Von einer „unpsychologischen" Gesellschaft zur Psychologisierung und Esoterik

In der Therapie, sie muß sich Überzieher anziehen, im Hintergrund plätschert ein Springbrunnen, sie sitzt der Therapeutin im Sessel gegenüber.

Therapeutin: Wie geht’s Ihnen heute?

Sie: Na ja, bißchen gerädert, bin erst mittags aufgestanden.

Therapeutin: Warum stehen sie denn erst so spät auf.

Sie: Ich konnte nachts nicht schlafen.

Therapeutin: Nehmen sie sich doch einfach mal vor, früh aufzustehen, dann können sie nachts auch schlafen.

Therapeutin: Was haben sie denn gestern gemacht?

Sie: Ich habe eine Veranstaltung vorbereitet.

Therapeutin: Kriegen sie dafür denn wenigstens Geld.

Sie: Nein.

Therapeutin: Warum nicht?

Die Psychologie führte in der DDR ein Schattendasein. In den 50er und 60er Jahren spielte sie keine Rolle, ab 1961 gab es nur wenige Studienplätze an der Humboldt-Uni in Ostberlin. Der Psychologiepapst der DDR war Prof.Klix, der sich besonders durch seine SED-„Qualifikation" ausgezeichnet hatte. Der Marxismus-Leninismus war die vorherrschende Ideologie und die Herrschenden waren nicht an der Ergründung der Seele interessiert. In der DDR fehlte häufig die Sensibilität und das Einfühlungsvermögen, der alltägliche Umgang der DDR-Bürger war oftmals „harsch" und „ungehobelt". Viele Umgangsweisen erschienen „unpsychologisch". Psychologisch sehr geschult waren dagegen die hauptamtlichen Mitarbeiter des MfS. Die Strategie der Zersetzung wurde besonders bei Oppositionellen angewandt. Hans-Joachim Maaz kämpfte zu DDR-Zeiten für psychoanalytische und tiefenpsychologische Therapieformen, die in der DDR tabuisiert waren. Er machte in Wendezeiten im Jugendradio DT64 auf psychosoziale Zusammenhänge und die Situation des gesellschaftlichen Umbruchs in DDR und BRD aufmerksam. Sein bekanntestes Buch war „Der Gefühlsstau". In einem Interview sagte er: „Wer es nicht versteht, sich schnell zu verwestlichen, hat überhaupt keine Chance... Ein Wirtschaftswunder-Ost gibt es nicht. Und damit sinken die Möglichkeiten, Frustrationen über Konsum und soziale Anerkennung abzubauen." (DS 33/2000)

Im Westen wurden vor allem durch die 68er die Psychologie als Herrschaftswissenschaft und die "Psychologisierung" gesellschaftlicher Widersprüche kritisiert. Die kritische Psychologie und die Psychoanalyse spielten in der Studentenbewegung eine große Rolle. Viele Aussteiger suchten z.B. spirituelle Erfahrungen in Indien. Gerade mit dem Rechtsruck in der Gesellschaft seit der „geistig-moralischen Wende" in den 80er Jahren entstand ein riesiger Psychomarkt. Aus der Politisierung wurde eine Psychologisierung gesellschaftlicher Zustände. Spirituelle Traditionen, die über viele Jahrhunderte in den Kulturen der Welt entstanden sind, wurden im Neoliberalismus zu einem Supermarkt der Spiritualität. Sie verkommen zur Ware, mit der Geschäfte gemacht werden. Trends und Moden wechseln sich ab. Spiritualität wird zum Lifestyle. Mit der Innenschau geht der Blick nach außen, auf gesellschaftliche Strukturen und Zwänge, die damit verbunden sind, verloren. Jutta Dittfurth analysierte faschistische und antisemitische Tendenzen in der Esoterikszene. Esoterik beinhaltet u.a. die Mystifizierung der Natur, strenge Hierarchien bis hin zum Führerkult, ein "natürliches" Frauenbild und nicht zuletzt Rassismus. Die Ideologie der Esoterik ist, dass jeder selbst an dem Schuld ist, was ihm widerfährt. Probleme, die es gibt, sind gottgegeben. Die Esoteriker sind die „Erleuchteten", die zu einer elitären Gruppen gehören. Meistens kommen sie aus gutem Hause und haben keine finanziellen Probleme. Inzwischen gehören esoterische Praktiken zum Alltagsleben vieler Menschen, so zum Beispiel bei Managerschulungen. Manager gerade auf der mittleren Ebene setzen oft auf fragwürdige Psycho-Angebote, weil sie perfekt funktionieren und aufsteigen wollen. Die Seminare sind meistens autoritär strukturiert und werfen die Teilnehmer in ein Wechselbad von Verunsicherung und Euphorisierung. Beliebt ist die „Psycho-Physiognomik", die an die NS-Rassenlehre erinnert. Dieses Verfahren solle bei der Personalauswahl hilfreich sein. Aus der Physiognomie wird auf den Charakter geschlossen. Da viele Menschen auf fragwürdige Psychotechniken setzen und damit Profit zu machen ist, sind die Akteure des Psychomarktes dreist und lassen sich auch durch Kritik nicht abhalten. Der Psychomarkt macht enormen Umsatz, er wird jährlich auf über 10 Milliarden Euro geschätzt. Da es kein „Psychotherapie-Gesetz" gibt, ist nicht geregelt, welche unter den unzähligen Angeboten überhaupt als „Psychotherapie" gelten können. Auch eine andere Branche blüht. Der Markt der Lebenshilferatgeber expandiert in Zeiten der Unsicherheit. Diese Ratgeber sind Indikatoren für gesellschaftliche Entwicklungen. Sie versprechen beruflichen Erfolg und persönliches Glück. Nicht die gesellschaftlichen Ursachen von Problemen werden analysiert, es wird an den Symptomen herumgedockert. Der Mensch hat sich zu verändern, die Volkshochschulen bieten z.B. eine zunehmende Anzahl von Selbstmanagement-Kursen an. Voraussetzung für das Selbstmanagement sei das Erkennen eigener Stärken und Schwächen sowie die Bereitschaft, an sich zu arbeiten. Auf der Internetseite der Diplom-Supervisorin Elisabeth Pooth findet sich folgende Anleitung zum Selbst-Design:
„ Kreieren Sie die Marke "Selbst"
Beruflich erfolgreich durch Selbstdesign und Selbst-PR
Um beruflich erfolgreich zu sein, brauchen Sie Selbstsicherheit, Durchsetzungsvermögen und eine unverwechselbare Art. Wie schaffen Sie es, dass man sich an Sie erinnert, dass man mit Ihnen etwas verbindet, dass Sie sich unverwechselbar von anderen abheben? Dazu braucht es etwas mehr, als nur eine Präsenz vor Ort.
Wirklich beeindruckende Menschen haben eine gekonnte Mischung aus Sein, Fähigkeiten, Kenntnissen, Zielen, der Darstellung und der Wirkung auf andere, dem Nutzen für andere und letztendlich der Rückkopplung und dem Nutzen für sich selbst. Wie können Sie es schaffen, andere von sich und Ihren Fähigkeitenzu überzeugen? Machen Sie sich die Konzepte des Brandings zu eigen. Damit eine Marke am Markt bestehen kann, muss sie es schaffen, sich von anderen abzugrenzen (Alleinstellungsmerkmal), sie muss Vertrauen schaffen und Bedürfnisse wecken. Je besser dies gelingt, um so besser etabliert sich die Marke am Markt.
Um die Marke "Selbst" zu kreieren, beginnen Sie mit einer Grundlagenanalyse:
Wo liegen meine Kompetenzen?
Was will ich erreichen?
Wie würde ich mich beschreiben?
Was soll man über mich sagen?
Was kann und/oder will ich für andere tun?
Weshalb bin ich für andere die richtige Wahl?
Entwerfen Sie die Marke "Selbst"
Was macht mich (meine Fähigkeiten) so einzigartig?
Wie lautet mein Ziel?
Wer soll meine Zielgruppe sein?
Welchen Nutzen hat jemand, wenn er mein "Angebot" wahrnimmt?
Wie könnte mein Slogan in eigener Sache lauten?
Planen Sie die Umsetzung und Etablierung der Marke "Selbst"
Wie will ich mich (Slogan) darstellen?
Was brauche ich dazu?
Was muss ich verändern?
Wie muss ich mich verhalten?
Was muss ich tun?
Um die Marke "Selbst" einzuführen, müssen innere wie äußere Gegebenheiten überprüft und aufeinander abgestimmt werden. Ihr äußeres Erscheinungsbild, Ihre (beruflichen) Accessoires, Ihre Kommunikations- und Verhaltensweisen, Ihre Körpersprache, Ihre Intonation, Ihre Aktivitäten im beruflichen Kontext, alles muss überprüft und neu geordnet werden, um im Sinne der Marke "Selbst" ein überzeugendes und stimmiges Bild abzugeben." (www.pooth-supervision.de)
Die Marke muß also ein stimmiges Bild abgeben und sich am Markt abgrenzen. Der Mensch als Marktsubjekt und Ware, das neoliberale Menschenbild. Ein Aufschrei der Psychologie ist nicht zu hören. Aber ein Verstummen vieler Subjekte. Alain Ehrenberg spricht von einem erschöpften Selbst. Immer mehr Menschen können nicht mehr mithalten. „Ein heilloses Umherirren im Supermarkt der Reparaturangebote beginnt." (DIE ZEIT 07.10.2004) Schon Erich Fromm, schrieb, je mehr eine Gesellschaft den Menschen verkrüppelt, um so kränker wird er. Es müßten Menschen erzeugt werden, die zu den Erfordernissen des Systems passen. Aber viele Menschen funktionieren heute nicht mehr. Die Krankheit unseres Zeitalters ist die Depression. Der Stress macht auch immer mehr Berliner krank. Die Zahl schwerer psychischer Erkrankungen ist in den vergangenen Jahren in Berlin stark gestiegen. Wie die Techniker Krankenkasse mitteilte, mussten 2005 insgesamt 49 000 Menschen und damit 11% mehr als 2001 wegen seelischer Störungen in Klinken eingewiesen werden. Ein Sprecher begründete den deutlichen Anstieg mit einer Zunahme der Belastung, mehr Stress im Alltag und einer allgemein größeren Unsicherheit. (Berliner Zeitung 18.9.07)