Menschsein

Vor 10 Jahren schrieb ich in der Psychiatrie: „Vom militärisch-industriellen zum medizinisch-industriellen Komplex". Reimer Gronemeyer beschreibt, wie die Menschen durch medizinische „Fortschritte" zu einer Organmischerei oder zu einem Mischwesen aus Mensch und Maschine werden. Gentechniker glotzen auf das Erbmaterial der Menschen und wollen das Schicksal der Individuen verändern. Wir bräuchten keine Therapeuten mehr, sondern chirurgische Eingriffe ins Erbgut. Der Mensch könne neu konstruiert werden, Kriminalität, Suchtneigung, Krebsrisiko etc. würden verschwinden. Dorftrottel würden nicht mehr gebraucht, für sie gäbe es keine Arbeit mehr. Sozialwissenschafter, Sozialarbeiter, Therapeuten können abdanken, Seelenarbeiter werden arbeitslos. Gentests für die Einstellung von Arbeitnehmern werden viele arbeitslos machen. Was geschieht mit den Überflüssigen? Theodore Friedman, der als Medizinprofessor ethische Fragen gentechnischer Eingriffe für die amerikanische Regierung einschätzen soll, sagt: „Wir haben in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr für das Unvollkommene wie früher..." (Gronemeyer, S.192) Es wird die Zeit kommen, in der Menschen patentiert werden. Damit wird Geschäfte gemacht. Tiere und Pflanzen sterben aus, es wird Neuankömmlinge aus dem Genlabor geben. Wir haben es mit einem „Trendwechsel...von der Soziologie zur Biologie"(Gronemeyer, S.106) zu tun. Gronemeyer schreibt: „Die Idee, daß sich aus der Eizelle des Menschen der ganze Mensch bauen, „klonen" läßt, ist das Ende des Subjekts. Das Klonen mag bei Menschen eines Tages möglich sein oder nicht. Die mikrobiologische Idee genügt: Die Vorstellung ist da, daß das Subjekt sich in allen seinen Zellen wiederfindet, daß es sich aus allen seinen Teilen reproduzieren läßt! Wir werden lernen, uns so zu betrachten, und damit das Ende der Person im landläufigen Sinne registrieren müssen." (Gronemeyer, S.116) Das Klonen von menschlichen Embryonen wird in den USA praktiziert. Gronemeyer benennt die Bruchstelle, warum das geschieht. „Das Ich trat aus jedem Wir heraus: aus dem Stamm, der Religion, der Gesellschaft, aus dem Naturzusammenhang. Das befreite Selbst aber zerfällt. Es stabilisiert sich im Dialog mit Maschinen und degeneriert dabei zu einer Kreuzung in Informationsfeldern. Das Ich zerfällt, es bleibt das Glasfaserkabel." (Gronemeyer, S.117) Besserverdienende wünschen sich Kinder nach Maß aus dem Reagenzglas. Kinder werden zu Konsumartikeln.
Gesundheit ist nicht mehr eine Tugend, sondern Leistungssport. „Die Menschen haben gelernt, sich als ein medizinisches Projekt zu sehen...War Gesundheit einmal ein Ausdruck der Mischung der Urelemente (Wasser, Erde, Feuer, Luft), so wird das Individuum heute zu einer Müllmischung, kombiniert aus Giften, die den Labors der Menschen entströmen." (Gronemeyer, S.137) Willkommen schöne neue Welt mit neuen „Menschen" (Huxley).

(Reimer Gronemeyer; Ohne Seele, ohne Liebe, ohne Haß, Econ Verlag Düsseldorf 1992)