Von der Mangelgesellschaft zur Konsumgesellschaft

Nach dem Krieg wurde nach sowjetischem Vorbild auch in der DDR die Schwerindustrie aufgebaut. Das führte zur Vernachlässigung der Konsumgüterindustrie. Der Mangel an Konsumgütern war so vorprogrammiert.

Der Mittelstand hatte eine höhere Arbeitsproduktivität im Konsumgüterbereich. Aber die Mittelstandspolitik in der DDR war ambivalent, denn man wollte diese Klasse auflösen. Bis Ende 1972 war der Rest des Privateigentums beseitigt. 1989 waren noch 5% privat. Bis 1960 gab es auch eine Kollektivierung der Landwirtschaft. In der DDR gab es genug zu essen, allerdings war Obst und Gemüse knapp bzw. es gab nur wenige Sorten. So waren Kirschen oder Erdbeeren kaum in den Läden zu haben. Aber mit Lebensmitteln wurde großzügig umgegangen. Das bäuerliche und proletarische Eß- und Trinkverhalten waren dominierend.

1948 wurde mit der Gründung der HO versucht, den Schwarzmarkt zu bekämpfen. Lange gab es eine Rationierung von Grundnahrungsmitteln. Die Aufhebung der Rationierung führte zur Verdoppelung der Preise einiger Waren. Die Diskussion über zu hohe Preise wurde von Westseite forciert. So gab es 1961 eine Preiserhöhung bei Kurzwaren, das führte zu Empörung in der Bevölkerung. 1958 wurde ein neues Chemieprogramm beschlossen, welches neue Konsumgüter brachte. Honecker versprach dann bei seinem Machtantritt sozialpolitische Maßnahmen und eine Erhöhung des Lebensstandards.

Nach dem Plan war der Preis das wichtigste Instrument zur Gestaltung der Volkswirtschaft. Grundsatz war eigentlich die Preisstabilität. Einerseits ging es darum, mit den Preisen soziale Gerechtigkeit herzustellen. Die Preispolitik sollte Ausdruck der Sozialpolitik sein. Dabei orientierte sich die Preispolitik an dem Bedarf der Einkommensschwächsten. Ernährung, Wohnen, Verkehr, Kultur und Bildung wurden subventioniert, die Ausgaben dafür wurden niedrig gehalten. Das führte oftmals aber auch zur Verschwendung bei Strom, Wasser, Heizung etc. Brot wurde an Tiere verfüttert. Mieten und Verkehr wurden als Kostenfaktor gar nicht mehr wahrgenommen, oftmals wurden nicht mal die niedrigen Preise bezahlt. Die unteren Einkommensschichten wurden in ihren Konsummöglichkeiten allerdings beschränkt. Sie wurden auf den Grundbedarf festgelegt. Denn andere Waren wurden künstlich verteuert und als Luxusgüter angesehen. Bei den gehobenen Konsumgütern gab es eine schleichende Preiserhöhung. Aber manche Konsumgüter wie Auto, Waschmaschine, Kühlschrank, die trotzdem noch teuer waren, sanken zum Grundbedarf ab. Diese Preispolitik führte zu einer sozialen Differenzierung. Besonders die Preise für technische Güter waren hoch und stiegen. So kostete z.B. ein Walkman im Intershop 50 DM und im normalen Handel 399 Mark. Ina Merkel schreibt, dass vor allem die Vernachlässigung der Konsumgüterproduktion, die Preispolitik, die Mittelstandspolitik und die Kollektivierung der Landwirtschaft sich auf die mangelnde Versorgungslage ausgewirkt hätten. Ich meine, wenn das Volkseigentum wirklich den Arbeitern in den Betrieben und den Bauern in den LPG`n gehört hätte und sie sich verantwortlich gefühlt hätten (Selbstverwaltung!), dann wäre auch die Versorgungslage besser gewesen. Aber so wurde zentralistisch alles von oben diktiert, die zentralistische Planwirtschaft mußte versagen. Als Grundprobleme der Versorgung benennt sie sowohl den Mangel als auch den Überfluß. Es gab Mangel bei der Lebensmittelversorgung und 1000 kleinen Dingen. Mängel des Angebotes hinsichtlich Menge, Sortimentsstruktur, Neuheiten, Qualität und Verpackung. Sortimentslücken und Engpässe. Bei der Qualität waren Materialmängel, Verarbeitungsfehler und geschmackloses Design zu beanstanden. Häufig fehlte die Verpackung oder auch sie war geschmacklos. Ursache war das Rohstoffproblem, deshalb wurden Sekundärrohstoffe gesammelt. Ein anderes Problem war wiederum ein Überangebot und Ladenhüter. Überfluß gab es bei Textilien (geschmacklose, unmoderne Ladehüter, die keiner anziehen wollte) und technischen Industriewaren. Planmäßig wurde an den Wünschen der Bevölkerung vorbeiproduziert. Das erzeugte große Lagerbestände. Die Staatsführung, die sich in Wandlitz mit Westwaren versorgte, war durch Berichte stets im Bilde über die Versorgungslage. So wurde die Weihnachtsversorgung stets zur Staatsaktion. Die Funktionäre glaubten, dass sich die Bedürfnisse planen lassen. Ursprünglich ging es im Sozialismus um eine Alternative zur Überfluß- und Wegwerfgesellschaft, überhaupt gegen das Konsumieren als Kompensation für Langeweile. Die Menschen sollten zum guten Geschmack und gegen kleinbürgerliche Prunksucht erzogen werden. Allerdings konservierte sich in der DDR die Kleinbürgerlichkeit. Und die Kleinbürger strebten nach Konsum und meckerten über die Mangelgesellschaft. Das war wohl auch der Hauptgrund für den Untergang der DDR. Allerdings war die Mangelversorgung in der DDR oft unerträglich. Zum Beispiel wurde gesunde Ernährung durch das fehlende Obst und Gemüse fast unmöglich gemacht. Synonym für den Einzelhandel waren verschnutzte Fensterscheiben, verstaubte Dekorationen, fehlende Tüten zum Einpacken oder stinkende Kartoffelhorden. Alles machte einen lieblosen Eindruck. Ina Merkel stellt fest, dass der Handel wie ein politischer Seismograph wirkte, an dem man die Stimmungslage in der Bevölkerung messen konnte. Die Verkäuferinnen waren der Puffer zwischen Konsumenten und Produzenten. Da sie die Verfügungsgewalt über die Waren hatten, entstand ein Abhängigkeitsverhältnis. Gute Kunden bekamen dann Waren, die unter dem Ladentisch landeten. In der Bevölkerung wurde dieser Verkauf unter dem Ladentisch kritisiert, wie auch die Warenhortung und die ungleiche Verteilung der Waren, so war Berlin immer besser versorgt als die Provinz. Das Verkaufspersonal war oftmals unhöflich und gleichgültig. Das lag aber auch an den schlechten Arbeitsbedingungen und der schlechten Bezahlung. Die Verkäuferinnen waren auch ständig mit dem Ärger in der Bevölkerung konfrontiert. Die Konsumenten waren wiederum mit den geringen Warenbeständen konfrontiert. Bei Autos gab es z.B. Bestellisten, auf diese Autos wartete man dann 10 Jahre oder noch länger. Es wurde aber auch versucht, über Tricks an begehrte Waren zu kommen, durch Eingaben, man winkte mit der DM, Dringlichkeits-bescheinigungen etc. Oder es wurde nach „Leistung“ verteilt, z.B. direkt an Großbetriebe.

Es gab auch marktwirtschaftliche Ausnahmen in der DDR. In der Ladenkette Intershop und dem Versandhandel Genex konnte man in der DDR besonders attraktive Waren für Westgeld kaufen. Legitimiert wurde das durch die Devisennot der DDR. Dadurch wurden die Bevölkerung nach Westgeldbesitz geteilt. 1955 wurden Sonderläden für die Schiffsversorgung nach dem Duty-free-Prinzip eingerichtet. Schließlich gab es eine Ausweitung auf Flughäfen und große Hotels. Ab 1956 wurden die Läden mit dem Namen Intershop geführt. Nach dem Mauerbau 1961 wurden Intershops an allen Grenzübergangsstellen, in Hotels, auf Transitstrecken usw. eingerichtet. Im Straßenbild der DDR waren sie nicht besonders sichtbar. 1967 wurde einem Kreis von DDR-Bürgern (z.B. Diplomaten, Künstler etc.) gestattet, dort einzukaufen. 1974 wurde Devisenbesitz in der DDR offiziell gestattet, und man konnte offiziell im Intershop einkaufen. Das bedeutete eine öffentliche Privilegierung bestimmter Bevölkerungskreise. In den 80er Jahren wurden ganze Kaufhallen und Kaufhäuser eröffnet. Ina Merkel schreibt, dass sich die DDR-Gesellschaft nun nach dem Besitz von Westgeld sozial zu unterscheiden begann. Es bildetet sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft heraus. Der Geschenkdienst Genex wurde 1957 gegründet. Westdeutsche konnten Geschenke an ihre Ostverwandschaft machen. Die HO-Läden hatten von 1948 bis zur Aufhebung der Rationierung 1958 eine besondere Bedeutung. Die Preise waren sehr hoch, aber es war eine Verbesserung der Versorgungslage. Die ersten Exquisit-Läden wurden 1962 eröffnet. Hier wurde modische Kleidung zu hohen Preisen verkauft. Die erste Modeboutique „Sybille“ gab es allerdings „schon“ 1958 in Berlin. Kennzeichen war die Differenzierung der Preise für modische Erzeugnisse. Unter Ulbricht war das Exquisit- Geschäft noch ein notwendiges, weil gewinnbringendes Übel. Honecker machte es zum Hauptinstrument seiner Konsumpolitik. Besonders 1970-74 wurde es ausgebaut. In den 70er und 80er Jahren wurde es zu einem Massenphänomen. Einerseits wurden zahlungskräftige Bevölkerungsschichten zu den Stammkunden, für die anderen blieben jene Waren immer etwas besonderes. Delikat-Läden wurden seit 1965 eingerichtet. Hier wurden hochwertige Lebensmittel verkauft, dass waren z.B. Ananas in Dosen... Honecker ließ die Ladenkette systematisch ausbauen. Die Preise betrugen das Zwei- bis Dreifache. Die Verschlechterung des Angebots im Grundsortiment führte dazu, daß die DDR-Bevölkerung immer mehr im Delikat einkaufte. Insgesamt war eine Zwei-Klassen-Struktur von Waren zu beobachten. Dabei ging es dem Staat vor allem um Kaufkraftabschöpfung. Die soziale Ungleichheit drückte sich nicht nur bei den (im Verhältnis geringen) Einkommensunterschieden aus, sondern verfestigte sich auch kulturell. Es gab einen unterschiedlichen Zugriff auf Konsumgüter, einmal durch Westgeldbesitz unterteilt, zweitens durch das Einkommensgefälle. Am Rande der Konsumgesellschaft in der DDR lebten Renter, Alleinerziehende, Niedriglohngruppen etc. Trotzdem hatten selbst gering verdienende Gruppen ihr Auskommen. Systemkonforme Handlungsstrategien beim Erwerben waren Schlangestehen, Herumrennen und Suchen, Selbermachen, Vordrängeln durch Beschwerden, Bittbriefe, Eingaben oder man brachte sich Gegenstände aus dem sozialistischen Ausland mit. Nonkonforme Handlungsstrategien waren Stehlen, Verschieben/Schmuggeln, Westgeschenke, Horten und Hamstern, Beziehungen, Korruption/ Bestechung.

Ina Merkel spricht von einer Bedarfsdeckungsgesellschaft von 1945 bis 58. Dort konnten nur die notwendigsten Bedürfnisse befriedigt werden. Nach dem Krieg wurde zumeist nach Arbeitsleistung zugeteilt, ansonsten bekam man die „Friedhofskarte“. Von 1959-70 spricht sie von einer nachholenden Bedürfnisbefriedigung. Es gab mehr und bessere Waren, mehr Geld und mehr Kaufwünsche. Viele Dienstleistungen waren fast kostenlos, Mieten, Nahverkehr, Mittagessen viele Kinder und Berufstätige. Hochwertige Konsumgüter sanken in den Grundbedarf ab, wurden zur normalen Grundausstattung im Haushalt.

Die „Freßwelle“ hielt bis in die 70er Jahre an. Bei der Ernährung wurde 1/3 für Fleisch und Wurst ausgegeben. 40% der Bevölkerung galt als übergewichtig und überernährt. Wohnungsprobleme waren das Problem in der DDR, 50% der Eingaben betrafen das Thema. Die Wohngröße entsprach nicht dem Bedarf, die Ausstattung nicht den Anforderungen. Festgehalten wurde an den niedrigen Mietpreisen, die nicht die Kosten deckten. Die Innenstädte verfielen, die Satellitenstädte wurden ausgebaut. Das Auto hatte einen hohen Symbolwert, die Wartezeiten auf ein Auto waren lang. In den 60er Jahren bildeten sich neue Massenbedürfnisse nach Freizeit, Urlaub und Mobilität heraus. Das deutete auf gesättigte Grundbedürfnisse. Besonders beliebt war der Gaststättenbesuch! Die 60er Jahre waren eine Periode des Aufschwungs und des zunehmenden Wohlstands. In den 70er und 80er Jahren bildeten sich dann vermehrt sozio-kulturelle Unterschiede heraus. Ina Merkel macht kulturelle Unterschiede und Differenzierungs- und Individualisierungstendenzen aus. Mitte der 60er Jahre wurde die Jugend als Konsumentengruppe entdeckt. Die typischen DDR-Konsumenten waren die Altersgruppe von ca. 35-50. Die Rentner waren benachteiligt. Frauen hatten eine Doppelbelastung zu tragen und die wenigste Freizeit. Man versuchte, die Landflucht der Jugend aufzuhalten. Die ländliche Bevölkerung hatte große Spareinlagen. Sie hatten meistens Wohneigentum und mußte keine Miete zahlen. Sie versorgten sich selbst mit Fleisch, Gemüse und Obst. Sie hatten durch die Kleinviehhaltung und den Obst- und Gemüseanbau und deren Verkauf zusätzliche Einnahmen.

Der unterschiedliche Bildungsgrad in der DDR drückte sich besonders im Freizeitverhalten aus. Theater, Konzerte etc. auf der einen Seite. Die Kneipe für die Arbeiter. Die DDR war keine Wegwerfgesellschaft, die Produkte wurden gehegt und gepflegt. DDR-Bürger hatten oftmals innige Beziehungen zu Gegenständen, besonders wenn sie selbst hergestellt und repariert waren. Wichtig waren die Funktionalität und Haltbarkeit der Waren, der Preis und die Qualität. Mit der „Wende“ setzte ein Konsumrausch ein, DDR-Produkte wurden durch Westwaren ersetzt. Ganze Wohnungseinrichtungen wurden auf den Müll geworfen. Danach mußten ehemalige DDR-Bürger aber feststellen, dass die Haltbarkeit der Billigprodukte sehr schlecht ist. Und gerade das SERO-System der DDR (Sammeln und Verwertung von Sekundärrohstoffen) wurde von vielen neuen Bundesbürgern im nachhinein als vorbildlich angesehen. In der DDR war Konsumpolitik Sozialpolitik. Es gab aber auch neue Formen der sozialen Ungleichheit. Die DDR-Führung glaubte, Bedürfnisse erziehen und planen zu können. „Wohlstand für alle“ war in der DDR auf dem Niveau des Grundbedarfes erreicht. Lifestyle nicht. Auch in der DDR nahmen die individuellen Bedürfnissen zu, dem war die Parteiführung und der Zentralismus nicht gewachsen.

Ina Merkel, Utopie und Bedürfnis, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien1999

Während die DDR eine Mangelgesellschaft war, sind wir heute mit „Konsumterror“ konfrontiert. Immer mehr Bereiche werden in die Marktsphäre einverleibt. Der Markt macht auch vor der Subkultur und Künstlern nicht halt, im Gegenteil sie werden zu Triebkräften der rasanten Entwicklung. Robert Misik beschreibt den Kulturkapitalismus sehr prägnant.

„Im Lifestyle-Kapitalismus ist der Stil eines Menschen, seine Identität, unmittelbar verbunden mit den Dingen, die er konsumiert.“ (S.8) Die Konsumenten konsumieren gerade die Bedeutung der Waren. Die Güter werden „mit produktfernen Charakteristika aufgeladen...,die die Verbraucher zum Kauf der Marke „verführen“ sollen...Die Marke wird zum Kunstwerk...Totalökonomisierung heißt im Umkehrschluss also auch: Totalkulturalisierung.(S.19f. ) Waren werden mit Werten aufgeladen. Der Konsument muß ein Bild von seiner Marke haben. Während der Aufwand für die Produktion immer mehr sinkt, nimmt die „Beschäftigung in Bereichen wie Kommunikation, Design, Kreativität, Information, Werbung, Marketing, Dienstleistung immer mehr zu...“ (S.28) Im heutigen Kapitalismus ist jede Art der Individualität willkommen, und auch die Subkultur wird vermarktet. „...auch das ostentative Nicht-Konsumieren (ist) nur ein besonders exaltierter Konsumstil...Wir sind, was wir kaufen...Was immer wir tun, wir shoppen...Shopping ist die Aktivität, sich „zu einer marktförmigen Welt“ in Verhältnis zu setzen.“ (S.38) „...mit Waren werden Erlebnisse verkauft..“(S.49) „Aus dem Lebensstil, der von der Norm abweicht, macht er immer wieder ein neues Marktsegment. Ununterscheidbarkeit ist im Kapitalismus ein Konsumhemmnis, Unterscheidbarkeit ist sein Lebenselixier...Der Kapitalismus fördert darum im Prinzip unendlich viele Stilgemeinschaften...Das kulturkritische linke Vorurteil, dass der Kapitalismus Konformismus befördere, zog dennoch so manchen paradoxen Kurzschluss nach sich. Etwa den Glauben, mit der Etablierung einer alternativen Gegenkultur würde den Homogenisierungstendenzen des Kapitalismus Widerstand geleistet- während in der Realität die Gegenkulturen von Hippies bis Punk dem Konsumkapitalismus nur neue Energien zuführten...die gegenkulturelle Politik (ist) in den letzten vierzig Jahren eine der wichtigsten Triebkräfte des Konsumkapitalismus gewesen.“ (S.52f.) Peter Sloterdijk sagte: „Alle Wege der `68er führen in den Supermarkt.“ (S.53) „Wenn praktisch jeder Lebensstil schon von der Stange zu haben ist, es für jeden Wunsch und jedes ersehnte Erlebnis schon kommerzialisierte Angebote gibt, wenn die innere und äußere Landnahme des Kapitalismus jeden Flecken auf Marktförmigkeit hin zugerichtet hat, bleibt kaum mehr ein Raum, wo die Subjekte sich selbst erproben, selbst etwas entwickeln können.“(S. 56)

Und auch Armut ist „heute nicht mehr allein materiell, sondern auch kulturell begründet“ (S.155) „Sozial Schwache“ haben ein schlechtes Image, damit würden die materiellen Nachteile noch potenziert, so Misik. „Wer nicht hip und trendy ist, der ist unten durch...der nicht hineinpasst in die hyperschnelle Leistungsgesellschaft unserer Tage, (hat)..sein Schicksal verdient.., weil er einfach nicht kreativ genug ist...“(S.156) Unterchic, Unterschichten-Fernsehen. „Unterschichtler, das sind aus dieser leicht herablassenden Perspektive Menschen in bunten Unterschichtentrainingsanzügen mit Unterschichtenhunden (die eher bissigen Rassen), die auf grelle Farben und entsprechende Materialien stehen- nix öko, nix bio. Am trainierten Männerbizeps haben sie flächendeckende Tatoos, am Frauenrücken ein Arschgeweih und sie kennen sich gut aus im Leben der Unterschichtscelebrities: Paris Hilton, Verona Feldbusch, Hugo Egon Balder, Hella von Sinnen, Stefan Raab...Wenn den Kulturkapitalismus auszeichnet, dass die Nachfrage nach den kulturellen Aspekten der Güter das Entscheidende ist, so wird der Kulturkonsum- und mit ihm eben die Produktion sozialer Distanz durch Kultur- derart dominant, dass er mit Fug und Recht als ein kräftiger Motor zur Verschärfung sozialer Ungleichheit angesehen werden darf.... Im Konsumkapitalismus können (aber) selbst die Unterprivilegierten nicht völlig vom Konsum exkludiert werden. Sie tragen ihren Teil zur Massenkaufkraft bei, und für sie gibt es eben auch ein eigenes Konsumsegment- vom Unterschichtenfernsehen bis zu den No-Name- Sportartikelherstellern und Videoverleihen, von der Vorstadtdisko bis zum grellen BummBumm in den Urban Entertainment Center. Kaum ein Hartz IV-Bezieher-Haushalt, in dem sich nicht DVD-Abspielstation und MP-3-Player finden. Der Staat überweist ALG II, die Gelder werden praktisch vollständig in den Konsumkreislauf eingespeist, übersetzen sich also nahezu hundertprozentig in konsumierte Kaufkraft, und die Unterschichten werden auch noch durch Entertainment ruhig gestellt. Ein nachgerade perfektes System!“ (S.164) Robert Misik fragt sich, ob es womöglich das sei, „was die Widerstandspotentiale der Unterprivilegierten vollends lähmt.“ Gleichzeitig würden die Unterschichten z.B. durch die Vorbildwirkung von Celebrities permanent mit einer Kultur und einem Stil konfrontiert, der nicht ihre eigenen Lebensumstände widerspiegele. Indem sie versuchen, sich diesen Habitus auch noch anzutrainieren, machen sie sich auch noch lächerlich. Wer mit den Moden nicht mitkommt, hat ausgespielt. Die Unterprivilegierten haben ihre Bedeutung für die Ökonomie verloren. Robert Misik resümiert: „Wer vom Lifestylekapitalismus nicht reden will, der braucht sich über Ungerechtigkeit nicht zu beklagen.“ (S.167)

(Robert Misik, Das Kultbuch, Aufbau Verlag Berlin 2007)

Von der Politik wird der Slogan ausgegeben, wir sollten den Gürtel enger schnallen und das Anspruchsdenken senken, was aber nicht das Leben der Reichen und Schönen betrifft, sondern nur das sogenannte „hohe“ Anspruchsdenken der Lohnabhängigen. Sie sollen sich an niedrigere Löhne und weniger Leistungen des Sozialstaates gewöhnen. Trotzdem sollen sie konsumieren. Marianne Gronemeyer schreibt, dass der Konsument im Stande der Bedürftigkeit gehalten wird von einer Produktion, die seine aktuellen Bedürfnisse nur um den Preis der Erweckung neuer Bedürfnisse befriedigt. Jene Bedürfnisse aber, die nach Befreiung verlangen, werden drunten gehalten. Es gibt die Besitzmacht, dabei geht es um Landnahme und Verfügungsgewalt. Die Besitzmacht hat im Kapitalismus den Charakter des Selbstverständlichen angenommen. Bei der diagnostischen Macht geht es um die Einsperrung in die Normalität. Wer definiert, was normal ist, besitzt diagnostische Macht. Und es gibt die Macht der Risikoverteilung. Macht ist die Fähigkeit, Knappheit zu schaffen. Knappheit schafft Bedürfnisse. Bedürfnisse schaffen Knappheit. Produktionssteigerung schafft Knappheit, das ist der Anlass weiterer Produktion.

(Marianne Gronemeyer: Die Macht der Bedürfnisse, Primusverlag Darmstadt 2002)

Der Sinn von Konsum dient vor allem den Verwertungsinteressen des Kapitals. Aus Geld wird mehr Geld gemacht. Konsum wird zum Selbstzweck. Konsum kurbele die Wirtschaft an. Je mehr konsumiert wird, desto mehr wird produziert und je höher sind die Gewinne. Diese Gesellschaft ist eine Wegwerfgesellschaft. Sachen werden weggeworfen, obwohl sie noch brauchbar wären. Oder Sachen werden so produziert, dass sie schnell kaputt gehen. Um konsumieren zu können, muß erst die Arbeitskraft verkauft werden. Oftmals ist das eine sinnlose Tätigkeit. Durch diese erzielt der Arbeitgeber Profit. Beim Konsum geht es oft nicht um das Bedürfnis, sondern um die Geld- und Preisfrage. Nicht die Frage: „Brauche ich das?“, sondern die Frage: „Wieviel kostet es?“ steht im Mittelpunkt. Die Bedürfnisse werden also von anderen Interessen überlagert. Durch Umsonstläden wird die Wegwerflogik ausgehebelt. Man bringt Dinge in den Laden, die man selbst nicht mehr braucht. Und nimmt Dinge mit, die man gerade jetzt gebrauchen kann. Dabei gibt es eine 3-Teile-Regel. Es geht also um den Gebrauchswert und die wirklichen Bedürfnisse. Man muß dafür auch nicht arbeiten, das verringert also den Zwang zur Lohnarbeit. Damit wird die kapitalistische Logik zum Teil außer Kraft gesetzt. Am Eingang des Berliner Umsonstladen steht dann auch, sie verlassen den kapitalistischen Sektor. Die radikale Linke propagiert die Parole „Alles für alle- und zwar umsonst.“ Angesichts des Klimawandels und der ökologischen Frage, muß aber das Wort „alles“ neu gefüllt werden. Für die Wohlhabenden muß das auch Verzicht, die Senkung des Lebensstandards bedeuten. Der Reichtum muß gerecht verteilt werden, also an „alle“, aber Verschwendung und Luxus, wie schnelle Autos, ständige Flugreisen, hoher Energieverbrauch etc. müssen zurückgeschraubt werden. Daher kann es auch nicht heißen, Luxus für alle. Oder das Wort Luxus muß neu definiert werden. Ein „reiches“, interessantes Leben ist auch ohne diesen Luxus, wie ihn Wohlhabende definieren, möglich. Das Ende der Bescheidenheit bedeutet in diesem Zusammenhang, nicht unermeßlichen materiellen Reichtum, sondern z.B. geistigen Reichtum, Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben (z.B. durch Nulltarife), eine solidarische und gerechte Gesellschaft, Liebe, Anerkennung usw.