Liebe

Der Rettungsanker. Aber Eva Illouz beleuchtet knallhart die Gefühle im Kapitalismus und räumt mit der Illusion auf. Die Liebesromantik wurde seit dem 1. Viertel des 20.Jahrhunderts zunehmend mit Konsum verknüpft und wurde so zum Bestandteil des Lebensstils der Mittelschicht. Die Brautwerbung in den besseren Kreisen wurde aus dem familiären Haus in die Öffentlichkeit verlegt, in Restaurants, Tanzlokale, Theater. Die Arbeiterklasse ging zum Flirten in die Kinos oder zum Tanzen. Aus der Enge der Wohnungen zog es sie schon immer in die Öffentlichkeit. Das Vergnügen war immer mehr mit Geld verbunden. Aber was früher exklusiv war, wie Automobilbesitz, Restaurants und Reisen, wurde immer billiger. „Insgesamt gesehen waren es drei Produktkategorien in dieser Auswahl, die am häufigsten mit Liebe in Beziehung gesetzt wurden: Imagepflege (z.B. Parfum, Kleidung und Make-up), Freizeit (z.B. Hotel, Reisen und Getränke) sowie Geschenke (z.B. Schmuck)." (Illouz, S.105) „Romantik wurde immer mit Wohlstand in Beziehung gesetzt...Dabei zeigen sich drei Hauptkategorien von Aktivitäten: gastronomisch (z.B. Essen kaufen und es zu Hause zubereiten oder in ein Restaurant gehen), kulturell (ins Kino, in die Oper oder zu einem Sportereignis gehen) und touristisch (z.B. an einen Ferienort oder ins Ausland fahren)..."(Illouz, S.152) In der Regel sind miteinander schlafen, miteinander reden und spazierengehen die einzigen Aktivitäten, die nichts kosten. Die meisten romantischen Praktiken hängen vom Konsum ab. Die Liebesbeziehung wurde vom Markt kolonisiert. Obwohl Menschen aus der Mittelschicht und oberen Mittelschicht die Kommerzialisierung oft verspotteten, waren gerade sie es, die stereotype romantische Augenblicke erlebten. Die Liebeserfahrungen der Arbeiterklasse scheinen weniger von Waren abzuhängen, das mag eine Geldfrage sein. Sie können sich z.B. weniger Reisen leisten. Im Alltag erlebt die Arbeiterklasse auch deshalb weniger Romantik. Sie können nicht in diesem Maße am Freizeitmarkt teilnehmen. Und die Männer sind häufig physisch erschöpft, wie wohl auch viele Arbeiterfrauen in ihren prekären Jobs. Die Mittelschicht kann sich dagegen neue Freizeitgüter kaufen und hat zudem eine kommunikative Kompetenz, die intensiv sein kann.
Die meisten Menschen lieben und heiraten Menschen ihrer Schicht, da sie am intensivsten mit ihnen zu tun haben. Wohnort und Arbeitsplatz ist nach sozialer Schichtung getrennt. Es herrscht die unsichtbare Hand des Habitus, das kulturelle Kapital ist entscheidend. In der Arbeiterklasse sind Eigenschaften, die der Arbeitsdisziplin dienen, wichtig, in der Mittelschicht Kreativität und Neugier.
Eva Illouz resümiert: „Die romantische Liebe ist allein durch ihren Triumph in den Massenmedien und in der Konsumkultur noch weiter „entzaubert" worden. Aufgrund der ubiquitären Verwendung von Liebe zum Zwecke des Warenkaufs ist die Liebe im wirklichen Leben zu einer leeren Hülse geworden, deren man sich durchaus als Code und Klischee bewusst ist. Wir wissen sehr genau, dass wir in der Privatheit unserer Liebesworte und Liebeshandlungen kulturelle Szenarien abspulen, die nicht von uns stammen. Die Formeln romantischer Liebe werden heute nur noch von den kulturell Benachteiligten für bare Münze genommen. Ein Mehr an kulturellem Kapital führt zu einem Mehr an Entfremdung..."(Illouz, S. 321) Das führe zu einem tiefen Mißtrauen gegenüber der Liebe. Dabei sei „das Privatleben eine der letzten Arenen, in der das Individuum ein gewisses Maß an Kontrolle und Autonomie erfahren kann. Dass diese Autonomie von den Sprachen des Marktes eingerahmt ist, ist nur eine der vielen Ironien des Kapitalismus...Ich behaupte, dass die Fähigkeit, eine Liebe im authentischen Sinne zu leben, denjenigen vorbehalten ist, deren Leben nicht von „Notwendigkeit" geprägt ist....Die Sphäre des Privatlebens und diejenige des Warenaustauschs verzahnen sich in der Arbeiterklasse und der Mittelschicht auf unterschiedliche Weise; Liebesromantik ist in unserer Gesellschaftsstruktur ziemlich ungleich verteilt; Liebe bietet nur denjenigen persönliche Freiheit, die ohnehin bereits über ein gewisses Maß an objektiver Freiheit am Arbeitsplatz verfügen."(Illouz, S. 322f.)
(Eva Illouz, Der Konsum der Romantik, Suhrkamp Frankfurt a. Main 2007)