reaktionen dazu in Westeuropa und auch die Interviews, die ich im Herbst 1999 mit Bush und seinem Stab führte, legen nahe, dass man im Weißen Haus in Washington- und nicht in Bonn, Paris oder London- bereits im März 1989 eine neue Europa- und Deutschlandpolitik initiieren wollte, in der die Wiedervereinigung Deutschlands eine zentrale Rolle spielte.“ (Plato, S.19) Nach dem NATO-Gipfel Ende Mai 1989 hielt Bush in Deutschland eine Rede, die besagte, dass die neue Aufgabe der Nato sei, die Teilung Europas aufzuheben. Kohl berief sich bei seinem 10-Punkte-Plan vom 28. November 1989 auf diese NATO- Jubiläumskonferenz. „Die Wiedervereinigung, das heißt die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands, bleibt das politische Ziel der Bundesregierung. Wir sind dankbar, dass wir in der Erklärung des Brüsseler NATO-Gipfels vom Mai diesen Jahres dafür erneut die Unterstützung unserer Freunde und Partner gefunden haben.“ (Plato, S.28)

Erstmal feiert die DDR aber ihren 40. Geburtstag am 7. Oktober. Das DDR-Fernsehen verkündet, 40 Jahre DDR seien eine 40jährige Niederlage des deutschen Imperialismus. Die FDJ macht am Abend des 6. Oktobers einen Fackelzug mit 75 000 FDJlern, viele jubelten „Gorbi“ zu. Schon auf dem Flughafen skandierten Menschen „Gorbi, Gorbi“. In der Erlöserkirche in Berlin versammeln sich 2500 Menschen. Sie fordern „Wahlen unter Aufsicht der UNO“, ein „Wahlbündnis“ und eine „gewaltlose demokratische Erneuerung“.


7. und 8. Oktober 1989: Zwei Tage der Konfrontation- die chinesische Lösung?


Diese zwei Tage haben sich die „Freiheitskämpfer“ und „Revolutionäre“ mit der Polizei herumgeschlagen, dann begann die SED schon einen „Dialog“. Dabei hatten ganz andere Kräfte die Fäden in der Hand. „Gorbi“, der sich bestens mit der eisernen Lady verstand, griff nicht ein. Kohl lauerte und die Westalliierten waren auch noch da, die Nato etc. Aber an diesen zwei Tagen war noch alles offen. China hatte es vorgemacht.


Am 7. Oktober 1989 wurden an den Grenzübergängen zu Westberlin 4100 Personen abgewiesen, 9000 gelangen von West- nach Ostberlin. Um 10 Uhr begann der Festakt zum 40. Jahrestag der DDR. Eine Stunde gab es einen Militäraufmarsch. Honecker empfängt anschließend den rumänischen Staatschef und „Gorbi“.

Kowalczuk schreibt: „Dresden und Leipzig spiegelten die tatsächliche Aktionsbereitschaft im Land nicht. In den allermeisten Städten, das darf man nicht vergessen, fand bis zu diesem Zeitpunkt gar nichts statt.(...) Der Zulauf zu den neuen Gruppen hielt sich immer noch im überschaubaren Rahmen (…) Die damals angegebenen Zahlen waren fast durchweg, aus guten Gründen, übertrieben. Bis zum 7. Oktober hatten sich zum 'Neuen Forum', 'Demokratie Jetzt', 'Demokratischer Aufbruch', SDP und 'Vereinigte Linke' maximal 10 000 Menschen mit Unterschriften und Briefen bekannt. Die große Masse davon, 8000 bis 9000, zum 'Neuen Forum'.“ (Kowalczuk, S. 387)

Am 5. Oktober wurden in Ostberlin zusätzliche VP- Bereitschaften zusammengezogen, das blieb der Bevölkerung nicht verborgen. Man hatte Angst vor der chinesischen Lösung.

2-3000 Menschen laut Chronik, 6-7000 Menschen laut Kowalczuk ziehen am 7. 10. durch die Berliner Innenstadt zum Palast der Republik, wo die Feierlichkeiten der SED stattfinden. Sie werden in Richtung Prenzlauer Berg abgedrängt. Dort befanden sich in der Gethsemanekirche 2000 bis 3000 Menschen. Die Kirche wird umstellt. „Viele Menschen sahen zum ersten Mal in ihrem Leben Wasserwerfer, Polizisten in Kampfuniform, auf Menschen gehetzte Hunde und Polizei- LKW mit Räumschildern.“ (Kowalczuk, S. 392) Es gibt 1047 Verhaftungen laut Chronik und 1200 nach Kowalczuk. Die Fernsehbilder gingen um die Welt!!! „Die Menschen wurden geschlagen, getreten, bespuckt; Frauen und Mädchen mußten sich ausziehen und 'Sport treiben'; vielen wurde stundenlang die Notdurft verweigert (…), auf der Toilette wurden Frauen wie Männer ungeniert bei geöffneter Tür beobachtet und kommentiert; die Menschen mußten bis zu 12 Stunden mit dem Gesicht zu einer Betonwand stehen; viele wurden auf LKW-Pritschen geworfen; in den Zuführungspunkten standen Polizeireihen mit Knüppeln und Schildern, durch die die Menschen getrieben wurden.“ (Kowalczuk, S. 392)

Auch in Dresden, Leipzig (2-3000), Jena, Plauen (10-20 000!!) und Arnstadt gibt es Demos. Die Polizei ist brutal. Insgesamt 3000 Verhaftungen.

An dem Tag gründet sich auch die SDP, die Sozialdemokraten des Ostens, mit IM Böhme, Martin Gutzeit und Markus Meckel. Die beiden Freunde Meckel und Gutzeit hatten Anfang des Jahres die Idee dazu. Die „Strukturen organisierter Verantwortungslosigkeit“ müssten überwunden werden. Entscheidend seien Demokratie und soziale Gerechtigkeit.


Am 8. Oktober gibt es in der Ostberliner Gethsemanekirche eine Pressekonferenz mit Zeugen der Polizeiübergriffe. Sie sagen die Demonstration war gewaltfrei. Das Neue Forum fordert: Gewaltlos bleiben. In der Kirche sind 3000 Personen, sie wird abgeriegelt. In der Dunkelheit Knüppel frei.

In Dresden demonstrieren 5000 Leute, die eingekesselt werden. Sie fordern ein Gespräch mit dem Bürgermeister Berghofer.

Bundespräsident Weizsäcker besucht ein Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge. Die Nachricht im Westfernsehen: „Viele haben bereits Arbeitsplätze gefunden.


Angst vor Eskalation- Tag der Entscheidung


Am 9. Oktober protestieren im Westen Journalisten, dass es Übergriffe auf sie gab. Ab 14 Uhr läuft wieder normaler Einreiseverkehr an der Grenze zu Westberlin. Honecker trifft sich wieder mit einem chinesischen Funktionär und stellt eine grundsätzliche Übereinstimmung fest. In Halle werden registrierte Oppositionelle inhaftiert.

In Leipzig herrscht Angst vor Eskalation. 8000 Polizisten sind im Einsatz. Kurt Masur u.a. veröffentlichen einen Offenen Brief. Es ist ein Appell zur Gewaltlosigkeit. Nach den Friedensgebeten ziehen Menschen durch Leipzig und rufen „Wir sind das Volk“ und „Gorbi“. Es gibt keine Konfrontation mit der Polizei, auch nicht am Stasigebäude.

Plato schreibt: „Hier sollte die Bürgerbewegung ihre Rolle nicht überschätzen, auch wenn die 70 000 Demonstranten den Druck auf die Bezirksleitung der SED enorm erhöht hatten.“ (Plato, S.68) Was war geschehen? Die Einsatzleitung bestand aus dem zweiten SED- Bezirkschef Helmut Hackenberg, dem Leipziger Stasichef Manfred Hummitzsch und dem Chef der Bezirksdirektion der Volkspolizei Gerhard Straßenburg.

Hackenberg sagt zu der Situation: „Ich kann nur so viel sagen: Dass an diesem Tage, und das ist das, was ich persönlich nicht für gut finde, nicht einer des Zentralkomitees oder besser gesagt: des Politbüros oder Sekretariats des ZK versucht hat, mit mir zu sprechen. Nicht einer. Egon Krenz hat in den Prozess des Tages bis 19.15 Uhr nicht eingegriffen und auch kein anderer, sondern ich war allein auf meine Befehlsgewalt angewiesen, gemeinsam mit meinen Genossen der Bezirkseinsatzleitung. Alles das, was geschah, ist also mit unserer Befehlsgewalt ermöglicht worden.“ (Plato, S.65f.)

Nach 18.35 wurde entschieden, nicht einzugreifen. Hackenberg gibt den Befehl zum Rückzug und informiert um 19.15 Uhr Krenz. Der meint, er könne das nur weiterleiten und mit anderen besprechen. Es gibt keine Rückmeldung.

Zur Rolle Krenz schreibt Kowalczuk: „Über 100 000 Menschen demonstrierten gegen das SED- System und der Staat griff nicht ein. Gerade weil Krenz die oberste Befehlsgewalt ausübte, konnte der Staat nicht mit nichtfriedlichen Mitteln gegen die Demonstration vorgehen, weil sonst auch Krenz als Thronfolger Honeckers endgültig verschlissen gewesen wäre. Krenz aber wollte unbedingt an die Macht, auch alle anderen wollten ihre Posten behalten.“ (Kowalczuk, S. 422)

Am Morgen war der Jugendforscher Walter Friedrich in der Berliner SED- Zentrale gewesen und hatte gewarnt, die Lage sei so, dass „am Abend Blut fließen würde“. Davon wußte Hackenberg.

Mit Hackenberg hatte außerdem ein SED- Bezirkssekretär Wötzel gesprochen, der den Aufruf der „Leipziger Sechs“ (mit Kurt Masur) unterzeichnet hatte. Der sagte zu Hackenberg: „Helmut, wir müssen jetzt die Truppen zurückziehen. Es muss jetzt der Rückzug angetreten werden. Denn anders wär ja unser Aufruf zum Dialog gar nicht mehr möglich gewesen.“ (Plato, S.66) Wötzel sagt, das Gespräch sei vor dem Anruf bei Krenz gewesen, Hackenberg meint danach.

Die Leipziger Einsatzleitung fühlt sich alleingelassen und kapituliert. Plato schreibt: „Ähnliche Konstellationen werden sich im Laufe der weiteren Entwicklung immer wieder zeigen: Eine in Zwangslage gebrachte mittlere Ebene vor Ort steht in einer weitreichenden politischen Entscheidungssituation letztlich allein. In Leipzig wollte Hackenberg nicht verantwortlich sein für ein mögliches Blutvergießen, das auch seiner Ansicht nach enorme Auswirkungen auf die Weltpolitik hätte haben können, und er, eigentlich ein 'Hardliner', entschied sich gegen eine Eskalation. Aber bei anderer Konstellation in den Führungsgremien hätte durchaus anders entschieden und damit eine Eskalation eingeleitet werden können- gerade wegen der unsichtbaren und kraftlosen Führung in Berlin.“ (Plato, S.67f.) Eine unsichtbare Führung in solcher Situation im Kapitalismus? Undenkbar.

„Die Leipziger Demonstration vom 9. Oktober 1989 und deren Nachbereitung durch die politische Führung und die leitenden Offiziere des Sicherheitsapparates am 13. Oktober trugen zum Sturz Honeckers bei.“, so Plato. (Plato, S.68) Weiter: „Die Massendemonstrationen in Leipzig, Berlin und andernorts hatten die SED-Spitze, vermutlich mit Ausnahme Honeckers 'weich geklopft'- natürlich auf der Grundlage des Wissens um den Niedergang der DDR-Wirtschaft und vor dem Hintergrund der Änderungen in der Sowjetunion. Aber ohne diese 'Schwächung' der politischen und militärischen Führung und ohne die Verabredung zwischen der Generalität der DDR, ihrer politischen Führung und der sowjetischen Generalität in der DDR wären die Demonstrationen und die demokratische Entwicklung in der DDR in größerer Gefahr gewesen.“ (Plato, S. 71)


Kowalczuk schreibt: „Noch niemand konnte erahnen, dass dieser Tag historische Bedeutung erlangen würde. Heute wissen wir, an diesem Tag entschied sich, dass die Revolution von nun ab friedlich verlaufen würde, der Zusammenbruch des Regimes voranschritt und die Menschen näher an ihrer Selbstbefreiung waren, als irgend jemanden bewusst war.“...(Kowalczuk, S. 404) Selbstbefreiung? ….


Beginn des Unterganges des SED-Systems


Kowalczuk: „Die Gesellschaft war in Bewegung geraten, aber noch Mitte Oktober wagte sich nur eine kleine Minderheit auf die Straßen und in die Kirchen, nur eine gesellschaftlich überschaubare Gruppe unterschrieb die Aufrufe, wurde Mitglied, richtete Briefe, Eingaben, Proteste, Anzeigen an Staats- und Parteiinstitutionen. Die Fernsehbilder aus Leipzig, Dresden und Ost-Berlin lügen nicht, aber sie suggerieren noch heute, alle wären 'dabei' und 'dafür' gewesen. So weit war es noch nicht, so weit kam es nie. Die mediale Konzentration auf einige Großstädte vermittelte ein Bild, das mobilisierend wirkte, aber nicht der Realität entsprach. Die Oppositionellen schliefen kaum noch, erfuhren eine Medienpräsenz wie nie zuvor, bekamen geradezu eine welthistorische Bedeutung, die sie aus Hinterhöfen in die Hauptnachrichtensendungen katapultierte. Bei alldem wurde oft übersehen, dass es sich um aktive Minderheiten handelte und dass die regionalen Unterschiede groß waren.“ (Kowalczuk, S. 408f.)


Am 10. Oktober ist der Schriftsteller Stefan Hermlin im Westfernsehen zu sehen. Er sagt: „Sie rufen zu Tausenden 'Wir bleiben hier'. Das ist eine Erklärung für die DDR. Schlimm, dass solche Leute niedergeprügelt werden. Das ist eine Loslösung von der Realität.“ In den DDR-Zeitungen ist von „Rowdys“ die Rede. Der Theologe und Bürgerrechtler Erhart Neubert berichtet, was sie wollten: die Entmachtung der SED und ein demokratisches Mehrparteiensystem.

Während dessen erscheint an dem Tag im Westfernsehen ein erster negativer Bericht über die DDR-Flüchtlinge. Botschaft: „Die Lager sind voll. Die Unterbringung ist menschenunwürdig, der Stadt Leverkusen fehlen 4000 Wohnungen.“ Diese Negativberichte sollen sich jetzt fortsetzen, die Flüchtlinge hatten ihre Schuldigkeit getan. Der Aufruhr in der DDR hatte begonnen, der Realsozialismus wankte. Ungarn und Polen wurden bereits „reformiert“. Ilko- Sascha Kowalczuk schreibt: „Der Fall der Berliner Mauer begann am 2. Mai 1989 in Ungarn.“ (Kowalczuk, S. 346) An dem Tag hatte die ungarische Regierung angekündigt, die Grenzbefestigungen abzubauen, was dann am 11. September geschah. Innerhalb von zwei Monaten flüchteten 80 000 Menschen. Die Leute flüchteten trotz der Negativberichte weiter. Willkommen waren sie nicht mehr.

Helmut Kohl spricht auf der Frankfurter Buchmesse: „Auch die Staats- und Parteiführung der DDR wird den Ruf nach Freiheit und Selbstbestimmung nicht verhindern können.“...

Der DDR-Reporter Lutz Renner im DDR-Fernsehen: „Sie wollen die DDR in die kapitalistische Vergangenheit zurück reformieren.“ (Womit er letztlich Recht behalten sollte.)


Am 11. Oktober sagte Bundespräsident Richard Weizsäcker den Reformkräften in der DDR die Unterstützung aus Bonn zu...

Im Westfernsehen werden Flüchlinge in der Botschaft in Warschau gezeigt. Im Brennpunkt treten Wolfgang Templin und Stefan Heym auf. Templin fordert Freiheit für alle zuletzt Inhaftierten und die Anerkennung des Neuen Forums. In Halberstadt hat das Neue Forum aufgerufen, es kommen Tausende, es wird „gesungen und gebetet“.

Im DDR- Fernsehen ist aufgrund der Fluchtwelle, des Protestes auf der Straße und der sich formierenden Bürgerbewegung erstmals Kritisches zu hören. „(...) deshalb lässt es uns nicht gleichgültig, wenn sich Menschen, die hier arbeiteten und lebten, von unserer Deutschen Demokratischen Republik losgesagt haben.“ (Kowalczuk, S.411) Am 2. Oktober hieß es noch, wir weinen ihnen keine Träne nach.

„Die Medien (Anm.der DDR) blieben noch bis weit ins Jahr 1990 der SED treu, aber sie öffneten sich allmählich ab Ende Oktober, Anfang November, was zur Folge hatte, dass Tageszeitungen, die es in der Mangelgesellschaft meistens gegeben hatte, nun auch noch knapp wurden.“ (Kowalczuk, S. 414) Es beginnt der Dialog.


Der Dialog


Am 12. Oktober hängt sogar die Opposition das Neue Deutschland mit der Resolution zum Dialog auf. Das Dialogangebot der SED- Führung ist in allen DDR- Medien, auch im Fernsehen. Im DDR- Fernsehen werden Leute gefragt. Ein Arbeiter sagt: „Bewegungsfreiheit. Die Läden etwas voller machen. Dann sehe ich keine Probleme.

Diepgen (CDU) sagt im Westfernsehen: „Wir wollen Freiheit statt Sozialismus“.

Im Westfernsehen wird wieder die Flüchtlingssituation im Westen gezeigt. Die Überbelegung sei unzumutbar. Anwohner protestieren gegen ein neues Aussiedlerheim. (Es wird so getan, als ob „Übersiedler“ dort einziehen sollen, es wird aber „Aussiedlerheim“ genannt. Aussiedler sind Deutsche aus Rußland etc.)


Am 13. Oktober werden im Westfernsehen wieder Flüchtlinge gezeigt, trotz geschlossener Grenzen kommen immer neue. Im Westfernsehen werden jetzt erstmals Flüchtlinge in einem Sozialamt gezeigt. Es gäbe Schwierigkeiten mit den DDR-Flüchtlingen.

Die SED sucht wiederum den Dialog mit den Arbeitern. Harry Tisch diskutiert mit einem Arbeiter im DDR-Fernsehen. Der Arbeiter sagt: „Leistung wird nicht richtig anerkannt. Es gibt zu viel Gleichmacherei“. (Anm. Da muß eben die Leistungsgesellschaft her.)

Manfred Gerlach von der LDPD geht auf Distanz zur SED. Honecker trifft sich mit den „Blockflöten“.

Die Bild- Zeitung titelt am 13.10. „Honecker- Mittwoch letzter Arbeitstag“. (!!!) Woher sie das wußten, sei unklar, so Plato im 2002 erstmals veröffentlichten Buch. Am 13.10. holte sich Egon Krenz Rückendeckung bei den Militärs im Fall einer Absetzung Honeckers. Am 17.10. tagte das Politbüro und beschloß einstimmig die Absetzung.


Am 14. Oktober flüchtet der 50. 000 in die BRD seit Ungarns Grenzöffnung. Im Westfernsehen wird berichtet, dass jeder 10. Arbeitslose DDR-Flüchtling sei. Von 84 000 Arbeitslosen also 8400 Flüchtlinge. Der SFB zeigt ein junges Paar, dass über Ungarn geflüchtet ist. Der Mann hat eine Arbeit und sagt: „Es gibt hier eine andere Einstellung zur Arbeit. Hier macht man das, um Geld zu verdienen. Hier meckert keiner.“ Die Frau, die noch keine Arbeit hat, sagt: „Hier hast du alles. Kannste dich wieder nicht entscheiden. Wenn ich das Obst- und Gemüseangebot sehe.“ Der Rat der Beiden: „Sich nicht blenden lassen vom Konsum.“

Im DDR-Fernsehen sucht die SED wieder den Dialog mit den Arbeitern. Eberlein ist bei SKET. Er sagt: „Das erste Wort in dieser Diskussion hat der Arbeiter.“ Der SED- Arbeiter sagt, dass sie nie wieder lahme Parteiversammlungen machen werden. Von hinten hört man ein „Hüsteln“. Es werde eine ehrliche Aussprache.

Zum zweiten Treffen des Neuen Forums kommen 100 Leute. Bärbel Bohley sagt: „Ein großer Anfang überall“. Pflugbeil sagt: „Wir müssen was machen, damit nicht unsere Kinder auch noch abhauen.“ Die Stasi registriert die Stimmung im Land: „Zufriedenheit über die Erklärung zum Dialog“, „Es wurde höchste Zeit, hoffentlich war es nicht zu spät“. Angesichts der „Lawine“ (Anm. es sind immer nur kleine Auflagen) von Veröffentlichungen, so die Chronik, beschränkte sich die Stasi auf die Beobachtung. Bärbel Bohley sagt, dass damals in Berlin der Druck von der Stasi kaum noch zu spüren war, aber in Kleinstädten. Sie forderte Zulassung der Reformgruppen.

Biermanns Kommentar: „Was sie stört ist, dass sie einen Maulkorb kriegen. Wenn sie nicht eingesperrt werden, dann würden sie lachen über wirtschaftliche Probleme. Es ist eine Ersatzschimpferei. Man schimpft, dass man keine Dachrinne bekommt, aber nicht über die Obrigkeit.“

Karl Eduard von Schnitzlers Kommentar im Schwarzen Kanal: „Reinreden von Unbefugten, kehrt vor der eigenen Tür, da ist mehr zu reformieren.“

O-Ton: „Die Zeit und das DDR-Volk laufen der DDR- Staatsführung davon.


Am 15.10. O-Ton: „Während die einen demonstrieren, verlassen die anderen das Land.“

Am Wochenende sind es 2000 Flüchtlinge aus Ungarn, insgesamt fast 52 000. Auch in Polen kommen ständig Menschen an.

An der Humboldt- Uni gibt es Treffen von Studenten. Im Deutschen Theater in Berlin gibt es eine Versammlung von Theaterschaffenden. Der Schriftstellerverband verabschiedet eine Resolution.

In Plauen demonstrieren 20 000 Menschen, viele mit selbstgefertigten Transparenten. Auch in Halle sind es 20 000.

Die DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ berichtet erstmals kritisch. Fragen des Publikums werden beantwortet. „Arbeitszeit ist Leistungszeit.“ heißt es. Arbeiter berichten, dass sie während der Arbeitszeit einkaufen gehen. Auch wegen Materialmangels könnten sie nicht arbeiten. „Wer wenig macht, bekommt nicht weniger, sondern immer das Gleiche.“ Sie hätten Probleme mit den Zulieferbetrieben. „Jeder soll verantwortungsvoll am Arbeitsplatz sein.“, heißt es. Es wird auch die Unzufriedenheit mit der Versorgung von Wohnraum geschildert.

Der ak- Moderator zum Schluß: „Schätzen sie mal, wieviel Arbeiter in der BRD in der Tagesschau Vorschläge unterbreiten werden, wie dem Kapitalismus in der BRD auf die Sprünge verholfen werden könne.“

In der Tagesschau sagt Eppler (SPD), dass er bezweifle, dass Reformen in der DDR noch möglich sind.

In der Sächsischen Zeitung wird dementiert, dass zusätzliche Sperranlagen an der CSSR-Grenze errichtet werden. Man müsse die Verhältnisse so gestalten, dass niemand die DDR verlassen wolle.

In der Berliner Erlöserkirche findet ein Konzert gegen Gewalt statt. Es läuten Glocken für die politischen Gefangenen. Ein Stadtverordneter aus Prenzlauer Berg sagt: „Ich möchte euch bitten, euch nicht zu beruhigen. Wenn nicht jetzt, wir haben nur einen Versuch. Sollte er scheitern werden viele ausreisen oder sich in die eigenen vier Wände zurückziehen. Grenzt nicht 2,3 Millionen SED- Mitglieder aus. Der Riss durch die Gesellschaft verläuft nicht zwischen Partei- und Nichtparteimitgliedern.“ Es wird das Ergebnis des Treffens der Theaterschaffenden vorgestellt. Sie stellen einen Antrag zur Genehmigung der Kundgebung am 4. November. Ein Dichter: „Das Grau hat längst das Rot verdrängt.


Am 16.10. O-Ton: „Ein Land zwischen Hoffnung und Angst.“

Es findet eine Vollversammlung der DDR-Rockmusiker statt. Der FDJ-Chef ist anwesend. Die Rockmusiker fordern eine Öffnung der Medien.

Im DDR-Fernsehen wird eine Langzeitstudie vorgestellt, nach der DDR-Übersiedler häufig im ärmeren Drittel der BRD leben. Viele Obdachlose kämen aus dem Osten. Dabei werden Wohncontainer gezeigt.

Die „Vertreter der Straße“ in Dresden sprechen mit dem Bürgermeister und fordern: freie Wahlen, Reisefreiheit und Freilassung der Inhaftierten. In Leipzig kommen 120 000 Teilnehmer zur Montagsdemo. Sie skandieren: „Keine Gewalt“, „Schließt euch an“, „Gorbi“, „Wir sind das Volk“.


Am 17.Oktober „atmen die Menschen überall auf. Demonstrationen überall gewaltfrei“, so der O-Ton. Im ND wird erstmals knapp die Montagsdemo in Leipzig erwähnt. Die SPD im Westen warnt vor Einmischung. Vogel warnt Westdeutsche vor Einmischung. Willi Brandt sagt, man dürfe nicht den Reformprozeß durch Eingriffe stören. Ein Bischoff sagt: „Die kämpfen nicht um Befreiung von bisheriger Bevormundung, dass sie unter unsere Bevormundung kommen.“

Die „Blockflöten“ in der DDR CDU, Liberale, DBD geben sich kritisch. Es ginge um spürbare Veränderungen. Es gibt einen Aufruf zu einer Gegengewerkschaft, der weder in Ost noch West groß beachtet wird. An der Humboldt-Uni in Berlin findet eine Studentenversammlung statt. „Die Mehrheit der Studenten glaubt nicht an eine Reformierbarkeit der FDJ.“

Egon Krenz soll auf der Tagung des Politbüros am 17. Oktober gesagt haben: „Ohne die Sowjetunion gibt es keine DDR. Wenn wir nicht sofort eine Wende in der Partei einleiten, kann es zu bürgerkriegsähnlichen Ausbrüchen kommen.“ (Plato, S.75) Später sagte er: „Die Schonfrist haben mir weder die westlichen Medien gegeben noch die eigene Bevölkerung. Insofern war ich immer ein Getriebener. Wir waren oft morgens anderer Meinung, als wir dann abends sein mussten.“ (Plato, S. 76f.)

In Dresden leuchten „Kerzen in den Kirchen“. Die Flüchtlingszahlen steigen.


Am 18. Oktober tritt Staatschef Erich Honecker aus „gesundheitlichen Gründen“ zurück. Abgelöst werden auch Hermann (verantwortlich für die Medien) und Mittag (für die Wirtschaft). Das ZK wählt Egon Krenz als Nachfolger. Das Westfernsehen bringt einen politischen Nachruf auf Honecker und einen kritischen Beitrag zu Egon Krenz: „Bei seinem Besuch in China zeigte er, dass er der Mann des Ausgleichs nicht ist. Bisher galt er als Vertreter der harten Linie, aber Menschen können sich ändern.“ Es werden Flüchtlinge gezeigt, die sagen: „Da ändert sich nichts.“Die Oppositionelle Bärbel Bohley sagt: „Erste Reaktion war ein Schrecken. Er steht für Härte, Macht.“. Pfarrer Eppelmann (heute CDU) sagt, er hätte „die geistige Nähe von Honecker“. Helmut Kohl sagt: „Krenz wird daran gemessen, ob er den Weg frei macht zu Reformen“.

Als Krenz seine Ansprache hält, tagt das Neue Forum. Sie setzen sich um den Fernseher: „Alles ruft Gelächter hervor.“ Im Großen und Ganzen Ablehnung, nur Vereinzelte wollen Krenz eine Chance geben.

Krenz trägt u.a. vor; „Wir übersehen nicht, dass Gegner des Sozialismus verstärkt versuchen, daraus Vorteile zu ziehen. Sie wittern Morgenluft und setzen darauf ohne das Risiko offener Aggression die DDR in kapitalistische Verhältnisse zurück zu reformieren. Das aber wird niemandem gelingen.“

Krenz hat das Wort „Wende“ geprägt. Nach dem Sturz Honeckers ging es Schlag auf Schlag. Ob den Oppositionellen wohl das Gelächter vergangen ist? Vielen wohl nicht, denn mit der „Wende“ haben sie die beruflichen Angebote zu ihrem persönlichen Vorteil genutzt. Sie sind in den Parteien und den Aufarbeitungsinstitutionen gelandet und helfen den im Kapitalismus Herrschenden dieses System zu legitimieren. Prima anpassungsfähig ein Großteil der „Bürgerrechtler“. Ob im Kapitalismus Menschenrechte mit Füßen getreten werden, interessiert sie nicht. Sanktionen bei Hartz IV, Tote an den EU-Außengrenzen, Sozialdarwinismus, NSA, Post- und Telefonüberwachung auch in der BRD- von diesen „DDR- Bürgerrechtlern“ ist kein Aufschrei zu hören...


Die beschriebene Zeit wird von DDR- Linken als die Aufbruchszeit beschrieben. Vieles sei noch offen. Die INEX-Gruppe aus Leipzig schreibt in ihrer Broschüre „Nie wieder Revolution für Deutschland“:

„Einige Parolen aus dieser Zeit zeigen plastisch, wie unterschiedlich Forderungen und Ziele der Bevölkerung der DDR waren. 'Wir wollen raus' oder 'Wir lieben die DDR- grenzenlos' lauteten die Forderungen nach Reisefreiheit, die nicht selten als endgültiger Ausreisewunsch artikuliert wurden. 'Wir bleiben hier' wurde hingegen von denen gerufen, die in der DDR etwas verändern wollten. Andere kritisierten die Wahlen: 'Stell dir vor es ist Wahl und keiner geht hin' oder 'Wir wollen eine andere Regierung'.(...) Die Ablehnung des Staates und seiner Organe drückte sich fast immer aus:'Wir sind erwachsen Vater Staat' oder 'SED- das tut weh' waren einige der gängigen Parolen. 'Demokratie jetzt', 'Reise-, Presse-, Meinungsfreiheit' verdeutlichten die Forderung nach bürgerlichen Freiheiten. 'Stasi in den Tagebau' lässt sich dem gegenüber zwar als Ablehnung des Repressionsappartaes verstehen, doch sie enthält auch die altbekannte Phantasie, Menschen in Arbeitslager zu stecken.

Je mehr Menschen auf die Straße gingen, desto größer wurden auch die Gegensätze zwischen einzelnen Positionen. Vor allem wurden immer öfter nationalistische Parolen geäußert.“


Renate Hürtgen und Bernd Gehrke sprechen in dem Buch „Das Begehren, anders zu sein“ von einer „Demokratischen Revolution“: „Eben 'diese Straße' war es, die gegen jedes Zögern, Zaudern und sich Wenden der Obrigkeit oder von Teilen der Opposition immer wieder die Entwicklung vorwärts trieb und eine diktatorische Obrigkeit absetzte. Sie setzte eine Obrigkeit ab, die zwar, ohne zu schießen, abtrat, aber nicht freiwillig, sondern weil sie 'von der Straße' dazu gezwungen wurde, die alle ihre Manöver durchkreuzte, mit denen sie an der Macht zu bleiben hoffte. Weil es die 'Straße' war, die eine Einparteiendiktatur und ihren Polizeistaat überwandt und demokratische Rechte erkämpfte, sprechen wir auch von einer Revolution, einer demokratischen Revolution.“ (Gehrke, Hürtgen: Die demokratische Revolution in der DDR und die Rolle der Betriebsbelegschaften, In: Seeck (Hg.), S. 234)


Für die linken Bürgerrechtler war es ein Kampf um bürgerliche Freiheiten, wie Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, Reisefreiheit etc., die es in dem autoritären Staat DDR nicht gab. Aber im Kapitalismus (der FDGO) ist alles in Gesetzesform gegossen und mit Gesetzen knüppeln sie uns nieder. Das Geld ist heute die Mauer...


Michael Wilk schreibt, dass Aufstände in der Welt zwar „Ausdruck von Unzufriedenheit und Wut und eines Bedürfnisses nach Veränderung“ seien. „Aber sind sie, gemessen an der Unterschiedlichkeit ihrer Bedingungen, auch Zeichen eines Strebens nach Überwindung des Kapitalismus? Mitnichten.“ (Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus, S. 373)



Chronik der Wende: 164 TV-Dokus zur Friedlichen Revolution in der DDR 7. Oktober 1989 bis 18. März 1990, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn 2009

Klaus Bittermann, Geisterfahrer der Einheit, Edition ID-Archiv 1995

Peter Decker, Karl Held, DDR kaputt, Deutschland ganz, Resultate Verlag München 1989

Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn 2009

Alexander von Plato, Die Vereinigung Deutschlands- ein weltpolitisches Machtspiel, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn 2003

Seeck, Anne (Hg.), Das Begehren, anders zu sein. Politische und kulturelle Dissidenz von 1968 bis zum Scheitern der DDR. Unrast Münster 2012

Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (Hg.), Was tun mit Kommunismus, Unrast Münster 2013