Kneipe

Sinnvoll ist....

3 Euro für ein Kristallweizen und gleichzeitig Punkmusik.
Das passt. Anarchie...

Das ist total unsinnig...

Zum goldenen Hufeisen-
wo das Asoziale erblühte

Um die Mittagsstunde
die Säufer in trauter Runde
billig das Fressen,
welches Tier wird gegessen.

Das Bier dünn und schal,
die Auswahl eine Qual,
Künstler und Außenseiter,
dazwischen immer heiter.

Zahnlos die Frauen,
tätowiert die Männer,
für jeden Spießer das Grauen,
angeekelt die Kenner.

Mittagsstunde in Dresden-Neustadt
im Osten ein eigener Staat
heruntergekommen und zerfallen,
so ließ man sich den Sozialismus gefallen.

Jahre später in Kreuzberg

Kneipe. Ein Gast und der Kneipenbesitzer sitzen am Tresen. Sie und noch ein Pärchen. Im Hintergrund Gemurmel und Musik (Jethro Tull, Aqualung) Ein Obdachlosenzeitungsverkäufer kommt rein und fragt die Gäste in der Kneipe, ob sie eine Zeitung haben wollen.

Kneipenbesitzer: Willst du ein Bier?

Verkäufer: Ja, klar.

Kneipenbesitzer: Darfst du was trinken?

Verkäufer: Ich bin Säufer.

Kneipenbesitzer: Wo ist dein Heim?

Verkäufer: Ich wohne bei Mutter Grün.

Verkäufer schlürft sein Bier. Namen werden ausgetauscht, Gemurmel.

Verkäufer: Ich muß wieder arbeiten.

Gast: Versuch dein Glück. Du hast es verdient. Du bist Businessman.

Kneipenbesitzer: Profi.

Gast: Daher hast du ja auch dein Haus im Grünen. Geh mal ackern.

HINTERM TRESEN STEHT AUF EINEM PAPPSCHILD: ABSOLUTER! DECKELSTOP!

Aus der Kneipe wird eine junge Frau geschliffen, die nicht mehr gehen kann. Man hört das Geschleife und andere Geräusche.

Ein junges Pärchen am Tresen: Jetzt wird’s zuviel. Zahlen. Wo ist denn der Barkeeper?

Sie: Der Theker sitzt dahinten. Unterhält sich gerade.

Eine Frau kommt rein, Türgeräusche, und sagt: Sie ist abtransportiert.

Das Pärchen läßt das Geld liegen und geht.
Die nächste Horde kommt rein. Türengeklapper.

Der Theker kommt und fragt einen Mann: Na, wie geht’s?

Mann: Nicht so gut.

Theker: Gibt nur Frau, Geld oder krank.

Mann: Alles.

Ein anderer Mann will einen Zettel aufhängen und fragt den Kneipenbesitzer. Kann ich das aufhängen?

Gast kommt an die Theke.

Gast: Häng es auf. Er war mal ein guter Musiker, hat die Pogues gespielt. Jetzt ist er bißchen durchgeknallt. Er ist ein Wiederholungstäter.

Kneipenbesitzer: Wie?

Gast: Na, er wiederholt sich ständig.

Sprecher: Der Verrückte steht daneben, sagt nichts, sondern lächelt.

DIE NORMALITÄT LÄßT SICH NUR IM SUFF ERTRAGEN!

„Keine andere Freizeitbeschäftigung fesselt Tag für Tag so viele Menschen wie das Trinken und Reden in einer verräucherten Kneipe." So beginnen Franz Dröge und Thomas Krämer-Badoni ihr Buch „Die Kneipe" von 1987.
Deutschland 2008. Geraucht wird zwar in vielen Kneipen immer noch, aber ab dem 1. Januar gilt Rauchverbot in Kneipen. Zur Kneipe gehörte neben dem Reden, Spielen, Politisieren, Witze erzählen, Singen, Tanzen, Streiten, Weinen auch immer das Rauchen. Wie wird sich durch das Rauchverbot die Kneipenkultur ändern? Viele Veränderungen der Kneipenkultur hat es bereits gegeben. In den letzten Jahren vor allem durch die Gentrifizierung, also die soziale Umschichtung von Altbauquartieren. Der Stadtbezirk Berlin-Friedrichshain war noch zu DDR-Zeiten ein Arbeiterquartier mit den typischen proletarischen Eckkneipen. Nach dem Mauerfall kamen zuerst die Hausbesetzer, Künstler und Studenten, die Pioniere der Gentrifizierung. Es entstanden Szenekneipen. Im Laufe der 90er Jahre wurde der Kiez dann aufgewertet. Mit der Entstehung der Simon-Dach-Straße als Touristenattraktion breiteten sich Restaurants und Cafes für die jüngeren Angehörigen der zumeist westdeutschen Mittelschichten im Stadtbezirk aus. Noch in den 90er Jahren wurde ein Quartiersmanagement am Boxhagener Platz eingerichtet. Inzwischen hat es seine Funktion erfüllt. Die Bewohnerstruktur des Kiezes wechselte, der Kiez ist vor allem für die westdeutschen Mittelschichtskinder attraktiv. Die Kneipenstruktur hat sich vollkommen gewandelt. Es gibt ein Überangebot an Restaurants, Cafes und Szenekneipen, die miteinander konkurrieren. Die heutigen Kneipen für die Mittelschicht werden ständig modernisiert und neu dekoriert. Das Ambiente soll es richten, die Inneneinrichtung ist entscheidend. Kneipen werden umgestaltet, Namen werden geändert, Pächter wechseln. Viele, Wirte und Publikum, betrachten sich als Trendsetter. Konsum und Selbstdarstellung- eine Spirale, die ständig Gefahr läuft, nicht mehr mithalten zu können. Die Trendgastronomie breitet sich in den Innenstadtbezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Prenzlauer Berg aus. „Es liegt in der Systemimmanenz des Spätkapitalismus, daß der einmal entfesselte Konsum alles abgrast, was sich irgendwie vermarkten läßt, konsequenterweise bis zum Ende durch Selbstüberhitzung." (Kneipenkultur, S. 102) Die Gastronomie auf der Jagd nach traditionellen Kulturelementen in der Welt, die „für den Konsum bereitgestellt oder sogar inszeniert" werden. (Kneipenkultur, S.103)
Nach dem Mauerfall nahm auch eine anderes Phänomen bedeutsame Züge an. Die Massenarbeitslosigkeit. War z.B. der Westberliner Stadtbezirk Neukölln früher ein Industriestandort, so ist er heute als sozialer Brennpunkt von Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Gerade Industriearbeiter waren früher herkömmliche Kneipengänger. Mit der zunehmenden Verarmung muß ein Großteil dieser Kneipenklientel den Kneipen fernbleiben. Die Kneipen sind leerer und von den Gästen wird weniger getrunken, obwohl die Preise in den Eckkneipen Neuköllns niedriger sind als in den Szenekneipen Friedrichshains und Kreuzbergs.
Der Umsatz vor allem in den Eckkneipen ging zurück. Der Einkommensrückgang hatte Auswirkungen auf die Häufigkeit und Dauer der Kneipenbesuche. Viele Kneipen mußten schließen. Gentrifizierung und Arbeitslosigkeit haben die Kneipenlandschaft von Berlin nach dem Mauerfall gründlich verändert. Und Kneipen haben heute keine politische Bedeutung mehr. Von politischen Gesprächen ist kaum noch etwas zu hören. Beliebtes Thema bei Männern ist Fußball. In sogenannten Szenekneipen wurden Fernseher aufgestellt. Es wird Fußball geguckt, manchmal mit der Ausbreitung des Privatfernsehens jeden Tag. In der Oranienstraße, der Hochburg der Hausbesetzerbewegung Anfang der 80er Jahre, reiht sich ein Restaurant und Cafe der jungen Mittelschicht neben dem anderen. Nachts sind die Kneipen unter der Woche relativ leer. Die einen müssen arbeiten, stehen im Zeitstreß, die anderen haben kein Geld für den Kneipenbesuch. Einige Oasen der unteren Schichten, soweit sie sich den Kneipenaufenthalt leisten können, gibt es noch. Dabei waren Kneipen früher das Refugium der unteren Schichten, was ein Blick in die Geschichte beweist.
In Athen und Rom durften sich nur die unteren Schichten in Gasthöfen blicken lassen. Im Mittelalter begann eine Ausdifferenzierung der Gaststätten. Schenken waren meistens plebejische Orte. Sie waren Aufenthaltsorte von Bettlern und Fahrenden. Für Reisende waren sie gefährlich. Die Obrigkeit erließ Regelungen gegen die „Ansammlung von Gesindel". In den Bauernkriegen waren Schenken und Gasthöfe Unruheherde. Die hygienischen Verhältnisse im Mittelalter waren so schlecht, das Grundwasser verunreinigt, dass Alkohol Alltagsgetränk und Volksnahrung war. Schon Kleinkinder tranken Bier und Wein. Der chronische Alkoholismus der unteren Schichten war im Mittelalter sozial akzeptiert und verhaltensunauffällig. Das änderte sich in Europa im 18.Jahrhundert. Die verelendeten Landarbeiter flüchteten, es entstanden Zusammenballungen Verelendeter, in die die Landherren Branntwein als Rauschmittel pumpten. Die industrielle Entwicklung beginnt für das Proletariat mit einem Schnapsschock. Die Arbeiterklasse braucht lange, um sich „von der entpolitisierenden und apathisierenden Wirkung des Fusels zu emanzipieren...(sie wurde) mit Hilfe des Alkohols in die Fabriken geholt und dort „bei der Flasche" gehalten.." (Die Kneipe, S. 253) Die Arbeiterschaft kämpfte gegen den aufgezwungenen Schnaps an. Die SPD kämpfte mit solchen Parolen wie: Schnaps ist Klassenverrat, Biertrinken sozialdemokratisch. Das Bürgertum entwickelt dagegen ein Nüchternheitsideal, das erste Kaffehaus entsteht 1680 in London. Es entwickelt sich eine literarische und politische Öffentlichkeit in den Cafes. Noch in der bürgerlichen Revolution hat jede deutsche Stadt ihren Stammtisch. Karl Marx und Friedrich Engels sollen Mitglieder des Stammtisches „Die Freien" gewesen sein. Als das Bürgertum zur herrschenden Klasse wird, verlieren die Cafes und die Stammtische ihre politisch-aufmüpfige Funktion.
Die Arbeiterkneipe entstand mit der Industrialisierung und Urbanisierung. Die Arbeitermassen konzentrierten sich in den Großstädten. Aufgrund dessen hatten die Kneipen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundets einen Aufschwung. Nach der Arbeit hatten die Arbeiter jetzt Freizeit. Die Wohnverhältnisse waren unglaublich schlecht, die Wohnungen überbelegt, so daß die Männer in die Wirtshäuser flüchteten. Zudem hatten die Frauen meistens als Kinder in den Fabriken gearbeitet, und nicht gelernt, zu kochen oder den Haushalt zu führen. Auch davor flüchteten die Männer. Der Gang zum Wirtshaus wurde „ein zentrales Moment der proletarischen Lebensführung". (Die Kneipe, S.105) Karl Kautsky schreibt: „Das einzige Bollwerk der politischen Freiheit des Proletariers, das ihm so leicht nicht konfiziert werden kann, ist das Wirtshaus." (Wedemeyer, S. 24)„...im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts (entstand) die klassische Arbeiterkneipe, jene Kneipe, die Karl Kautsky 1890 als zentrales Moment einer autonomen Arbeiterkultur angesehen hat...Diese Kneipe ist vor allem während der Herrschaft der Sozialistengesetze von politisch organisierten Arbeitern zum Teil selbst übernommen und geführt worden, einerseits, um eine halbwegs ungehinderte Organisationstätigkeit entfalten zu können, andererseits, um ökonomisch unabhängige Parteifunktionäre zu haben. So hat es bis zum Ersten Weltkrieg immer eine relativ große Wirtegruppe auf den SPD- Parteitagen gegeben."(Die Kneipe, S.109) Der bekannteste Wirt war der spätere Reichspräsident Friedrich Ebert. Die von Sozialdemokraten gegründete Zeitschrift „Der freie Gastwirt" hatte kurz vor Beginn des 1. Weltkrieges eine Auflage von 11 000 Exemplaren. Die Arbeiter kämpften um ihre außerbetrieblichen Treffpunkte. Es gab Bierpaläste, in denen Konferenzen abgehalten wurden. Und es gab in Kneipen Hinterzimmer, in denen Sitzungen und Versammlungen stattfanden. Während der Zeit der Arbeiterbewegung war die Kneipe vor allem ein Ort der Politisierung. So trafen sich rebellierende Textilarbeiter zu Beginn des 19.Jahrhunderts in ihren Pinten. Während der Sozialistengesetze hatte die Kneipe für die Arbeiterbewegung eine herausragende politische Bedeutung. Nach Aufhebung der Gesetze war die Verankerung der SPD und Gewerkschaften in den Kneipen unübersehbar. „Kaiser Wilhelm II. lehnte im gleichen Jahr eine Arbeitszeitverkürzung ab, weil" die Arbeiter mehr Zeit in den Kneipen zubringen und damit umso sicherer in den Sumpf des politischen Radikalismus abgleiten"." (Wedemeyer, S.25) „Viele deutsche Arbeitervereine entwickelten sich nach 1890 in Kneipen und pflegten hier ihr Gemeinschaftsleben, das die soziale Identität der Arbeiter mitbestimmte- Kulturvereine, Lesevereine oder Sportvereine...An organisierten Aktivitäten fanden vor allem in Kneipen statt: schlichter Tingeltangel, Abende der Theater-, Gesangs- und Sportvereine, Bildungsvorträge, die Tätigkeit der Arbeitersekretäre und politische Versammlungen. Sie bildeten die wichtigste Stütze der organisierten und proletarischen Kulturarbeit und des unorganisierten kulturellen und sozialen Lebens der Arbeiter." (Die Kneipe, S. 261) In Kneipen wurden viele Streik- und Kampfmaßnahmen der Arbeiter organisiert. In Zeiten des Nationalsozialismus trafen sich regimekritische Arbeiter in Kneipen. In „verdächtigen" Kneipen wurden Spitzel eingesetzt. Viele proletarische Widerstandsgruppen wurden so von der SS entdeckt. Mit der Zerschlagung der Arbeiterbewegung verschwand der politische Gehalt der Arbeiterkneipen. Nur die soziale Dimension der Kneipe ist erhalten geblieben.
Nach 1968 entstand ein neuer Typ von Kneipe. Die Szenekneipe. Sie ist „ein Produkt der Studentenbewegung, der sogenannten 68er". (Die Kneipe, S. 135) Viele Wirte hatten ab 1968 Probleme mit dem Umgang dieser neuen Szene, so dass z.B. Lokalverbote ausgesprochen wurden. So schuf sich die Szene ihre eigenen Kneipen. „..die Bewegung produzierte Aussteiger und Verweigerer, und diese übernahmen Kneipen."(Die Kneipe, S.137) Man erkannte sie an der mageren Beleuchtung, der Musik, an den Wirten und dem Publikum. In Berlin entstanden nicht nur mit der 68er Bewegung Szenekneipen. Auch mit den Hausbesetzerbewegungen in den 80er und 90er Jahren entstanden neue Szenekneipen, die z.T. noch existieren, aber ihre politische Bedeutung zumeist verloren haben. Für die sozialen Bewegungen in den 70er Jahren waren Kneipen noch Orte, um über Politik zu diskutieren. Kneipen hatten früher Politisierungsmöglichkeiten. In früheren Zeiten hatten die Herrschenden noch Angst vor rebellierenden Ansammlungen in den Kneipen, sie hatten „Furcht vor Zusammenrottungen unkontrollierter Menschenmassen mit revoltischen Gelüsten." (Die Kneipe, S. 75) So erließen die Herrschenden ordnungspolizeiliche Maßnahmen und Erlasse gegen die Trinkstuben. Diese politische Dimension ist verschwunden. Hätte sich die Arbeiterbewegung oder die Subkultur der Gammler in den 70er Jahren ein Rauchverbot in ihren Kneipen gefallen lassen?
Auch in der DDR waren Kneipen Orte, an denen politische Gespräche geführt wurden. Oftmals waren auch Spitzel in Kneipen eingesetzt. Es konnte dann passieren, dass Kneipengäste wegen staatsfeindlicher Hetze inhaftiert wurden. Interessant war in der DDR, dass die soziale Zusammensetzung in den Kneipen nicht so homogen war, wie in heutigen Zeiten. Und die Kneipen waren meistens voll. Da konnte der Arbeiter, neben dem Intelligenzler, dem Künstler und Langhaarigen sitzen. Szenekneipen gab es kaum. Das Bier kostete 33 Pfennig und es wurde in Massen getrunken. Manchmal kamen Gäste auch mit Krug oder Eimer, um das Bier aus dem Fass mit nach Hause zu nehmen. In den proletarischen Innenstadtbezirken gab es die meisten Kneipen, obwohl das im Vergleich zu heute sehr wenig waren. In den Neubaugebieten gab es höchstens mal ein Restaurant, an Kneipen hatte man nicht gedacht.
Auch im Westen ist es so, dass innenstädtische Arbeiterquartiere die höchste Kneipendichte aufweisen und Wohngebiete des Bürgertums und Neubaugebiete die niedrigste Kneipendichte. „Neue Kneipen entstehen weniger da, wo sie fehlen, sondern dort, wo schon viele andere sind." (Wedemeyer, S.83)
Die Kneipe erfüllt heute vor allem psychische und soziale Bedürfnisse. Gäste haben Bedürfnisse nach Bestätigung und Anerkennung. Sie wollen neue Erfahrungen machen. Sie wollen Austausch, Kontakt und zwischenmenschliche Beziehungen. Sie wollen reden und sich darstellen. Es gibt das Vorurteil, dass die Angehörigen der Arbeiterklasse besonders stark vom Alkoholismus bedroht sind. Ihr Alkoholkonsum ist zu sehen. Das Trinken der Mittel- und Oberschicht ist meistens unsichtbar. Der eigentliche Alkoholkonsum des Trinkers findet aber zu Hause statt. Die unteren sozialen Schichten trinken (bzw. tranken) eher in der Kneipe. Eine Stammkneipe mit sozialer Kontrolle sei die beste Sicherung gegen den Absturz, meinen die Autoren des Buches „Die Kneipe". „..der Alkoholiker (sei) zum Schicksal des Laufkunden verurteilt...". (Die Kneipe, S. 180) „Zusammenfassend können wir festhalten: Der Privattrinker ist gefährdeter als der Kneipengänger, unter dem das soziale Netz seines Nahbereichs und der von diesem konstituierten Kneipennormen aufgespannt ist; der Laufkunde ohne freundschaftliche Bindung in der Kneipe, ohne rituelles Netz, ist gefährdeter als der Stammgast, ja, er ist meist schon auf der Abwärtsspirale..." (Die Kneipe, S. 181) Ein Schweigertyp in der Kneipe neben dem Säufer sei der Intellektuelle, der vom Schreibtisch aufsteht und nachts in die Kneipe kommt. Er sei ein Restprodukt der 68er Bewegung. Die beiden Autoren des Buches „Die Kneipe" von 1987, beide Professoren, sind selber Kneipengänger. Wie solche Intellektuellen eine „alkoholisierte Rede" beschreiben, amüsiert: „störrische und aggressive Rechthabereien", „mentale Ausfallerscheinungen", „große Mengen von Wiederholungen und rhetorischen Fragen", „brabbelndes Monologisieren...mit Singversuchen" und der Höhepunkt: „schwerzüngiger Vortrag von Irrelevanzen, durch eine relativ inkoheränte freie Ideenassoziation". (Die Kneipe, S. 217f.) Sie entdeckten Sprüche in den Kneipen, wie „Lieber ein wackliger Barhocker als ein fester Arbeitsplatz" und „Panzer zu Bierfässern". Kneipen aufsuchenden Frauen wird oft Promiskuität unterstellt. Oftmals können Frauen in Stammkneipen nur die Theke aufsuchen, wenn sie bereits einige andere Gäste kennen. Stammgast wird man meistens dort, wo man bereits Stammgäste vorher kennt. Von Politikern heißt es oft, dass sie Stammtischparolen aufgreifen, wenn sie z.B. Vorurteile gegen Ausländer schüren. So Roland Koch mit seinen Parolen gegen „kriminelle Ausländer". Welche politische Bedeutung hat die Kneipe denn heute noch? In Kneipen werden immer noch politische Diskussionen geführt, auch wenn das z.B. in Szenekneipen immer seltener vorkommt. In alternativen Cafes liegen oft Zeitungen aus, dort dient die Kneipe als Informationsträger, die „linkeste" Zeitschrift ist dort meistens die taz. Flugblätter und politische Schriften sind nur noch selten zu finden, in Berlin in einigen wenigen Szenekneipen, die auch dort kaum noch beachtet werden. In Kneipen ist nur noch ganz selten etwas über linke Veranstaltungen und Demonstrationen zu erfahren. Für politischen Protest sind sie keine Informationsorte mehr. Fußball in Kneipen hat eine zunehmende Bedeutung. Wirte versuchen Gäste anzulocken, in dem sie Fernseher aufstellen und Fußballspiele zeigen. In Kneipen finden kaum noch politische Veranstaltungen statt. Es gibt nur seltene Ausnahmen, wie das BAIZ, eine Szenekneipe in Berlin. Ich habe einmal eine Veranstaltung einer Erwerbslosengruppe in Neukölln erlebt, die im Hinterzimmer einer Arbeiter-Eckkneipe stattfand. Agitation wird in Kneipen nur noch selten betrieben und wenn, dann in Szenekneipen, was heutzutage auch schon schwer genug ist. Auf dogmatische Agitation kann man in der Kneipe auch gern verzichten. „Arbeiter als Objekt der Agitation sind aus dem Polit-Denken der Linken verschwunden." (Wedemeyer, S. 104) Selten treffen sich politische Gruppen noch in Kneipen, sie haben andere Orte für ihre Treffen. Danach geht man vielleicht mit der Gruppe zum Ausklang noch in eine Kneipe. Die Kneipe dient vielleicht noch dazu, z.B. am Tresen fremde Leute kennenzulernen und mit denen interessante Gespräche zu führen, seinen Erfahrungshorizont zu erweitern. Leider werden m.E. die interessanten Leute, mit denen man interessante Gespräche führen könnte, immer seltener. Mit dem „Auseinanderziehen" der Szene nach dem Mauerfall in Berlin, zuvor war die Westberliner Szene sehr auf Kreuzberg konzentriert, und der Flut an neuen Kneipen, wird auch die Kneipenlandschaft immer langweiliger. Wo findet man schon noch die volle Kneipe mit einem interessanten Publikum? Meistens sind die Kneipen leer, mit kleinem Stammpublikum, dass einen relativ geschlossenen Eindruck macht, etwas Laufkundschaft und das wars. Mit der Angebotspolitik, immer mehr Angebote in Form von Kneipen schiessen aus dem Boden, und mit der Arbeitslosigkeit, immer mehr versuchen einerseits ihr Glück als Selbständige wie z.B. Kneiper und andererseits haben immer mehr Menschen aufgrund von Hartz IV oder Prekarität immer weniger Geld in der Tasche, verändert sich auch die Kneipenkultur. In Zeiten der Knappheit der Arbeit dient die Kneipe heute auch als Ort, wo Networking betrieben wird. Auf der Suche nach Jobs oder zur Verbesserung der Karrierechancen werden in Kneipen Beziehungen geknüpft und gepflegt. Oftmals ist dann nicht klar, ob die Kneipengänger authentisch sind oder alles nur instrumentell ist. Kneipen können aber auch der Aneignung dienen, so wurden in besetzten Häusern oftmals Kneipen eingerichtet. Somit schufen sich die Bewohner weitere Freiräume. Kneipen haben ihr spezielles Publikum, ein Fremder weiß, ob er dort hineingehört bzw. nicht. So verkehren in den Szenekneipen der Hausbesetzer der 90er Jahre, von einigen Ausnahmen abgesehen, jugendliches Publikum. Interessant ist schon die Altersstruktur in den Szenekneipen in Berlin. In Charlottenburg die Alt-68er. In Kreuzberg die ehemaligen Hausbesetzer der 80er Jahre. In Friedrichshain eben die Hausbesetzer der 90er Jahre. Viele verlassen in Berlin ihren Kiez nicht. Natürlich ist auch auffällig, wenn man als Szenemensch in eine Neuköllner Eckkneipe geht, es sei denn, man kennt jemanden. Während bei den Trendsettern ständig Wechsel angesagt ist, findet man z.B. bei proletarischen Eckkeipen in Neukölln mit Stammpublikum Konstanz. Dort gibt es z.B. in der Inneneinrichtung keine Veränderungen. Diese Kneipen erinnern mich stark an meine Kneipenbesuche in Ostberlin der 80er Jahre. Sowohl von der Ausstattung, vom Publikum als auch von der Musik. Sogar oftmals vom Essen, wie Eisbein. Das war damals die Normalität. Heute ist die Eckkneipe eine untergehende Spezies der Kneipenlandschaft. Viele Eckkneipen in Kreuzberg sind z.B. verschwunden. Dafür sind Kneipen für die neuen Mittelschichten entstanden. Und vor allem ein Unterschied zur DDR, heutzutage sind alle Szenen voneinander abgekoppelt. Nur selten kommt es zur Vermischung und das sind noch die interessantesten Kneipen. Im Gegensatz zur Kommunikation in der Linken, wie ich sie oftmals kennengelernt habe, werden in Kneipen auch private Gespräche geführt. Hier kann auch über Probleme geredet werden. Allerdings werden die Gespräche in neoliberalen Zeiten immer oberflächlicher. Das hat mit der Selbstverschuldungsthese und dem neoliberalen Menschenbild zu tun. Wer viele Probleme hat, hat selber Schuld. Aus Scham wird dann über diese Probleme nicht gesprochen. Und Politisieren von lebensweltlichen Erfahrungen wird heutzutage in Kneipen oft lächerlich gemacht. Die Entpolitisierung im Neoliberalismus ist auch in den Kneipen angekommen.
Eckkneipen in Berlin werden oft abwertend „Schulzenkneipen" (Schultheiss) genannt. Eine aussterbende Spezies sind auch Bahnhofskneipen, die früher oft einen schlechten Ruf hatten (auch in der DDR), und Dorfkneipen. Aus den städtischen Bahnhöfen wurden durch Umbauten unerwünschte Bevölkerungsgruppen verdrängt, dabei wurden auch die Kneipen verändert. In ländlichen Gebieten werden die Bahnhofskneipen eher von Stammpublikum als von Reisenden frequentiert. Die Dorfkneipen, soweit sie noch existieren, haben meistens nur noch alte Stammgäste. Die Jungen fahren in die Stadt, die mittlere Generation zieht sich in ihre Häuschen zurück. Aufgrund des beruflich bedingten Pendelns und der Trennung von Arbeit und Wohnen fällt das Feierabendbier weg. In den Städten ist der Kneipenbesuch dagegen noch häufig ein beliebter Freizeitsport. Wichtig bei der Kneipenwahl sind dabei die Freundlichkeit von Wirt/in und Bedienung, die Einrichtung und die anderen Gäste. Die Atmosphäre muß positiv auffallen. Oft wollen sich Kneipenbesucher mit Freunden treffen. Für Stammgäste ist vor allem die Geselligkeit wichtig. Eine Untersuchung in Szenekneipen in Göttingen ergab, dass bei der Kommunikation der Gäste vor allem die Erzählung und der Klatsch dominierten. Sowohl an der Theke als auch im Schankraum wurde vor allem geklatscht und über andere Leute gesprochen. „An der Theke nahmen außerdem die Bereiche Kultur (13%), Sexualität (11%), Partnerschaft (ebenfalls 11%) und Probleme (9%) einen wichtigen Platz ein...Im Schankraum stellen weiterhin Job und Studium (zusammen 16%), Sexualität (7%), Partnerschaft (9%) und Kultur (9%) vom Kneipenpublikum bevorzugte Themen dar..."(Kneipenkultur, S. 202) An der Theke wechselten die Themen schneller. Interessant in diesem Zusammenhang, dass Politik in den „Szenekneipen" keine Rolle spielte, 2% an der Theke, 0% im Schankraum. Diskussionen oder Streitgespräche fanden kaum statt. Die Gespräche waren durch Argumentationslosigkeit gekennzeichnet. Die Kneipenbesuche dienten offensichtlich der Entspannung. Fremde wurden weder an der Theke noch im Schankraum angesprochen. Die Gespräche sollen unterhaltsam und unverbindlich sein. „Ernsthafte Diskussionen, Argumentationen oder gar Streitgespräche sind dagegen wegen der aus ihnen resultierenden Konflikte verpönt. Schnelle Themenwechsel in kürzester Zeit, die „Oberflächlichkeit" der Gesprächsinhalte, der Versuch, viel zu erzählen, dabeizusein, den Kneipenbesuch auszudehnen, sind Zeichen dafür, daß Kneipenbesuche wesentlich von den Bedürfnissen nach Kontakten, nach einem Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe von anderen, nach Identitätssuche und -sicherung bestimmt werden. Als Fazit unserer Untersuchung läßt sich sagen, daß in der Kneipe Reden goldener ist als Schweigen. Ist nichts mehr zu sagen, bemerkt man das Unwohlsein der Betroffenen nur zu deutlich." (Kneipenkultur, S. 207f.) Motiv eine Kneipe zu besuchen, ist allerdings nicht nur die Kommunikation, sondern auch der Alkohol. „Weil er uns schmeckt" oder „um gut drauf zu sein" gaben Befragte an. (Kneipenkultur, S. 187) Am häufigsten wird allerdings zu Hause getrunken. Für den Staat ist der Alkoholkonsum „eine wichtige Einnahmequelle: 1993 betrugen die Getränkesteuern für Bier 1 789 Milliarden DM, für Branntwein 5,134 Miiliarden DM und für Schaumwein 1 136 Milliarden DM (Jahrbuch Sucht 1994, 10f.)" Dann also Prost!!!!!

Literatur:
Franz Dröge, Thomas Krämer-Badoni; Die Kneipe, Zur Soziologie einer Kulturform, Suhrkamp Frankfurt a. Main 1987
Georg Wedemeyer, Kneipe & politische Kultur, Centaurius- Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1990
Gudrun Schwibe (Hg.), Kneipenkultur, Waxmann Münster/New York/ München/Berlin 1998