Sport und Nationalismus


Sport hatte in der DDR eine große Bedeutung. 203 Olympia-Goldmedaillen gingen an die DDR, insgesamt 755 Olympiamedaillen. 768 Weltmeister und 747 Europameister waren DDR-Sportler. Zunächst nahmen DDR-Sportler im Rahmen der gesamtdeutschen Mannschaft an olympischen Spielen teil, ab 1968 gab es eine eigene Mannschaft der DDR. Die Erfolge der DDR-Sportler sind auf eine systematische Sportführung und wahrscheinlich auch auf ein ausgiebiges Doping zurückzuführen. Die Erfolge sollten das Selbstbewußtsein der DDR-Bürger stärken, sie sollten auf ihre Nation stolz sein. Damit sollte auch die Überlegenheit des Sozialismus demonstriert werden und man wollte internationales Ansehen gewinnen. Mit der Vereinigungseuphorie und den Rufen „Wir sind ein Volk“ erwachte auch im vereinten Deutschland der Nationalismus. Erinnert sei an das Meer von Deutschlandfahnen. Danach ernüchterte die Bevölkerung, besonders im Osten. Patriotismus gäbe es höchstens noch als „Angebot der Erlebnis- Industrie“ und „Event-Kultur“ wie Robert Misik schreibt. (Robert Misik, Das Kultbuch, Aufbau-Verlag Berlin 2007, S. 108) Die Nation wird selbst zur Marke. Deutschland hat ein schlechtes Image, nicht nur wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit, sondern es gilt als fad. Also muß Deutschland für Investoren und Konsumenten im Ausland attraktiv gemacht werden. Sie müssen betört werden. Das Image Deutschlands muß verändert werden. Und so wurden Deutsche bei der Fußball-WM präsentiert, die viel Spaß haben. Gerade dieser Spaß der Mehrheit mit den vielen Deutschland-Fahnen löste bei mir Panik aus. Glücklicherweise ist dieser Spuk wieder vorbei, der Alltag trat ein. Hier ein Text, den ich in WM-Zeiten schrieb:

Zu Gast bei Freunden. Nicht mal bei der Wiedervereinigung haben wir so viele schwarz-rot-goldene Fahnen gesehen, wie bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Unsere werte Kanzlerin empfahl Frauen, schwarz-rot-goldene Ohrringe zu tragen. Der Deutsche fühlt sich wieder wohl in seiner Heimat, ist stolz auf sein Land und zeigt Patriotismus. Und alle freuen sich darüber.

Früher war Nationalstolz verpönt, allen Grund hatten die Deutschen. Denn der Dämon Masse und der Führerkult im Nationalsozialismus führten in Auschwitz in die Gaskammer. Hitler appellierte an die nationalistischen Gefühle der Massen. Die Masseninszenierungen im Nazireich wurden perfektioniert. Und ohne den autoritären Charakter der Massen, eben auch der Arbeiter, hätte es so den Nationalsozialismus nicht gegeben. Heute beim Marketing-Charakter erfolgt die Gleichschaltung eben anders, mittels Soaps, Talkshows, Fußball und vieles mehr. Das sich der Kapitalismus heute so sicher ist, liegt natürlich vor allem am Scheitern des Realsozialismus und der Arbeiterbewegung. Letztere hatte versucht die vermeintlich revolutionäre Masse in eine Klasse zu verwandeln, dazu wurde das Lumpenproletariat vom richtigen Proletariat abgespalten. Zu den Arbeitslosenprotesten 1892 sagte Engels: „Ich bin froh, dass die Berliner Krawalle vorüber sind und dass unsere Leute sich so stramm davon zurückgehalten haben.“ Und Wilhelm Liebknecht: „Ehrliche Arbeiter sind keine Lumpen.“ Der Proletarier sollte nicht spontan und rebellisch sein, sondern diszipliniert. Somit war das Proletariat bereits die zivilisierte Ausgabe der eigentumslosen, rebellischen Massen. Die Verspießerung der Proletarier erreichte ihren Höhepunkt im Wirtschaftswunder und in der DDR. Wandlitz- das Paradies der Kleinbürger. Auch die Masseninszenierungen wie Militäraufmärsche, Fakelumzüge und Fahnenappelle wurden in der DDR weiter zelebriert, allerdings ohne Massenwirkung.

Einen Militäraufmarsch durften wir sogar noch 2005 mit dem Großen Zapfenstreich erleben. Man bemüht wieder das Militär, um nationale Stärke zu zeigen, und eifert Preußen und Amerika nach- Militär und Gefängnisse- das sind die Renner in den USA. Na wie wärs, das schafft doch Arbeitsplätze.

Die Herrschenden versuchten die Massen aber auch schon immer anders zu bezähmen, z.B. durch Religionen. Die Ersatzreligion heißt heute Fußball mit einem schönen Schuß Kommerzialisierung und Nationalismus.

Der Kapitalismus sitzt schon so tief in den Knochen, das man sich leider schon fast an den Kommerz gewöhnt hat. Ungewöhnlich erscheint bei der WM eher das Meer von Deutschlandfahnen zu sein. Der Nationalismus erwachte, als Deutschland wiedervereinigt wurde. Kohl winkte mit der DM und die Masse der sogenannten sozialistischen Menschen folgten ihrem neuen Führer. Den nationalistischen Masseninszenierungen bei der Wiedervereinigung folgten schließlich die Asyldebatte und die Hatz auf Ausländer. Viele Tote gab es seitdem in Deutschland. Ja, Deutschland ist wirklich wieder normal.

Aber die Fußball-WM ist ja nur eine Party, so wird es uns jedenfalls weisgemacht. Endlich stellt sich wieder ein „Wir“-Gefühl ein. Wir sind wieder wer. Nation und Fußball verschmelzen. Zuvor waren wir ja schon Papst und „Du bist Deutschland“.

Warum das alles nur?

Der Wohlfahrtsstaat hatte die aufständische Masse in eine einsame Masse aus Individualisierten verwandelt. Zuerst fuhren die Leute nach Ulrich Beck „im Fahrstuhl nach oben“. Heute fahren immer mehr „im Fahrstuhl nach unten“, die sozialen Probleme nehmen zu, die Zahl der Erwerbslosen und Prekarisierten wächst zusehens. In Zeiten, in denen sich viele in ihrer Existenz bedroht fühlen, klammern sie sich an den Container Nationalstaat. Und die Herrschenden und Medien inszenieren wieder nationalistische Massenaufmärsche, pardon Partys. Aber der Nationalismus wird den Existenzbedrohten nichts nützen, denn das globale Kapital braucht viele nicht mehr zum Ausbeuten. Der Deutsche muß sich mit jeder Arbeitskraft auf dem Globus vergleichen. Und der Deutsche muß dazu lernen, Freerk Huisken fasst die Differenz der herrschenden Politik und der Rechtsradikalen in der Ausländerpolitik auf 2 Wörter zusammen: Deutschland, den Deutschen, nicht alle Ausländer raus.

Viele Migranten sind heute schon die Vagabunden, die wissen, dass sie nicht lange bleiben werden, denn sie sind nirgends willkommen, sie erleben die Welt als unerträglich ungastlich. Den Vagabunden stellt Zygmunt Bauman die Touristen entgegen. Modern sein, heißt unterwegs sein. Viele Deutsche sind noch Touristen, arbeiten im Ausland mal da und dort, wo es gerade attraktiv ist, haben ihr Häuschen auf Mallorca oder sonst wo. Aber auch hier wird es immer mehr Vagabunden geben, die wegziehen, weil sie müssen und hoffen auf eine neue Chance. Die Reichen brauchen die Armen nicht mehr. Die Armen sind keine Reservearmee mehr, sie haben keinen Nutzen, sie sind überflüssig. Die früheren gefährlichen Klassen werden heute als kriminelle Klassen umdefiniert. Die Herrschenden versuchen eine Doppelstrategie: die Kriminalisierung der Armut und die Brutalisierung der Armen. In den USA sind sie diesbezüglich schon weiter.

Die Überflüssigen hier werden isoliert, damit sich ihre Nöte nicht zu kollektivem Protest entwickeln können. Und sie werden in den Arbeitsdienst getrieben, damit sie kontrolliert werden können.

Nichts brauchen die Herrschenden jetzt mehr als den Kitt „Nationalstolz“ und ein „Wir-Gefühl“. Die Deutschen sollen wieder anpacken, damit es mit Deutschland wieder bergauf geht. So die Politiker bei Sabine Christiansen. Diese konnten während der WM dann auch Reformen durchpeitschen. Der Sozialabbau geht weiter, mal sehen, was sie sich zur Ablenkung noch einfallen lassen.

Markt und Staat sitzen uns in den Knochen, lassen wir uns nicht die Gehirne vernebeln. Lassen wir uns nicht verblöden. Geistiges Elend ist genauso schlimm wie materielles Elend.

Deutsche Normalität in 2 Sätzen kurz zusammengefaßt:

Im Clement-Papier „Vorrang für die Anständigen“ wurden Erwerbslose als Parasiten bezeichnet.

Das Hessische Justizministerium forderte elektronische Fußfesseln auch für Langzeitarbeitslose, damit sie ihre Zeit besser strukturieren können.


FINALE!