Von der „Fürsorge" zur Sozialpädagogik

Auch in der Sozialarbeit vollzieht sich mit der Ökonomisierung im Neoliberalismus ein Wandel. Die Klienten sollen aktiviert und zu eigenem Handeln motiviert werden, die Sozialarbeiter nach betriebswirtschaftlichen Kriterien arbeiten. Die Klienten werden zu Kunden, die Eigenverantwortung sei das Entscheidende. Soziale Arbeit wird zur Zwei-Klassen-Sozialarbeit. Die Erfolgversprechenden und Fähigen sollen aktiviert werden, für die anderen gibt es eine Grundversorgung (Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern, Notunterkünfte, Almosen). Während die Aktivierung professionell erfolgt, wird die Grundversorgung ehrenamtlich oder mit Niedriglöhnen sichergestellt. Mit der Aktivierung sollen die Klienten wieder dem Arbeitsmarkt zugeführt werden. Fordern und Fördern heißt das Motto. Werkzeug des Staates ist eine Sozialtechnologie, wie Profiling, Case-Management, Eingliederungsvereinbarungen etc. Im Workfare-Staat müssen die Leistungsempfänger eine Gegenleistung bringen. Wer da nicht mitmacht, wird sanktioniert. Der Workfare-Staat ist autoritär. Gleichzeitig aber auch neoliberal, denn die Behörden werden zu Dienstleistungsunternehmen umgebaut.
In der DDR gab es keine Sozialpädagogik, sondern das System nannte sich Fürsorge. Heimerziehung, Jugendhilfe, Alkoholikerhilfe etc. Die sozialen Probleme sollten in der DDR ja endlich beseitigt werden, vor allem durch Wegsperrung. Auch in der Kirche gab es soziale Arbeit. Die Offene Arbeit war Auffangbecken vieler abweichender Jugendlicher. Nach der „Wende" gab sich das oft. So ein Sozialdiakon, der in Ostberlin zu DDR-Zeiten Punks betreute, nach der „Wende" zum Sozialstadtrat aufstieg und sich über Punks, die jetzt Hausbesetzer waren, erregte. Das paßte politisch nicht mehr ins Konzept. Ganz abgesehen von den staatlichen Trägern der Fürsorge. Prof. Eberhard Mannschatz war der einzige Sozialpädagogik-Professor in der DDR. Er war zwischen 1966 und 1991 Professor an der Ostberliner „Elite"-Humboldt-Universität. Auf der Website: www.jugendwerkhof.info, wo sich ehemalige DDR-Heimkinder austauschen, wird er der „Ewig Gestrige" genannt. Seine Publikationsliste ist lang, auch im Westen Er hat Mitteilungsbedarf. Die Heimkinder aber auch. Es gab geschlossene Heime und Jugendwerkhöfe in der DDR. Von 1965 bis 1989 befand sich in Torgau der einzige "Geschlossene Jugendwerkhof" der DDR, in dem "schwererziehbare" Kinder und Jugendliche unter gefängnisähnlichen Bedingungen gefangengehalten wurden. Auch heute wird der Ruf nach geschlossenen Heimen und Erziehungscamps wieder laut. Die Jugendwerkhöfe in der DDR sind mit denen im Jugendstrafsystem der USA vergleichbar, z.B. mit den dortigen Jugendarrestanstalten. Die Gesellschaft fühlt sich in Zeiten der Unsicherheit von den abweichenden Jugendlichen bedroht, in Deutschland insbesondere von den ausländischen kriminellen Jugendlichen. Immer wenn die Gesellschaft sich selbst nicht in einem guten Zustand befindet, wird sie zur geschlossenen Gesellschaft, die ihre Türen verriegelt. Vorbei die Zeiten der 68er. Die Heimkampagne von Ulrike Meinhof. Die Flucht der Jugendlichen aus den geschlossenen Heimen der BRD. Jugendliche, die rebellierten. Herbert Marcuse und die Randgruppentheorie. Linke entdeckten Randgruppen als rebellisches Subjekt. Die Erfahrungen der vielen SozialarbeiterInnen, die die 68er Bewegung hervorbrachte, besagten etwas anderes. Die Suche nach dem revolutionären Subjekt wich immer mehr paternalistischer Betreuungsarbeit. Der Sozialstaat im Westen brachte massenhaft Sozialarbeiter hervor, was mit dieser Profession los ist, erfuhr man spätestens bei Einführung von Hartz IV bzw. bei der Einführung der Ein-Euro-Jobs. Sozialarbeit und Sozialpädagogik beschäftigt sich mit den problematischen Lebenslagen von Menschen. Dabei soll die Sozialpädagogik auch einen gesellschaftlichen Blick haben. Aber wo blieb der Aufschrei der Sozialarbeiter bei Einführung von Hartz IV, nämlich bei der Verschärfung der Lebenslagen vieler Klienten.
Der Deutsche Berufsverband für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Heilpädagogik (DBSH) sprach sich gegen die Umsetzung des Hartzkonzeptes aus und forderte einen neuen „geschützten" (d.h. natürlich betreuten) 1. Arbeitsmarkt. Und was war sonst zu vernehmen? Mitten im neoliberalen Umbau des Sozialstaates stritten sich die Sozialarbeiter, ob ihre Profession ein politisches Mandat hat. Politisierung, die nach 1968 selbstverständlich war, bedarf heute einer Begründung. Die Gegner des politischen Mandates sehen Sozialarbeit als anerkannten normalen Dienstleistungsberuf, der einen professionellen Auftrag hat. Befürworter differenzieren zwischen einem Mandat durch den Staat, die Sozialarbeiter selbst oder durch die Klienten. Ansonsten ist von Sozialarbeitern kaum etwas zu hören, die Konzepte neoliberaler „Modernisierung" werden brav durchgewunken, wie z.B. das Programm „Soziale Stadt" Hartz IV und die Einführung der Ein-Euro-Jobs. Ruhe ist eingetreten. Jahrelang haben Sozialarbeiter davon profitiert, daß Politik scheiterte, es sei denn, sie hat überhaupt Interesse an der Beseitigung sozialer Probleme. Die Sozialarbeit hat sich im Sozialstaat erfolgreich eingerichtet, Sozialstaatskritik spielt keine Rolle. In der Ausbildung herrscht „objektive" Wissenschaftlichkeit, bei den Trägern Wirtschaftlichkeitsstreben. Die Sozialarbeit ist durch gesetzliche Vorgaben und staatliche Mittelzuweisungen an ihre Grenzen gestoßen. Die Theorie gießt beständig alten Wein in neue Schläuche. In Zeiten knapper Kassen und einem wachsenden Legitimationsdruckes ist nicht mit einer Repolitisierung zu rechnen, eher mit einem sozialtechnischen Umbau des Sozialstaates. Betriebswirtschaftliche Begriffe und Denkmodelle haben in der Sozialarbeit Einzug gehalten. Kosten-Nutzen-Rechnungen, Leistungsdenken und Management haben Konjunktur. Aus Sozialarbeitern werden Sozial-, Quartiers-, Case-, Fall-, Qualitätsmanager usw. Das Soziale wird ökonomisiert und privatisiert. Vorbei sind die Zeiten einer politisierten Sozialarbeit der 70er Jahre, die sich als Speerspitze einer gesellschaftlichen Erneuerungsbewegung, jedoch auf der Seite der Reformen gefesselt sah. Genau das ist eingetreten, was damals an der Sozialarbeit kritisiert wurde. Sie individualisiert Probleme und stabilisiert die Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse. Ohne die Politisierung der Sozialarbeit wäre es aber nicht zu den Reformen gekommen, die heute Standard sind und z.T. wieder zurückgenommen werden, so wird wieder über geschlossene Heime diskutiert. Aber auch die „soften" Lösungen der Sozialarbeit haben ihre Tücken, wie z.B. die gemeindenahe Psychiatrie. Ginge es nach der Sozialarbeit, würden wir bald in einem Betreuungsstaat leben. Beschäftigung oder Betreuung...Die Repression wird größer, die Sozialarbeiter werden daran beteiligt sein. Sozialarbeiter haben dafür zu sorgen, daß sich ihre Klienten an die gesellschaftlichen Zwangsverhältnisse anpassen. Sie haben in der Regel wenig Interesse an der Beseitigung der Ursachen sozialer Probleme, das würde ihr Handlungsfeld verkleinern. So pathologisieren sie ihre Klienten statt sie zu politisieren. Hieß es in den 70er Jahren noch: „Wir müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse so verändern, dass Soziale Arbeit überflüssig wird." so wurde in den 80er Jahren ergänzt „...aber bei vollem Lohnausgleich". Gab es noch am Beginn der Akademisierungs- und Professionalisierungsbemühungen einen Politisierungsschub, so setzte mit der Professionalisierung eine Entpolitisierung und ein Psychoboom ein. Soziale Arbeit ist durch diese Professionalisierung abhängig von politischen Entscheidungen und Ressourcenzuweisungen. Die Staatsknete machte viele Projekte unpolitisch. Es wird um knappe Mittel konkurriert. Kann man sich da eine kritische Distanz zu politischen Programmen leisten, durch die Aufgaben und Mittel zugewiesen werden und von denen man profitiert ? Wo bleibt die politische Verantwortung der Sozialarbeiter, wo die soziale Gerechtigkeit ? Und wo bleibt die politische Selbstbestimmung und Selbstorganisation der „Klienten"? Sozialarbeit ist damit nur noch eine personenbezogene, soziale Dienstleistung, um den neoliberalen Begriff zu verwenden. Der Staat gibt der Sozialarbeit das politische Mandat, sich am neoliberalen Umbau des Sozialstaates zu beteiligen, politische Entscheidungen nicht zu hinterfragen und sich dem Markt zu öffnen. Auch wenn viele soziale Projekte existentiell gefährdet sind, so ergeben sich durch neue politische Programme immer wieder neue Arbeitsfelder. Ob es Gender, Rechtsextremismus und akzeptierende Jugendarbeit, Soziale und Gesunde Stadt oder Beschäftigung für Langzeitarbeitslose sind. Die Beschäftigungsmafia hat sich besonders seit 1989 sagenhaft ausgebreitet. Leitbild im aktivierenden Sozialstaat ist die Herstellung der Arbeitsfähigkeit und das Hineindrängen der Erwerbslosen in prekäre Beschäftigung. Sozialarbeit wird zum Partner von neoliberaler Politik und Arbeitgeberlager. Beschäftigung, Betreuung oder Repression werden die Wahlmöglichkeiten der Betroffenen sein. Sozialarbeiter werden die „Defizite", „Störungen" und Probleme der Erwerbslosen behandeln und diese persönlichen Probleme aus dem gesellschaftlichen Kontext herauslösen. Das entwürdigende Zuschreiben von Defiziten dient der Rechtfertigung von Maßnahmen, um Stundenkontigente wird gefeilscht. Die Orientierung an der Perspektive der Adressaten Sozialer Arbeit wird wiederum durch die Orientierung auf Wettbewerb und ökonomischer Steuerung verdrängt. Die Wettbewerbsstrukturen führen zur Tarifflucht und Dumpinglöhnen in der Sozialarbeit. Prekäre Beschäftigung nimmt in der Sozialarbeit zu, den Sozialarbeitern sitzt die Angst im Nacken, selbst erwerbslos zu werden. Viele kleine soziale Projekte wurden bereits abgewickelt bzw. sind in ihrer Existenz gefährdet. Andere haben sich in marktförmige GmbHs umgewandelt. Statt gemeinsam mit den „Klienten" auf die Barrikaden zu gehen, ist bei den Sozialarbeitern eher mit Anpassung zu rechnen. Sie werden zu Helfershelfern der Durchsetzung neoliberaler Politik. In der Sozial Extra schreiben Werner Schönig: „ Gerade in Zeiten leerer öffentlicher Kassen geraten die Verbände in Gefahr, ihre anwaltliche Funktion als Interessenvertretung der Klienten zu Gunsten einer Arbeitgebersicht im Sinne der Versorgung ihrer Mitarbeiter zurückzustellen." und Albert Scherr: „Unbestreitbar ist auch, dass die Soziale Arbeit durchaus auch eigene Interessen an der Arbeitslosigkeit entwickelt hat: Maßnahmen und Projekte für Arbeitslose haben erheblich zur Überwindung der Arbeitslosigkeit von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen sowie zur qualitativen und quantitativen Expansion der Sozialen Arbeit beigetragen." Der Druck auf Erwerbslose wird durch die Mitarbeit der Sozialarbeiter erhöht. In der Beschäftigungsförderung geht es darum, die Menschen in Bewegung zu halten, unter Druck zu setzen und unter Aufsicht zu stellen. Oftmals werden dafür sinnlose, unwichtige Tätigkeiten geschaffen, sei es durch Beschäftigungsförderung durch staatliche Maßnahmen oder durch Trainingsmaßnahmen, die ausschließlich der Disziplinierung dienen und durch Strategien der Demütigung aus dem Leistungsbezug herausdrängen sollen.
Bezeichnend ist dann auch, daß sich zur „Zukunft der Arbeit„ in der Sozial Extra folgendes neoliberales Gedankengut fand: „Darüber hinaus wird man ernsthaft darüber nachdenken müssen, ob der Bezug von Sozialhilfe generell mit der Verpflichtung zu einer sozial nützlichen Tätigkeit verknüpft werden sollte, um auch auf diese Weise einen starken Anreiz zu schaffen, sich aktiv um reguläre Erwerbsarbeit zu bemühen. Die Etablierung eines Niedriglohnbereichs ist kein sozialpolitischer Sündenfall, sondern ein auch in sozialer Hinsicht notwendiger Versuch, die Beschäftigungschancen von Ungelernten zu verbessern...Die im „Job-Aqtiv-Gesetz„ angelegte Philosophie des Förderns und Forderns weist durchaus in die richtige Richtung...Der Arbeitsmarkt braucht dringend mehr Kundenorientierung...Für die Sozialarbeit bedeutet der Wandel und die „Unsicherheit in der Unübersichtlichkeit" eine große Herausforderung." (Holger Hinte, alle Zitate 7-8/2002) Nicht das Leitbild der Anfänge der Fürsorge „Liebe Deinen Nächsten„ ist heute „on„, sondern „Jeder ist sich selbst der Nächste„.