Die DDR-Unterschicht

Wer hat nicht schon von der neuen Unterschicht gehört. So betrachtet ein Wissenschaftler das Phänomen: „Die Menschen, die man in den Billigmärkten für Lebensmittel trifft, wirken abgekämpft vom täglichen Leben, ohne Kraft, sich umeinander zu kümmern oder aufeinander zu achten, und lassen gleichwohl keine Anzeichen von Beschwerdeführung oder Aufbegehren erkennen. Die Jugendlichen hängen herum und warten darauf, daß etwas passiert, die Männer mittleren Alters haben sich ins Innere der Häuserblocks zurückgezogen, und die Frauen mit den kleinen Kindern sehen mit Mitte zwanzig schon so aus, als hätten sie vom Leben nichts mehr zu erwarten. Es herrscht eine Atmosphäre abgestumpfter Gleichförmigkeit." (Bude, S.10) Die Ausgeschlossenen seien jene, die übrig bleiben, wenn die Arbeit verschwindet. Für die Übriggebliebenen bleiben die „Jedermannsarbeitsmärkte" , Unqualifizierte zu Niedriglöhnen. Ausgeschlossene sind oft Migranten und alleinerziehende Mütter. Heinz Bude faßt die Unterschichtskultur wie folgt zusammen: „So zeigt sich die Unterschicht als eine Kultur eigener Art, die sich der Dominanzkultur der Mittelschicht gegenüberstellt: Wo jene auf Leistung fixiert ist, hat diese die Vermeidung von Schwierigkeiten im Auge, wo jene auf Kommunikation und Kompromiß aus ist, pflegt diese einen Stil der furchtlosen Härte, wo jene Bildung erstrebt, setzt diese auf Cleverneß, wo jene Erbauung will, sucht diese Erregung, wo jene an die Selbstverwirklichung glaubt, überläßt sich diese dem Schicksal, wo jene sich zur Autonomie zwingt, überantwortet sich diese der Autorität." (Bude, S.126)
Auch in der DDR gab es eine Unterschicht, überhaupt ähnelt die eben beschriebene Unterschichtskultur der proletarischen Kultur in der DDR, die in der DDR die Mehrheit der Bevölkerung stellte. Allerdings ging die Mehrheit der DDR-Bevölkerung einer Erwerbsarbeit nach. Daher möchte ich hier eher die Ränder der DDR-Gesellschaft streifen, jene, die aus der Bahn geworfen wurden.

Heimkinder

Heimkinder waren besonders prädestiniert in ihrem weiteren Lebensverlauf in dieser Unterschicht „Aufnahme zu finden". Am Stichtag den 31.5.1989 waren insgesamt 27 847 Heimplätze belegt. In den Jugendwerkhöfen saßen 2607 Jugendliche. 1989 existierten in der DDR 389 Normalkinderheime mit 17 931 Insassen. Dem standen 38 Spezialkinderheime mit 2861 Insassen entgegen. Zu diesen Spezialheimen zählten auch Sonderschulheime für verhaltensgestörte Schüler und Jugendwerkhöfe. Der einzige geschlossene Jugendwerkhof war in Torgau. Hinzu kamen 4 448 Dauerheimplätze des Gesundheitswesens. DDR-Autoren sahen den Grund für die Heimeinweisungen in der Vernachlässigung der Kinder, oftmals seien es soziale Verhaltensauffälligkeiten der Eltern, wie Alkoholismus, „asoziale" Lebensweise, wiederholte Straffälligkeit. Häufig war es aber auch die Erkrankung der Eltern. Allerdings gab es auch subkulturelle Ab- und Ausgrenzungen von Jugendlichen (wie bei Punks) in der DDR, die dann staatlicherseits mit Heimerziehung geahndet wurden. Begründet wurden die Einweisungen in Jugendwerkhöfe mit „Schul- und Arbeitsbummelei, Herumtreiberei, Rowdytum, Sachbeschädigungen, Diebstahl, Haltlosigkeit, Lügen, aggressives Verhalten und bei Mädchen sexuelles Fehlverhalten". Waren es nach dem Krieg noch die chaotischen Lebensumstände, so bildeten sich später auch in der DDR typische Randgruppen heraus. Abweichendes Verhalten von der Norm wurde mit Kollektiverziehung in den Heimen geahndet. Arbeitserziehung war ein wichtiger Bestandteil realsozialistischer Erziehung, und auch die politisch-ideologische Erziehung wurde forciert. Eingebettet in die „Umerziehung" war die Erziehung zur „bewußten Disziplin". In der Durchführung des Tagesplanes wurde die Nähe zur Armee deutlich. Auf die Affinität zum Militärischen wiesen hin: Appell, Disziplin, Kontrolle, Arrest usw. Miltärische Umgangsweisen gab es vor allem in Torgau. Die Jugendlichen mußten sich bedingungslos unterwerfen, alles war vollkommen durchorganisiert, eine Intim- und Privatsphäre existierte nicht. Für die Eingewiesenen in Torgau galt: „Ihr Problem war, aus schwierigen Familien zu stammen, sich an den zugewiesenen Arbeitsstellen nicht einfügen zu können, die falsche Musik zu hören. Kein Gericht sprach ein Urteil, keine unabhängige Instanz prüfte die Einweisungen. Bis zu sechs Monaten konnte die drakonische Verwahrung hinter Hundelaufgräben, Stacheldraht und Wachtürmen dauern. Für Tausende von unbequemen DDR-Jugendlichen wurde ‘Torgau’ zum Synonym für Angst, Drill und Strafe." (Einweisung nach Torgau, S.95) Überall waren die Jugendlichen von Gittern und Schlössern umgeben. Jeglicher Eigensinn der Jugendlichen sollte gebrochen werden, sie sollten zum widerspruchslosen Gehorsam gedrillt werden. Kamen sie im Jugendwerkhof an, wurden sie zugleich nach der entwürdigenden Aufnahme in eine Arrestzelle gesperrt. Der reglementierte Tagesablauf in Torgau ließ kaum Zeit für Persönliches. Der Arbeitstag begann um 7.10 Uhr und endete 16.15 Uhr. Die Jugendlichen waren im Jugendwerkhof der Willkür der Erzieher ausgeliefert, Strafmaßnahmen waren z.B. Arrest, sportliche Schikanen, Nachtisolierung, Reinigungsarbeiten, Esseneinnahme und Essenentzug, Vergünstigungssperre, Verlängerung des Aufenthalts. Im schulischen Bereich das Schreiben von seitenlangen Aufsätzen zu sinnlosen Themen, Stellungnahmen zum eigenen Verhalten, hundertfaches Schreiben bestimmter Sätze, Schreiben politischer Aufsätze, In- der- Ecke- oder Vor-der-Tür-Stehen. Die Bedingungen waren in Torgau oft härter als im Strafvollzug, so keine Toilette und Waschgelegenheit im Verwahrraum, Rauchverbot, keine Einkaufsmöglichkeiten trotz Verdienst durch Arbeit. Die Erzieher waren oftmals schlecht qualifiziert bzw. kamen vom Militär und ahmten im Jugendwerkhof den militärischen Drill nach. Nach der Entlassung mußten sie dem Jugendwerkhof ein Vierteljahr über ihren Werdegang berichten.

Psychiatrie

Der Mißbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion war bekannt. Wer die gesellschaftlichen Zustände kritisierte, konnte leicht mit Verfolgungswahn diagnostiziert werden. In der Sowjetunion wurden unliebsame Kritiker häufig als schizophren bezeichnet. Wer von den gesellschaftlichen Normen abwich, dem wurde eine psychische Störung attestiert. Als Merkmale dieser „Krankheit" konnten ein Haarschnitt, Kleidung, Musik, Literatur, Sexualität gelten. Das Ausmaß des Mißbrauches in der DDR war allerdings geringer. Es gab aber auch Psychiater und Therapeuten, die mit der Staatssicherheit zusammen arbeiteten. Das MfS erhielt Einblick in Krankenakten. Behandlungsmethoden im psychiatrischen System waren meistens Medikamente, Psychotherapie wurde selten angewandt.
Sonja Süß untersucht in ihrem Buch „Politisch mißbraucht?", ob es einen politischen Mißbrauch der Psychiatrie auch in der DDR gab und verneint diese Frage. Insbesondere die Zustände in der Psychiatrie Waldheim wurden in den Medien skandalisiert. Eine Kommission stellte nur in einem Fall Psychiatriemißbrauch fest. Allerdings waren die Zustände in Waldheim skandalös. So wurden drei Frauen durch Telekobaltbestrahlung ihrer Eierstöcke kastriert, bei sechs Patienten wurden neun Hirnoperationen vorgenommen. Ernst Klee schilderte in seinem Buch „Irrsinn Ost- Irrsinn West" die menschenunwürdigen Bedingungen im Schwerbehindertenbereich der Psychiatrie Ueckermünde. Allerdings existierten in der DDR auch Modellkrankenhäuser, wie in Leipzig. Das war ein Schritt in Richtung gemeindenaher Psychiatrie, der allerdings durch den Verfall der Gebäude und die Ausreise von qualifiziertem Personal behindert wurde. So konnte die Patientenbetreuung nicht verbessert werden, die Einrichtungen waren veraltet und es fehlte an Personal. In Folge der Rodewischer Thesen vom Mai 1963 wurden aber in Psychiatrien Gitter abgebaut, Zäune entfernt und Stationen geöffnet. Durch Teile der DDR-Psychiatrie wehte ein neuer Wind, die Psychiatrie modernisierte sich.
Die Psychiatrie in der DDR war mit zwei besonders schwerwiegenden Problemen konfrontiert. Die DDR hatte eine der höchsten Selbstmordraten der Welt. Ende der 1980er Jahre lag die DDR an dritter Stelle, bei der Männern hinter Ungarn und Finnland, bei den Frauen hinter Ungarn und Dänemark. Und auch der Alkoholmißbrauch wuchs. Sowohl die Suizid- als auch Alkoholproblematik wurde in der DDR-Gesellschaft lange tabuisiert.
Das MfS überwachte weniger die Patienten, die „Narrenfreiheit" hatten, sondern eher das Personal. Das MfS mißtraute der medizinischen Intelligenz. Es hatte bei den Ärzten im Gegensatz zu den Lehrern und der Justiz keinen wirklichen Elitenwechsel gegeben. Diese Gruppe galt als politisch unzuverlässig. Sowohl Ernst Klee als auch Wolfgang Rose („Anstaltspsychiatrie in der DDR") thematisieren die personellen Kontinuitäten in der Psychiatrie nach 1945, aufgrund des Mangels an Fachpersonal. So zum Beispiel Dr. Friedericke- Christine Pusch, die an der Aussonderung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen der T4-Aktion beteiligt war, bis zu ihrem Tod 1980 leitete sie eine psychiatrische Abteilung im Harz. Viele Mediziner flüchteten aber auch, deshalb begann das MfS in den 1950er Jahren inoffizielle Mitarbeiter im Gesundheitswesen anzuwerben. Der IM-Anteil nahm mit aufsteigender Stellung in der Hierarchie zu, er betrug ca. 3-5%. Ein Drittel der IM`s verletzten ihre Schweigepflicht. IM-Ärzte bestellten auch Patienten oder Angehörige zu sich, damit das MfS konspirative Wohnungsdurchsuchungen durchführen konnten. Und das MfS nahm Einfluß auf die Kaderpolitik, z.B. bei der Zulassung zum Medizinstudium oder bei der Besetzung von Führungspositionen. Das MfS nutzte auch psychologisches Fachwissen für seine Methoden, z.B. der Zersetzung. An der MfS-Hochschule Potsdam wurde „Operative Psychologie" gelehrt.
Sonja Süß schreibt, dass es aussichtlos war, alle Fälle von politischen Gefangenen, die gerichtspsychiatrisch begutachtet worden seien (mehrere tausend) und die wegen psychischer Störungen in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen worden seien (mehrere hundert), festzustellen. Psychiatriemißbrauch hätte es dann am ehesten im MfS-Haftkrankenhaus in Berlin gegeben. Einer Kommission war auch ein Sprachduktus in den Gutachten aufgefallen, in denen eindeutig Partei bezogen wurde.
Zu häufigen Rechtsverletzungen kam es durch polizeirechtliche Psychiatrieeinweisungen. Bei Parteitagen und anderen Höhepunkten wurden potentielle Störer wie psychisch Kranke und Alkoholabhängige in Krankenhäuser verbracht. „Es gab in der DDR ordnungspolitische Zwangsmaßnahmen gegenüber psychisch kranken Menschen, zu denen insbesondere Freiheitsbeschränkungen anläßlich sogenannter politischer Höhepunkte gehörten, die ohne gesetzliche Grundlage oder unter Verletzung des Einweisungsgesetzes vorkamen. Die Psychiatrie konnte im Regelfall nicht als staatssicherheitsdienstliches Instrument zur Verfolgung politisch Andersdenkender mißbraucht werden...Es wurde kein Fall gefunden, in dem eine psychisch nicht kranke Person auf Betreiben von Sicherheitskräften in eine psychiatrische Einrichtung der DDR gebracht und dort längere Zeit zwangsweise festgehalten sowie mit Psychopharmaka oder anderen Mitteln behandelt worden wäre." (Süß, S.580ff.)
Sonja Süß vermutet, dass es in der DDR keinen systematischen Psychiatriemißbrauch gab, weil der Staat sein internationales Ansehen nicht beschädigen wollte. Sonja Süß schließt nicht aus, dass es vereinzelt Fälle gegeben hat, dass ein nicht psychisch kranker Mensch wegen seiner Opposition zum Staat in die Psychiatrie kam, aber dieser Fall sei dann nicht repräsentativ im Sinne eines systematischen Mißbrauchs.
Im Buch „Psychiatrie in der DDR" wird aber eines deutlich, wer mit der Begrenztheit des Realsozialismus kollidierte, konnte leicht in der Psychiatrie landen, wenn er zum Beispiel beim Trampen gen Westen aufgegriffen wurde.
Besonders in geschlossenen Langzeitbereichen, wie in Waldheim, machten Patienten Erfahrungen mit Zwang und Gewalt. Sie wurden dort überwiegend nur verwahrt. Frank Leupolt, der zunächst in Dösen, später in Waldheim interniert war, berichtete im Buch „Psychiatrie in der DDR" von massiven Gewalterfahrungen in der Verwahrpsychiatrie. Die Zustände in den Langzeit- und geschlossenen Akutbereichen waren katastrophal. Die Fenster vergittert, die Türen geschlossen, die Gebäude sanierungsbedürftig, große Schlafsäle mit bis über 30 Betten, Wachsäle, in denen Patienten eingeschlossen wurden. Die meisten Stationen waren überbelegt. In den geschlossenen Langzeitbereichen gab es ein Sammelsurium von Psychosen, geistiger Behinderung, Epilepsie. Aber auch Patienten, die fehlplaziert waren. Es herrschte ein rauher Ton und Willkür. Eine Schwester schildert in dem Buch, wie sie sich als Gefängniswärter vorkam. Auch die Pflegekräfte stumpften in solchen Stationen ab. Hospitalisierungsschäden gab es sowohl bei den Patienten, als auch Pflegekräften. Ärzte waren meistens abwesend und somit war die ärztliche Versorgung in solchen Stationen unzureichend. Die Aufnahme, die Essens- und Medikamentenverteilung, die Visiten und der Wäschewechsel waren entwürdigend. Es war eine Massenabfertigung, wie eine Patientin in dem Buch schildert. Medikamte wurden in extrem hohen Dosen gegeben, deshalb gab es bei den Patienten viele Nebenwirkungen. Hochdosierung wurde auch als Strafmaßnahme eingesetzt. Viele Patienten, routinemäßig Psychotiker, erhielten eine Elektroschockbehandlung. Mehrere Betroffene in dem Buch haben auch eine Insulin-Schocktherapie erlebt. Auch Zwangsmaßnahmen wie die „Zelle"(Raum mit Matratze und nackten Patienten), die „Matte"(Hängematte, in der Patienten nackt eingewickelt wurden und im Schlafsaal in der Luft hingen) und die Fixierung (Anbinden bei aggressivem Verhalten) waren in den Langzeitbereichen verbreitet. Frauen wurden zum Schwangerschaftsabbruch und zur Sterilisation überredet. („Verhütung erbkranken Nachwuchses") Die Patienten wurden in die Organisation der Anstalten einbezogen. Arbeit wurde von Patienten interessanter als Herumhängen oder als stumpfsinnig und als Ausbeutung empfunden. Durch Arbeitsaufgaben ließen sich auch Privilegien gewinnen. Psychotherapie gab es in den Akutbereichen erst in den 1980er Jahren. Auf den Langzeitstationen wurde über die Entlassung nicht gesprochen, die Patienten fühlten sich ausgeliefert. Langzeithospitalisierte glaubten oft, sie könnten die Psychiatrie nie mehr verlassen.
Dagegen wurden in der Uni-Klinik Leipzig (unter Klaus Weise) bessergestellte, „interessantere" Patienten aufgenommen, die auch eine bessere Ausstattung in der Klinik erlebten. Allerdings gab es auch hier autoritäre Strukturen und es wurden viel zu hoch dosierte Medikamente verabreicht. In Leipzig existierte ein Patientenrat und ein Patientenclub. Ambulante und stationäre Behandlung wurden miteinander vernetzt. Es gab eine ambulante Nachbetreuung. Kultur in diesen modernen Einrichtungen war selbstverständlich. Die Uni-Klinik Leipzig wurde schließlich auch für andere Patienten, z.B. Alkoholkranke geöffnet.
In der DDR-Psychiatrie bestanden sowohl Modernisierung, z.B. in der Uni-Klinik Leipzig, als auch Stagnation in der Verwahrpsychiatrie. Die Langzeitbereiche waren das Abstellgleis, hier wurden unbequeme, schwer integrierbare Menschen unsichtbar gemacht. Der „Abschaum" landete in Waldheim oder anderen Langzeitbereichen. Das führte oft zur Hospitalisierung, den Patienten war ein eigenständiges Leben nicht mehr möglich. Wichtiges Merkmal der DDR-Psychiatrie war, dass es an Personal fehlte. Kritische Geister, die Anfang der 1980er Jahre noch einen Rückzugsraum in der DDR-Psychiatrie vermuteten, stellten Ende der 1980er Jahre Ausreiseanträge, was die Personalfrage noch verschärfte.
Positiv zur DDR-Psychiatrie ist zu vermerken, dass Patienten nach dem Psychiatrieaufenthalt wieder in das Arbeitsleben integriert wurden. Natürlich konnten auch das in Zwang münden. Heute dagegen sind z.B. alle im Buch Interviewten invalidisiert. Beate Mitzscherlich schreibt: „War man in der DDR außerhalb der Klinikaufenthalte in die Gesellschaft integriert, ist man jetzt zwar nicht mehr in der Klinik, aber doch meist nur noch unter Mitbetroffenen, was für viele Betroffene neben hilfreichen auch problematische Aspekte hat." (Psychiatrie in der DDR, S.32) In den Bereichen „-der Teilhabe an Arbeit und der Teilhabe an Kultur- gab es nach der Wende erkennbare Verschlechterungen in der Situation psychisch Kranker." (Psychiatrie in der DDR, S.33) Einige Betroffene erzählen in dem Buch ihre Geschichte. Ruth Delacasa war z.B. 17 Jahre in der Psychiatrie Pfafferode und 13 Jahre in Waldheim, heute lebt sie in einem sozialtherapeutischem Wohnheim. „Das ist jetzt viel besser als früher zu DDR-Zeiten.", sagt sie. (Psychiatrie in der DDR, S.39) Lena Kafka mußte am Tag 20 Tabletten nehmen und dachte, sie wird blind. Frank Diedrich war in einem Schlafsaal mit 24 Betten und kam nicht zur Ruhe. Die damalige Krankenschwester Simone Langhof beschreibt ihren ersten Eindruck auf einer Station: „Es war gruselig. Erstens war es ein Altbau mit Steinfußboden, langen Gängen, Gittern an den Fenstern. Aber das Allerschlimmste war der Gestank. Es stank nach altem Desinfektionsmittel...Und diese apathisch im Bett liegenden Frauen, zahnlos, mit eingefallenen Gesichtern, oft adipös oder kachektisch. Und diese großen Türen und dieser Riesenschlüsselbund...Das war mein erster Eindruck: Der Gestank, die hohen kalten Häuser mit den Steinfußböden und diese zahnlosen alten Frauen mit ihren leeren Blicken." (Psychiatrie in der DDR, S.68) Der Psychiater Tilo Degenhardt beschreibt die Nachkriegszustände der 1960er Jahre, die er als Gast gesehen hat. So lagen inkontinente Patienten auf roten Gummilacken, sie hatten keine Bettwäsche, und wurden mit Schläuchen gereinigt. Heidemarie Czwink erzählt, dass man die Therapien vergessen konnte und ihr die Visiten wie Gerichtsverhandlungen vorkamen. Der damalige Theologe und Pfleger Johannes Pförtner meint, dass es darum ging, den „Störfaktor Psychiatrie" aus dem täglichen Leben der Gesellschaft zu nehmen, die störenden Elemente der Gesellschaft sollten sozial unsichtbar gemacht werden. „Gerade die Schwächsten, gerade bei denen Hilfe am nötigsten gewesen wäre, haben unter Bedingungen gelebt, die diese Hilfe nicht bieten konnten Und das empfinde ich auch heute noch als skandalös." (Psychiatrie, S.110) Aber er sieht auch positive Ansätze in der DDR, wie die geschützten Betriebsabteilungen. Er meint, dass Integration sehr viel mehr über Arbeit als über Wohnen läuft. Johannes Pförtner: „Wir dürfen bei allen neoliberalen Tendenzen der Gesellschaft nicht gestatten, psychisch Kranke auszugrenzen, sie sozial unsichtbar zu machen, indem man sie zwar nicht mehr einsperrt wie früher in Arnsdorf oder anderswo, aber ihnen eine Professionalitätsschranke vor die Nase baut. Es gibt ja genug Berichte vom Verband der Psychiatrie-Erfahrenen darüber, dass nach der Enthospitalisierung Betroffene die Einsamkeit in der Kommune erleben. Professionelle übernehmen zunehmend normale soziale Dinge, die eigentlich in den Freundeskreis, in die Orts- und Kirchgemeinde gehören." (Psychiatrie, S.101) Frank Leupolt`s Schicksal ist besonders dramatisch, Anlaß seiner ersten Einweisung war Arbeitsbummelei und eine DDR-Rundfahrt. In Dösen ist er dann in der Kohlenkolonne und arbeitet zum Nulltarif, zwei Jahre später 1966 wird er zur Arbeitserziehung verurteilt, danach hat er Arbeitsplatzbindung und läuft wieder weg. Und wird eingeliefert. So geht es über Jahre, ständige Einlieferungen, 1969 kommt er erstmals nach Waldheim. Der Chefkalfaktor der M1 sitzt wegen mehrfachen Mordes. Auf dieser Station herrschte nackte Gewalt. Als er auf eine „freundlichere" Station kommt, ist er mit 64 Patienten in einem Raum untergebracht. Auch in Waldheim muß er arbeiten, Rasiercreme einschachteln für den VEB Florena. Einmal entdeckt er eine Patientenliste, hinter seinem Namen steht: „Republikflucht" und „Psychopath mit gefährlicher Trunksucht". Am 3.10.1988 wird er aus Waldheim entlassen, um eine Haft wegen „Republikflucht" anzutreten. Seit 1990 ist er obdachlos. (Das Buch erschien 2006.) Klaus Weise, damaliger Direktor der Psychiatrischen Uni-Klinik Leipzig beschreibt als einen Vorzug der DDR-Verhältnisse, dass psychisch Kranke in der DDR in der Regel normale Wohnungen hatten und von Fürsorgerinnen betreut wurden. Außerdem hatten 70 bis 80% der psychisch Kranken Arbeit in normalen Betrieben. Ungünstig waren die Bedingungen für die Entwicklung einer Selbsthilfebewegung. Heute sei die Vermarktwirtschaftlichung das größte Problem der Medizin. Thomas Riesener kommt es so vor, als ob die psychisch Kranken nur noch verwaltet werden.

Alkoholismus

Die DDR-Führung versuchte die sozialen Probleme des Alkoholkonsums totzuschweigen. „Nach der offiziellen Statistik ist der Alkoholkonsum in der DDR zwischen 1960 und 1980 rasant angestiegen, von 4,1 Liter pro Kopf auf 10,1 Liter; in der Folgezeit bis 1989, steigerten die DDR-Bürger nach den Angaben des Statistischen Jahrbuches ihren Verbrauch auf 10,9 Liter. Demnach tranken sie im Durchschnitt einen Liter weniger Alkohol als ihre Landsleute im Westen. Kontinuierlich zugenommen hat der Konsum von Spirituosen. Das Statistische Jahrbuch gibt für 1960 einen Pro-Kopf-Verbrauch von 3,5 Liter an, für 1989 dagegen 15,5 Liter. Demnach war der Spirituosen-Konsum im Osten doppelt so hoch wie im Westen.." Der Pro-Kopf-Verbrauch lag bei Bier 1989 bei 146,5 Liter. (Schmitz, S. 168) In der Mangelgesellschaft der DDR war das Alkoholangebot immer reichhaltig. Nach 1989 wurde im Osten mehr getrunken als im Westen, allerdings nahm der Konsum von Spirituosen ab. (1993 im Osten 12,9 Liter, im Westen 6,2 Liter) Alkohol gehört in den neuen Bundesländern zum normalen Alltag, der Konsum von Alkohol ist im Osten selbstverständlicher.
Keyserling u.a. befragten von 1974-1976 alle Patienten in der Bezirksnervenklinik Schwerin, die wegen Alkoholmißbrauch eingeliefert wurden. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen war 4:1. Der höchste Anteil Alkoholkranker lag in der Gruppe der 31 bis 40-Jährigen. Alkoholmißbrauch wurde auf dem Lande länger toleriert als in der Stadt. 22,6% der Alkoholiker unternahmen Suizidversuche. In Privatbetrieben tranken 85,2% der Alkoholiker, in der Landwirtschaft 76% und in der Industrie 62%. 57% der Alkoholiker hatten einen 8-Klassenabschluss, 23,3% weniger als 8 Klassen. 39,5% tranken hauptsächlich zu Hause, 26,1% am Arbeitsplatz, 34,4% an anderen Orten. Bei einer Untersuchung von Heinroth (1978) waren ca.60% der Alkoholiker un- und angelernt. Das Durchschnittseinkommen der Alkoholiker lag ca.300 Mark unter dem Durchschnittseinkommen der übrigen Bevölkerung. Jeder dritte Trinker lebte in schlechten Wohnverhältnissen. Es wurde geschätzt, dass es 1989 1,71% Alkoholabhängige und 6,82% Alkoholmissbräuchler gab. Von 100 000 Menschen waren 151 Alkoholiker, 41,4 hatten alkoholbedingte Leberschäden, 25,8 betrieben Alkoholmißbrauch und 23,3 hatten eine Alkoholpsychose. Es wurde auch ein Nord-Süd-Gefälle festgestellt, im Süden wurde mehr Bier, im Norden mehr Spirituosen getrunken. Beim Bierverbrauch lag die DDR im Weltmaßstab ab 1980 an zweiter Stelle. Beim Spirituosenverbrauch nahm die DDR 1987/88 den Spitzenplatz ein. In der DDR gab es eine zunehmende Toleranz gegenüber dem starken Trinken. Die Ursachen des Alkoholismus wurden nicht in der Gesellschaft gesucht. Die Gesellschaft sei vollkommen, bei den Alkoholikern handele es sich um Außenseiter und Randerscheinungen. Oder sie wurden auf biologische Aspekte geschoben. „Die Ursachen des sozialen Problems Alkoholismus in der DDR sind immer vom Kern der Gesellschaft weggedrängt worden. Sie wurden externalisiert, indem sie auf die Individualität der Person, auf die Vergangenheit, auf in der Gegenwart weiter wirkende Traditionen und auf negative Einflüsse der kapitalistischen Gesellschaft zentrifugal verschoben wurden." (Buch, S.114) Der Alkoholismus wurde öffentlich verschwiegen und tabuisiert. Der Alkoholiker sei willensschwach. Alkoholiker wurden oftmals als „Asoziale" abgewertet. Erst ab Mitte der 1960er Jahre wurden Alkoholiker von der Sozialversicherung der DDR als Kranke akzeptiert. Ab Mitte der 1970er Jahren wurden spezielle Einrichtungen für Alkoholkranke etabliert, sowohl Kliniken als auch die ambulante Therapie. 1978 wurde die erste Tagesklinik eingerichtet. Die DDR fand zudem Anschluß an die internationale Fachwelt. Es kam zur Gründung von Arbeits- und Forschungsgruppen zum Thema Alkoholismus. In Dresden fanden Clubgespräche statt und es gründete sich eine Gesellschaft gegen Alkohol- und Drogengefahren. Seit 1979 gab es Abstinenzlertreffen, ein Substitut für die fehlende, staatlich untersagte Selbsthilfebewegung. Da der Alkoholkonsum immer mehr zunahm, war es in der DDR notwendig, ein entsprechendes Versorgungssystem einzurichten. Zwei Drittel aller männlichen Patienten, die mit der schnellen medizinischen Hilfe in Allgemeinkrankenhäuser eingeliefert wurden, hätten Alkoholprobleme gehabt. 1988 waren 46,5% der Psychiatriepatienten Suchtkranke. Die Dauer der Suchtkarrieren verlängerte sich. Die stationäre Behandlung wurde vor allem den Problemfällen vorbehalten. In jedem Bezirk gab es nur eine Suchtklinik. Seit Mitte der 1970er Jahre wurde der ambulante Bereich immer wichtiger. Keyserling waren 1990 235 staatliche und 21 konfessionell geführte Beratungs- und Behandlungsstellen bekannt. Fürsorger klärten Probleme, wie Wohnungs- und Rentenansprüche, Eheschwierigkeiten usw. DDR-spezifisch waren die „besonderen Brigaden". Die betriebliche Doppelfunktion bestand aus Kontrolle und Hilfe. Der Alkoholiker wurde als „sozial desintegriert, anpassungsschwach, ungefestigt, zur Asozialität und Kriminalität neigender Bürger" betrachtet. Es gäbe Desintegrierte seit früher Kindheit, seit dem Jugendalter und z.B.aufgrund einer Scheidung im Erwachsenenalter. Höchste Priorität hatte in der DDR die soziale Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß. In Sonderbrigaden wurden „Arbeitskräfte zusammengefaßt, die der Betrieb vom Staat zugewiesen bekam, um sie zu resozialisieren. ..Den DDR-Betrieben wurde somit die Funktion als Versorgungs-, Bildungs- und Gesellungsort sowie als Ressource für viele andere Lebensbereiche als auch als Zentrum des politischen Lebens zugewiesen." (Buch, S.213) Natürlich steckte dahinter auch Zwang, die Alternative für „Asoziale" war der Strafvollzug. Alkoholiker in der DDR waren auch mit der Gefährdetenverordnung in der DDR konfrontiert. „Als kriminell gefährdet wurden in diesem Sinne Bürger angesehen, die a) sich ‘arbeitsscheu’ verhalten, b) sich auf ‘unlautere Art’ ihren Lebensunterhalt sichern wollen, c) durch ständigen Missbrauch von Alkohol die Arbeitsdisziplin resp. die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens verletzen, d) nach Ausscheiden aus der Jugendhilfe einer Weiterführung der Erziehung bedürfen, um ihr soziales Fehlverhalten zu korrigieren. „ (Buch, S.220) Die Abteilung Inneres konnte den „kriminell Gefährdeten" Auflagen machen. Auf der Grundlage von zwei nicht veröffentlichten Verordnungen von 1985 und 1986 wurden besondere Brigaden aufgestellt. Es bildeten sich 263 besondere Brigaden. In diese Brigaden wurden nicht nur Alkoholiker eingewiesen, aber Alkoholmissbrauch stand auf der Tagesordnung, deshalb konnte man diese Brigaden auch als Alkoholikerhilfe einstufen. In den besondere Brigaden waren 8-15 Personen, vergütet wurde nach Anwesenheit
In den besonderen Brigaden wurden vor allem manuelle Tätigkeiten ausgeübt, so "manuelle Straßenreinigung, Pflege von Grünanlagen, Reinigung von Nahverkehrsmitteln, Rückgewinnung von Sekundärrohstoffen, Straßen- und Wegebau, Meliorationsarbeiten, Feldbau, Obstproduktion, einfache Reparatur- sowie Hof- und Transportarbeiten...Die Bezahlung erfolgte nicht durch den Betrieb, sondern durch die in den Abteilungen für Innere Angelegenheiten der Städte, Kreise und Bezirke bereitgestellten Fonds. Voraussetzungen zur Aufnahme in die Brigade...(waren) das Vorhandensein anhaltender Desintegrationserscheinungen..., wie z.B. Arbeitsbummelei, Alkoholabhängigkeit, SChulden etc." (Buch, S.227) Der Grad der Betreuung ging über die Situation im normalen Arbeitskollektiv weit hinaus, der Leistungsdruck fehlte ganz. Die Verantwortlichen für diese besonderen Brigaden waren nicht fürsorgerisch ausgebildet, entscheidend war das persönliche soziale Engagement. Betreuung der Mitglieder besonderer Brigaden beinhaltete z.B. die "Behebung der Beeinträchtigung grundlegender Voraussetzungen der alltäglichen Lebensführung (tägliches Wecken, Einteilung und Verwaltung der Finanzen, bei der Renovierung und Ausstattung/Möbilierung des Wohnraumes, Instandsetzung und Sanierung verwahrlosten Wohnraumes, Organisation der Wäsche)" (Buch, S.234) Des weiteren wurden gemeinsame kulturelle Ereignisse organisiert, es wurden Gespräche geführt. Es wurde darauf eingewirkt, dass verbindliche Termine wahrgenommen wurden. Die Mitglieder der besonderen Brigaden sollten in folgenden Bereichen beeinflußt werden: ein geordneter Tagesablauf, die Erledigung der Hauswirtschaft, Pflege und Hygiene, Realisierung der finanziellen Verpflichtungen, Instandhaltung der Wohnung, Erfüllung von öffentlich-amtlichen Auflagen, Nachkommen der Verpflichtungen gegenüber der Familie. Es wurden Hausbesuche und Gespräche durchgeführt. Brigademitglieder übernahmen Aufgaben. Bei schwer allein zu bewältigenden Arbeiten wurde Hilfe geleistet. Man nahm Einsicht in die Unterlagen der Betroffenen und pflegte Kontakt zu Angehörigen und zu wichtigen Einrichtungen. Bei vollständiger Unselbständigkeit brachte man die Brigademitglieder in Heimen für geschütztes Wohnen oder anderen therapeutischen Einrichtungen unter. Bei weitgehender Unselbständigkeit gab es eine beständige Kontrolle und Anleitung bei der täglichen Lebensführung. Bei leichterer Unselbständigkeit wurden periodisch Kontrollen durchgeführt. Bei vorhandener Selbständigkeit wurde dahin orientiert, diese Kontrollen ganz einzustellen. Da ja offiziell in der DDR keine sozialen Probleme bestanden, brauchte man auch keine Sozialpädagogik. Die Problemlagen wurden in die Hände von Vorgesetzten und Kollegen in den Betrieben gelegt. Diese lösten die Aufgaben im Hintergrund, führten eine stille Sozialarbeit aus. Erfahrene Meister, Ingenieure, Techniker und Facharbeiter leisteten also Sozialarbeit, ohne dafür ausgebildet zu sein. Die besonderen Brigaden waren eine betriebliche Bewältigungsstrategie in der DDR.

„Asoziale"

In der DDR herrschte ein Druck zur Uniformität, so trat das Problem „Asozialität" hervor. Nach dem Krieg galt noch der § 361 des StGB. Dabei sollten Landstreicherei, Bettelei, Herbeiführung der Unterstützungsbedürftigkeit durch Spiel, Trunk und Müßiggang, Prostitution, Arbeitsscheu und verschuldete Obdachlosigkeit mit einer Haftstrafe bis zu sechs Wochen bestraft werden. Die Verurteilten konnten außerdem in ein Arbeitshaus eingewiesen werden, bei erstmaliger Einweisung maximal zwei Jahre. Das einzige klassische Arbeitshaus existierte in Schönebeck, dort vegetierten Frauen unter erbärmlichen Bedingungen dahin. In der DDR entstanden seit 1949 Heime für soziale Betreuung vor allem für Prostitutierte, dort ging es zunächst um Disziplinierung, später stand die Arbeitskraft der Bewohner im Vordergrund, diese Heime wurden in den 1960er Jahren wieder abgeschafft. Nach dem Krieg waren viele auf Fürsorge angewiesen, deshalb gab es Bestrebungen, die Zahl der Fürsorgeempfänger zu senken, was 1952/53 erreicht wurde. Es wurde gemeinnützige Arbeit zugewiesen. Wer Arbeit ablehnte, wurde in Einrichtungen eingewiesen. In der DDR existierten 1950 noch neun Arbeiterkolonien und weitere kirchliche Einrichtungen der Obdachlosenhilfe. Später mußte niemand mehr aus Not herumziehen bzw. seit 1961 wurde repressiv gegen diese Klientel vorgegangen. Nach dem Mauerbau begann ein repressiverer Kurs gegen „Asoziale". Zunächst wurde am 24.8. 1961 eine Verordnung über Aufenthaltsbeschränkung erlassen. Darin wurde der Aufenthalt in bestimmten Gebieten und die Aufnahme einer bestimmten Arbeit vorgeschrieben. Anstoß der Verordnung war die Grenzgängerfrage. Vor dem Mauerbau arbeiteten viele für DM im Westen und wohnten billig im Osten. Diese Grenzgänger wurden jetzt zur Arbeitsaufnahme im Ostsektor aufgefordert, wobei sich ein Teil weigerte. In den 1960er Jahre sollte jeder seine Arbeitskraft einsetzen, „Schmarotzen" staatlicher Sozialfürsorge wurde nicht mehr geduldet. Die asoziale Lebensweise stehe dem Wesen des Kommunismus gegenüber, das sei Diebstahl am Volksvermögen. Die Arbeit wurde ideologisch überhöht. Man dachte bei der Repression natürlich auch an politisch Mißliebige. Die Verordnung wurde gegen unbequeme Personen eingesetzt. Arbeitsscheu war man bei schlechter Arbeitsmoral und -disziplin wie gelegentliches Fehlen (Arbeitsbummelanten) oder auch häufiger Arbeitsplatzwechsel.
1965 veranlaßte die DDR-Führung eine Verschärfung der Jugendpolitik. Man wollte gegen „westliche Dekadenz" vorgehen. 45% aller Arbeitsbummelanten seien Jugendliche. Die Arbeitserziehungs-Verurteilungen nahmen 1965 sprunghaft zu. Ursachen der Arbeitsbummelei waren Schwierigkeiten bei der Arbeitsvermittlung (z.B. bei Jugendlichen, die nicht einmal den 8-Klassen-Abschluß hatten) und ein Mißverhältnis zwischen Berufswünschen und Ausbildungszuweisungen. Viele fühlten sich aufgrund des Arbeitskräftemangels sicher, wieder eine Arbeit zu finden. Ursachen waren auch zerrüttete Familienverhältnisse, schlechte Schulbildung, Heimeinweisung, viele waren Alkoholiker. In den 1960er Jahren wurde aber auch abweichendes Verhalten wie der Gammler mit der Begründung Arbeitsscheu sanktioniert. Die Arbeitserziehung hatte natürlich auch ökonomische Ursachen. Die Arbeitspflichtigen wurden in der Braunkohle, der Landwirtschaft, auf dem Bau und in sonstigen Wirtschaftszweigen eingesetzt. Die Arbeitserziehungslager waren meistens überfüllt, die Behandlung war rigide und es herrschte Willkür. Gleichzeitig waren viele Unzurechnungsfähige und Arbeitsunfähige inhaftiert. 1968 beginnt dann eine neue Etappe der Verfolgung „Asozialer". Es tritt § 249 StGB in Kraft: „Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten". Absatz 1 des § 249 lautete: „Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch gefährdet, daß er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, oder wer der Prostitution nachgeht oder wer sich auf andere unlautere Weise Mittel zum Unterhalt verschafft, wird mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Haftstrafe, Arbeitserziehung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft. Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden." (Windmüller, S.189) Nach Inkraftsetzung dieses Gesetzes gab es einen deutlichen Anstieg der Verurteilten. 1969 3713 Verurteilungen, 1973 13 581, 1980 12 795, im Jahre 1988 7640. Allerdings nahm die Dauer der Haftstrafe ab. 1969 bekamen 70,1% der Verurteilten 1-2 Jahre, 1987 nur noch 41,1%. 1987 (bis 30.9.) erhielten 37,1% eine Haftstrafe bis zu einem Jahr, dagegen waren es 1969 nur 5%. 1970 mußte man in Suhl nur 2-4 Wochen nicht arbeiten, in Berlin 6-8 Wochen, in Rostock dagegen ein Jahr, um verurteilt zu werden. Abhängig war das Ganze von den Bezirks- und Kreisverwaltungen und der Willkür einzelner Sachbearbeiter. 1968 trat auch eine Gefährdetenverordnung in Kraft. Gefährdete waren Personen, die „durch asoziale Lebensweise oder durch grobe Verletzungen der Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens kriminell gefährdet sind"..., weil sie „aus Arbeitsscheu keiner geregelten Arbeit nachgehen, obwohl sie arbeitsfähig sind", „sich auf unlautere Weise Mittel zum Lebensunterhalt beschaffen", „durch ständigen Alkoholmißbrauch fortgesetzt die Arbeitsdisziplin verletzen oder in gröblicher Weise mehrfach die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens mißachten", sowie aus der Heimerziehung oder dem Strafvollzug kamen. (Windmüller, S.203) „Kriminell Gefährdete" konnten mit Arbeitsplatzbindung, Wohnraumbindung und Umgangsverbot mit bestimmten Personen sowie Aufenthaltsverbot an bestimmten Orten (wie Kneipen) belegt werden. In einem Bericht von 1972 (siehe Windmüller, S.209) waren 35,1% der Gefährdeten wegen Arbeitsscheu und 29,9% wegen Alkoholmißbrauch erfaßt. 1973 und 1974 wurde der Kurs gegen „Asoziale" verschärft, wegen des Wechsels der DDR-Führung von Ulbricht zu Honecker. 1972 lag dem ZK erstmals ein Bericht über „Asoziale" vor. Viele wegen „Asozialität" Verurteilte waren schon als Kinder und Jugendliche auffällig geworden. Viele wurden aber auch als „Lebensuntüchtige" eingeschätzt, sie waren zu einer selbständigen Gestaltung des Lebens nicht fähig. Sie hätten eigentlich der Betreuung und nicht des Strafvollzugs bedurft. Im Vorfeld der Weltfestspiele 1973 wurden mit 23 532 „kriminell und sozial gefährdeten Personen" gesprochen, damit sie nicht nach Berlin fahren. 2 293 wurden kurzfristig inhaftiert, 604 in die Psychiatrie eingewiesen. 1973 wurden, wie bereits erwähnt, 13 581 Personen wegen des §249 verurteilt. In der Bevölkerung wurde die Härte gegen „Asoziale" oft mit Zustimmung begrüßt. 1974 wurde die Gefährdetenverordnung noch verschärft, wer schon Anzeichen der Entwicklung eines arbeitsscheuen Verhaltens erkennen ließ bzw. darauf ausging, sich auf unlautere Art, Mittel zum Lebensunterhalt zu beschaffen, war bereits „kriminell gefährdet". Auch die Maßnahmen wurden verschärft. Die Arbeitsplatzbindung war jetzt ohne Befristung, man konnte auch Platzverbot bekommen und auch die Meldepflichten ärztliche Untersuchungen bzw. die Pflicht zur Heilbehandlung bei Alkoholikern waren neu. Ab 1975 stiegen die Erfassungszahlen von „kriminell Gefährdeten" deutlich an. Von 8194 im Jahre 1974 auf 12 366 Personen im Jahre 1975, 1978 waren es 15 600 Erfasste. Fast die Hälfte der „kriminell Gefährdeten" waren unter 25 Jahre alt, der Bildungsstand war oft niedrig, die Hälfte hatte keinen Berufsabschluß. Viele waren wegen Alkoholmißbrauch auffällig. Die Familienverhältnisse waren zerrüttet. Sie verbrachten ihre Freizeit mit ihresgleichen und in Kneipen. Die Arbeit mit den „Gefährdeten" wurde häufig auf Ehrenamtliche und die Betriebe abgewälzt. Die Betriebe waren oft desinteressiert an der Arbeit mit „Gefährdeten", die überproportional zur Gesamtbelegschaft Fehlschichten verursachten. Joachim Windmüller benennt einige Berliner Einzelfälle von „kriminell Gefährdeten"(nach damaliger Terminologie):
„- (m, 26 J.) Hartnäckige Arbeitsscheu, brachte Familie in erhebliche wirtschaftliche Probleme
- (m, 20) Monatelang ohne Arbeit, GVO-Auflagen hartnäckig ignoriert, Verwahrlosungserscheinungen
- (m, 20) Lebte parasitär auf Kosten der Großmutter, ungefestigte Einstellung zur Arbeit, Umgang mit anderen Asozialen
- (m, 40) Labiler Charakter, wurde von der arbeitenden Frau miternährt, Mitbewohner im Haus informierte Polizei
- (w, 21) Laufende Arbeitsbummelei, Negieren jeglicher Einflußnahme, trieb sich wohnungslos umher
- (w, 38) Kam mit Wirtschaftsgeld des Mannes nicht aus, daher Geldbeschaffung durch Diebstähle und Prostitution
- (w, 19) Ehem. Hilfsschülerin, Herumtreiberei, ohne festen Wohnsitz, Geldbeschaffung durch Prostitution
- (w, 39) Arbeitsscheu, Schulden, Wohnung verwahrlost, ständiges „Herumziehen" zu Bekannten. Laut psychiatrischem Gutachten „primitiv strukturierte Persönlichkeit", schon seit Jahren Betreuung durch Gesundheitswesen- von Inneres eingeschätzt als „echter Fall für ein Heim für soziale Betreuung (diese gab es nicht mehr, daher nach §249 verurteilt...)
- (m, 40) Negative Grundhaltung zur Arbeit, spricht im Übermaß dem Alkohol zu und kann diesen nicht von sich aus meiden
- (m, 27) Ständige Arbeitsbummelei infolge Alkoholmißbrauchs, von Gesundheitswesen nicht ordentlich betreut, lebte zwei Jahre lang auf Kosten seiner Eltern, Freunde und von kleineren Diebstählen
- (m, 20) Bildungsunfähig, auch zu ungelernten Arbeiten kaum einsetzbar, lebensuntüchtig, starker Zuspruch zum Alkohol (vermindert zurechnungsfähig, trotzdem Strafe ohne Bewährung
- (m, 19) Heimkind, kennt leibliche Eltern nicht, erhielt nach 18 Jahren im Heim eigene Wohnung, ist aber nicht in der Lage, mit dem Leben fertigzuwerden. Gesellschaftliche Einwirkung ohne Erfolg, einem Betreuer entzog er sich, ‘typischer Einzelgänger’ (solche waren nicht gern gesehen!)
- w( 43) Alkoholmißbrauch, mehrfach erfolglose Entziehungskuren, stark verwahrlost, lebte vom Altstoffsammeln aus Mülltonnen, Volkspolizei verlangte von der Abt. Gesundheitswesen ihre erneute Einweisung zur Entziehungskur ‘noch vor dem 25. Jahrestag’ (der DDR 1974), Gesundheitswesen lehnte Einweisung wegen disziplinlosen Verhaltens ab, danach wurde Anzeige erstattet, da sie das gesellschaftliche Zusammenleben und die öffentliche Ordnung und Sicherheit ‘erheblich’ gefährdete...
- (w, 22) nicht gefestigte Einstellung zum Arbeitsleben,...wurde darin durch die finanzielle Unterstützung durch den Vater und einen Bekannten bestärkt. Außerdem lebte sie von Zuwendungen ihrer in Westberlin lebenden Mutter...(Sie) nutzte die ihr gebotenen Möglichkeiten wie Kindergarten- und Krippenplätze für ihre 3 (!) Kinder sowie Nachweis eines Arbeitsrechtsverhältnisses nicht. Belehrungen staatlicher Organe wurden negiert." (Windmüller, S.283ff.)
Auch bei Ausreisewilligen wurde geprüft, ob der §249 zur Anwendung kommen könne. So wurden zum Beispiel Lehrer fristlos entlassen. Ein Teil der Ausreisewilligen fand Anstellung bei der Kirche. 1977 wurde mit dem Strafvollzugsgesetz die Arbeitserziehung abgeschafft. Die Arbeitserziehungskommandos waren jetzt gewöhnliche Strafvollzugseinrichtungen. Die Praxis zum § 249 StGB wurde 1978 weiter verschärft, damit stieg auch die Zahl der Verurteilungen. Die Zahl der „Asozialen" mit psychischen Problemen nahm zu, Betreuungsmöglichkeiten wurden nicht geschaffen. Joachim Windmüller resümiert für den Zeitabschnitt 1968 bis 1979: „Fehlender Hilfe für Menschen mit wirklichen sozialen Problemen stand die Kriminalisierung vieler anderer gegenüber, deren Verhalten zwar nicht sie selbst, wohl aber der Staat als Problem empfand. Das ideologische Dogma der Arbeit war dabei zum...Anknüpfungspunkt für die Verfolgung einer ganzen Bandbreite mißliebiger Verhaltensweisen geworden..." (Windmüller, S.318) Mit dem 3. Strafrechtsänderungs-gesetz von 1979 wurde die Verfolgung „Asozialer" weiter verschärft. Im Januar 1980 machten „Asozialität" und „Rowdytum" zwei Drittel aller Verhaftungen aus. Besonders Augenmerk galt jetzt auch den Ausreisewilligen, die für diesen Staat demonstrativ nicht arbeiten wollten. Nach 1980 bis 1985 gingen die Verurteiltenzahlen wegen „Asozialität", um dann wieder anzusteigen. Insbesondere im Norden waren die Zahlen hoch, im Süden aber gering. Es gab also ein deutliches Nord- Süd- Gefälle. Ab 1986 gab es zwei Ttendenzen, einerseits die Verschärfung der Verfolgungspraxis, es hatte Beschwerden wegen der Nichtverfolgung „Asozialer" gegeben, andererseits bemühte man sich aber, Bagatellfälle zu entkriminalisieren. Eine Untersuchung 1986/87 mit 322 Tätern ergab eine deutlich gestiegene Dauer der Nichtarbeit, 11% ließen sich „aushalten". Gründe waren schlechte Arbeitsbedingungen und eine staatliche Arbeitsvermittlung, die keine Rücksicht auf Berufswünsche nahm. „Asozialität" war ein Delikt jüngerer Erwachsener, lediglich 27% waren über 35 Jahre alt. Auch Frauen waren mit 25-26% überrepräsentiert gegenüber der Gesamtkriminalität. Auffällig war das niedrige Bildungsniveau der Betroffenen, 85% hatten nicht mehr als einen 8-Klassen-Abschluß. Alkoholmißbrauch war meistens festzustellen. 1979 hatten 18% und 1980 14% aller Täter des §249 gleichzeitig noch andere Taten begangen, damit wurden über 80% nur mit dem §249 bestraft. Die anderen Straftaten wurden meistens geringer bewertet, als der §249. Es waren Pflichtverletzungen bei der Wiedereingliederung, Eigentumsdelikte und Körperverletzung. Nur bei 5% waren die anderen Delikte schwerer als die „Asozialität". Bei einer Untersuchung 1987 hatten dann 76% der überprüften ca.300 Täter zugleich andere Straftaten begangen. Dabei handelte es sich um die Verletzung der Unterhaltspflicht, Pflichtverletzungen der Wiedereingliederung und Eigentumsdelikte wie Zechprellerei in Kneipen oder Diebstahl von Kohlen für die Ofenheizung. Es waren meistens leichtere Eigentumsdelikte, sie dienten der Deckung des Lebensunterhalts. Dabei stellt sich die Frage der Verhältnismäßigkeit. Oftmals war es auch die Verletzung von Auflagen, die schon für stabile Menschen kaum zu verkraften wären. Aus dieser Sanktionspraxis erwuchs eine ganze Strafenspirale, zwischen Haftstrafe und schikanösen Auflagen, die nicht eingehalten wurden. Die Rückfallquote war hoch, deshalb besann man sich neuer Ansätze. So waren ein sozialtherapeutisches Zentrum und eine Neuschaffung der Heime für soziale Betreuung für „Asoziale" mit psychischen Problemen im Gespräch. Es wurden besondere Brigaden in den Betrieben aufgebaut. Die letzte Rechtsänderung zur „Asozialität" bezog sich auf Spekulation und Glücksspiele. Wetten und ungenehmigter Warenhandel wurden zum Gegenstand. Die informelle Ökonomie (wie Märkte) und auch Wetten (z.B. Pferdewetten) wurden Ende der 1980er Jahre immer beliebter. Ende der 1980er Jahren kamen auch Funktionäre in der DDR langsam zur Einsicht, das man mit Repression nicht an das Ziel einer uniformen Gesellschaft kam. Joachim Windmüllers Fazit lautet: „...denjenigen Menschen, die mit dem Leben nicht zurechtkamen, wurde kaum geholfen, sondern sie wurden kriminalisiert; dafür traf man andere- ebenfalls repressiv-, die mit dem Leben sehr wohl zurechtgekommen wären, aber- speziell im Bereich der Arbeit- im Widerspruch zur herrschenden Ideologie (oder Moral) standen. „ (Windmüller, S.447)

Straffällige

In dem Buch „Ich kam mir vor wie`n Tier- Knast in der DDR" berichten Strafgefangene über ihre Biographie und ihre Situation im Gefängnis. Insbesondere bei den Mehrfachtätern und Kurzstrafern wird ein biographisches Muster deutlich. Sie sind meistens in zerrütteten Familienverhältnissen aufgewachsen. Die Liebe der Eltern fehlte ihnen, die Kinder wurden vernachlässigt. Die Mutter wird als „asozial", überfordert oder krank geschildert. Der Vater war oft Alkoholiker. Meistens kamen die Kinder, die in diesen Verhältnissen aufwuchsen, ins Heim. Der Weg durch die Heime begann. Jene Kinder, die ständig abhauten, kamen in Spezialkinderheime, Heime für schwererziehbare Jugendliche und schließlich in den Jugendwerkhof. Wer herumstreunte, begann zu klauen, z.B. Lebensmittel oder ging auf den „Strich". Vom Jugendwerkhof zum Strafvollzug war es kein langer Weg. Die „kriminell gefährdeten" Jugendlichen waren mit starken Auflagen konfrontiert, so mit Arbeitsplatzbindung und Meldefristen. Wer die Arbeit „schwänzte" und z.B. klaute, um den Lebensunterhalt zu sichern, wurde inhaftiert. So ging es ständig rein und raus aus dem Knast. Es entstanden kriminelle Karrieren in der DDR.
Ein Problem war die Rückfallkriminalität, in den letzten zwei Jahrzehnten waren das etwa ein Drittel der Gesamtkriminalität. 15-20% der Rückfalltäter waren psychisch auffällig. Die Rückfalltäter waren einige Zehntausende, sie stellten die Hälfte der „Kriminellen".
In der DDR gab es einen kontinuierlichen Rückgang der Kriminalität. In den letzten Jahren der DDR hatte die BRD eine zehnfache Kriminalitätsbelastung. Allerdings war bedeutsam, dass die DDR-Mark eine nichtkonvertierbare Binnenwährung war. Man konnte in der Mangelgesellschaft DDR und auch im Ausland kaum etwas damit anfangen. So gab es in der DDR keinen Drogen- und Waffenmarkt, keine Organisierte Kriminalität. Es gab keine oder kaum Geiselnahmen, Entführungen, Banküberfälle, Überfälle auf Geldtransporte, Geldfälschungen, bewaffnete Überfälle, Bombendrohungen. Zudem, wohin sollten die „Kriminellen" fliehen, solange die Grenze offen war, war auch die Kriminalität größer. Trotzdem drangen z.B. über Verwandte und die Medien westliche Einflüsse in die DDR. Die Tendenz, sich persönlich zu bereichern, spielte eine zunehmende Rolle, Eigentumsdelikte machten die Masse der Delikte aus. Die DDR war eine geschlossene Gesellschaft, abweichende, auffällige und „asoziale" Personen steckten in einem Netz sozialer Kontrolle, z.B. durch die Gefährdetenverordnung, durch das Meldewesen, die Hausbuchführer, den ABV etc. Wurden seit den 1960er Jahren besonders viele wegen „Asozialität" inhaftiert (1970 3 756, 1980 12 795), besann man sich später sozialer Hilfen, da viele Alkoholiker waren. Es wurden die besonderen Brigaden gegründet. Viele Straftaten wurden in der DDR unter Alkoholeinfluß begangen, etwa 30%. Bei Raub waren es 61%, bei Körperverletzung 56%, bei Verkehrsdelikten 62%. Bei den 16- bis 21jährigen war die Kriminalitätsbelastung am höchsten. In den Städten gab es mehr Straftaten als auf dem Land, im Norden mehr als im Süden. Nach der Wende wurde eine Angleichung an den Westen im Bereich der Kriminalität sehr schnell erreicht.

Prostitution

Zwiespältig ist es, die Prostitution in der DDR in die Kategorie Unterschicht einzuordnen, denn seit den siebziger Jahren war die Prostitution an Luxus und Konsum orientiert. Für Prostituierte war in dieser Zeit die DDR ein Schlaraffenland, sie waren aufgrund der für die DDR unvorstellbaren Geldsummen gegenüber dem DDR-Durchschnittsbürger privilegiert. Aber noch in den fünfziger und sechziger Jahren entstammten die Prostituierten den klassischen Unterschichten, danach veränderte sich die soziale Zugehörigkeit der Prostituierten. Durch die Integration der Frauen in den Arbeitsprozeß brauchten Frauen sich seit den sechziger Jahren sich nicht mehr aus Not prostituieren. Allerdings wurde staatlicherseits die Prostitution 1968 mit dem § 249 kriminalisiert. Prostitution fand daher unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.
In der Nachkriegszeit ging es vor allem um die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten, deshalb wurden zum Beispiel Razzien durchgeführt, wo HwG-Personen herausgegriffen wurden. In den fünfziger Jahren verlagerte sich die Prostitution von der Straße in die Tanzlokale. Uta Falck schreibt in dem Buch „VEB Bordell": „Haftstrafen gehörten zu jener Zeit zum Berufsrisiko der Prostituierten...Das ‘Berufsrisiko Haftstrafe’ führte dazu, daß Knasterfahrungen Bestandteil der Berufsehre wurden." (Falck, S.40f.) In der „Stellkarte" der Prostituierten wurden die gesundheitlichen Untersuchungen eingetragen. Ein Nichterscheinen beim Gesundheitsamt konnte ein Jahr Gefängnis bedeuten. In dieser Zeit wurde Prostitution moralisch diskutiert, sie sei das Erbe des Kapitalismus. Als durch die Fluchtbewegung der Arbeitskräftemangel zunahm, wurde auch der Druck auf die Prostituierten stärker. Während sie vorher nur kontrolliert wurden (insbesondere die Stellkarte), sollten sie jetzt Wege aus der Prostitution suchen. 1955 wurden die ersten Heime für soziale Betreuung gegründet, meistens waren die Insassen HwG-Personen. „Das rigide Vorgehen bei der Bekämpfung der Prostitution rief den Eindruck hervor, die Prostituierten würden sich nach und nach zurückziehen. In Wirklichkeit löste sich nur eine Form der Prostitution auf, um in neue, dem sozialistischen System angepaßtere und diskretere Formen überzugehen." (Falck, S.68) Die erste Form der typischen DDR-Prostitution waren die Grenzgängerinnen. Sie wohnten im Osten und arbeiteten im Westen, so verdienten sie zusätzlich Westgeld. Bei den älteren Prostitutierten gab man jede Hoffnung auf die Änderung des Lebenswandels auf, die jüngeren suchten dagegen einen lukrativen Nebenverdienst neben ihrer Erwerbsarbeit. Nach dem Bau der Mauer wandten sich Prostituierte insbesondere Ausländern zu, die in die DDR einreisten. Uta Falck schlußfolgert für die sechziger Jahre: „Summa summarum wurde das Prostituiertengeschehen für die breite Masse allmählich unsichtbar, und die Bevölkerung bekam das Gefühl vermittelt, daß dieses in einer sozialistischen Gesellschaft nicht mehr existiert." (Falck, S.90) Ab den siebziger Jahren entwickelte sich eine Zusammenarbeit zwischen MfS und Prostituierten. Weibliche IM´s sollten auch zu Bettgeschichten bereit sein. Andererseits warb man auch Prostituierte, weil sie überzeugt waren, man ihnen materielle Vorteile versprach oder sie erpreßte. Die Stasi war gegenüber der Valuta-Prostitution vor allem in den Interhotels und während der Leipziger Messe besonders tolerant. Die Prostituierten sollten Informationen über die ausländischen Freier weitergeben. In diese Falle tappten z.B. Uwe Barschel und Heinrich Lummer. Erfahrungen aus einem Bordell in Ostberlin schildert eine transsexuelle Zeitzeugin in dem Buch von Uta Falck. „Die Gegend Friedrichstraße, um den Schiffbauerdamm, Weidendammer Brücke und Johannisstraße, bezeichneten die Gesellschafterinnen als ihre ‘Freudengasse’...Auf der Friedrichstraße bedienten sie Westfreier für bis zu 300 DM und bekamen von Ostfreiern 150 Mark der DDR." (Falck, S.138) Straßenstrich in der DDR gab es in Berlin (Oranienburger Straße) und in Leipzig. In Rostock war die Storchenbar berühmt berüchtigt. Frauen kamen in der DDR zufällig zur Prostitution, durch Informationen von Bekannten, indem sie angesprochen wurden oder Prostitution beobachteten. Motivation war meistens der hohe Nebenverdienst, mit dem man sich vor allem Westkonsum und Luxus leisten konnte. Die Prostitutierten hatten keinen existentiellen Druck, daher wurde auch die Behandlung der Freier als liebevoller eingeschätzt. Beschaffungsprostitution gab es in der DDR nicht, schreibt Uta Falck. Bei Alkoholikerinnen mag das anders gewesen sein. Prostitution war in der DDR ein tabuisiertes Thema und daher in der Öffentlichkeit nicht präsent.

Homosexuelle

Sie zählten zwar meistens in der DDR nicht zur Unterschicht, waren aber durchaus noch eine Randgruppe. Seit 1957 wurde Homosexualität zwischen Erwachsenen kaum noch bestraft, 1968 wurde der alte Homosexuellen- § 175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Bestraft wurden nur noch Erwachsene, die mit Jugendlichen verkehrten.Der Rest des DDR-Paragraphen gegen Homosexualität wurde schließlich 1988 vollständig getilgt. Die Staatssicherheit interessierte sich für Homosexuelle, weil oftmals Kontakt zum westlichen Ausland bestand und unter den Homosexuellen viele Ausreisewillige waren. So sollten Homosexuelle als IM´s gewonnen werden. Homosexuelle organisierten sich in den 1980er Jahren in der Kirche. Die bekannteste Homosexuelle in der DDR war Charlotte von Mahlsdorf, die Treffen in ihrem Gründerzeitmuseum organisierte, die später verboten wurden. Sie selbst wurde nach 1989 als IM enttarnt. Als das Jugendradio DT 64 1988 eine Sendereihe über Homosexualität begann, wurde das Ende der offiziellen Tabuisierung signalisiert. In der Bundesrepublik wurde der §175 erst im Jahre 1994 gestrichen. In dem Buch „Homosexualität in der DDR" schreiben bekannte Homosexuelle über ihr Leben und Aktivitäten in der DDR.

Altersarmut

Auch die Altersarmen kann man zur Unterschicht in der DDR zählen, meistens waren es Frauen. Laut statistischem Jahrbuch betrug die durchschnittliche Altersrente im Jahre 1985 365,57 Mark. Frauen mit weniger als 15 Arbeitsjahren erhielten 300 Mark, Frauen mit mehr als 15 Arbeitsjahren einen Mindestbeitrag von 300 bis 370 Mark. Aber die Frauen litten nicht nur unter materieller Armut, sondern auch unter der Einsamkeit, wie Katharina Belwe in einem Buch thematisiert. 1983 gab es in der DDR 1 Million mehr Frauen als Männer, meistens im Rentenalter. Ab 45 Jahren war es für Frauen schwierig, ihren Alleinstehenden- Status zu verändern, oftmals litten die Frauen darunter, sie galten als die „Sitzengebliebenen". Auch in der DDR änderte sich das Männerleitbild nicht, ältere Männer bevorzugten jüngere Frauen. Zudem starben die Männer früher als ihre Frauen, jede 2. DDR-Rentnerin war Witwe. Die Hilfe durch die Volkssolidarität konnte die Isolation der älteren Frauen nicht aufheben. Oftmals litten die Frauen an der Uniformierung ihrer Wohnbedingungen. Überhaupt war die DDR durch Uniformierung gekennzeichnet. Monotonie der Arbeit, Uniformierung der Wohn- und Freizeitbedingungen, selbst des Urlaubs.

 

Detlef Buch, Alkoholikerhilfe in der DDR, Verlag Dr.Kovac Hamburg 2002

Hrg. Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, Einweisung nach Torgau, BasisDruck Berlin 1997

Michael Schmitz, Wendestress, Rowohlt Berlin 1995

Heinz Bude, Die Ausgeschlossenen, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn 2008

Uta Falck, VEB Bordell, Ch.Links Berlin 1998

Torsten Heyme/ Felix Schumann, „Ich kam mir vor wie`n Tier"- Knast in der DDR, Basisdruck Berlin 1991

Katharina Belewe, Soziale Isolation und Einsamkeit in der DDR, Gesamtdeutsches Institut Bonn 1986

Thomas R.Müller, Beate Mitzscherlich (Hrsg.), Psychiatrie in der DDR, Mabuse-Verlag Frankfurt am Main 2006

Sonja Süß, Politisch mißbraucht?, Ch. Links Verlag Berlin 1998

Wolfgang Rose, Anstaltspsychiatrie in der DDR, be.bra Wissenschaft Verlag Berlin- Brandenburg 2005

Wolfram Setz (Hrg.), Homosexualität in der DDR, Männerschwarm Verlag Hamburg 2006

Joachim Windmüller, Ohne Zwang kann der Humanismus nicht existieren- „Asoziale" in der DDR, Peter Lang Verlag Frankfurt am Main 2006