Günter und die Parallelgesellschaft

„Wir leben nicht mehr für das Leben, sondern für den Lebenslauf" (Jakob Schrenk)

Günter wohnt in Neukölln. Er wird durchgefüttert von den Leistungsträgern. Nachts hat er deshalb Visionen von den Arbeitstieren, pardon Arbeitskraftunternehmern. Den Künstlern der Selbstausbeutung. Mach was du willst, aber sei profitabel. Multitasking. Immer erreichbar. Immer mehr leisten. Mehr Druck. Mehr Stress. Der Job hat immer größere Macht über dich. Du bist der Chef. Das Glück der totalen Erschöpfung. Ein Rausch. Der Kontrolleur sitzt im Kopf. Der Klassenkampf tobt im Kopf.
Günter wacht schweißgebadet auf. Der Alptraum ist Realität. Viele träumen davon.
Günter gehörte früher zur Gegenkultur. Er war ein Rebell und hatte eine Abneigung gegen Autoritäten. Er wollte autonom sein, und keine Hierarchien. Prima sagten die Manager, dann seid ihr noch effizienter. Die Gegenkultur wurde von den Managern aufgesogen. Sei kein Langweiler, riskier was. Das öde Leben wird spannend- auf Arbeit. Es gibt keine Grenze. Der Arbeitstag hat 24 Stunden. Die Arbeitskraft optimiert und vermarktet sich permanent.
Günter träumte von einem Recht auf Faulheit. Der Traum ist ausgeträumt. Der Produktionsausstoß der Leistungsträger ist hysterisch. Er ist von Verrückten umgegeben. Aber nein, er verwechselt was, er ist der Verrückte, weil er sich der hysterischen Arbeit entzieht. Im Halbschlaf summt es: „Günter, du hast eine negative Energie. Dein Kopf bräuchte eine Waschmaschine."
Optimismus ist ein Mangel an Information. Den Spruch von Heiner Müller hat Günter verinnerlicht. Positives Denken liegt ihm fern. Er versteht die Welt nicht mehr.
Günter versucht weiterzuschlafen. Die Leistungsträger- immer gut drauf. Schlechte Laune können sie sich nicht leisten. Selbst die Emotionen sollen gewinnbringend sein. Die Smile Industrie sorgt für ein Klima der Begeisterung. Mitten im Klima der Angst, den Job zu verlieren. Mitten im Klima, in dem die Anforderungen steigen. Was ist echt, was gespielt? Der ganze Mensch wird gebraucht. Wichtigstes Instrument ist der Ellenbogen. Schwache kann man sich nicht leisten.
Erschrocken fährt Günter hoch. Ist er schwach? Was hat er nicht früher alles getan. Er ist um die Welt gereist. Indien, Australien, Afghanistan. Die erstarrten Spießer mit ihrem Reihenhaus haben ihn angekotzt. Er wollte mobil sein.
Jetzt müßte er jede Ortsanwesenheit dem Jobcenter melden, aber er hat auch kein Geld mehr zum Verreisen. Er war immer Aussteiger, jetzt sind die Normalbürger die Mobilen. Die Leistungsträger sind global unterwegs. Sie werden zu Nomaden und Günter sitzt fest. Sie müssen im Kopf und Beinen flexibel sein, Günter hat das Gefühl der Erstarrung. Hat er alles verkehrt gemacht? Er soll sich auch bundesweit bewerben, aber er will in Berlin bleiben. Sein spießiger Bruder ist Pendler, 200 Kilometer fährt er jeden Tag zur Arbeit. Sein Bruder mit Reihenhaus und Familie. Seine langweilige Mitschülerin jettet um die Welt, Arbeit und Leben ein Abenteuer. Ist die Welt verrückt geworden? Sein Leben eine Tristesse, er hat kein Geld, um was zu erleben.
Jetzt ist Günter hellwach. Er steht auf und geht ins Bad. Der Spiegel verheißt ihm nichts Gutes. Er sieht schlecht aus. Seine langen zottligen Haare hat er vor einem Jahr abgeschnitten. Jetzt trägt er graue Stoppeln. Sein Gesicht ist fahl, er hockt zu viel in der Bude. Er schaut nach unten. Sein Bauch wird immer dicker. Er säuft zu viel. Früher war er sportlich. Dick ist Unterschicht. Er müßte wieder laufen, dazu fehlt ihm jedoch die Energie. Joggen ist Zeitgeist. Auch das Fitnesstudio. Heute wird am Computer gearbeitet und der Sport immer wichtiger. Die Leistungsträger trainieren für ihre Firma. Der Körper gehört dem Arbeitgeber, er ist die Visitenkarte. Schon Günters Aussehen schreckt Arbeitgeber ab.
Seine Schwester sieht top aus. Sie achtet auf ihr Aussehen, das sei wichtig für die Arbeit, sagt sie. Die Nase hat sie sich operieren lassen. Seine Nase ist o.k. Aber die Zähne. Immer sieht er die lächelnden weißen Zähne in der Werbepause, dann muß er rausgehen. Überhaupt der Gesundheitsfanatismus. Günter dachte, bei seiner Lebensweise wird er nicht alt. Viele seiner Freunde sind tot. Er ist jetzt 55. Freunde hat er kaum noch. Eine Freundin auch nicht. Er fühlt sich nicht mehr attraktiv. Es zählt die Jugend. Günter beneidet manchmal die Männer, die sich junge Frauen nehmen. Aber will er das wirklich?
Einmal hatte er eine Freundin, die war zehn Jahre jünger. Die hat spät ein Kind bekommen, aber nicht von ihm. Sie hat es geschafft und wohnt im Prenzlauer Berg. Am liebsten hätte sie ihr Kind mit Vier zum Chinesisch-Unterricht geschickt. Aber Englisch machte es auch. Englisch für Säuglinge hat sie allerdings verpasst. Schon im Kinderzimmer wird getrimmt. Es tobt der Kalte Krieg in der Bildung.
Frühkindliche Förderung kannte Günter nicht. Das Abitur schaffte er trotzdem, denn er ist nicht blöd. Günter hat 30 Semester studiert, einen Abschluß hat er nicht. Das Leben war zu chaotisch. Einen passenden Lebenslauf kann er nicht vorweisen. Er hat es nicht geschafft. Früher wollte er das nicht. Heute kommen ihm die Zweifel. Es ist zu spät. Er machte immer, was ihn interessiert. Der Markt interessierte ihn allerdings nicht. Workaholic war er nie und das ist sein Problem. Die Süchtigen sitzen nicht auf der Straße, sondern in den Zentralen. Workaholic bedeutet ein erfülltes Leben und nicht Krankheit. Die totale Euphorie. Workaholics sind Helden. Die Helden der Selbstzerstörung. Der Mensch als Maschine. Der Wahn ist die Normalität. Die Arbeitswelt der Dealer.
Dealer braucht Günter auch. Früher schluckte er LSD. Heute raucht er immer noch Haschisch. Damit ist er out. Die Leistungsträger nehmen heute Leistungsdrogen wie Koks und Ecstasy. Wach bleiben, immer fit sein, das ist die Devise. Sei dynamisch. Nicht einschlafen oder der Realität entfliehen. Die Realität ist super. Nur- immer häufiger kommt es zum Burn out und Depressionen. Das erschöpfte Selbst.
Auch Günter ist oft depressiv. Aber nicht aus Erschöpfung, sondern aus Hoffnungslosigkeit. Er bekämpft die Depression mit Alkohol. Er ist das Symbol, vor dem die Leistungsträger Angst haben. Der Abstieg. Die Perspektivlosigkeit. Die unsichere Zukunft. Das Gegenmittel heißt, mehr arbeiten. Sie sind Leistungsträger auf Bewährung und müssen eine besonders gute Führung zeigen. Günter jagt ihnen Angst ein. Günters gibt es viele, zu viele. Deshalb knicken die Gewerkschaften ein, deshalb knicken die Jungen ein, die auf den Arbeitsmarkt drängen.
Günter drängt schon lange nicht mehr auf den Arbeitsmarkt.
Günter macht Musik, aber das zählt nicht. Davon kann er nicht leben. Er malt auch, aber auch davon kann er nicht leben. Du bist nur erfolgreich, wenn du dich auch vermarkten kannst. Und das kann Günter nicht. Günter hat seine Zweifel, er ist wohl nicht gut genug. Er hat weder Musik noch Kunst studiert, das waren immer seine Hobbys. Er ist nicht aufgewachsen in einem Milieu, in dem das gefördert wurde. Sein Vater war Spießer und Bürokrat. Lebenslang eine Arbeit, eine Frau, ein Haus, eine Automarke. Ein stahlhartes Gehäuse. Dagegen hat sich Günter auflehnt. Der Vater ist nie entgleist, Günter schon. Jetzt sitzt er im Dreck.
Für den Vater war klar, wer keine Arbeit hat, ist selber schuld. Der Vater versteht nicht die neue Arbeitswelt, die eine ewige Tretmühle ist. Wer nicht mithält, fliegt raus. Die Routine wurde durch ein Laufband ersetzt. Zeitarbeit, Praktikas, working poor- das ist für den Vater eine fremde Welt. Die digitale Bohéme sowieso. Ein Punk mit rotem Irokesenkamm, der das Frisuren-Marketing nennt. Der über selbstbestimmte Arbeit erzählt und dabei in jedem Moment produktiv ist. Der meint, mit jeder Festanstellung beginne ein schleichender Verblödungsprozess und nicht mit den grauen Büromenschen tauschen will. Der für viel Freiheit und wenig Sicherheit wirbt. Ein Ein-Mann-Unternehmen, das voll ausgelastet ist. Der den Markt der Besoldung vorzieht und trotzdem nicht die FDP als Auftraggeber möchte. Das macht nicht nur den Vater, sondern auch Günter orientierungslos.
Die Subkultur als Vorreiter des Neoliberalismus? Auch Günter versteht die Welt nicht mehr. Nicht mehr den neuen Geist des Kapitalismus, der die Künstlerkritik der 68er für die eigenen Interessen aufgesogen hat. Günter fragt sich, ob er nur gekämpft hat, um den Kapitalismus zu modernisieren? Jetzt hat er eine Frau als Kanzlerin und einen Schwulen als Bürgermeister. War es das, was sie wollten. Politik macht Günter schon lange nicht mehr, er hat aufgegeben.
Er ist Hartz IV-Bezieher und so fühlt er sich auch. Im Gegensatz zu den Leistungsträgern hat er Zeit. Da er gebildet ist und seine Hobbys hat, kann er seine Zeit nutzen. Nur nicht verwertbar machen. Dabei ist er doch eigentlich der Prototyp des Künstlers, der sich gegen die spießige Welt auflehnte. Er war immer autonom und kreativ. Ein Künstler hat nie Feierabend. Er wäre der ideale neue Arbeitnehmer. Aber er ist der Verlierer, der ein prekäres und gefährdetes Leben führt.
Günter glaubt, er sei interessant, nur merkt das in dieser Welt keiner mehr. Er fällt nicht auf und wird deshalb nicht beachtet. Günter sieht sich nicht als Produkt und das ist sein Problem. Er müßte an diesem Produkt feilen, es optimieren, sich präsentieren. Günter will und kann das nicht. Er will so bleiben, wie er ist. Und bleibt deshalb draußen. Günter hat kaum Geld, keine Arbeit, keinen guten Bildungsabschluß. Und kaum noch Kontakte. Wie auch, Günter ist ökonomisch nicht verwertbar. Er ist kein potentieller Auftraggeber. Er verfügt über kein Netzwerk. Er ist immer isolierter. Er wird nicht gebraucht. Er ist nicht nützlich.
In seiner Stammkneipe läßt er öfter anschreiben, beim Networking bleibt er außen vor. Von ihm ist nichts zu erwarten, er ist ganz unten. Günter ist verzweifelt und traurig zugleich.
Er passt nicht mehr in diese Welt der Aliens. Neukölln ist sein Rückzugsgebiet. Der Bürgermeister redet von einer Parallelgesellschaft in Neukölln. Die der islamischen Unterschicht. Günter meint eine andere. Die der Arbeitswütigen, die mit ihrer lästigen und sinnlosen Hyperproduktivität diese Welt zugrunde richten. Das Leben und das Klima zerstören. Die Endstation Neukölln ist sein Ausweg in einem Meer des Stillstands. Günter will nur seine Ruhe haben, wie viele andere hier auch- in dieser paradoxen Welt, in der Maschinen zunehmend die Arbeit machen und die Menschen sich endlich ausruhen könnten. Aber auch der Kostenfaktor Günter soll ausgebeutet werden, deshalb läßt ihn das Jobcenter nicht in Ruhe. Besser Beschäftigung in einer Maßnahme simulieren, als zu faulenzen. Es wird höchste Zeit. Proletarier aller Länder vereinigt euch und hört auf zu arbeiten.

„Die ‘Kunst der Selbstausbeutung’ ist kein pathologischer Zustand, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf eine Situation der Unsicherheit und der totalen Konkurrenz- die für die Unternehmen äußerst profitabel ist und deshalb bewusst gefördert wird...
Arbeit ist der zentrale Bezugspunkt unserer kapitalistischen Gesellschaft....Der Kampf um Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit beginnt im Kopf jedes Arbeitnehmers...Der Künstler der Selbstausbeutung braucht ein bisschen mehr Selbstbewusstsein..." (Jakob Schrenk)

 

Neukölln rockt- eine fiktive Geschichte

Kalle sitzt im Gestrüpp des Lebens. Sein Humankapital liegt brach. So vergehen die Momente im Nichts. Sein Alkohol- und Tabakkonsum ist hoch, obwohl diese im Hartz IV- Bedarf gestrichen sind. Kalle hat wenig Geld und ein Problem- die Türken. Die sollen sich gefälligst in Deutschland benehmen. Sie sollen Deutsch lernen, die einzige Sprache, die Kalle versteht.

Deutsch ist Margot. Sie stolziert mit Hund im miefigen Hauch der Enge. Sie meckert beim Anstehen in der Schlange. Die Blässe im Gesicht des Faktor Mensch. Margot liest als stolze Arbeitsplatzbesitzerin die BZ: Arbeit lohnt sich nicht. Genau. Sie kann schimpfen über Sozialschmarotzer, Parasiten, Faulenzer, Asoziale. Margot weiß, was Anstand ist. Danke und bitte, das hat sie gelernt.

Anständig aufgewachsen ist Britta. Im Häuschen in der Provinz, wie es sich gehört. Britta findet Neukölln echt cool. Alles so echt, so authentisch. In Neukölln bewegt sich was. Britta macht auf Kunst. Davon kann sie zwar nicht leben. Macht nichts, dafür hat sie ihre Eltern und Tanten. Mit Politik will sie nichts zu tun haben. Sie wünscht sich aber ein Kind, das soll jedoch nicht in Neukölln aufwachsen. Aber das hat Zeit. Das Wichtigste ist doch, dass sie gerade so kreativ ist.

Kreativ ist auch ihr Freund Bernhard. Der ist Literat. Er schreibt über Schweinefleisch, das überfordert ist. Über die Trunkenheit im Nebel. Die Könner der Aufmerksamkeit. Das Schweben im Nebel. Halsbänder der Maschinengewehre. Die Lücke des schnalzenden Opas. Die Aufmüpfigkeit im aufrechten Gang. Das Pinkeln der Geschlossenheit. Die Spaltungen im Mangel. Er hat Phantasie in der Ödnis des Lebens. Und er ist selbständig. Dafür hat er einen Kontaktplan aufgestellt. Wer ihm nicht nützlich sein kann, den hat er aus der Liste rausgeschmissen. So Holger, der ist auf Droge und ganz unten. Bernhard ist immer auf der Suche nach interessanten Kontakten, Lesungen, Literaturzeitschriften, Buchveröffent-lichungen. Er produziert unheimlich viel, immer aktiv. Mitten in der Muse.

Eine Muse in gewisser Weise ist Carola. Sie ist Punksängerin. Abends geht sie in die Szenekneipe im Kiez. Die meisten kennen sich. Um sich das Bier leisten zu können, müssen aber alle arbeiten, Geld haben oder welches auftreiben können. Rumhängen geht nicht. Aber Networking. Eine Hand wäscht die andere. Man hat auch eine Ecke mit linken Flyern, die wird aber kaum beachtet. Da immer mehr junge Zahlungsfähige nach Neukölln ziehen, wird die Kneipe immer voller. Aber nicht ein Kapitalist profitiert von dem zunehmenden Umsatz, sondern das linke Kneipenkollektiv.

Kollektiv organisiert ist auch die linke Szene. Man bedient sich eines Szene- Sprach- und Dresscode. Und hockt unter sich. Die Genossen setzen Akzente. Das ZK ist out. Der Erwartungshorizont bewegt sich in Richtung Revolution. Der Überbau löst sich auf, die Basis auch. Gelegentlich werden Arbeiterkampflieder gespielt. Es mangelt an Beachtung und Anerkennung der Gesellschaft. Solidarität wird großgeschrieben. Wer allerdings zu viel Probleme hat, steht allein da. Die Genossen sind mit radikaler Politik beschäftigt.

Radikal sind auch Hasan und Ismael. Sie gehen nicht ohne Messer aus dem Haus. Beide streben eine Karriere als Intensivtäter an. Ihre Mutter hockt mit vielen Kindern zu Hause, der Vater im türkischen Cafe. Die Schule besuchen sie selten. Kirsten Heisig hatte Rezepte für sie, jetzt ist sie tot. Das Ende der Geduld. Sie hatte Rückhalt im „Volk", wie auch Sarrazin und Buschkowsky.

Buschkowsky sagt, Sarrazin hätte vieles von ihm abgeschrieben. Nur nicht die Rassentheorie. Buschkowsky glaubt nicht an Gene, sondern an Bildung. Schließlich ist er auch aufgestiegen. Er ist gegen Ignoranz, Parallelgesellschaften und die Einwanderung in die Sozialsysteme. Die braven Bürger müssen geschützt werden.

Solche Schützer sind Harald und Petra. Sie sind Kiezläufer und achten auf Ordnung und Sauberkeit. Dafür bekommen sie 1 Euro 50 die Stunde. Und sie sind froh und dankbar. Zu Hause fällt ihnen die Decke auf den Kopf. Wenn sie arbeitslos sind, dann schauen sie den ganzen Tag Reality-Fernsehen. Sie sind bildungsfern und der permanente Verblödungsprozeß läuft bestens.

Verblödet ist Karl-Heinz nicht. Schließlich arbeitet er auf dem 1. Arbeitsmarkt und in seiner Freizeit schaut er Fußball. Vor seinem Fenster hängt noch die Deutschlandfahne. Neukölln überfremdet, da muß man Flagge zeigen. Er ist stolz, Deutscher zu sein. In seiner Stammkneipe hängt auch noch die Deutschlandfahne. Da sind sich alle einig, die Araber sind das größte Problem. Die kriminellen Großfamilien.

In einer Großfamilie lebt Samira. Sie hat sieben Geschwister, die Familie lebt von Hartz IV. In ihrer Klasse gibt es nur Türken und Araber. Samira ist fleißig. Jeden Donnerstag geht der Vater in die Moschee und die Mutter in die Lebensmittelausgabe. Samira begleitet ihre Mutter, sie müssen meistens lange warten. Vieles schmeissen sie dann weg, wenn es verfault ist. Ihre Kindheit ist von Armut geprägt.

Ursula von der Leyen ist das Kind von Ministerpräsident Ernst Albrecht und hat selbst sieben Kinder. Als Arbeitsministerin hat sie Kindern wie Samira eine Bildungskarte versprochen. Dafür bekommen aber Samiras Eltern nur fünf Euro mehr Hartz IV pro Person.

Die Tage verschlingen das Leben.
Das Leben verschlingt das wenige Geld.
Das wenige Geld verschlingt die Menschen.
Die Menschen verschlingen die Enttäuschungen.
Die Enttäuschungen verschlingen die Anweisungen.
Die Anweisungen verschlingen die Überzeugungen.
Die Überzeugungen verschlingen die Revolutionäre.
Die Revolutionäre verschlingen den beknackten Mob.
Der beknackte Mob verschlingt den Zusammenbruch.
Der Zusammenbruch verschlingt das Bestehende.
Das Bestehende verschlingt die Kosten.

Neukölln ist ein Kostenfaktor.
Weltoffen klappt der Bürgersteig zu.
Die Rechtspopulisten rasen durch.
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Anne Seeck

Buschkowsky und der Rechtspopulismus

Ja Heinz Buschkowsky kennt sich aus. Er weiß, wo dem „Volk" der Schuh drückt. Und hat immer neue Vorschläge parat. Dem Stern verkündete er am 8. September: "Ich sage: Nur noch die Hälfte des Kindergeldes an die Eltern bar auszahlen." Er schlägt eine radikale Reform der Kindergeldzahlung vor. Und er meint natürlich die „Unterschichtseltern samt Kindern". Dabei wird Hartz IV-Beziehern schon längst das Kindergeld komplett angerechnet, d.h. sie haben überhaupt nichts vom Kindergeld. "Aus den restlichen 17 Milliarden Euro machen wir Krippen, Kindergärten, Ganztagsschulen, kleinere Klassen, Mittagessen, kostenlose Schulbücher, Sprachunterricht, Sport, Musik." Den Eltern wird also genommen, damit es den Kindern besser geht- eine seltsame Logik. Dabei wäre es eigentlich selbstverständlich, dass der Staat Gelder bereitstellt, damit eine gute Erziehung und Bildung in diesem Lande möglich ist. Weil das nicht so ist, schickt die Mittelschicht (und die Elite sowieso) ihre Kinder immer mehr in private Einrichtungen, und weicht somit der Unterschicht aus. Die Abschottung zwischen den Schichten scheint nicht mehr zu bremsen. Die Gesellschaft wird in sozialdarwinistischer Manier in Leistungsträger und Kostenfaktoren/ Sozialschmarotzer eingeteilt. Die Gesellschaft könne sich keine „Schwachen" mehr leisten.
In Zeiten des Sozialabbaus und der allgemeinen sozialen Verunsicherung nimmt die Abwertung der Einkommensschwachen, vor allem der Unterschicht, durch rechtspopulistischen Parolen zu. Solch ein Rechtspopulist ist auch der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky.
Dabei bedient er sich der Fremdenfeindlichkeit und meint die migrantische Unterschicht. Er beobachte in seinem Stadtbezirk, "dass der Rückmarsch ins Mittelalter weiter fortschreitet" und schürt damit weiter Ressentiments. Die „Mafia der Gutmenschen" würde die Menschen mit ihrer Angst vor Überfremdung allein lassen. Multi-Kulti sei gescheitert. Buschkowskys Probleme sind die „Einwanderung in die Sozialsysteme, die Integrationsverweigerung und die Parallelgesellschaften". (Die Parallelgesellschaften der Elite sind damit natürlich nicht gemeint.)
Eine weitere Strategie des Rechtspopulismus sind Law-and-Order-Parolen, der Staat müsse härter durchgreifen. Eine Neuköllner Delegation mit dem Bürgermeister und der inzwischen verstorbenen Jugendrichterin Kirsten Heisig hatte einige europäische Städte besucht.
Aber nicht Oslo, eine Stadt , die viel Geld in die Schulen und die soziale Infrastruktur steckt, wurde von ihnen als vorbildhaft angesehen, denn so Kirsten Heisig in ihrem Buch „Das Ende der Geduld": „Was Norwegen finanziell hierfür investiert, kann wahrscheinlich nicht von jedem europäischen Land geleistet werden, das mit ähnlichen Problemlagen konfrontiert wird." Oslo braucht dementsprechend auch nur sechs Haftplätze für jugendliche Straftäter.
Nein- es ist das repressivste Modell- Rotterdam. Über problematische Familien werden Informationen gesammelt. Wenn sich durch die „Informationsdichte ein Bild ergibt, das zum Einschreiten Veranlassung bietet, werden die Betroffenen aufgesucht, gegebenenfalls verschafft man sich durch richterlichen Beschluss Zutritt zu den Wohnungen". Bei „sozial unzumutbarem Verhalten" kann der Umzug in ein anderes Stadtviertel, das mit dem Zuzug einverstanden sein muß, angeordnet werden. Der bisherige Bezirk darf nicht betreten werden. Die freie Wahl des Wohnortes wird in den Niederlanden per Gesetz eingeschränkt, aber „nur" für jene Bürger, die über kein eigenes Einkommen verfügen. In Rotterdam gibt es „präventive" Wohnungsdurchsuchungen und eine hohe Präsenz der Polizei im öffentlichen Raum. Bürger können „ereignisunabhängig" in der Stadt durchsucht werden. würden.
Mit dem Quartiersmanagement- Strategiepapier „Task Force Okerstraße" wurde auch ein härteres Eingreifen mittels restriktiver Polizeimaßnahmen gegen Trinkergruppen und Romafamilien im Schillerkiez gefordert. Trinkergruppen sollte mittels „öffentlicher Ordnung" deutlich gemacht werden, dass sie keinen Alleinanspruch auf die Grünanlagen haben. Unter dem Vorwand der „Klärung der Wohnsituation" wurden unzulässige Haus- und Wohnungsbegehungen durch Behörden ermöglicht. Randständige Gruppen, die statt Repression staatliche und gesellschaftliche Hilfe benötigen, sollen aus der Öffentlichkeit verschwinden, um den Stadtteil „aufzuwerten".
Inzwischen ist es auch wieder soweit, dass sich der Rassentheorie bedient wird, wie in dem Buch „Deutschland schafft sich ab" vom ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin. Als Vertreter der Oberschicht waren ihm die Essensregelsätze der Hartz IV-Bezieher zu hoch.
Vieles findet Buschkowsky richtig, was Thilo Sarrazin sagt. Der hätte von ihm abgeschrieben, z.B. eine Arbeitspflicht für Transferempfänger und Kürzung von Transfers an Eltern von Schulschwänzern. Aber Buschkowsky distanziert sich von der Rassentheorie Sarrazins, denn es gäbe auch integrierte bildungsnahe Migranten und auch die westdeutsche Mittelschicht sei durch Bildung aufgestiegen, an den Genen und Vererbung könne es also nicht liegen. Bravo, welche Erkenntnis. Schließlich ist auch Buschkowsky aus proletarischen Verhältnissen aufgestiegen, das unterscheidet ihn von Sarrazin.
Aber Sarrazin und Buschkowsky fühlen sich von ihrer Partei der SPD noch nicht richtig verstanden. „Der größte Feind einer vernünftigen Integrationspolitik ist die Ignoranz.", so Buschkowsky. Allerdings ehrte die SPD Buschkowsky im April 2010 mit ihrer höchsten Auszeichnung, dem Gustav-Heinemann-Preis für sein „Engagement für die Integration von Einwanderern und für bessere Schul- und Ausbildungsbedingungen".
Das er selbst schon der rechtsextremen Zeitung „Junge Freiheit" zur „Integrationspolitik" ein Interview gegeben hatte, stört die Demokraten allerdings nicht. Er sage ja schließlich, was er denke und schaue dem „Volk" aufs Maul, wie auch Sarrazin, dessen Buch super „erfolgreich" verkauft wird. Buschkowsky`s Äußerung, das geplante Betreuungsgeld von 150 Euro monatlich würde in vielen Familien "versoffen", handelte ihm eine Anzeige wegen Volksverhetzung ein. Das Verfahren wurde eingestellt.

Warum aber erstarkt dieser Rechtspopulismus. (nicht nur hier, sondern in ganz Europa)?
Mit dem Abbau des Sozialstaates und der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse wird ein nährreicher Boden für den Rechtspopulismus geschaffen. Viele Menschen erleben einen Statusverlust oder haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Die Rechtspopulisten nutzen die Ohnmachtsgefühle, politische Entfremdung und die Unzufriedenheit der Menschen mit ihrer sozialen Situation und der herrschenden Politik, indem sie mit ihren Parolen ein härteres Durchgreifen gegen die „Sündenböcke" fordern. Aber wie kommt es, dass viele Menschen nach oben buckeln und nach unten treten. Es ist der Autoritarismus, der mit Orientierungslosigkeit einhergeht. Wer autoritär eingestellt ist, tendiert eher zu rechten Einstellungen. Menschen, die soziale Veränderungen als Bedrohung wahrnehmen und darauf reagieren, indem sie autoritäre Denk- und Verhaltensmuster aufrufen, tendieren leider dazu, die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft abzuwerten. Weil die Menschen sich machtlos fühlen, nimmt die Feindseligkeit gegenüber einkommensschwachen Gruppen und die Verachtung der Unterschicht zu.

Dagegen hilft nur, die soziale Spaltung in dieser Gesellschaft wahrzunehmen und sich dagegen zu wehren. Die Wohlhabenden häufen immer mehr Reichtum an, der ihnen mittels niedriger Steuern, Abschaffung von Steuern, Steueroasen oder Rettungspaketen vom Staat geschenkt wird. Dem zunehmendem privaten Reichtum steht die zunehmende öffentliche und private Armut entgegen, mit der auch der Stadtbezirk Neukölln konfrontiert ist. Statt Geld in die soziale Infrastruktur, sinnvolle Arbeitsplätze und eine ausreichende soziale Absicherung zu investieren, wird mit Hetze und Repression gegenüber den Armen reagiert. Wenn das Existenzminimum gesenkt wird und die Armen in den Niedriglohnsektor gedrängt werden, wird der Druck auf die Löhne wachsen und die Lebensbedingungen großer Teile der Bevölkerung verschlechtert.
Es geht nicht darum, die Probleme zu verleugnen, es geht darum die Ursachen zu benennen und Alternativen aufzuzeigen. Wir müssen uns gegen die rechtspopulistischen Buschkowskys und Sarrazins dieser Welt wehren!