Kreativität

Die neue Ideologie heißt Kreativität. Das Heilswort der Gegenwart. Dabei war Kreativität mal bedrohlich. Die Dadaisten, die über die Spießer lachten. Der Bohemien Erich Mühsam, den die Nazis gleich verschleppten. Die langhaarigen Rockmusiker der Protestkultur nach 68. Die Künstler, die sich gegen die Gesellschaft auflehnten. Kreativität mußte daher immer gezügelt werden. Heute soll sie in neoliberale Bahnen gelenkt, von gesellschaftlichen Problemen ferngehalten werden. Künstlern ging es um Autonomie und Authentizität. Die Künstlerkritik wurde vom neuen Geist des Kapitalismus aufgesogen. Der Künstler lebte von der Muße. Produktiv muß der Kreative heute sein. Kreativität wird zum Aushängeschild. Alle sind soo kreativ. Die Mittelschicht verabschiedet sich von der Geschichte- als prekäre Kreative mit permanenter Kreativitätshuberei. Billig, was dabei herauskommt, natürlich ohne radikale Gesellschaftskritik. Aber Kreativität verlangt eigentlich Unangepaßte, denn die sind einmalig, nicht uniform. Heute sollen die Kreativen sich gut verkaufen- die Kreativitätsunternehmer. Aber Kreativität sitzt in den Köpfen, wo sie sich jetzt mit ökonomischem Denken mischt. Der Tod jedes Künstlers. Sollte die Gleichung lauten „Je mehr schräge Vögel, je mehr Innovation, je mehr Wohlstand"? Kreativität für die Standortsicherung? Und die Kreativen stylen sich dann zum „schrägen Vogel" zurecht. Querdenker stellten früher die Gesellschaft in Frage. Heute sollen sie ihr nutzen. Kreativität kann man nicht anordnen oder herbeizaubern. Sie wird gelebt. Der Markt wartet nicht und so stehen die Kreativen unter Verwertungsdruck. Und die Produkte- alle anders, alle gleich. Kreativität wird simuliert von den Gehetzten. Fallada war auch gehetzt, aber er hat gelebt, wovon er schrieb. Er hatte eine Persönlichkeit, keinen Marketingcharakter. Schalen ohne Kern. Freaks, Künstlernaturen, kritische Intellektuelle sterben aus. Was bleibt ist Leere und Kreativität als Worthülse.