Sprache als Herrschaftsinstrument

„Der Worte sind genug gesagt/ Wer ewig schweigt stirbt von innen/Am Anfang war das Wort-am Ende eine Phrase/ Aneinandergereihte Phrasen ergeben noch keine Linie/ Statt Phrasnost Glasnost“ (Sprüche auf der Demonstration am 4.11.1989 auf dem Alexanderplatz in Ostberlin)

Sprache ist ein Herrschaftsinstrument, dass sich in der Sozialisation herausbildet und die feinen Unterschiede auch im Habitus prägt. Wer in einem Elternhaus mit Bildungshintergrund aufwächst und dann auch noch eine lange Schul- und Studienzeit einschlägt, durchläuft einen Verinnerlichungsprozeß, der Zeit braucht. Auch in der Linken gibt es Unterschiede im Kommunikationsverhalten. Wer gut reden und schreiben kann, kann in dieser Kommunikation Macht ausüben und sich Vorteile verschaffen. Wer sich „ästhetisch“ und „abstrakt“ auszudrücken vermag, kann mit seinen Vorträgen, Artikeln und Büchern auch Geld verdienen. Wer diese Privilegien nicht hatte, hat eben Pech gehabt. Texte werden dann als „einfach“, „undifferenziert“, „defätistisch“, „destruktiv“ etc. abgetan. Oftmals ist die Form entscheidender als der Inhalt.

 

Die Erkenntnisse von Basil Bernstein

Die Kommunikation sei ein Mittel, um Unterschiede zu verteidigen, so Basil Bernstein in seinem Buch „Studien zur sprachlichen Sozialisation“. Die Unterschicht würde vor allem die öffentliche Sprache gebrauchen, während die Mittelschicht zusätzlich die formale Sprache beherrscht.

Die öffentliche Sprache ist u.a. gekennzeichnet durch „kurze, grammatisch einfache und oft unvollständige Sätze von unzulänglicher syntaktischer Form, die das Aktiv betonen“ und den „häufigen Gebrauch kurzer Befehle und Fragen“. (Bernstein, S.88) Beispiele sind „Es war nicht zu fassen!“ und „Laß das“.

Merkmale der formalen Sprache sind dagegen u.a.: „grammatisch komplexe Satzkonstruktionen und besonders der vielfältige Gebrauch von Konjunktionen und Relativsätzen vermitteln logische Modifikationen und die jeweilig gesetzten Akzente“ . Der formale Sprachgebrauch ist viel differenzierter als die öffentliche Sprache. Die strukturellen Möglichkeiten der Satzorganisation der formalen Sprache ist viel größer.

Ein Mittelschichtskind erlernt beide Ausdrucksweisen, das Unterschichtskind ist dagegen auf die öffentliche Sprache beschränkt. Letzteres muß die formale Sprache erst übersetzen. Ein Mittelschichtskind hat es auch leichter in der Schule, weil die Erwartungen von Schule und Mittelschichtkind nicht auseinanderklaffen. Es gibt keinen Wertkonflikt zwischen Lehrer und Kind. Das Unterschichtskind kann dagegen Probleme bekommen, wenn es in ungeeigneten Situationen die öffentliche Sprache gebraucht. Das kann sogar zu einem Zusammenbruch der Kommunikation zwischen Lehrer und Kind führen.

Basil Bernstein stellte dem elaborierten Code (Sprachstil) der Mittelschicht den restringierten Code der Unterschicht gegenüber. Bei dem restringierten Code ist die Vorhersagewahrscheinlichkeit viel größer als beim elaborierten Code. Beim elaborierten Code ist das Niveau der strukturellen Organisation und die Wortwahl viel höher.

Beim Unterschichtkind besteht aufgrund der unterschiedlichen Kommunikationssysteme eine kulturelle Diskontinuität zwischen Schule und Gemeinschaft, zu dem das Kind gehört. Während der elaborierte Code durch Flexibilität gekennzeichnet ist, ist der restringierte Code durch Starrheit gekennzeichnet.

Schon damals, in den 60er und 70er Jahren, in denen Basil Bernstein die Studien durchführte, breitete sich der elaborierte Code durch die Dienstleistungsgesellschaft und den Pluralismus aus. Aber Basil Bernstein meinte auch, man solle den restringierten Code nicht abwerten. Er entwickelt zumeist eine beachtliche Kraft, Einfachheit, Unmittelbarkeit, Vitalität und Rhythmus.

Damals wurden allerdings zwischen Mittelschichts- und Unterschichtskindern verbale Leistungsunterschiede beobachtet. Mit zunehmendem Alter nahm die intellektuelle Verarmung von Unterschichtkindern zu. Damit waren die Unterschichtskinder durch den restringierten Code von Anfang an benachteiligt. Intellektuelle Fähigkeiten wurden eher bei den verbal intelligenten Schülern vermutet. Die Schüler der Unterschicht hatten Probleme, die Sprache der Lehrer und der Schüler der Mittelschicht zu verstehen. Die Lehrer konnten sich wiederum nicht in die Kultur der Unterschichtskinder hineinversetzen.

Das Unterschichtenbewußtsein ist durch die Berufsposition der Arbeiter geprägt, heute oftmals durch Arbeitslosigkeit des Vaters bzw. der Mutter. Geringes Einkommen, bei den Vätern war es damals oft harte körperliche Arbeit, niedriges Bildungsniveau, niedrig bewertete und unsichere Berufspositionen. In der Mittelschicht ging es (in den 60er Jahren) eher um die Erziehung zur Selbstbeherrschung und um Leistungsstreben, in der Unterschicht um Konformität gegenüber äußeren Verhaltensnormen, um Gehorsam etc.

Basil Bernstein meinte, dass soziale Schichten keine homogenen Gruppen seien und dass die Unterscheidung zwischen elaborierten und restringierten Code zu einfach sei. Wichtig sei, dass die Kultur des Kindes im Bewußtsein des Lehrers vorhanden sei, wenn die Kultur des Lehrers Teil des Bewußtseins des Kindes werden solle.

Aber nicht nur die unterschiedliche Sprachstile während der Sozialisation des Kindes, machen vor allem die formale Sprache bzw. den elaborierten Code zu einem Herrschaftsinstrument, auch in der Politik wird Sprache zu einem Herrschaftsinstrument.


Die Politik besetzt Begriffe und deutet Begriffe um.

Zum Beispiel gab es in Wendezeiten eine Konkurrenz der Begriffe Beitritt und Anschluß. Oder auch der Begriff Freiheit ist von Neoliberalen besetzt, obwohl sie eigentlich nur Wirtschaftsfreiheit meinen. Welche Freiheit haben Menschen, die keine sozialen Rechte besitzen? Und gibt es nicht eigentlich nur Freiheit in einem wirklichen Sozialismus, entgegen der Parole „Freiheit statt Sozialismus“. Auch der Begriff Sozialismus wird je nach politischem Standpunkt gedeutet, sozialdemokratisch, marxistisch-leninistisch oder als Stigmawort. In der Politik herrscht ein Kampf um die Neubesetzung von Begriffen, es ist ein Kampf um die wahre politische Interpretation von Wirklichkeit.

Von der Herrschenden in der DDR wurde die Gesellschaftsform dort als Sozialismus bezeichnet, vom Westen als Diktatur, heute von Linken als Staatssozialismus bzw. Staatskapitalismus.

Von den Herrschenden im heutigen Deutschland wird die Gesellschaftsform als Demokratie bezeichnet, von den Linken als Kapitalismus bzw. Neoliberalismus.

Begriffe werden auch Parteien zugeordnet, der Begriff Freiheit z.B. der FDP, obwohl die Mehrheit der FDP-Parteimitglieder damit nur Wirtschaftsfreiheit meint, der Begriff Staat wird oftmals den sogenannten „Betonköpfen“ der Linkspartei zugeordnet. Auch der Begriff „Betonkopf“ hat eine eigene Geschichte.

Zu Wendezeiten in der DDR gab es auch Kämpfe um die Slogan „Wir wollen raus“ vs. „Wir bleiben hier“ und „Wir sind das Volk“ vs. „Wir sind ein Volk“. Solche Slogan auf der Straße können in Umbruchzeiten sehr bedeutsam sein. Und allein der Slogan „Wir sind das Volk“ drückte unterschiedliche politische Standpunkte der linken Opposition in Ost und West aus. Während die DDR-Bürgerrechtler um diesen Slogan kämpften, der für sie die Hoffnung auf einen wirklichen Sozialismus bedeutete, ist er für die radikale Westlinke zu nationalistisch.

In der Politik werden mit Begriffen oft Gegner abgewertet und diffamiert. Der PDS gelang es nach ihrem Einbruch zu Wendezeiten wieder aufzuerstehen, indem sie sich als ostdeutsche Volkspartei z.B. mit solchen Slogans wie „Wir sind Menschen 2. Klasse“ hochstilisierte. Paradox, denn die Politik der SED in der DDR war schuldig, dass die Menschen in der DDR eine Umbruchsituation herbeiführten. Nun war die PDS plötzlich die Partei für ostdeutsche Interessen.

Kritisch denkende Menschen lehnen viele Begriffe, wie sie von der etablierten Politik erzeugt werden, ab. So den Begriff Leistungsgesellschaft. Ist die Leistung einer Krankenschwester und eines Bauarbeiters so viel geringer einzuschätzen als die Leistung von Michael Schumacher oder Dieter Bohlen, vergleicht man die Einkommensunterschiede. Was ist die Leistung eines Managers gegen die der tausend Mitarbeiter, die er entlässt.

Auch bei aktiven Erwerbslosen tobt ein Kampf um die Begriffe „Arbeitslosigkeit“ vs. „Erwerbslosigkeit“, denn sie sind nicht arbeitslos, weil sie sich aktiv engagieren, sondern nur erwerbslos, d.h. sie beziehen ein Transfereinkommen. Und auch über den Begriff „Transfereinkommen“ kann man sich streiten, weil er politisch besetzt ist. Steht nicht jedem ein Einkommen zu, ob er/sie nun arbeitet oder nicht. Der Begriff suggeriert, dass es eine Sozialleistung ist, weil man nicht selbst in der Lage ist, sein Einkommen zu sichern, er drückt damit schon die Unmündigkeit aus.

Mit Sprache wird Macht ausgeübt, insbesondere sozial Entrechtete bekommen das zu spüren. Auch der Arbeitsbegriff ist zu hinterfragen, ist die Arbeit in einem Callcenter, nur weil sie bezahlt wird, wertvoller als politische Arbeit, z.B. die Organisation einer Veranstaltung, die nicht bezahlt wird. Ist die Produktion immer mehr überflüssigen Konsummülls wertvoller als die Organisation eines Erwerbslosentreffpunktes, durch den Erwerbslose aus ihrer Isolation geholt werden.


Sprache wird auch zur Manipulation genutzt.

Zum Beispiel werden unwahre Informationen bzw. Behauptungen solange wiederholt, bis sie geglaubt werden. Oder es werden unvollständige Informationen gegeben, indem man wesentliche Inhalte verschweigt, was sehr verbreitet ist.

In den heutigen Maistreammedien wird oftmals nur Detailkritik geübt, wenn überhaupt, die Zusammenhänge werden verschwiegen. Aber auch durch Überinformation kann man desinformieren und z.B. negative Aspekte verstecken. Wir sind heute alle mit einer Informationsflut konfrontiert, trotzdem fühlen sich gerade kritische Menschen im Neoliberalismus schlecht informiert. Oftmals sind die Informationen ungenau.

Auch ein Informationsgefälle z.B. innerhalb einer Hierarchie ist ein Instrument von Herrschaft. Häufig gibt es Fehler bei der Übermittlung, z.B. durch die Taktik des „Über-die Köpfe- Hinwegredens“. (Lay, S.39) Und oftmals gibt es auch bei der Verarbeitung der Informationen Fehler.

Rupert Lay schreibt: „Wenn du manipulieren willst, bestärke die Zuhörer in ihren Vorurteilen, dann werden sie dir willig wie Schafe folgen, wohin auch immer du sie führst.“ (Lay, S.46)

Er unterscheidet mehrere Typen der Manipulation, so die politische Manipulation. Politiker reden gern von mündigen Bürgern: „Indem man ihre Mündigkeit betont und ihnen damit hilft, das meist uneingestandene Wissen der eigenen politischen Unmündigkeit ins Unbewußte abzudrängen, indem man ihnen also einen Teil ihrer Mindergefühle nimmt, macht man sie zu willfährigen Werkzeugen.“ (Lay, S.184) Lay spricht davon, dass sich die Staatsgewalt manipulierend legitimiert.

Es gibt auch die ökonomische Manipulation. Der „Arbeitgeber“ motiviert die „Arbeitnehmer“ zu höherer Leistung, er bindet sie an den Betrieb. Er manipuliert sie, damit sie sich mit seinen Interessen solidarisieren. Aber auch die Konsumenten werden durch den Produzenten manipuliert. Der Produzent versucht, sie an sich zu binden. Er benutzt die Technik der Werbung und gewöhnt sie an Wohlstand.

Zudem gibt es auch die soziale Manipulation in der Gruppe und der Familie, sowie die religiöse Manipulation. Durch manipulatorische Techniken werden Gefühle angesprochen oder Ängste anderer genutzt. Zum Beispiel lebt die Diskussion um den Sicherheitsstaat in Zeiten sozialer Verunsicherung stark von diffusen Ängsten und einem Sicherheitsbedürfnis der Menschen.

Politiker, aber auch Intellektuelle haben ein Monopol auf Meinungsäußerung.


Die feinen Unterschiede

Um sich in diesen Gefilden zurecht zu finden, muß „man eine bestimmte Sprache beherrschen und über eine bestimmte Kultur verfügen...Im Bereich der Politik, aber nicht allein dort, verurteilen die offiziöse Kultur und der von ihr beanspruchte Respekt diejenigen zum Schweigen, die nicht als Träger dieser Kultur anerkannt sind.“, so Pierre Bourdieu. (Bourdieu, S. 14ff.)

Die zum Schweigen Verurteilten haben „die Wahl zwischen der ihnen fremden und aufgezwungenen ‘offiziösen Sprache’ oder ihrer eigenen Umgangssprache.“ (Bourdieu, S.27) Die anderen sind dagegen selbstsicher mit einer „Leichtigkeit im sprachlichen Ausdruck“. (Bourdieu, S.27)

Die feinen Unterschiede bestehen im ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapital. Das ökonomische Kapital drückt sich im Besitz von Geld und Eigentum aus. Soziales Kapital ist ein Beziehungsnetzwerk und erfordert ständige Beziehungsarbeit. Das kulturelle Kapital unterscheidet sich zwischen einem verinnerlichten, inkorporierten Zustand aus, einem objektiviertem Zustand (in Form von kulturellen Gütern) und einem institutionalisiertem Zustand (schulische und akademische Titel).

Der Verinnerlichungsprozeß kostet Zeit. „Wer am Erwerb von Bildung arbeitet, arbeitet an sich selbst, er ‘bildet sich’.“ (Bourdieu, S.55) Inkorporiertes Kapital wird zum Habitus. „Jeglicher Diskurs ist das Produkt des Zusammentreffens eines sprachlichen Habitus...Folglich sind alle diese Kommunikationsbeziehungen auch Machtbeziehungen und es hat auf dem sprachlichen Markt immer Monopole gegeben...u.a. die Wissenschaftssprache...“ (Bourdieu, S.81)


All jene, die in der Sprachlosigkeit aufgewachsen sind oder zum Beispiel durch Krankheit wieder in die Sprachlosigkeit gefallen sind, müssen in einer Gesellschaft, die sie sprachlos macht, sich eine Sprache des Widerstandes aneignen. Lassen wir uns nicht tagtäglich demütigen und knechten!

Sprache zur Waffe machen!!!

PS: Aber keine Propagandasprache!

 

Basil Bernstein, Studien zur sprachlichen Sozialisation, Pädagogischer Verlag Schwann Düsseldorf 1972

Rupert Lay, Manipulation durch die Sprache, Ullstein Frankfurt/Main, Berlin 1992

Pierre Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht, VSA Verlag Hamburg 2005