Der ostdeutsche Mitläufer (OM)

„Die Regierung kann man ändern, das Volk ändern kann man nicht“ (Spruch auf der Demonstration am 4.11.1989 auf dem Alexanderplatz in Ostberlin)

Anpassen

Ja nicht auffallen

nicht unbeliebt machen

in den Arbeitshallen

immer genau wachen.


Immer anpassen,

Normen befolgen,

konform mit den Massen,

keine eigene Meinung verfolgen.


Gedanken zu gefährlich

immer braver Untertan

sei doch mal ehrlich

ein Leben vertan.


Anläßlich von 20 Jahren Pogromen in Rostock- Lichtenhagen ist es an der Zeit, an den ostdeutschen Mitläufer zu erinnern, so an meine „Landsleute“ im Norden der DDR. Es mag hart klingen, aber so war es damals. In Ostberlin nannten wir sie die „Beuteltiere“, weil sie mit ihren Blümchenbeuteln begierig nach Waren Ausschau hielten. Als sie mit ihren leeren Blümchenbeuteln zu Wendezeiten sogar Kirchenräume während der Mahnwachen betraten, war ich einen kleinen Augenblick überwältigt. (Kirche in der DDR hatte eine andere Bedeutung, sie stellte zum Beispiel der Opposition und Subkultur Räume zur Verfügung.) Das legte sich dann wieder, als die Ossiflut, die sich begierig die Nasen an Schaufenstern platt drückte, den Westen überschwemmte. Wir schämten uns für ihr Verhalten. Aber der Mitläufer hat gesiegt. Manche sitzen zwar wieder mit leerem Beutel im Jobcenter, aber die Mehrzahl seiner Artgenossen ist assimiliert. Herrscher kommen und gehen, der Mitläufer bleibt immer.

Wer etwas mehr über den OM (ostdeutschen Mitläufer) erfahren, lese unbedingt das Buch von Mathias Wedel „Einheitsfrust“, es lohnt sich noch immer. Die OM’s hatten auch in der DDR die Macht. Ihre Leitwährung war die D-Mark. Was damals Beziehungen waren, dass nennen sie heute Solidarität. Matthias Wedel schreibt, dass die DDR-Regierung ständig „mit dem stummen Vorwurf der OMs konfrontiert“ (Wedel, S.25) war. Honeckers Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik war eine Antwort. Sämtliche Sozialpolitik war allerdings an Lohnarbeit geknüpft. Die „Asozialen“ durften dann Schwerstarbeit im Knast leisten. Von den OM’s wurden sie abschätzig „Assis“ genannt. Assi will auch heute kein OM sein, er hat ja ein Leben lang gearbeitet. Er war immer fleißig, ordentlich und sauber. Dem „negativ-dekadenten Jugendlichen“ brachte der OM seine Ordnung bei. Meistens landeten diese Jugendlichen dann über den Knast im Westen. Der OM konnte keine langen Haare ertragen, wie auch der westdeutsche Mitläufer die Gammler nicht wollte. Der OM hatte keine Probleme, zuerst die SED und dann die CDU zu wählen. Mitläufer bestimmen immer das Klima, der OM hat auch noch seine Seilschaften, seinen Filz. Das macht ihm die Anpassung leichter. Ja, der OM ist wirklich ehrlich, was man von den Besserwessis nicht sagen kann. Die Ossis bleiben immer ein Kollektiv. Ein Wort, bei dem ich das Gruseln bekomme, denk ich an DDR. Das wird der OM nie verstehen. Der OM hat es dem Westen gezeigt, „Duckmäusertum“ wird auch in der sogenannten Demokratie immer wichtiger. Der OM hat auch keine Probleme damit, dass der neoliberale Staat immer autoritärer wird. Im Gegenteil, da fühlt sich der OM wieder richtig wohl, wenn Ordnung herrscht. Ausländer und Sozialschmarotzer raus, das klingt wunderschön in den Ohren des OM’s. Der OM beweist es den Arbeitgebern, dass es auch ohne Gewerkschaften geht, massenhaft ist er ausgetreten, mit dem FDGB hatte er dagegen keine Probleme. Der OM hat die Hungerlöhne hoffähig gemacht, das Wort Widerstand kennt der OM nicht. Der OM kann gut sein Maul halten. Er hat seinen Beitrag geleistet, dass es das Normalarbeitsverhältnis kaum noch gibt. Der OM hatte auch kein Problem, den Ballast abzuwerfen, das heißt zu entlassen- Alte und Frauen. Der OM denkt immer an sich selber. Eines muß man ihm lassen, er kann sich wirklich gut anpassen. Zu Denunziationen ist er allzeit bereit, Sozialbetrug kann er nicht ausstehen. Der OM kann wegschauen, wenn Ausländer oder Assis überfallen werden. Der OM hat von nichts gewußt, die da oben waren und sind immer Schuld. Der OM kann trotzdem immer für sich sorgen, er hat schließlich Verbindungen. Er kann wunderbar um Projekt- und Fördermittel kämpfen. Da er den Mund halten kann, sehen seine Aussichten blendend aus. Der Wessi wird nie Einblick in diese Netzwerke bekommen. Aber wehe, schreibt Mathias Wedel, wenn „man ihn spüren läßt, wie mickrig sein Spießerleben ist. Wer verabsäumt, ihn zu hofieren und es wagt, seinen Wertekanon- Raffen, Anpassen, Meckern- zu verunsichern, bekommt den Boykott der Gruppe zu spüren.“ (Wedel, S.118) Der OM will immer in der Mitte sein, deswegen sind auch viele OM’s in die Politik gegangen. Ja, der OM kennt noch Ordnung und Anstand. Der OM ist beliebt, er genießt Vertrauensstellungen. Karriere machen Opportunisten. Anpassung ist in jedem Staat gefragt. Denn der OM besitzt die „Leidenschaft, die jeweils herrschen Verhältnisse auf ihren kleinsten gemeinsamen Vorteil zu bringen,...“ (Wedel, S.13)

Der OM schaute voller Abscheu und Missmut auf die Unangepassten in der DDR, auf alle die anders waren, als er selbst. Aus seinem Mund drang dann auch mal der Spruch: „Unter Hitler hätten sie euch vergast“. Der OM tut dagegen immer seine Pflicht. Wenn das nicht ausreicht und er zum Beispiel heute keine Arbeit findet oder zu wenig verdient, wird der OM mürrisch und oftmals ausländerfeindlich. Er tritt halt gern nach unten...Rostock- Lichtenhagen läßt grüßen.


Mathias Wedel: Einheitsfrust, Rowohlt Berlin 1994