Philosophieren


Philosophen waren nach den Priestern die ersten professionellen Müßiggänger. Zum Philosophieren braucht man Zeit. Vielen Arbeitnehmern mangelt es häufig an Zeit, während Arbeitslose über ihre viele freie Zeit, die sie nicht mit Lohnarbeit ausfüllen können, verzweifelt sind. Man kann auch über die Verzweiflung philosophieren. Kierkegaard behauptete, dass kein Mensch lebe oder gelebt habe, ohne daß er verzweifelt gewesen sei. Selten sei eher, dass jemand nicht verzweifelt sei. Es sei gerade eine Form der Verzweiflung, dass man sich dessen nicht bewußt sei. Entweder wolle man verzweifelt man selbst sein oder aber ebenso verzweifelt nicht man selbst sein. Dieses bezeichnet Kierkegaard als die zwei Formen bewußter Verzweiflung. Sie setzen Geist voraus. Denjenigen, denen ein reflektiertes Bewußtsein mangelt, bleibt verborgen, daß sie ein Selbst haben. Das ist dann eine unbewußte Verzweiflung, die am meisten verbreitet ist. Die anonyme Masse sei die Übermacht über den Einzelnen, die ihn aufsauge. Verzweiflung sei nun das Nicht- Selbstsein. Nach Sartre erfordert es die Authentizität, ständig gegen sich zu denken. Das sei reine Reflexion. Ein unablässiges Infrage- Stellen sei eine lebenslange Aufgabe. Wir müssen uns von unseren jeweiligen konkreten Entwürfen distanzieren und neu entscheiden, ob wir sie aufgeben oder weiter verfolgen wollen. Camus meint, je mehr ich schließlich mein Leben ordne und dadurch beweise, daß ich ihm einen Sinn unterstelle, um so mehr Schranken schaffe ich mir, in die ich mein Leben einzwänge. Sisyphos sei ein glücklicher Mensch gewesen. Der Stein rollt in die Tiefe und während Sisyphos hinabsteigt, denkt er über sein Schicksal und den Nutzen seines Lebens nach. Insbesondere als der Himmel leer wird (Nietzsche: „Gott ist tot“), geht es beim Philosophieren immer wieder um die Sinnfrage. Ein Denken, das nicht zum Wollen und Handeln führt, bleibt realitätsfern. Und der Menschen muß auch glauben und genießen können. Genießen heißt heute meistens konsumieren. Und man läßt sich vernebeln durch die Medienwelt. Zeit, um zu philosophieren oder einfach nachzudenken und zu reflektieren, bleibt kaum. Dabei ist in diesen Zeiten das Denken ohne Geländer (Hannah Arendt) notwendiger denn je. Nicht nur das Nachdenken über sich selbst und den Sinn des Lebens in der heutigen Welt, sondern auch das Nachdenken über Utopien.