Sex & Drugs & Rock 'n' Roll

PUNK IST IM KOPF!!!

Sex

Ausschlaggebend für die Liberalisierung der Sexualkultur in der Bundesrepublik waren die Erfindung der Antibabypille, die Sexwelle in den Medien und der Werbung sowie die politische Mobilisierung gegen den sexuellen Konservatismus. Die sexualmoralischen Vorstellungen wurden gelockert. 1969 wurde die Homosexualität entkriminalisiert, 1976 teilweise die Abtreibung. Es wurde die sexuelle Befreiung propagiert. Im Gegensatz dazu befinden wir uns heute im Aids-Zeitalter...

Drogen

Hier stellen wir uns meistens das Elend des Junkies vor. Die jugendlichen Drogenkonsumenten, die nonkonformistische und rebellische Einstellungen zeigten, kamen erst in den 60er Jahren auf. Die Hippie- Bewegung wurde zum Vorreiter des Drogenkonsums von Jugendlichen in den westlichen Ländern. Zuvor gab es nur einige wenige Morphinisten, Kokain- und Heroinsüchtige, die oftmals im mittleren Alter sozial integriert waren. Die jugendlichen Drogenkonsumenten der 60er Jahre waren dagegen Teil der Gegenkultur. In dieser Zeit wurde viel mit Drogen experimentiert. Die protestierende Jugend ging auf Distanz zur herrschenden Normalität. Zur Inszenierung des Anderssein gehörte auch der Drogenkonsum, der eine Kampfansage an die Gesellschaft war. Durch die Drogen, wie auch durch die Musik und das Aussehen, wurde die Subkultur geprägt.
Das LSD, erstmals von Albert Hofmann synthetisiert, gelangte 1949 in die USA. Das LSD wurde zunächst in der psychiatrischen Forschung eingesetzt, man wollte mehr über die chemischen Ursachen von Psychosen erfahren. Der Literat Aldous Huxley experimentierte mit LSD und schrieb über seine Drogenerfahrungen. Durch Timothy Learys Auftreten seit 1963 weitete sich die Diskussion über das LSD aus. Er wurde zum Propheten der psychedelischen Bewegung und propagierte die Bewußtseinserweiterung durch LSD. Seine Botschaft war: „turn out, tune in, drop out", die LSD-Konsumenten sollten den Ausstieg aus der Gesellschaft suchen. Mit dem Anwachsen der Hippie-Bewegung (zuvor Gammler) ab Mitte der 60er Jahre wurde der Psychedelismus zur Leitideologie. Jürgen Helm stellte bei der Auswertung von Spiegel-Artikeln fest: „Zusammenfassend läßt sich schlußfolgern, daß der öffentliche Diskurs über Rauschmittel und ihre Wirkungen in der Bundesrepublik bereits ab Mitte der sechziger Jahre, also vor der sogenannten ‘Drogenwelle’ eingesetzt hatte. In diesem Diskurs spielten gerade in den Jahren 1966 bis 1970 Gedanken des Psychedelismus eine wichtige Rolle." (Kaufmann, S.181) Die Drogenwelle war von 1970 bis 1973. Wurden laut Spiegel 1968 27 „Trips" sichergestellt, so waren es 1970 170 000. Seit 1970 wurde auch verstärkt in den Medien über die Folgen des Drogenkonsums und- handels berichtet. Zu Beginn der Drogenwelle waren die mittleren und gehobeneren sozialen Schichten besonders betroffen, später die unteren Schichten. Insbesondere rebellierende Arbeiterjugendliche schlugen Drogenkarrieren ein, während sich Jugendliche aus höheren Schichten nach der Protestphase wieder ihrem Studium und der Karriere widmeten.
Je stärker die Gesellschaft repressiv reagierte, desto mehr verlagerte sich der Drogenkonsum von den halluzinogenen, experimentellen Stoffen (wie LSD) zu harten Drogen, die sich besser als Fluchtmittel eigneten. Ob Partydroge wie das Ecstasy in den Clubs oder die Leistungsdroge wie das Kokain der Schickeria, das wirkliche Problem ist die illegale Drogenszene (Heroin). Womit sollen Jugendliche heute noch schockieren? Mit der Kommerzialisierung jeglicher Jugendkulturen ist der Provokation der Boden entzogen. Illegale Drogen werden damit zur letzten Bastion von rebellierenden Jugendlichen, mit den illegalen Drogen wird dem Spießertum eine Absage erteilt, damit dokumentieren Jugendliche ihr Anderssein. Jugendliche Konsumenten von harten Drogen sind heutzutage oft Straßenkinder. Der Drogenkonsum ist Teil ihres Lebens auf der Straße, wo sie mit Gewalt, Drogenhandel, Kriminalität und Prostitution konfrontiert sind. Die Straßenkinder haben oft Gewalt- und Suchterfahrungen in der Familie kennengelernt, die Beziehungen zu ihren Eltern sind schlecht. Häufig schwänzen sie die Schule, und so sehen auch ihre beruflichen Perspektiven schlecht aus. Durch die Kriminalisierung der Drogenbeschaffung und des Drogenkonsums ist die Drogenszene mit der organisierten Kriminalität und der Repression der Polizei konfrontiert. Die Knäste sind voll von Konsumenten harter Drogen. Zusätzlich sind sie oft auch noch mit HIV und Aids belastet. So wurde aus Protest existentielles Elend. Viele, die damals noch experimentierten, sind inzwischen tot. Dem Elend der Drogenkonsumenten in den Industriestaaten, die meistens Absatzgebiete sind, steht das Elend der Menschen in den Anbaugebieten gegenüber. Zum Drogenanbau treibt das Elend viele Menschen in der Dritten Welt. Diesen bleibt am wenigsten vom Milliardengeschäft „Droge". Günter Amendt beschreibt, wie die Drogenmafia ihre Referenten in der Politik hat. Alle relevanten Geheimdienste seien in „kriminelle Machenschaften" verwickelt. Die CIA sei phasenweise das kriminelle System selbst. (Günter Amendt, No drugs, no future, Europa Verlag Hamburg 2003) Amendt fragt sich auch, warum ausgerechnet Cannabis, die harmloseste aller psychoaktiven Substanzen so dämonisiert werden konnte, und beschreibt die Debatte, die ideologisch und emotional bis zum Fanatismus aufgeladen ist. Der Staat versuchte, das Rauchvebot in Kneipen durchzusetzen. Da fragt man sich, was der Staat demnächst verbieten will. Eigentlich verdient er ja nicht schlecht am Tabakkonsum. Vielleicht die Kulturdroge Alkohol? Simon Borowiak schreibt in seinem Buch „Alk": „Die Welt ist ein Jammertal, und es steht nirgendwo geschrieben, daß der Mensch den ganzen Rotz ohne kleine Hilfsmittel ertragen müsse. Ich käme auch nicht im Traum auf den Gedanken, jemanden das Recht auf Rausch abzusprechen." (Simon Borowiak, Alk, Eichborn Verlag Frankfurt am Main 2006, S.6) Wie weise. Ich käme aber auf den Gedanken, dass sich die vielen Arbeits- und Konsumsüchtigen im Neoliberalismus einmal behandeln lassen sollten... Der Kapitalismus leistet süchtigem Verhalten Vorschub. Arbeitskraft und Konsumkraft werden nicht nur ausgenutzt, sondern süchtiges Arbeits- und Konsumverhalten stabilisieren die Gesellschaft.
Funktionieren, konsumieren. Wer nicht funktioniert, und damit auch keine Kaufkraft mehr hat, wird angeprangert. Und wer sich bewußt verweigert, wird als Parasit diffamiert. Überhaupt die Unterschicht. Arbeitslose hätten ein Alkoholismusrisiko, wenn Alkohol schon vorher „Problemlöser" war, sie die Lebenssituation als sehr belastend erleben und wenig soziale Unterstützung haben. Das wird dann Armutsalkoholismus genannt. In der DDR herrschte bekanntlich Vollbeschäftigung und damit der „Wohlstandsalkoholismus". Der Bierkonsum war hoch. DDR-Bürger tranken 16 Liter Spirituosen pro Person und Jahr. Als mit der sogenannten Wende dann der „Wohlstand" in den neuen Bundesländern Einzug hielt, wurden viele Alkoholiker obdachlos. Sucht kann ganz schon gefährlich sein- im Kapitalismus. Arbeits- und Konsumsucht ist dagegen für den Kapitalismus überlebenswichtig. Dagegen gibt es ein Mittel- Verweigerung!

Musik
„Musik ist ein Weg der Befreiung...
Musik ist ein Mittel der Gesundung...
Musik ist Rebellion...
Musik ist Leben...
Musik ist Politik...
Musik ist Bewegung....
Punk heißt: geiler Lebensstil...
Punk heißt: dagegen sein...
Punk ist eine Kunst der Auflehnung...
Punk heißt: auch mal nachdenken...
(beispielsweise beim Wechseln der CD oder zwischen dem zweiten und dritten Bier)
Punk heißt: selbst was tun...
Punk ist im Kopf und nicht in den Nieten auf der Lederjacke..."
(Farin, S.13ff.)

Für Jugendliche sind Outfit und Musik bedeutsam, damit wird Abgrenzung, aber auch Gemeinschaft in einer jugendlichen Subkultur geschaffen. Musik spielte in der Subkultur immer eine große Rolle.
Rock-und Punkmusik hatten ein linkes Image, diese Musik richtete sich gegen Spießer. Als die Rockmusik neu war, traf sie auf Widerstand. Damals war sie Rebellion gegen das Alte. Heute ist Rockmusik ein ausgetrampelter Pfad, hat sich zum Wirtschaftszweig entwickelt. Die Inhalte werden un-, das Marketing wichtiger. Es geht um Plattenverträge, nicht mehr ums Rebellieren. Die Rebellion der Rockmusik ist Geschichte, die zunehmende Vermarktung Realität. Punk provozierte, allein durch Outfit und Passivität. Musik, Outfit und Image waren wichtig und die Gruppenzugehörigkeit. Allerdings kann man heute durch Outfit und Musik niemanden mehr schockieren. Provokation dient heute dazu, mehr Platten zu verkaufen. Chris von Respect dazu: „Heute zu provozieren ist schwer geworden, wo jeder unpolitische Techno-Spinner bunte Haare, Tattoos und Piercings in der Fresse hat und sich nach `nem Punk mit kaputten Klamotten und Iro nicht mal mehr Rentner auf der Straße umdrehen. Das eigentliche Problem ist doch, daß heutzutage alles zur Ware verkommen ist, wirklich alles. Jugendkulturen sind keine außerhalb der Gesellschaft stehenden, verschworenen Gemeinschaften mehr, sondern Talentscouts der Multis suchen nach ständig neuen Szenen, die es zu vermarkten gilt. Das hat zur Folge, daß ständig neue, wildere Trends und vor allem schrille Äußerlichkeiten her müssen, mit denen man `ne schnelle Mark verdienen kann, um im nächsten Jahr neuen Scheiß unters Volk zu jubeln. Nach wirklichen Inhalten und Ideen fragt da niemand mehr, um die geht es auch nicht. Oberflächlich muß es sein und verkäuflich." (Farin, S.71) Und Martin Büsser: „Outfit und eine bestimmte Musik konnten nur solange provozieren, solange es Geschmacksnormen gab. Seit die strenge Kleiderordnung (gegen die sich die ‘Gammler’ in den 60ern noch auflehnten mußten) abgeschafft ist, und selbst Punkrock zum Soundtrack von Fernsehkrimis geworden ist, kann nur noch provozieren, was außer Mode gekommen ist: Inhalt, Argumente." (Farin, S.75)
Gerade Punkmusiker versuchten, sich von der Musikindustrie unabhängig zu machen, durch Gründung eigener Labels. Punk als Jugendkultur versuchte mit eigenen Bands, eigenen Medien, kreativer Mode sich dem kommerziellen Warenkreislauf zu entziehen. Michael Will von Plastic Bomb schreibt: „Der Begriff ‘Independent’ ist schon lange bloße Schaumschlägerei. Damit soll den Käufern/Hörern suggeriert werden, daß die betreffenden Bands völlig unabhängig sind, nur ihr Ding durchziehen und somit Bestandteil einer Sub- und Gegenkultur sind. Das mag einmal so gewesen sein, mittlerweile ist ‘Independent’-Musik jedoch ein fester Bestandteil des Musikbusiness. Nicht selten besitzen große Konzerne und Plattenfirmen ihre eigenen Sektionen und Unterlabel, die sich darauf spezialisieren, eine ganz bestimmte Käuferschicht zu bedienen. Das sind dann in der Regel die Hörer, die aus sozial gesicherten Verhältnissen stammen und den Wunsch verspüren, etwas aufzubegehren. Deren Rebellion reicht dann meistens nur bis zum Tragen eines bestimmten Band-Shirts, dem Verunstalten ihres Kinns mit einem Ziegenbart, oder um mit dem Tragen eines Ohrringes in der Banklehre eine noch nie dagewesene Revolte vom Zaun zu brechen. Diese Leute können es sich meistens auch leisten, teure Eintritts- und Plattenpreise sowie völlig überteuerte Band- Accessoires zu kaufen. Daß sich mit dieser Käuferschicht gut Geld verdienen läßt, hat selbstverständlich auch die Musikindustrie erkannt und liefert das dementsprechende Angebot. Nur eine geringe Anzahl dieser Leute verschafft sich einen tieferen Einblick in die Hintergründe und Inhalte von Punk/ Hardcore." (Farin, S.127)

Klaus Farin, Jugendkulturen zwischen Kommerz und Politik, Archiv der Jugendkulturen Berlin 1998

Matthias Kaufmann (Hrsg.), Recht auf Rausch und Selbstverlust durch Sucht, Peter Lang Verlag Frankfurt am Main 2003