Von der Zwangskollektivierung und Masse zur Individualisierung

 

Kollektive waren in der DDR mehr als ein Team, denn sie wurden ideologisch mit ML- Phraseologie (Marxismus-Lenismus-Phraseologie) dauerberieselt. Da sie meistens nicht freiwillig gewählt wurden, glichen sie eher Zwangsgemeinschaften. Die Ideologie hatte eine Disziplinierungsfunktion, Kritiker und Abweichler wurden ausgegrenzt, das konnte bis zur Inhaftierung führen. DDR-Bürger waren von klein auf mit Kollektiven konfrontiert- Pionier- und FDJ-Kollektive, sozialistische Arbeitskollektive, Hausgemeinschaften, Parteikollektive, GST, FDGB, DSF- Kollektive usw. Im sozialistischen Kollektiv wurden die Interessen des Individuums denen der Gruppe untergeordnet. Am Kollektivismus wird oft kritisiert, dass er die Freiheit des Einzelnen einschränken würde.


Kollektivismus gab es nicht nur in den realsozialistischen Ländern, sondern traditionell auch in asiatischen Kulturen oder als politische Ideologie auch im Nationalsozialismus.

 

Im Westen wurden Kollektive in der Alternativen Ökonomie bekannt. Es entstanden seit Ende der 1970er Jahre hierarchiefreie selbstverwaltete Betriebe in Westeuropa und Nordamerika. Diese Kollektive beruhten auf folgenden Prinzipien: dem Konsensprinzip; Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und sollen zur Zufriedenheit aller Teilnehmer führen. Dem Prinzip der Gegenseitigen Hilfe, das von Peter Kropotkin, einem russischen Anarchisten, stammt. Diese Prinzip beruht auf Solidarität und wird z.B. in Tauschringen praktiziert. Ein weiteres Prinzip ist das Prinzip der Gemeinsamen Ökonomie. Alle bekommen das gleiche Einkommen und können sich aus einer gemeinsamen Kasse das nehmen, was sie brauchen. Das Räte-Prinzip bedeutet, dass sich Kollektive vernetzen, was nach dem Prinzip der Rätedemokratie funktioniert. Besondere Formen dieser Art von Kollektivität sind die Kommunen. Dort wird gemeinsam gewohnt, das wird als Prinzip von gemeinsamem Leben und Arbeiten verstanden.


Während man in den realsozialistischen Ländern von Kollektivismus sprach, gab es in den westlichen Industriestaaten den Begriff der Massengesellschaft.

 

Die Massengesellschaft entstand mit der Industrialisierung. Die Herrschenden machten sich Gedanken, wie man die Massen zähmen könne. Le Bon wollte die Massen zur unterwerfungsbereiten Gefolgschaft verwandeln. Er war der Vordenker der autoritären Massengesellschaft, die im Nationalsozialismus ihren Ausdruck fand. Die unteren Schichten galten als gefährliche Klassen, sie sollten mit der Sicherung ihres Lebensunterhaltes beschäftigt werden, sie sollten weder Zeit noch Gelegenheit haben, sich darüber Gedanken zu machen. Die Arbeiterbewegung prägte den Klassenbegriff. Die Funktionäre dieser Bewegung sorgten auch für die Disziplinierung der Arbeiter. Das Proletariat war die zivilisierte Form der eigentumslosen rebellischen Massen. Aber erst der Wohlfahrtsstaat machte aus der aufständischen Masse die einsame Masse. Der Wohlfahrtsstaat verhindert, dass die Masse revoltiert. Die Masse wird Gegenstand psychosozialer Versorgung. Wurzellosigkeit führt nicht zu politischer Unruhe, sondern zur Entfremdung.


Die Uniformierung der Menschen wurden oftmals beklagt. Max Weber sah die Gefahr der Uniformierung. Der Mensch wird zum bedeutungslosen Anhängsel der bürokratischen Maschinerie. Horkheimer und Adorno sahen den Menschen als bloßes Rädchen im Getriebe. Sie beklagten die Standardisierung der Menschen. Adorno sprach von einem Freiluftgefängnis. Foucault meinte, ein ganzes Netz von Disziplinierungs-, Kontroll- und Normalisierungsmechanismen helfe dabei, ein berechenbares Individuum hervorzubringen. Er sprach von der Disziplinierungsgesellschaft als Kerkersystem. Die Ausgeschlossenen werden individualisiert.


In der Soziologie wurden aus Klassen (Marx,Weber) schließlich nach dem Nationalsozialismus Schichten (Schelsky, Boltesche Zwiebel, Dahrendorf). Ulrich Beck schreibt in den 70er Jahren „Jenseits von Klasse und Stand“ und in den 80ern „Risikogesellschaft“. Er spricht von einem „Fahrstuhleffekt“ nach oben, der Wohlstand ergreife alle. Zusammen mit der Individualisierung würden „Bastelbiographien“ entstehen. Stefan Hradil differenziert in den 90er Jahren dann die sozialen Milieus und Lebenslagen noch mehr aus. Pierre Bourdieu sprach von Lebensstilen, Habitus und den feinen Unterschieden, wobei er sich zum Beispiel in seinem Buch „Das Elend der Welt“ kritisch mit den Armutslagen beschäftigte.

Insgesamt wurde die Individualisierung aber zu einem ideologischen Programm.

Denn das Gerede von der Individualisierung führte zu einem neuen sozialpolitischen Programm, der Staat zieht sich sozialpolitisch zurück und die Individuen tragen die Eigenverantwortung. Jede/r ist für sich selbst verantwortlich, der Konkurrenzkampf entscheidet. Wobei wir wieder bei Spencer und dem Sozialdarwinismus angekommen sind. 1896 schrieb Herbert Spencer: „Den Taugenichts auf Kosten des Guten zu hegen, ist die äußerste Grausamkeit. Es ist ein vorsätzliches Aufspeichern von Elend der künftigen Generation.“ Er war Chefideologe der Gegner jeglicher Sozialpolitik. Der Mensch folge ausschließlich dem Prinzip des maximalen (Lust-) Gewinns bei minimalem Aufwand. Die Starken setzen sich gegen die Schwachen durch, darin liege die Ursache des Fortschritts. Damals verlor Spencer, als sich die Befürworter einer staatlichen Sozialpolitik durchsetzten. Heute sieht es anders aus, denn damals gab es auch eine aufkeimende Arbeiterbewegung. Heute gibt es in Deutschland z.B. die Klasse der Überflüssigen, AlgII-, Sozialgeld- und GrundsicherungsbezieherInnen, die 345 Euro + Miete beziehen und ähnliche Armutslagen haben, trotzdem fühlen sie sich nicht als Klasse und sind individualisiert. Auch das Prekariat, das allerdings sehr widersprüchlich ist, könnte eine Klassifikation werden, es könnte ein Prozeß der Klassenformierung initiiert werden. Prekarität ist eine allgemeine Lebensweise in der Gesellschaft, sie trifft nicht nur Randgruppen. Nur wenn die Prekarisierten und Überflüssigen sich nicht als individualisiert begreifen, können auch kollektive Kämpfe entstehen. Individualisierung ist ein kollektives Schicksal, aber die Individualisierten sind als politische Kraft immer schwerer zu organisieren.

Deshalb ist der Begriff Individualisierung nützlich für die Herrschenden und viele Wissenschaftler sind inzwischen zum Büttel der Herrschenden geworden, sie sorgen mit ihren Analysen dafür, dass alles so bleibt wie es ist.

Robert Kurz kritisiert, dass die Denkfiguren der postmodernen Kulturideologie bis in den Feminismus, Autonome und die traditionelle Linke hineinschwappen. Die postmoderne Linke will alles sein: radikal und marktrealistisch, superkritisch und stromlinienförmig, antikommerziell und kommerziell begehrenswert. Die zeitgeistig grassierende Kritiklosigkeit wird zur besonders radikalen Form der Kritik geadelt. „Die eigenen Inhalte werden bewußtlos und apriori immer schon als Waren unter Marketing- Gesichtspunkten konzipiert, was nichts anderes heißt, als daß der Inhalt als bloße Form gedacht und zum Gebrauchswert eines Tauschwertes degradiert wird.“(S.19) „Die ehemaligen Inhalte verwandeln sich in Markenzeichen und//oder in pures Design.“ (S.22) Jeder Sinn wird zum Design. Die Lebensästheten begreifen sich selbst als wandelnde Gesamtkunstwerke, sie kommen der Vorstellung von Thatcher ziemlich nahe: „es gibt keine Gesellschaft, sondern nur Individuen“, Die Lebensästheten können sich im Einzelfall durchaus engagiert, gesellschaftskritisch verhalten, aber nur weil sie das zufällig in ihre Selbstinzenierung eingebaut haben, da die Selbstinszenierung immer zweifelhaft und die Selbstdarsteller ewig an der eigenen Biographie basteln, bleibt alles im Zustand der Unsicherheit und Wechselhaftigkeit. Die Postmodernisten flüchten aus der Politik in die Kultur. Die postmodernen Youngster bekriegen das Arbeitsspießertum, um das Konsumspießertum weiterzuentwickeln, pendeln von der Arbeitsreligion zur Warenkonsumreligion. Robert Kurz nennt sie kapitalistische Persönlichkeitsattrappen mit einem warenförmigen Styling. Dieser Typ hat sich weiterentwickelt und ist in der Postmoderne relativ vermasst Gesellschaftskritik wird verdrängt durch ihre Umwandlung in Sinn-und Persönlichkeitsdesign.


Wir leben angeblich in einer individualisierten Gesellschaft. Aber die "individualisierte" Gesellschaft ist in Wirklichkeit eine flexibilisierte Gesellschaft, die totale Flexibilität ist gefragt. Und die Individualisierung ist in Wirklichkeit eine opportunistische Reaktion auf Gruppendruck, man will dazugehören, "in" sein.

Richard Sennett schreibt in seinem Buch "Der flexible Mensch":

"Von den Arbeitnehmern wird verlangt, sich flexibler zu verhalten, offen für kurzfristige

Veränderungen zu sein, ständig Risiken einzugehen und weniger abhängig von Regeln und

förmlichen Prozeduren zu werden... Das Wort "job" bedeutete im Englischen des 14.

Jahrhunderts einen Klumpen oder eine Ladung, die man herumschieben konnte. Die

Flexibilität bringt diese vergessene Bedeutung zu neuen Ehren. Die Menschen verrichten

Arbeiten wie Klumpen, mal hier, mal da. Es ist nur natürlich, daß diese Flexibilität Angst

erzeugt. Niemand ist sich sicher, wie man mit dieser Flexibilität umgehen soll, welche

Risiken vertretbar sind, welchem Pfad man folgen soll...Mit dem Angriff auf starre

Bürokratien und mit der Betonung des Risikos beansprucht der flexible Kapitalismus, den

Menschen, die kurzfristige Arbeitsverhältnisse eingehen, statt der geraden Linie einer

Laufbahn im alten Sinne zu folgen, mehr Freiheit zu geben, ihr Leben zu gestalten. In

Wirklichkeit schafft das Regime neue Kontrollen, statt die alten Regeln einfach zu beseitigen

- aber diese neuen Kontrollen sind schwerer zu durchschauen."


Veränderungen können nur durch Kollektivieren (auf freiwilliger Basis) herbeigeführt werden. Aber: ein wachsendes Bedürfnis nach Kollektivität geht einher mit einer wachsenden Unfähigkeit dazu.