Der Irrsinn des Diktaturenvergleiches- die Totalitarismustheorie

Nach dem Untergang des osteuropäischen Realsozialismus wurde die Totalitarismustheorie zur Leitdoktrin, sie erlebte zwischen 1992 und 1994 ihren Durchbruch. Karl-Heinz Roth beschreibt die Totalitarismustheorie wie folgt. Dabei handele es sich um eine „manichäische Schwarz-Weiß-Typologie, die aus einem Bild und einem Gegen-Bild besteht." (Roth, S.60) Dem Vor-Bild der „parlamentarischen Demokratie" steht die „totalitäre Diktatur" als Kehrseite gegenüber. „Norm und Wirklichkeit (werden) nur auf der Feind-Kehrseite überprüft. Die eigene Wirklichkeit aber wird ausgeklammert... Der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Kultur (Anm. des Gegen-Bildes) werden jegliche Autonomie abgesprochen. Sie werden statt dessen umstandslos in das Prokrustesbett der Herrschaftstypologie gepreßt und der Merkmalsanalyse des Gegen-Bildes unterworfen. Die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen politischer Herrschaft, Wirtschaft und Gesellschaft und die sich daraus ergebenden Wandlungsprozesse können durch die Totalitarismuskonzeption nicht wahrgenommen werden." (Roth, S.61f. ) Damit werden dann Faschismus und Kommunismus gleichgesetzt und der Faschismus verharmlost. Auch der Freiheitsbegriff der Totalitarismustheorie ist fragwürdig. Im Neoliberalismus geht es hauptsächlich noch um Wirtschaftsfreiheit. „Individuelle und politische Freiheitsrechte sind für jede demokratische Gesellschaft unverzichtbar. Sie bleiben aber für diejenigen eine hohle Phrase, die über keine sozialen Freiheiten verfügen, weil sie kein Eigentum besitzen." (Roth, S.63) Soziale Existenrechte des Gegen-Bildes, in der DDR z.B. das Recht auf Arbeit und das Recht auf Wohnung, bleiben dagegen ausgeklammert. „Insoweit ist auch die Blindheit des Totalitarismusmodells gegenüber der sozialen Frage Voraussetzung für das Funktionieren seiner normativ-typologischen Konstruktion von Bild und Gegen-Bild...Aber auch der Herrschaftsbegriff selbst ist weitgehend auf makropolitische Oberflächenphänomene reduziert...In den zwischenmenschlichen Verhaltensweisen sind bis hin zu den Sprechakten komplexe Bündel von Machtbeziehungen wirksam. Aus ihnen werden die makropolitischen Herrschaftsstrukturen formiert. ...Würde diese erweiterte Sichtweise des Herrschaftsdiskurses auf ihr Gegen-Bild angewandt, dann würde sie unweigerlich auch die eigenen normativen Voraussetzungen delegitimieren. Alles in allem handelt es sich bei der Totaltarismustheorie um den Entwurf einer politischen Konfliktsprache, die auf die weltweite Durchsetzung ihrer eigenen unhinterfragten Normensysteme abzielt." (Roth, S.63f.) Karl-Heinz Roth spricht von der Totalitarismustheorie als „Pseudowissenschaft" und „gefährliche Ideologie". Die Anhänger der Totalitarismustheorie wirkten insbesondere auf die Bundestags- Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der DDR ein. Die Kommission wurde nach Parteienproporz erwählt. Forscher aus dem Westen hatten zumeist handfeste Eigeninteressen, sie forcierten die Landnahme, um an Fleischtöpfe heranzukommen. Die Teilnahme an der Kommission diente als Gütesiegel und verbesserte die Karrierechancen. Auch Abtrünnige der Westlinken wirkten mit. Als besonders beklemmend beschreibt Karl-Heinz Roth die Anpassung von DDR-Bürgerrechtlern. Man spürt die „verborgene Verletztheit", einerseits waren sie in der DDR mit Repression konfrontiert, Entwicklungs- und Gestaltungschancen waren ihnen genommen. Anderseits seien sie nicht in der Lage gewesen „aus ihrem spätprotestantischen Moralismus auszubrechen" ... „und einen eigenständigen Reformprozeß in Gang zu bringen". Sie würden jetzt quellenfundiert mit den Akteuren und Institutionen der DDR abrechnen, was ein „langfristiger Lebensentwurf" sei, die Teilnahme an der Kommission diente der „lobbyistischen Absicherung ihrer Projekte". (Roth, S. 86f.) Die Folgen der Totalitarismustheorie für die Wissenschaft seien fatal. Ein deutsch-deutsches Vergleichsverbot sei nun parlamentarisch festgeschrieben.
Aber Karl-Heinz Roth stellt auch fest, dass natürlich die Geschichte des Staatssozialismus aufgearbeitet werden müsse. Er plädiert für die Wiederaneignung des von der Totalitarismustheorie besetzten Terrains. „Die (selbst-) kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der staatssozialistischen Diktaturen gehört gerade heute zu den Grundvoraussetzungen für das Überleben und Weiterwirken des sozialistischen Projekts überhaupt....Nur so können die Voraussetzungen für einen Neuanfang geschaffen werden, durch den die Verschränkung von Sozialismus und Demokratie von vornherein garantiert ist." (Roth, S. 64ff.)
Natürlich kann man nicht den Nationalsozialismus mit der DDR gleichsetzen. Leichenberge gegen Aktenberge- ein anschaulicher Vergleich. Trotzdem stellt sich ein Problem, vor allem für Kommunisten. Das Gespenst des Stalinismus. Aufgabe der Kommunisten wäre es, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Und zu dieser Geschichte gehört auch das Unrecht in der DDR. Und auch der Kapitalismus darf aus dieser Debatte des „Diktaturenvergleiches" nicht ausgeklammert werden, wie viele Opfer hat dieser bisher gekostet, tagtäglich verhungern Menschen weltweit. Aber Kapitalismuskritik allein macht die Geschichte des Kommunismus nicht besser, gerade auch aufgrund des Anspruches des Kommunismus ein menschenwürdigeres Gesellschaftssystem zu sein. Ich fasse nicht die Ignoranz und den Unwillen vieler Linker, sich mit der realsozialistischen Geschichte auseinanderzusetzen.
Dankbar bin ich Bini Adamczak für ihr Buch „Gestern Morgen": Sie schreibt: „Ohne den Gang durch die Geschichte der revolutionären Versuche wird es keine revolutionäre Versuchung mehr geben." (Adamczak, S.121)
Bini Adamczak`s Buch beginnt mit der Erinnerung an die vergessenen Züge, an die über 300 Kommunisten, Juden und Antifaschisten, die aus der Sowjetunion nach Nazi-Deutschland abgeschoben, ausgeliefert wurden. Viele von ihnen hatten zuvor in deutschen Gefängnissen, später in Zwangsarbeitslagern und Zuchthäusern in der Sowjetunion gesessen. Wie zum Beispiel Erwin Jerres, der 1933 als Leiter des Kommunistischen Jugendverbandes Berlin-Lichtenberg verhaftet wird und ein Jahr im Konzentrationslager Sonnenburg verbleibt. Nach der Entlassung geht er in den Untergrund, als seine Organisation auffliegt, flüchtet er nach Moskau. Dort wird er 1937 verhaftet und 1938 nach Deutschland abgeschoben. Ein Jahr sitzt er dort in Moabit in Untersuchungshaft und wird schließlich von der Wehrmacht eingezogen. 1944 gerät er in sowjetische Kriegsgefangenheit. Obwohl er sehr gut russisch kann, spricht er dort kein Wort russisch. Als er entlassen wird, geht er 1946 nach Berlin. „...und trifft dort einen alten Genossen mit Namen Erich Honecker, dem er zu verstehen gibt, dass er das Interesse an Politik verloren hat. Zwei Wochen später wird er vom NKWD verhaftet und mit der Begründung, er habe gegenüber der Gestapo Aussagen über die Sowjetunion gemacht, zu 25 Jahren Zwangsarbeitslager in Workuta verurteilt, wo er zuletzt 1952 gesehen wird." (Adamczak, S.16)
Bini Adamczak mahnt: „Wer sollte sie- als Kommunistinnen betrauern? Wenn nicht, wer immer das auch sei, die Kommunistinnen ? Die Kommunistinnen aber schweigen- in ihrer Mehrzahl. Die Archive sind offen. Und dennoch hat keine breite und tiefe Forschung begonnen, zumindest, vor allem nicht von jenen, denen sich die Fragen (Wann? Wo?) am dringlichsten stellen müssten, die sich die Fragen (Wie? Warum?) am rücksichtslosesten zu stellen hätten. Keine Arbeit der Erinnerung jener, deren Erinnerung die zu Erinnernden am dringendsten bedürften. Es darf hier kein Schweigen geben und ebenso wenig oder noch weniger jetzt ein Verschweigen. Kein schamhaftes schuldbewusstes Verscharren der Toten durch jene die aber glauben, es handle sich beim Erinnern der Opfer um eine antikommunistische Strategie, das Nennen ihrer Namen entfessele einen prokapitalistischen Fluch." (Adamczak, S23f.) Mit ihrem Schweigen würden sie nur die Behauptung der Gegner bestätigen, das Ende der Geschichte sei bereits erreicht. Der letzte Tod der Revolution sei 1939 mit dem Hitler-Stalin-Pakt erreicht worden, aber viele Tode gingen ihm schon voraus, wie in Kronstadt (1921), bei den Schauprozessen 1936 und dem großen Terror 1937/1938. „Von den 1966 Delegierten des 17.Parteitages, des Parteitages der Sieger 1934, sind keine fünf Jahre später 1108 verhaftet, verschleppt, erschossen, verscharrt, von den 136 Parteisekretären, die das Adressbuch für Moskau und Umgebung 1936 auflistet, noch 7 im Amt...Als die Terrorwelle plötzlich ausläuft, sind 1 345 000 Menschen verurteilt, davon 681 692 zu Tode. Das sind 85% aller Todesurteile der gesamten Stalinzeit, die während den Feiern zum 20.Jahrestag der Revolution verhängt und vollstreckt werden...Auf manchen Exekutionsplätzen Moskaus, wie Kommunarka oder Butowa, mit bis zu 562 Hinrichtungen pro Tag" (Adamczak, S.47ff.) Der Terror kann jeden treffen, er ist zufällig. Die Partei zerstört sich selbst. Stalin bemerkt: „Es gibt zu viele Nörgler und wir müssen sie ausmerzen." (Adamczak, S.60)
Dankbar bin ich Bini Adamczak auch für diese abschließenden Äußerungen: „Auf die (antikommunistische) Kritik des Kommunismus reagieren Kommunistinnen mit Verteidigung- es sei nicht alles am Kommunismus schlimm-, mit Abwehr- das sei überhaupt kein Kommunismus gewesen- oder mit Angriff- die Kritik der kommunistischen Verbrechen diene nur der Legitimation der Verbrechen seiner Feinde. Jedes Mal haben sie Recht. Aber was über den Kommunismus ist gesagt damit, dass der Nationalsozialismus schlimmer, der Kapitalismus ebenso schlimm gewesen ist? Welches Urteil gesprochen über einen Kommunismus, in dem nicht alles, nur fast alles schlimm war? Und vor allem, welcher Anspruch erhoben auf einen Kommunismus, der trotz jahrehundertelanger Versuche ihn zu realisieren real doch nur in der Phantasie derer existierte, die, immer wenn sie befragt werden, leider ohne alle Macht sind....Das Diktum, das schöne Bild des wahren Kommunismus lasse sich nicht zeigen, wird zur Legitimation, vor den hässlichen Bildern des falschen Kommunismus die Augen zu verschließen." (Adamczak, S.139 ff.)
Aufarbeitung ist also unbedingt notwendig. Für Jürgen Elsässer war die DDR zu deutsch und zu spießig: „Der nationale Virus hat das sozialistische Immunsystem der DDR zerstört...Flankiert wurde die Nationalismus-Offensive durch einen spießigen Kulturkampf." (Vorwärts und nicht vergessen, S.14f.) Auch wurden die psychischen Voraussetzungen des Nationalsozialismus nicht bekämpft. „Die ‘psychischen Voraussetzungen’ sind das Ensemble derjenigen Eigenschaften, die sich zum Gesamtbild des ‘häßlichen Deutschen’ zusammenfügen: Obrigkeitshörigkeit, Staatsvergottung, Disziplin, Fleiß, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordnungswahn, kurz all die Sekundärtugenden, von denen Oskar Lafontaine in seinen besseren Jahren zu Recht behauptete, daß man mit ihnen sehr gut ein KZ führen könnte. Alle diese Eigenschaften, die die kleinen ‘Volksgenossen’ zu willigen Komplizen bei der Judenfahndung und Judenvernichtung gemacht hatten, wurden von der SED als Ressourcen zum Aufbau von Staat und Wirtschaft erschlossen...der Faschismus (hätte) mit den ‘kleinen Leuten’ und ihrem Tun nichts zu tun...und (sei) lediglich eine Herrschaftsform des Monopolkapitals..., ergo man die Mitläufer und ihre Mitläufereigenschaften getrost entschulden könne" (Vorwärts, S.16f.) Jürgen Elsässer stellt fest, daß die DDR zwar den autoritären Charakter nicht zerstört habe, sondern eher gefördert habe, sie hat die Menschen aber von den faschistischen Dispositionen abgehalten. Dabei übersieht er, dass es auch in der DDR Denunziantentum, Antisemitismus und Rechtsextremismus gab. Seine These: die DDR praktizierte nicht zu viel, sondern zu wenig Antifaschismus.

Karl-Heinz Roth, Geschichtsrevisionismus, Konkret Verlag Hamburg 1999

Bini Adamczak, Gestern Morgen, Unrast Verlag München 2008

Sarah Wagenknecht, Jürgen Elsässer, Vorwärts und vergessen?, Konkret Verlag Hamburg 1996