Medien und Gleichschaltung

 

Wo Lüge Wahrheit ist

 

Wo die Lüge Wahrheit ist,

da erblüht das Propagandaministerium

und es erstirbt jeder oppositionelle Gedanke.

Wo die Lüge Wahrheit ist,

da macht das Schweigen der Masse

jeden Aufsässigen zum Aussätzigen.

Wo die Lüge Wahrheit ist,

da verhungern und verelenden Menschen,

ohne einen Laut von sich zu geben.

Wo die Lüge Wahrheit ist,

da lachen uns die Reichen und Schönen

aus den Hochglanzmagazinen entgegen.

Wo die Lüge Wahrheit ist,

da macht die Angst das Licht aus.

Goebbels hat gesiegt.

Der Endsieg des Kapitals.

Die Revolte ist tot, ganz ohne KZ.

Mitten in der Party

und Spaß dabei,

vor allem für die Millionäre.

Falls dieser Kapitalismus

einmal vor den Richter treten muß,

heißt es wieder:

Wir haben doch von nichts gewußt.


Die Medien in der DDR waren unerträglich, sie waren das Wahrheitsministerium. Sie dienten der Gleichschaltung und propagandistischer Dauerberieselung. Die Medien in der DDR waren Herrschaftsinstrument der SED. Anfang der 50er Jahre mußten die privaten Zeitungen ihr Erscheinen einstellen. Tages- und Wochenzeitungen durften nur von Parteien oder den von der SED gelenkten Massenorganisationen herausgegeben werden durften. So die „Junge Welt“ als Organ des Zentralrates der FDJ, die „Tribüne“ als Organ des FDGB-Bundesvorstandes, das „Neue Deutschland“ als SED-Zentralorgan. Der Anteil der von der SED gelenkten Presse an der durchschnittlichen Gesamtauflage von 9,7 Mio. Exemplaren belief sich auf über 90%. Den 18 Zeitungen der Blockparteien wurden lediglich 8,6% (834.800 Exemplare) zugestanden. Seit Anfang der 50er Jahre (Umwandlung in Bezirke) blieb die Zeitungslandschaft der DDR bis 1989/90 nahezu unverändert. Es gab 39 Tageszeitungen, davon waren 17 Organe der SED. Das Zentralorgan „Neues Deutschland“, die „Berliner Zeitung“, die „BZ am Abend“ und die 14 SED-Bezirkszeitungen unterlagen der direkten Anleitung durch den Parteiapparat. Persönliche Eingriffe der Generalsekretäre Ulbricht und Honecker beim ND waren keine Seltenheit. Unterstützt wurden sie dabei von dem jeweiligen ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda, der ZK-Abteilung Agitation und der Agitationskommission beim Politbüro.

Dem Presseamt oblag die Vorzensur der Kirchenzeitungen. Das Ministerium für Staatssicherheit sorgte vorrangig für die „politisch-operative“ Sicherung der Redaktionen, Druckereien und Verlage durch den Einsatz von Inoffiziellen Mitarbeitern.

Ansonsten durfte es sich seit den 70er Jahren nur in Absprache mit der ZK-Agitationsab-teilung und dem Presseamt an der Desinformation im Innern beteiligen. Nur zur außenpolitischen Monatszeitschrift horizont bestand direkter Kontakt. Fast 90% der ca. 10 000 Journalisten waren im Verband der Journalisten der DDR organisiert. Der Verband wurde von der ZK-Agitationsabteilung angeleitet. Die „Schere im Kopf“ war das wichtigste Arbeitsinstrument der Journalisten in der DDR. Und die LeserInnen lasen zwischen den Zeilen. Es gab in der DDR keine institutionalisierte Zensurbehörde. Am 17.4.1947 wurde die Vorzensur aufgehoben. Allerdings wurde der Zusatz „Eine Zensur findet nicht statt.“ aus der ersten Verfassung von 1949 später gestrichen. Eine Rechtsgrundlage zur Beschneidung der Pressefreiheit bot u.a. der § 106 des StGB der DDR unter dem Begriff „Staatsfeindliche Hetze“. Allein die Strafandrohung von einem bis zu zehn Jahren dürfte auf Journalisten disziplinierend gewirkt haben. An die Stelle der Vorzensur traten Lenkungsmechanismen und „Empfehlungen“, deren Nichtbeachtung bei der Nachzensur selbst für systemkonforme Journalisten weitaus bedrohlichere Konsequenzen haben konnte. Im Jahre 1989 bestand bei 111 Presseerzeugnissen ein Sperrvermerk beim Postzeitungvertrieb. Neue Abos konnten nur bei Abbestellungen entgegengenommen werden. Das wurde mit Papiermangel und nicht ausreichenden Druckkapazitäten begründet.

Auch das DDR- Fernsehen war Herrschaftsinstrument der SED. Seit 1952 gab es öffentliche Versuchssendungen. Am 3.1.1956 war der offizielle Beginn des Fernsehprogramms. In der Phase des „Antifaschistischen Kampfes“(von 1952 bis 1961) wirkten weiterhin Journalisten mit Berufserfahrungen aus der Weimarer Republik, im antifaschistischen Kampf oder aus der Emigration. In dieser Aufbauphase funktionierten auch die Kontrollmechanismen nicht so wie in den 60er Jahren. Die sechziger Jahre, die Zeit des Kalten Krieges, waren gekennzeichnet durch zunehmende institutionelle Kontrollen und stärkere Reglementierungen auch bei kleineren Abweichungen von der politischen Linie. Mit dem Amtsantritt von Erich Honecker 1971 kam es zunächst zu einer „innerparteilichen Liberalisierung“, die einige Spielräume eröffnete. Mit dem Amtsantritt des ehemaligen Chefredakteurs des ND, Joachim Herrmann, 1978 verschärfte sich die propagandistische Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind. In dieser Zeit dürfte es zu mehr Zensurmaßnahmen gekommen sein. Ab 1985/86 gab es bei einigen Journalisten eine Abkehr von der Linie. Agitation wurde vor allem in der Aktuellen Kamera und dem Schwarzen Kanal betrieben. Eine größere Rolle bei der Manipulation der DDR-Bürger spielte allerdings das Westfernsehen. Der Fernsehzuschauer in der DDR mußte das Wissen über die tatsächlichen Vorgänge in seinem Land aus persönlich Erlebtem, vorwiegend politisch manipulierter Information der DDR-Medien und der Berichterstattung des Westfernsehens zusammenstellen. Die Politik im Westen hatte den Wunsch, das Informationsmonopol des DDR-Fernsehens zu brechen. In den 80er Jahren berichteten vor allem Kontraste und Kennzeichen D über die DDR. Die DDR-Bevölkerung war der Propaganda aus Ost und West ausgesetzt. Außer den Systemloyalen glaubte die Mehrheit der DDR-Bevölkerung dem Westfernsehen, dieses spielte bei der Weckung von Konsumbedürfnissen und bei der Meinungsbildung eine große Rolle, insbesondere auch seit Sommer 1989 und der Flüchtlingswelle über Ungarn. Die DDR-Opposition setzte gezielt westliche Medien für ihre Zwecke ein. Das Westfernsehen ließ vermuten, die DDR-Opposition sei erstarkt. Ständig wurden Fliehende im Ausland und Verprügelte im Inland gezeigt. Der Unmut gegenüber der DDR-Regierung wuchs. Insgesamt kann festgestellt werden, daß das Westfernsehen für die Ereignisse im Herbst 1989 und natürlich bis zur Vereinigung von großer Bedeutung war. Bilder von angeblich leicht zu überschreitenden Grenzanlagen, das Nennen von Fristen, bis wann die Fluchtwege zur Verfügung ständen, die freundliche Aufnahme in der Bundesrepublik, freudestrahlende Flüchtlinge in der BRD und eine rosig geschilderte Situation des Arbeitsmarktes beseitigte etliche Bedenken, die viele DDR-BürgerInnen noch an der Flucht hinderten. Westliche Medien versuchten nun immer öfter, Personen der Opposition als Hoffnungsträger zu präsentieren. Die Westreporter vermittelten, der Protest werde immer stärker, die Zahl der Flüchtlinge und Demonstranten immer höher. Ereignisse und Westmedienberichte waren eng aneinander gekoppelt. Und sie konnten von der DDR-Opposition gut zu der nächsten Autorität Helmut Kohl umschwenken. Kohl winkte mit der D-Mark, und um die angeblich sozialistischen Menschen war es geschehen. Damit war die Vereinigung geboren und das Ende der DDR besiegelt. Die Westmedien haben dazu einen herausragenden Beitrag geleistet und konnten mit der Gleichschaltung in Richtung Neoliberalismus fortfahren.

Denn auffällig im Neoliberalismus ist die zunehmende Gleichschaltung der Medien.

Die „routinierte Selbstgleichschaltung“(Walter van Rossum) des Journalismus bedarf keines Befehles, denn die Medien beobachten nicht die Wahrheit, sondern andere Medien. Das Fernsehen verdeckt die Wahrheit. Egal wieviele TV-Sender es gibt, die Mechanismen sind gleich. Zum Beispiel gibt es kaum noch Intellektuelle in Talkrunden. Eigentlich sollten Medien eine Gegenmacht sein, die die Realität widerspiegeln. Aber die Medienöffentlichkeit ist so homogen, die marginalisierte linke Gegenöffentlichkeit schadet niemandem, sie wird nicht ernst genommen. In Fernsehanstalten gibt es jede Menge vorauseilenden Opportunismus und Mitläufertum. Man hat Angst, auf der falschen Seite zu stehen. Das liegt aber häufig auch an den Arbeitsbedingungen. Zum Beispiel gibt es für junge Leute große Unsicherheit. Viele sind Volontäre und Praktikanten oder haben Zeitverträge.

Walter van Rossum hat die Sendung von Sabine Christiansen analysiert. Jeden Sonntagabend beklagten bei Sabine Christiansen ausgerechnet die Repräsentanten der Herrschenden ihre Ohnmacht. Deutschland wurde von Vertretern der Unternehmerverbände und neoliberalen Politikern zunächst als Sanierungsgebiet dargestellt, damit sich anschließend die Profiteure der Macht zu Systemüberwindern aufspielen konnten. Systemüberwindung bedeutete dann Sozialabbau, Lohnneben- und Lohnkosten runter, Arbeitszeit verlängern, Rentenalter hoch.
Er schreibt: „Jeder dieser Katastrophentalks ist komplett austauschbar ... Sabine Christiansen funktioniert als eine Tonspur in der Endlosschleife mit den stets gleichen Figuren, die bloß unterschiedliche Namen tragen...Eine der Lieblingssprechblasen, die im Christiansen-Talk pausenlos gen Studiohimmel steigen, ist die Rede vom Zusammenhang zwischen Wachstum und Arbeitsplätzen: Wirtschaftswachstum schafft Arbeitsplätze. Und wenn die erhitzte Konjunktur uns alle mit Arbeit segnet, erledigen sich die Probleme mit der Altersversorgung und der Krankenkasse und den Steuereinnahmen fast von selbst." Jeden Sonntag sei es bei Christiansen fünf vor zwölf, stellt van Rossum fest: "Wie selbstverständlich ergibt sich aus der Katastrophendiagnose die einzige Therapie: die Totalreform, um nicht zu sagen: die Systemüberwindung. Allsonntäglich tritt so eine große Koalition der Systemüberwinder gegen ihr Volk an...Das Weltbild, das bei Sabine Christiansen zusammengeplappert wird, ist nicht gerade neu, und es ist keineswegs exklusiv. Doch im Sendegebiet der deutschen Kampfzone dürfte es keine politische Talkshow geben, die auf ähnliche Weise die Wünsche der Chefetage ans Volk durchreicht - und dabei eine unschlagbare journalistische Unbedarftheit an den Tag legt." (Walter van Rossum: "Meine Sonntage mit 'Sabine Christiansen'. Wie das Palaver uns regiert". Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004)

Auch im Kapitalismus gibt es in den Medien eine Zensur. Diese setzt schon ein, wenn entschieden wird, was wichtig sei. Die Selbstzensur der Mitarbeiter wirkt. „Im Laufe der Jahre hat jeder Mitarbeiter verinnerlicht, was man sagt und was man nicht sagt und wie man was (nicht) sagt. Falls überhaupt jemand einen eigenen Blick auf die Dinge hat, dann gibt er ihn garantiert jeden Morgen beim Pförtner ab.“ (Rossum, S.66) Bei der Tagesschau hält man sich an die Vorgaben der parlamentarischen Mitte. „Denn Politik gibt es für die Tagesschau stets nur in Gestalt von Politikern, die ihre Politik wiederum stets nur als Differenz zu anderen Politikern beschreiben können. Und die Tagesschau hat wieder einen unübertrefflichen Beitrag zur Unbegreiflichkeit der Welt geliefert.“ (Rossum, S.81) Die Wirtschaftsführer tauchen „in der Regel nur als Sprechblasen für die berühmten Sachzwänge...- als ihre Vollstrecker“ auf. (Rossum, S.86) „Tag für Tag offeriert die Tagesschau ein groteskes Sammelsurium aus fragmentarisierten Informationen, Halbwahrheiten, Pseudonachrichten, plumpen ideologischen Fanfaren, Platituden und Fehldeutungen...Die Tagesschau macht ihre Zuschauer entschlossen zu Zaungästen einer Welt, indem sie sich ebenso entschlossen weigert, diese Welt auch nur andeutungsweise zu begreifen. Und ich wage die Behauptung: Genau darauf beruht ihr Erfolg...., sie reagiert nicht auf die Welt, über die sie zu berichten vorgibt, sondern sie reproduziert vor allem sich selbst...Den Dschungel der Zusammenhänge kennt die Tagesschau nicht. Das erhöht wiederum den Eindruck strenger Objektivität.“ (Rossum, S.95ff.) „Man weiß nicht, was „wirklich“ geschehen ist, aber man weiß, wie man das zu sehen hat, was auch immer da geschehen sein mag.“ (Rossum, S.121) Es geht um die Inszenierung von Objektivität, dabei werden Probleme verdeckt. So werden die Vorgänge der Globalisierung ausgeblendet. Dabei weiß die Redaktion sehr genau, was sie sendet und was lieber nicht. (Walter van Rossum, Die Tagesshow, Kiepenheuer&Witsch Köln 2007)

Pierre Bourdieu beschreibt die Zensur, die mit einem Auftritt im Fernsehen verbunden ist. Die Redezeit ist begrenzt, es wird ein Thema aufgezwungen, es ist jemand da, der zur Ordnung ruft. In den Fernsehdiskussionen sind immer die gleichen Leute, die sich kennen und zum Schein unterschiedliche Meinungen vorgaukeln. Und er beschreibt auch die Selbstzensur der Mitarbeiter, die aufgrund der Stellenunsicherheit zu politischem Konformismus neigen. Die Mitarbeiter sind immer besser ausgebildet, aber haben immer uninteressantere Dinge zu tun. So gibt es viele Unzufriedene in der Medienbranche. Es herrschen ökonomische Zwänge beim Fernsehen. Immer wird nach dem Spektakulären gesucht, nach dem, was ungewöhnlich ist. Die Suche nach dem Spektakulären führt dazu, dass alle dasselbe machen, endet „in Uniformisierung und Banalisierung“. Die Welt wird auf Anekdoten und Klatsch reduziert und so entpolitisiert. Sie meiden das Gewöhnliche, die Monotonie. „Denn nichts ist schwieriger, als die Realität in ihrer Banalität erfahrbar zu machen...Darin besteht das Problem der Soziologen: das Gewöhnliche ungewohnt zu machen; es so zu schildern, daß sichtbar wird, wie außergewöhnlich es ist.“(Bourdieu, S.27) Bourdieu beklagt die Homogeneität unter den Produkten der Journalisten. Die Einschaltquote setzt sich in Zeitdruck um. So bedient man sich „fast-thinkers“ die „geistiges fast-food“ anbieten. (Bourdieu, S.40)

(Pierre Bourdieu, Über das Fernsehen, Suhrkamp Frankfurt a. Main 1998)

Oftmals wird die Boulevardisierung des Fernsehens beklagt. Mit der Einführung des Privatfernsehes ist bei anwachsendem Konkurrenzkampf um Einschaltquoten und Werbeeinnahmen das Niveau enorm gesunken. Das Angebot wird immer trivialer und dümmer, eine Soap und Talkshow jagt die andere. Auch die langweilige Einheits-Popsoße auf den Musiksendern MTV und VIVA kann man sich nicht antun. Die bürgerliche Presse verbreitet neoliberalen Einheitsbrei. Die Presselandschaft geht aufgrund der Dominanz großer Konzerne wie Springer und Bertelsmann in Richtung Gleichschaltung. Das heutige Mediensystem besteht aus großen Konzernen, die Profit erzielen wollen. Was nicht gekauft wird, wird nicht produziert, wobei es keine Entscheidungsprozesse darüber gibt, was produziert und konsumiert werden soll. Die Konzerne beeinflussen aufgrund ihrer Macht die öffentliche Meinung. Die Bertelsmann AG ist mittlerweile eines der weltgrößten Medienunternehmen mit Niederlassungen in 63 Ländern und mehr als 100.000 Mitarbeitern (30.6.2007). Die Bertelsmann- Stiftung ist ein Think Thank , der bei "neoliberalen Reformen" wie Studiengebühren, Hartz IV, aber auch in Kampagnen wie »Du bist Deutschland« politische Macht im Sinne der Stiftung ausübt. Eine „Macht ohne Mandat“. Demokratisch legitimierte Macht wird durch die Macht der Wirtschaft zurückgedrängt oder sogar teilweise ersetzt. Die Stiftung vertritt neoliberale Ansichten. Politiker mit solchen Ansichten, wie Oswald Metzger werden in die Stiftung eingebunden. Die Herrschaft der Besitzenden löst die Demokratie ab. Auch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nimmt Einfluß auf die Medien. Die Initiative forciert ein Verschwimmen von Journalismus und PR. Die Medien sind darauf angewiesen, dass ihnen zugeliefert wird, denn sie müssen kostengünstig arbeiten. Und so werden dann einfach PR-Schreiben übernommen. Es werden zunehmend PR-Texte veröffentlicht. Die Medienberichterstattung übernimmt die Perspektive der Initiative. Als Kritik an der Initiative geäußert wurde, nahm der Druck auf Redaktionen zu. Es wurde besonders versucht, kritische Journalisten als unglaubwürdig darzustellen. In den Talkshows treten dann massenhaft Vertreter dieser Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft auf. Und fordern harte Einschnitte. Öffentliche Diskussionen werden so manipuliert. Die Initiative machte auch Schleichwerbung in der Sendung Marienhof. Der Initiative geht es um den Abbau des Sozialstaates und die Stärkung der Eigenverantwortung. Hauptziel ist Wirtschaftswachstum bei längeren Arbeitszeiten, geringerer Entlohnung, weniger Sozialleistungen etc. Die Initiative propagiert Entstaatlichung und Privatisierung auf allen Ebenen. Sie flankiert Wirtschaftsiniteressen mit PR-Maßnahmen. Die Stimmung der Deutschen war 25 Medienunternehmen viel Geld wert: 30 Millionen Euro ließen sich die Häuser - darunter Bertelsmann, Axel Springer, ARD, ZDF, RTL, Premiere und ProSieben - eine Werbeaktion mit dem Namen «Du bist Deutschland» kosten, die unter den Bürgern Aufbruchstimmung verbreiten wollte. Denn auch der Staat mischt da noch mit, um sich Einflußmöglichkeiten zu sichern. Bei ARD und ZDF herrschen die politischen Parteien, wobei auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten ein kommerzielles Interesse haben, sie brauchen mehr Werbeaufträge. Es gibt fast keine Gegenöffentlichkeit, linke Medien sind marginal. Kritisches Denken ist unerwünscht. Die neuen Medien- und Kulturarbeiter haben auch gar keine Lust mehr auf kritisches Denken. Wer bemerkt sie nicht die neuen Medien- und Kulturarbeiter in Berlin, die sich in den Cafes breitmachen. Meistens sind es die Kids der westdeutschen Mittelschicht. Sie arbeiten prekär und machen trotzdem einen selbstzufriedenen Eindruck. Von Gesellschaftskritik keine Spur. Robert Kurz zieht mit ihnen hart ins Gericht. Der Keynesianismus und Sozialstaat brachte massenhaft Sozialarbeiter hervor, die Postmoderne und der Sozialabbau eine große Medien- und Kultur- Arbeiterklasse. Es erfolgte eine Umschichtung von der Sozialpädagogik und alternativen Klitschenkultur zu Mode, Design, Werbebranche, Privatfunk und überhaupt mikroelektronischen Medien. Die hinsimulierenden Medien- und Kulturarbeiter wissen, dass aus ihnen kein neuer Mittelstand mehr wird. In der Postmoderne ist auch die Bezahlung nur noch virtuell. Ich zitiere Robert Kurz: „Um den Duft der „Kreativbranchen“ von Werbung, Medien, Design, Kultur- und Software- Industrie etc. schnuppern zu dürfen, nehmen die postmodernen Youngsters auch Dumpinglöhne in Kauf. Dabei sein ist alles...Was dann allerdings inhaltlich herauskommt bei der zwanghaften, „selbstkontrollierten“ Kreativitätshuberei zum Billigtarif, ist in der Tat auch bloß billig. Wer sich dafür begeistern kann, Abführmittel oder Joghurts „originell“ zu bewerben, „Spieleläden“ und „Wohnzimmergalerien“ aufzumachen, Internet-Suchprogramme oder möglichst absonderliche Klamotten zu erfinden, hat seine „Kreativität“ schon auf jene Marktorientierung reduziert, die heute angesichts des Überangebots von billigen Witzen jeder Art eben auch nur noch Minimalerlöse erzielen kann. Das ganze Kreativitätstheater ist nichts als die Art und Weise, wie sich der kapitalistische Mittelstand wichtigtuerisch von der Geschichte verabschiedet...Inzwischen haben wir es mit einer ganzen Generation von jungen Billiglohnjobbern aus gutem Hause zu tun. Obwohl in den postindustriellen Grauzonen von Bewußtseinsindustrie und Erlebnistourismus, Medienmarketing und Kultursponsering, Edeldesign und Imagekampagnen real immer weniger zu holen ist, nimmt das Überangebot weiter zu. Diese Figuren, die umso mehr zum Verwechseln aussehen, je individualisierter sie sind, pendeln in der Regel zwischen einem Dasein als Werbetexter (Kreativjob) und Aushilfskellnerinnen (McJob), ohne jedoch die geringste Vorstellung einer widerständigen Gegenbewegung und Gegenkultur zu entwickeln. ...Nicht der Traum von einer anderen Gesellschaft wird geträumt, sondern der Traum vom eigenen Geschäft, vom raffinierten Coup und vom Platz an der Sonne des Marktes...Es gehört schon einiges dazu, sich für nichts zu schade zu sein und gleichzeitig das Bewußtsein zu pflegen, im Prinzip „etwas ganz Besonderes“ darzustellen. Auf die soziale Deklassierung nicht mit Haß gegen das herrschende System zu reagieren, sondern mit einer halluzinatorischen Uminterpreatation der eigenen realen Lage, das ist offenbar die letzte überhaupt noch denkbare Anpassungsleistung der Mittelstands-Sprößlinge und der verhinderten Aufsteiger, die alle Tore in ein halbwegs anständiges Leben (Anm. was das auch heißen mag) verriegelt vorfinden.“ Das die Leute trotzdem so gut drauf sind, hat einen Grund, meint Robert Kurz. Er sieht einen Zusammenhang zwischen den Finanzmärkten und der prekären Kreativitätshuberei sowie fehlender Gesellschaftskritik. In Deutschland wurden bis zum Jahr 2006 Vermögen in Höhe von 2,6 Billionen Mark vererbt. Den Grund für den fröhlichen Positivismus der postmodernen Youngsters sieht Robert Kurz im Sponsoring der Eltern und der Aussicht als neue Erben, denn die wahre Ökonomie findet auf den entkoppelten Finanzmärkten statt. Das Schäbige sei, dass sie sich schon im Voraus korrumpieren lassen. Und das Bewußtsein sei auch noch doppelt schäbig, weil sie die Alten mit ihren Werten Arbeit, Fleiß, Sparsamkeit verspotten, andererseits aber von den alten Raffzähnen leben. Allerdings sei nicht jeder Simulant auch neuer Erbe. Das sichere soziale Auffangnetz führt aber zur Lust am kulturindustriellen Mitmachen einerseits und zur Unlust an radikaler Gesellschaftskritik andererseits.

Und so regiert auch in den Medien der Opportunismus. Die neuen Medienarbeiter, mit ihrer Unlust an Gesellschaftskritik sind ein Bestandteil. Es wird aber auch Druck auf die Medien ausgeübt, durch Anzeigenkunden, die Zensur und die Unterordnung unter Markterfordernisse. Die Macht der Einschaltquote und die Abhängigkeit vergiften die Medien und führen zur Uniformierung der Fernsehprogramme. Auch die Tageszeitungen vereinheitlichen sich. Die Profitlogik widerspricht der Idee der Kultur. Kultur wird zur Ware. Die Herrschenden kontrollieren die Medien wie nie zuvor und sorgen dafür, dass die neoliberale Ideologie in den Köpfen der Menschen sitzt. Das ist das größte Hemmnis für Widerstand.