Von der Zentralwirtschaft zum Marktfundamentalismus

 

Fabrikhalle mit Fließband. Gleichmäßiges nervtötendes Stampfen der Maschinen.


Meister: Das ist der Stapel für den Westexport. Da kommt ein Buchumschlag drum und eine Folie.

Sie: Und die Bücher haben weißes und nicht graues Papier.


Jahre später.

Weiterbildung, an den Tischen sitzen die Teilnehmer, leises Gemurmel, vorne steht der langhaarige Lehrer


Lehrer: Die Märkte sind gesättigt, es geht nur noch um Verdrängung. Faktisch ist alles gleich, es müssen Unterschiede suggeriert werden. Sie müssen sich als Marke begreifen und als relevante Marke präsentieren. Sie müssen als Marke zum Kopf der Menschen vordringen.

Sie murmelt leise: Ich bin schon so eine Marke.

Lehrer: Sie müssen sich Tummeln. Networking, das hatten sie ja schon, einen Kontaktplan aufstellen. PR hatten sie ja auch schon. Da müssen sie bestehende Meinungen unterstützen. Sie müssen Selbst-PR machen.

Lehrer wird lauter und gewichtiger: Und vor allem, Sie müssen trennen, was sie wirklich

sind und was Erfolg bringt.


Ton Steine Scherben Die letzte Schlacht gewinnen wir


Die DDR-Verfassung von 1968 schrieb die “sozialistische Planwirtschaft” als Wirtschaftsordnung der DDR fest. Elemente der Planwirtschaft in der DDR waren: die führende Rolle der SED, das sozialistische Eigentum an Produktionsmitteln und die Planung und Leitung auf Grundlage des demokratischen Zentralismus.

Die Planwirtschaft wurde zum ersten Mal von Lenin angedacht. Er orientierte sich an der deutschen Kriegswirtschaft von 1914-1918 und am technologischen Fortschritt des Taylorismus. Die Planwirtschaft hatte sich funktionsfähig bei der Industrialisierung der SU erwiesen. Planwirtschaftliche Vorstellungen waren auch in der Nachkriegszeit weit verbreitet, denn das Chaos und die Notlage erforderten eine zentrale Planung. Die Ausgangslage Ostdeutschlands nach dem 2. Weltkrieg war dramatisch. Es gab eine hohe wirtschaftliche Abhängigkeit von anderen Regionen, der Osten war auf westdeutsche Zulieferungen angewiesen. Die Kriegszerstörungen und Demontagen waren verheerend. Die sowjetische Besatzungszone und die DDR litten unter den Reperationsleistungen. Im Westen spielte der Marshall-Plan beim Aufbau des Wirtschaftswunders eine große Rolle. Im Osten wurde die ökonomische Basis des Nationalsozialismus zerstört. Politisch Belastete wurden enteignet, Banken enteignet, die Bodenreform durchgeführt. Es gab einen großen Vermögensentzug durch Abwanderung in den Westen. Wichtigste Stützen des Zentralisierungsprozeßes bis Mitte 1948 waren die volkseigenen Betriebe. Sie wurden bevorzugt versorgt, während die Privatwirtschaft geschwächt wurde. Mit dem ersten Fünfjahresplan von 1951-1955 sollte die Volkswirtschaft nach sowjetischem Vorbild sozialistisch umgestaltet werden. Das bedeutete Priorität der Schwerindustrie und Schwächung der Leichtindustrie und Konsumgüterproduktion. Die Kollektivierungen der Landwirtschaft wurden nach der Bodenreform eingeleitet. Die Betriebe wurden immer stärker ins planwirtschaftliche System eingebunden. 1952/53 traten die Mängel der praktizierten Planwirtschaft immer mehr hervor. Im Sommer 1952 verschlechterte sich die Versorgungslage, im Frühjahr 1953 wurden Notmaßnahmen und ein harter Kurs gegenüber Bevölkerung eingeleitet. Das war ein auslösendes Signal für den Arbeiteraufstand vom 17.Juni 1953. Nach der Niederschlagung wurden die Normerhöhungen zurückgenommen, es wurden Preise gesenkt und man versuchte, das Konsumangebot zu erweitern. 1963 gab Ulbricht einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel offiziell bekannt: das “Neue ökonomische System der Planung und Leitung”: die Betriebe sollten eigenständiger werden und sich mehr marktwirtschaftlich orientieren. Es ging um Rentabilität und mehr Eigenverantwortung der Betriebe. 1970 wurde dieser Kurs abgebrochen, denn es gab scharfe Konflikte zwischen auf Rentabiltät bedachten Betrieben und zentralen Planungsbehörden. 1971 verkündete Honecker dann die “Einheit von Sozial-und Wirtschaftspolitik”. Der Schwerpunkt wurde jetzt auf die Sozialpolitik, besonders die Wohnungspolitik gesetzt, da man im Konsumbereich mit dem Westen nicht Schritt halten konnte. Privatbetriebe wurden verstaatlicht.

Durch die Ölkrise 1973 wuchs der außenwirtschaftliche Druck der DDR, das Güterangebot im Inland verringerte sich. Der Drosselung der Importe stand eine Exportoffensive gegenüber. Durch die Sozialpolitik in den Betrieben sollten neue Leistungsanreize geschaffen werden. Es entstanden große Kombinate und neue Technologien sollten gefördert werden. Nur noch der Grundbedarf wurde im Preis niedrig gehalten. 1977 entstanden Exquisit- und Delikatläden für den gehobenen Bedarf. Mit der Koko /Kommerzielle Koordinierung (Schalk-Golokowski) entstand ein quasi-marktwirtschaftlicher Sektor. Zum Beispiel wurden so Embargos für Hochtechnologie umgangen. Hauptsächlich ging es um Devisenbeschaffung, z.B. durch Waffenhandel. Mit den Milliardenkrediten 1983 und 1984 entstand eine zunehmende Abhängigkeit vom westlichen Ausland. Das Schürer-Papier von 1988 hätte eine Senkung des Lebensstandards der Bevölkerung bedeutet, es wurde abgelehnt.


Was waren nun die Mängel der zentralistischen Planwirtschaft in der DDR:


Die DDR konnte mit der wissenschaftlich-technologischen Revolution nicht mithalten, in der Mikroelektronik lag sie z.B. 8-10 Jahre hinter der Weltentwicklung zurück. Die Planwirtschaft war eher ein Industrialisierungsprojekt, die Planwirtschaft war der zweiten (chemisch-elektrischen) und der dritten Revolution (Computerzeitalter) nicht gewachsen. Zur BRD hatte die DDR einen enormen Produktivitätsrückstand, die Arbeitsproduktivität in der DDR war gering. Das Konsumangebot blieb hinter der Nachfrage zurück. Die DDR war eine Mangelgesellschaft. Auf die Differenzierung der Bedürfnisse hatte der Zentralismus keine Antworten.

So war auch die Arbeitsmotivation in der DDR gering. 2 Millionen Menschen wanderten ab. Erhöhten Löhnen stand kein erhöhtes Konsumangebot entgegen. Die DDR-Bürger waren aber zunehmend konsumorientierter.

In der DDR hatte keine Vergesellschaftung, sondern nur eine Verstaatlichung stattgefunden. Das Volkseigentum blieb anonym, die Arbeiter hatten kein Eigentümerbewußtsein, weil die Autonomie der Betriebe mit dem politischen System nicht vereinbar war. Die Partei, also die SED, hatte das Wahrheitsmonopol. Die Zentrale war immer unfehlbar. Somit war diese Planwirtschaft nur eine bürokratische Zentralverwaltungswirtschaft. Die Parteibürokratie verschmolz mit der Wirtschaftsverwaltung. Die Partei traf die Entscheidungen, die Ausführenden versuchten die Risiken auf andere zu übertragen, es entstand ein System kollektiver Verantwortungslosigkeit. Die wichtigsten Beschlüsse wurden von einer kleinen Gruppe im Politbüro gefaßt. Den Verstand brachten ein Dachdecker (E.Honecker) und ein Eisenbahner (G.Mittag) mit...Pläne wurden gefälscht und beschönigt. Kein Mensch nahm die Pläne ernst. So entstanden weiche Pläne, da man keine harten Planauflagen wollte, es wurde über Leistungsfähigkeiten getäuscht. Planung ist ohne Demokratie nicht möglich. Die Zentrale wollte hohe Planauflagen durchsetzen, die Betriebe wollten dagegen risikoarme Pläne aushandeln; deshalb hatten Betriebsleitungen Interesse, Pläne auch nicht zu sehr überzuerfüllen. Die Betriebe hatten ja keine Eigenverantwortung und Autonomie, geschweige denn Selbstverwaltung. Der Grundbedarf der Bevölkerung, so die Verkehrstarife und Mieten wurden auf dem Niveau von 1936 und 1944 eingefroren; Subventionen waren die “zweite Lohntüte”. Diese Selbstverständlichkeit führte oft zur Verschwendung, wie beim Wasserverbrauch. Die Preise bei hochwertigen technischen Konsumgütern waren dagegen sehr hoch. Die Innenschulden der DDR waren belanglos, die Außenschulden dagegen dramatisch, weil es Devisen waren. Sie hatten sich seit 1971 verzwangzigfacht. Ob die DDR vor der Pleite stand, darüber streiten sich die Geister, allerdings war der Verfall schon in der DDR sicht- und spürbar. Der Kahlschlag des Westens durch die Privatisierung bzw. Vernichtung des “Volkseigentums” tat dann ihr übriges. Es wurden nicht die Produktionsstätten, sondern der Absatzmarkt gebraucht. Hätten allerdings die Arbeiter der DDR ihr Schicksal einmal selbst in die Hände genommen, wie bei den Besetzungen von Fabriken in Argentinien, dann hätte vieles gerettet werden können. Aber sie rannten lieber der DM und Kohl hinterher.

Die DDR war auch nur eine fordistische Industriegesellschaft. Die Arbeiter waren zwar von der Ausbeutung durch das Kapital befreit, aber nicht frei in der Selbstbestimmung der Produktion. Die Produzenten verfügten nicht wirklich über die Produktionsmittel und konnten auch nicht die Ziele der Produktion beeinflussen, daher blieben sie eigentums- und interessenlos. Hier hätte sich die Frage nach der Autonomie der Betriebe gestellt. Ein weiteres Problem sind die Bedürfnisse. Die Planwirtschaft setzt Transparenz und Konstanz der Bedürfnisse voraus. Sie hat 2 Annahmen: die für die Planung zuständigen Instanzen kennen die individuellen und kollektiven Bedürfnisse und die Bedürfnisse bleiben lange konstant. Der Uniformität der Produkte in der damaligen Planwirtschaft steht die Bedürfnisvielfalt in der jetzigen Marktwirtschaft gegenüber.

In der Marktwirtschaft müssen aus Profitgründen ständig neue Bedürfnisse erweckt werden. Jene Bedürfnisse allerdings, die nach Befreiung verlangen, werden unten gehalten. Marianne Gronemeyer schreibt: “Nie zuvor war das Anderssein ein so schweres Vergehen wie in unserer Zeit der Toleranz.” (Marianne Gronemeyer: Die Macht der Bedürfnisse, Primusverlag Darmstadt 2002) Die Menschen wollen, was sie sollen- das ist die Devise in der Marktwirtschaft. Ständig wird im Bewußtsein Knappheit geschaffen, die Menschen sollen immer mehr und ständig neues brauchen. Je unzufriedener sie sind, desto mehr müssen sie konsumieren.

Die Anhänger der Marktorthodoxie haben immer eine Antwort: Mehr Markt!

In diesem Marktregime hat der Mensch nur noch 3 Aufgaben:

Die Aufgabe, zu konsumieren. Die Rolle als Konsument wurde hier kurz angesprochen.

Wichtige weitere Aufgabe, ist die als Arbeitnehmer bzw. Arbeitssuchender.

Erwerbslose haben die einzige Aufgabe, Arbeit zu suchen, möglichst auf dem 1. Arbeitsmarkt, der zur “Fata Morgana” wird. “Hunderte von Bewerbern auf eine offene Stelle, Arbeitsplätze, die nur noch unter der Hand vergeben werden, und kaum Chancen für Menschen, die die 40 überschritten haben - das sind die Realitäten, mit denen Arbeitslose heute konfrontiert sind.” ...Viele Erwerbslose bewegen sich wie im “Hamsterrad: Unaufhörlich sollen sie sich für einen Arbeitsmarkt fit machen, den es für sie längst nicht mehr gibt." Der Bewerbungszwang führt zu permanenten Kränkungen , Ungewissenheiten über die Absagen und schließlich zu einer Situation gelernter Hilflosigkeit. Maria Wölflingseder beschreibt in “Dead men working” ihre Erfahrungen: “Täglich hörten wir, dass wir immer zu lächeln und puren Optimismus auszustrahlen hätten - ganz besonders auch beim Telefonieren. Es war uns verboten, im Kurs schlechte Erfahrungen bei der oft jahrelangen Arbeitssuche zu äußern. ,Vergessen Sie all Ihre schlechten Erfahrungen! Sie sind kein Opfer, es liegt an Ihnen!'" Die Beschwörungsformel hieß: "Du kannst es schaffen, wenn du wirklich willst!" (Dagmar Schediwy, taz 4.1.2005)


Und wie ergeht es den Arbeitnehmern? Auch aufgrund der vielen Arbeitslosen stehen sie immer mehr unter Druck, die Arbeitszeiten werden länger, die Arbeitsbedingungen und Entlohnung schlechter, Mobbing nimmt zu, aufgrund der Angst um den Arbeitsplatz lassen sich immer weniger krank schreiben usw. Und dabei haben sich in einigen Bereichen die Managementmethoden hin zu mehr Selbstbestimmung entwickelt. Aber das bedeutet: Mehr Druck durch mehr Freiheit, so heißt auch ein Buch von Glißmann und Peters. 25% arbeiten unter diesen Bedingungen, 75% noch unterm alten Kommandosystem, besonders in Niedriglohngruppen. Glißmann und Peters unterscheiden die alte und neue Form der Herrschaft. Die alte Form kennt fast jede/r: ein System von Kontrolle, Befehlen und Anweisungen, ein Kommandosystem, indem es eine Befehlshierarchie gibt und die Menschen den Befehlen gehorchen, sie sind damit fremdbestimmt, solange sie gehorchen. Taylor hatte die Grundüberzeugung, dass der Mensch von einer natürlichen Abneigung gegen die Arbeit bestimmt sei. Aus diesem Menschenbild eines arbeitsunwilligen, lernunwilligen und verantwortungsscheuen Menschen leitet sich ein Führungsstil ab, der auf Überwachung und Kontrolle gründet. Das ist das Prinzip der fordistischen Fabrik. Die Produktion in der

fordistischen Fabrik wurde in linearer zeitlicher Abfolge umgesetzt, in dem japanischen Modell der toyotistischen Fabrik wurde dagegen das Endprodukt zum Ausgangspunkt der Betrachtung. Die Abteilungen wurden direkt mit den Markterfordernissen konfrontiert. Betriebliche Hierarchieebenen wurden abgebaut. Diese Veränderungen brauchten die Aktivierung der Beschäftigten. Das setzte ein neues Menschenbild voraus. Ein Mensch, der kreativ, lernwillig, kooperationsfähig, eigeninitiativ etc. ist. Aus diesem Menschenbild entstand auch ein neuer Führungsstil. Die Arbeitnehmer stehen nicht mehr vor dem Problem:Wie werde ich den Erwartungen von Vorgesetzten gerecht? Sondern: Wie befördere ich den Nutzen des Unternehmens?” Während im alten Kommandosystem Disziplin, pünktliche Einhaltung von Arbeitszeiten und genaues Befolgen von Vorschriften verlangt waren, fordern die neuen Mangementmethoden von den abhängig Beschäftigten unternehmerisches Handeln. Glißmann/Peters sagen: “Anders als die traditionellen Organisationsformen sind die neuen Managementmethoden ...darauf angewiesen, dass keiner der Beteiligten wirklich begreift, was geschieht.” Der klassische Unternehmer ist gegenüber

dem Beschäftigten in der Rolle eines Kommandanten- er steht zwischen dem Beschäftigten und dem Markt. Und was geschieht jetzt beim neuen Herrschaftsystem:

Manöver 1: Der Unternehmer tritt zur Seite, so daß die Belegschaft mit den Rahmenbedingungen des Unternehmens, also mit dem Markt konfroniert ist. Die Arbeitnehmer werden in die Selbstständigkeit unternehmerischen Handelns entlassen.

Manöver 2: Aber der Unternehmer tritt nicht zur Seite, um auf seine Macht zu verzichten, sondern um sie zu festigen und auszubauen. So wie er für die Beschäftigten mehr Leistungsdruck durch Beseitigung von Zwang erreichen will, erstrebt er für sich selbst mehr Macht durch Verzicht auf Kontrolle. Und darum muss Manöver Nr.1 mit Manöver Nr.2 verbunden werden: Der Unternehmer verwandelt sich aus einer befehlenden und strafenden Instanz in eine Rahmenbedingung für unternehmerisch handelnde Beschäftigte im Unternehmen....Die Arbeitnehmer werden zu unselbstständigen Selbstständigen, früher waren sie nur mit dem Kapitalisten konfrontiert, jetzt zusätzlich auch noch mit dem Markt, also dem Kapitalismus. Das nennt sich indirekte Steuerung. Der Abbau des Zwanges wirkt sich als Erhöhung des Leistungsdruckes aus. Es gilt das Prinzip: “Macht was ihr wollt, aber seid profitabel!” An die Stelle der Herrschaftsform Hierarchie tritt die Herrschaftsform Person.. Die ganze Person wird der Kapitalverwertung unterworfen.


Die dritte Rolle des Menschen im Marktregime ist die des Wählers:

Es ist im Interesse der Herrschenden, daß gerade die Armen nicht wählen und fatalistisch sind. Chomsky schreibt zur Demokratie und den Bürgern: ”Demokratie ist zulässig, solange die Wirtschaft von demokratischen Entscheidungsprozessen verschont bleibt, d.h. solange die Demokratie keine ist...Daher hat das neoliberale System ein wichtiges und notwendiges Nebenprodukt- ein entpolitisiertes, von Apathie und Zynismus befallenes Staatsbürgertum...”(Profit over People)


Das Marktregime produziert ein neues Denken, das immer mehr um die Fragen kreist: Wie mache ich mich verwertbar, wie verkaufe ich am besten meine Arbeitskraft, habe ich noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt, kann ich mich vielleicht selbständig machen, womit, wo sind meine Kompentenzen, die vielleicht profitabel sind, wie muß ich mich verändern (Stichwort Selbstmanagement), habe ich Beziehungen, wie nutze ich meine Kontakte usw.

Wer sich diese Fragen nicht stellt, ist vielleicht Beamter oder in einem sonstwie gesicherten Arbeitsverhältnis bis zur Rente, er hat soviel Geld, daß er nicht auf den Verkauf der Arbeitskraft angewiesen ist, er hat aufgegeben und wurschtelt desöfteren auf dem 2. Arbeitsmarkt vor sich hin, ist depressiv und sonstwie schlecht drauf oder er verweigert sich ganz bewußt diesem kapitalistischen Verwertungsprozeß und sucht nach Nischen.

Was bedeutet der Markt im Kopf? Jegliche Fähigkeit wird im Kopf zur Geschäftsidee umfunktioniert, jede kreative Regung, jeder geistige Blitz wird unter dem Gesichtspunkt betrachtet, kann ich damit was verdienen, auch die Linke ist davor nicht gefeit, kann ich den Text vielleicht als Artikel an eine Zeitung verkaufen, bin ich mit den Buchbeiträgen so auffällig, daß ich noch bei Vorträgen Honorare bekomme, mache ich mich wichtig in der Szene und fällt vielleicht ein Werkvertrag bei einer Stiftung ab usw. Das ganze Leben wird marktförmig, was nützt mir für das ökonomische Überleben: die Kontakte, das Buch (Lebenslanges Lernen), das Outfit und das FitnessCenter, Anpassung im Team, auch Teamfähigkeit genannt usw. Auch in der Linken weiß man hier oftmals nicht mehr, was ist Idealismus und was zielt darauf hin, sich möglichst gut zu verkaufen, sich bedeutsam zu machen und somit bessere Verwertungs- und Karrierechancen zu haben. Die Linke hat den Kampf um die Köpfe der Menschen verloren, u.a. weil selbst in ihren Köpfen häufig der Markt steckt, Verweigerung ist selten. Wie ist es auch anders möglich, am Tage prekär entfremdet zu arbeiten oder nach Lohnarbeit zu suchen, und abends dann linke Politik zu betreiben, da gibt es Risse im Bewußtsein. Das kann dann dazu führen, daß man z.B. politisch die Ein—Euro-Jobs bekämpft und zwangsweise “freiwillig” dann einen annimmt, das Leben ist im Neoliberalismus kompliziert geworden. Denn Ziel der Reformprogramme sind die Verbesserung der Verwertungsbedingungen des Kapitals und nicht die Verbesserung der Lebensbedingungen von Arbeitnehmern und Arbeitslosen. Durch den Sozialabbau müssen sich die Menschen ständig mit ihrer ökonomischen Lage beschäftigen und alle Kraft, Energie, Phantasie, Kreativität für das Aufspüren von Nischen, Ecken, Marktlücken und Scheinchancen aufwenden.


Ist der neue Mensch ein homo oeconomicus?

Der homo oeconomicus ist eine satirische Ableitung vom homo sapiens.

Für den liberalen Vordenker Adam Smith ist der homo oeconomicus die Basis für die Wohlfahrt der Nationen. Der enthemmte Egoismus des Einzelnen führe dazu, dass auch der gesellschaftliche Wohlstand gesteigert wird. Der Ausdruck homo oeconomicus, geprägt von Eduard Spranger in seinem Buch Lebensformen (1914), bezeichnet die behauptete Grundtendenz von Menschen, das Leben nach rein wirtschaftlichen Kriterien auszurichten. Der ökonomische Mensch stellt in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voran. Auch Peter Hartz malte in seinem Buch "Job-Revolution"(2001) einen neuen Menschen. Für Hartz ist der Mensch eine Maschine, die rund um die Uhr und ihr ganzes Leben arbeiten könnte. Angeblich sei diese Maschine nicht ausgelastet. Die hochtechnologische Produktionsweise brauche den Massenarbeiter nicht mehr, jetzt könne jeder “Unternehmer” werden.


Neoliberalismus-Kritiker warnen vor einer ökonomistisch geprägten Gesellschaft. Konkurrenz werde zur dominanten Umgangsform zwischen Menschen und Gesellschaft. Das System des Marktes verdirbt die Menschen zu egoistischen Vorteilsmaximierern. Gerhard Wilke meint, das "Elend der Neoliberalismuskritik" sei das Verlangen nach einem neuen Menschen, aber dieser Ansatz hätte sich historisch nicht bewährt.

Merkwürdig diese Logik, denn gerade die Neoliberalen verlangen ja nach einem neuen Menschen, der flexibel und mobil ist und ganz vom Unternehmerdenken und –tun ergriffen.

Die Anforderungen steigen, aber die Ansprüche sollen sinken, warum wehren sich die Menschen nicht. Zum einen ist es dem Neoliberalismus gelungen, sich als Endstation der Geschichte und naturgegeben darzustellen, es gäbe keine Alternativen, so posaunt es immer wieder. Ein weiterer Grund ist die sogenannte Individualisierung der Menschen. Aber merkwürdig: Je marginalisierter und entfremdeter man sich in dieser Gesellschaft fühlt, desto mehr nimmt man die Mehrheit als gleichgeschaltete Masse von vielleicht vereinzelten Wesen wahr, Gustave Le Bon beschreibt den “Mensch in der Masse”: “Der einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat.” Adorno problematisiert in seiner “Erziehung nach Auschwitz” die blinde Identifikation mit dem Kollektiv. Man solle der “blinden Vormacht aller Kollektive entgegenarbeiten”. “Menschen, die blind in Kollektive sich einordnen, machen sich selber zu etwas wie Material, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus.” Der Sozialpsychologe Forgas beschreibt dagegen Konformität als zwangsläufig naturgegeben : “Jede Gruppe von Menschen, sei es eine Nachbarschaft, ein Arbeitsteam, eine Universität oder eine ganze Gesellschaft, kann nur bestehen, weil ihre Mitglieder bestimmten Normen folgen. Fast alle Gruppen entwickeln- geschriebene und ungeschriebene Verhaltensregeln, deren Befolgung von jedem einzelnen Mitglied erwartet wird.”

Während Gleichschaltung und Konformität auch in dieser Gesellschaft Normalität sind, sieht es mit dem Klassenbewußtsein schlecht aus. Das muß selbst der arbeiterbewegte Gegenstandpunkt zugegeben: “Von einem Proletariat in dem Sinn, von Leuten, die sich als Proletarier begreifen oder gar mit Stolz als solche bekennen würden, ist weit und breit nichts zu entdecken, von Klassenkämpfen ganz zu schweigen. An die Stelle einer kollektiv ausgebeuteten Industriearbeiterschaft sind in der modernen Erwerbsgesellschaft- oder jedenfalls in ihrem Selbstbild lauter freie Einzelindividuen getreten, die zeitsouverän und flexibel mit zeitweiligen Hauptberufen, Nebenjobs und Phasen der Arbeitslosigkeit herumwirtschaften, bis sie in eine selbstbestImmte Rente gehen. Von einem gemeinsamen Interessengegensatz gegen die Eigentümerklasse will niemand mehr etwas wissen; das Kapital wird nicht als Gegner, geschweige denn ausbeuterische Macht gesehen, sondern als Quelle, und zwar als einzige, vielfältiger Erwerbschancen begrüßt. Elend ist dort zu Hause, wo es an Kapital fehlt...Umfassender und vollständiger könnte der soziale Wandel kaum sein. Eine ganze “Gesellschaftsschicht “ hat Karriere gemacht: vom armseligen Fabrikarbeiter zum Internet-tauglichen Job-Sucher, vom rechtlosen Kollektiv zum mündigen Staatsbürger und Firmenmitarbeiter, vom Hungerleider zum umworbenen Konsumenten...Lohnarbeiter fahren heutzutage mit Autos zur Arbeit, bedienen dort Maschinen, von denen das 19.Jahrhundert sich noch nichts hat träumen lassen, bekommen ihr Entgelt aufs Girokonto überwiesen, sind sozial-und lebensversichert, genießen politische Rechte, die einstmals den Besitzenden vorbehalten waren, und legen weit mehr National—als Klassenbewußtsein an den Tag. Der Wandel ist wirklich nicht zu übersehen. - Doch was ist, ... wenn das für alle aufgeklärten Beobachter des sozialen Geschehens längst feststehende Ende der proletarischen Klasse nichts anderes dokumentiert als deren Vollendung: die totale Subsumtion der Klasse unter ihren kapitalistischen Lebenszweck? ”(Gegenstandpunkt)

Das Denken der Herrschenden ist zum herrschenden Denken geworden. Die Krisenopfer sind weit von der Bereitschaft zum Widerstand entfernt, weil sie ihre Randständigkeit als eigenes Versagen begreifen und eher schamhaft als widerständig sind, sie übernehmen die Sichtweise der Unterdrücker.