Körperpolitik

 

Schlank und jung- das Körperideal, so wie es uns in den Medien vorgespiegelt wird. Dabei werden Menschen älter und dabei nehmen sie oft zu. Dem Fett wird der Kampf angesagt.

Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) bezeichnete Übergewicht und Fehlernährung als "eine der größten Herausforderungen" der Gesundheitspolitik. Oftmals wird Fehlernäherung und Übergewicht den Unterschichten zum Vorwurf gemacht. Übergewichtige würden häufiger krank sein und damit die Sozialkassen stärker belasten. Will man zynisch sein, kann man aber feststellen, dass Übergewichtige und auch Raucher häufig früher sterben und damit den Staat weniger kosten. In Zeiten der bauchfreien Mode stehen aber auch vor allem die jungen Mädchen unter Druck, viele sind magersüchtig. Sie haben eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers. Dazu trägt insbesondere auch das Schlankheitsideal in den Medien bei. So werden dort Prominente im Kampf gegen Fett vorgeführt. In der Boulevardpresse vor allem für Mädchen und Frauen wird das Problem ständig thematisiert, überall finden sich Tips zu Diäten. Im Fernsehen jagt eine Kochshow (gesundes Essen) die andere. Essen spielt in dieser Gesellschaft eine große Rolle. Die Deutschen seien im Schnitt die dicksten Europäer, das kränkt. Das Ganze wird zum kollektiven Zwang. Körperpolitik normiert.

Es gibt heute viele technische Möglichkeiten, den Körper zu verändern und neu zu gestalten. Für die Schönen und Reichen ist das schon längst Realität. Plastische Chirugie, für die man tief in den Geldbeutel greifen muß. Neue Brüste, neue Nasen, Fett absaugen und vieles mehr. Das Schönheitsideal und der Jugendlichkeitswahn setzt immer mehr Menschen unter Druck. Sie wollen mithalten. Zum Beispiel wohlhabende ältere Frauen, die sich operieren lassen, um ihrem Mann, der jungen Frauen nachschaut, wieder zu gefallen. Früher war der Körper naturgegeben. Auch das Geschlecht erscheint nicht mehr naturgegeben, sondern konstruiert. Prothesen lassen die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwinden. Heute geht es nicht nur um natürliche Erfahrungen (Face-to-face-Kommunikation), die Technik hat unseren Erfahrungshorizont erweitert. Mit medizinischen Techniken kann man in die Körper hineinschauen. Computertechnologie kann den Körper verzerren. Der Körper wird dann ein plastischer Gegenstand, der geformt werden kann. Menschen betreten den Raum der virtuellen Realität. Der Körper kann elektronisch gespeichert und gestaltet werden. Es gibt auch die Möglichkeit, die Kontur des Körpers zu gestalten. Man kann Fett absaugen, Gewebe einfrieren, das Geschlecht verändern oder die Haut zu abschälen lassen. Es gibt Implantate aus Silikon. Aber nicht nur durch plastische Chirurgie wird der Körper verändert, auch durch Bodybuilding, Fitnesstraining etc. kann der Körper verändert werden. Der Körper wird zum Schauplatz von Design. Fleisch wird mit Elektronik verknüpft, z.B. bei Prothesen. Der Mensch wird so der Maschine unterworfen. Vor allem im Bereich der menschlichen Fortpflanzung sind viele Technologien entstanden, wie z.B. die künstliche Befruchtung. Die Gentechnik führt sogar schon zum menschlichen Klonen. Der Körper wird zur Ware, so gibt es einen Markt für Organhandel. Aber auch die technologische Entwicklung, z.B. der Pharmaindustrie, führt dazu, dass Körper in negativer Weise verändert werden. So müssen sich psychisch Kranke (häufig Schizophrene) auch noch aufgrund ihres Übergewichtes Vorwürfe und Beleidigungen gefallen lassen, als seien sie an ihrem Übergewicht selber Schuld, als hätten sie sich das Fett angefressen. Dabei ist das Übergewicht oft durch Medikamtente und Spritzen verursacht. Körper werden auch biographisch gestaltet, z.B. durch Krankeiten. Seltsamerweise sieht man Menschen auch oft ihre Dummheit oder Klugheit an. Auch Wissen oder Unwissen, geistige oder körperliche Arbeit prägt Körper. Bauarbeiter vs. Wissenschaftler, nicht nur der Habitus, auch Körper und Gesichtszüge sind oft verschieden. Wie wirken soziale und biographische Umstände auf unsere Körper, z.B. auf Menschen, die als ungepflegt gelten, an den Fingernägeln knabbern etc. Warum vernachlässigen Menschen ihrer Körper, was hat das mit gesellschaftlichen Zwängen zu tun? Warum ritzen sich einige Jugendliche auf? Welche Narben am Körper prägen das weitere Leben eines Menschen? Was ist im Alter, wenn sich die Haut verändert, wir mit Falten übersät sind? Für mich stellen sich in diesem Bereich viele Fragen. Die Gesellschaften prägen Körper.

Heinz Bude stellt bei der Unterschicht Körpermale fest. „Der Körper wird so zum Signal für den sozialen Ausschluß. Untergründig entwickelt sich eine Physiognomie der sozialen Klassen, die von der körperlichen Erscheinungsweise auf Motivierbarkeit, Belastbarkeit und Brauchbarkeit schließt...Trägheit, Schläfrigkeit, Schwerfälligkeit werden zu körperlichen Metaphern des sozialen Überschusses....Arme Menschen machen nicht nur mehr Müll als reiche, sie sind auch kränker und sterben früher...Personen mit geringem Einkommen rauchen häufiger, bewegen sich vielfach weniger und sind im Durchschnitt übergewichtiger als Personen mit höherem Einkommen. Fettleibigkeit, Diabetes, chronische Bronchitis sind nach den Bundesgesundheitssurveys in der Tendenz Unterschichtskrankheiten. Man glaubt also zu sehen, wo einer herkommt und wie eine lebt...Der Körper schließt die Leute auf der einen Seite aus und auf der anderen ein.“ (Bude, S. 110f.) Denn für Defizite gibt es Fördermaßnahmen und Bude meint, es gebe eine Cleverneß in der Unterschicht, sich zum Überleben einen „wie auch immer gearteten Behindertenstatus“ zuzulegen...


Heinz Bude, Die Ausgeschlossenen, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn 2008