Die Intellektuellen- von der Kritik zum Schweigen

"Proleten wissen nichts, Intellektuelle tun nichts, daher bleibt alles beim Alten."
( Albert Ehrenstein, 1946 )

Akademiker/ Intelligenzler und Intellektuelle sind nicht das gleiche. Nimmt ein Akademiker öffentlich zu einer Sache Stellung, die außerhalb seiner Fachkompetenz liegt, wird er zum Störpotential, dann ist er ein Intellektueller. Ein Mensch kann auch ohne eine akademische Ausbildung ein Intellektueller sein. Er ist dann Autodidakt. Intellektuelle haben einen allgemeinen Bildungsdrang. Während der Dreyfuß-Affäre wurde der Begriff des Intellektuellen geprägt, im Nationalsozialismus wurde er zur Abwertung unerwünschter Personen gebraucht.
In der DDR war die „Intelligenz" meistens angepaßt. Viele Intelligenzler waren SED-Mitglied. Dass die DDR-Intelligenzler so konformistisch waren, lag schon daran, dass der Bildungszugang begrenzt war und meistens Systemkonformität voraussetzte. Es gab aber auch einige kritische Intellektuelle in der DDR, wie Wolf Biermann und Rudolf Bahro. Bekannte Intellektuelle in der DDR reisten aus oder gingen Kompromisse ein. Sie genossen oft Privilegien, d.h. sie durften zum Beispiel ins westliche Ausland reisen. Intellektuelle, z.B. Literaten und Theaterleute waren häufiger nonkonformistisch. Ein Intellektueller in der DDR war zum Beispiel Heiner Müller. Der Vorzeige- Intellektuelle in Westdeutschland ist Günter Grass. Er stellte sich immer als das moralische Gewissen im Nachkriegsdeutschland dar, erst im Jahre 2006 bekannte er sich zu seiner Vergangenheit in der Waffen-SS. Günter Grass warb für die SPD und begrüßte den Kanzler Gerhard Schröder Als kritischer Intellektueller kann er nicht bezeichnet werden. Überhaupt gibt es diese „Spezies" kaum noch. Große kritische Intellektuelle in Deutschland, wie Adorno und Böll sind tot. Die großen kritischen Intellektuellen in Frankreich Jean Paul-Sartre, Michel Foucault und Pierre Bourdieu sind ebenfalls verstorben. Ein kritischer Intellektueller, der noch lebt, ist Noam Chomsky. „Ein Intellektueller zu sein ist eine Berufung für jedermann: es bedeutet, den eigenen Verstand zu gebrauchen, um Angelegenheiten voranzubringen, die für die Menschheit wichtig sind. Einige Leute sind privilegiert, mächtig und gewöhnlich konformistisch genug, um ihren Weg in die Öffentlichkeit zu nehmen. Das macht sie keineswegs intellektueller als einen Taxifahrer, der zufällig über die gleichen Dinge nachdenkt und das möglicherweise klüger und weniger oberflächlich als sie. Denn das ist eine Frage der Macht. " ( Noam Chomsky, 3. Mai 2002) Michel Foucault hatte sich von dem Typ des „universalen" Intellektuellen verabschiedet und einen „spezifischen" Intellektuellen gefordert, der sich auf seinem Gebiet auskennt und mit Wahrheit und Macht gut umgehen kann. Er hatte die Hoffnung in Experten gesetzt. Heute ist die Welt voll von diesen Experten, der kritische Intellektuelle stirbt aus. Experten, die heute Karriere machen, sind zur Konformität gezwungen, gegen Kapitalismus wenden sie sich schon gar nicht. Es geht um opportunistische Anpassung. Im Fernsehen sind nur noch Experten, keine kritischen Intellektuellen mehr zu vernehmen. Jean-Paul Satre meinte, dass der engagierte Intellektuelle die Welt hinterfragen, gesellschaftliche Mechanismen und Machtstrukturen aufdecken will. Man hasse die Intellektuellen, weil sie nerven, weil sie stören, weil sie die Welt komplizierter machen, als sie sei. Der Intellektuelle sei jemand, der sich in Dinge einmische, die ihn nichts angehen, so Sartre 1965. Während der Intellektuelle für den Politiker nur Verachtung hätte, hält der Politiker den Intellektuellen für überflüssig. Der revolutionäre Kämpfer gehe aber aus einer Synthese des Politikers und Intellektuellen hervor. Bourdieu forderte den kollektiven Intellektuellen. Für Hannah Arendt müßten Intellektuelle „Zertrümmerer" und „Einreißer" sein. „Ihr Fragen reißt alle vermeintlich sicheren Gedankengerüste wieder ein. Sie haben die Rolle des „Dagegen-Seins" übernommen und halten damit den Prozeß des Nachdenkens in Gang." Hannah Arendt nannte das „Denken ohne Geländer". „Das einzige, was Arendts Meinung nach bleibt, ist die eigene Fähigkeit zum Urteilen, zum Denken und Handeln. Die Menschen sind auf sich gestellt. Sie sind auf ihre Fähigkeiten angewiesen, den Zugang zur Welt immer wieder neu zu begründen. Das Risiko des „Fallens" ist jedoch immer gegeben, denn es gibt kein „Geländer", an dem man sich festhalten kann... Was allein uns wirklich helfen kann, meine ich, ist `reflechir`, Nachdenken. Und denken heißt stets kritisch denken. Und kritisch denken bedeutet stets dagegen sein. Alles Denken unterminiert tatsächlich, was immer es an starren Regeln, allgemeinen Überzeugungen etc. gibt...Es gibt für Arendt keinen Kanon, an dem man sich orientieren kann. Was bleibt, ist die Fähigkeit zu denken, zu urteilen und zu handeln. Das Geschehene und das Gedachte werden daher immer wieder neu in Frage gestellt. Das heißt, „die Aufgabe des Denkens" besteht in einem ununterbrochenen Einreißen mehr oder weniger befestigter Denkpfade." (Antonia Grunenberg, Hannah Arendt, Herder 2003) Die Selbstreflexion des kritischen Intellektuellen sollte zur „Distanz zum Betrieb der Verwertung und der Nützlichkeit" und zur „Distanz zu den gesellschaftlichen Verhältnissen" führen. Das macht einsam. „Kritische Reflexion und Selbstbesinnung sollen den Intellektuellen erkennen lassen, daß er seine Existenz genau den Bedingungen verdankt, die zur Stillegung der Vernunft in den herrschenden Institutionen und Apparaten geführt haben. Er wird die Verstümmelung seiner Vernunft erkennen, die aus der herrschaftlich organisierten Trennung von Kopf- und Handarbeit resultiert, aus der Trennung seines Denkens von der sinnlichen Erfahrung der Gegenstände, wie sie in der unmittelbaren Tätigkeit verkörpert ist. Mit der Rückwendung des Intellektuellen auf sich, auf die sozialen Bedingungen seines Denkens wird er der Einsicht inne, daß er in seiner Funktion als Intellektueller teilhat an Herrschaft und Unterdrückung, daß seine Existenz durch die Trennung von der körperlichen Arbeit ermöglicht wird, die die Herrschaftsunterworfenen so sehr verkrüppelt, und daß er diese Trennung durch seine privilegierte Tätigkeit auf immer höherem Niveau reproduziert. Ist er in der Reflexion jedoch konsequent, so wird der Intellektuelle als kritischer und nonkonformistischer Intellektueller auch erkennen, daß gerade seine besondere gesellschaftliche Position, getrennt von der körperlichen Arbeit ebenso wie von Herrschaftsfunktionen, ihn in besonderem Maße privilegiert, für die Verwirklichung der Aufklärung und der mit ihr verbundenen emanzipatorischen Ziele einzutreten. Die Tatsache, daß er weder den brutalisierenden Bedingungen unmittelbarer körperlicher Arbeit unterworfen ist noch unmittelbare Herrschaftsfunktion ausübt, gewährt ihm das Privileg der Muße, die Kompetenz der Reflexion, die Befähigung zur Erfahrung wie zum Genuß, die Empfindung ästhetischen Vergnügens wie das Glück der Erkenntnis." (Alex Demirovic, Der nonkonformistische Intellektuelle, Suhrkamp Frankfurt am Main 1999, S.65)
Leider sind Intellektuelle oftmals nicht in der Lage, ihre Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Oder sie schweigen aus Opportunismus. Oskar Negt schreibt: „Der Opportunismus ist die eigentliche Geisteskrankheit der Intellektuellen." (Negt, S.9) „Ein neues Selbstverständnis der kritischen Intellektuellen bestünde darin, die Alltagsutopien der Menschen aufzugreifen, auf die bessere Möglichkeit hin zu deuten und aus dem Bestehenden die das Bestehende überschreitende Entwurfsphantasie zu entwickeln und zu erweitern. Nur so wäre zu hoffen, daß die Intellektuellen den lähmenden Zustand ihrer Sprachlosigkeit überwinden und ihren Eigensinn zurückgewinnen, der für sie existentielle Bedeutung hat." (S.360) „Ohne kritische Entwürfe eines alternativen Ganzen, ureigene Angelegenheit politischer Intellektueller, deren bestimmende Produktionsform in erfahrungsgesättigter Theorie besteht, läßt sich entfremdete Wirklichkeit weder benennen noch aufheben." (S.370) oder „Herstellung von Zusammenhang ist daher die spezifische Aufgabe von politischen Intellektuellen, die ohne einen Begriff des gesellschaftlichen Ganzen, wie die Gesellschaft aussehen soll, unmöglich erkennen können, wie sie ist." (S. 399) Kritische Intellektuelle hätten also die Aufgabe der Gesellschaftsanalyse und Suche nach Alternativen, kritische Menschen müßten ihren Alltag politisieren, die „Politisierung des Privaten" ( Hans-Jürgen Krahl). Heute müßte der totalen Vermarktung, der Widerstand im Alltag entgegengesetzt werden. Es geht wie 1968 um das In-Frage-Stellen des Bestehenden. Damals gab es gute Ansätze, die Heimkampagne, die Kinderladenbewegung, Erziehung nach Auschwitz etc. 1957 hieß der CDU-Wahlkampfslogan noch: Keine Experimente. Zehn Jahre später begann ein gesellschaftlicher Wandel, der vor allem durch die Jugend herbeigeführt wurde. Heute sind dagegen viele Normalbürger vom Kapitalismus verunsichert. Das wäre für die Linke eine Chance. Man sollte in diesen Zeiten zwar wieder im „Kapital" lesen, aber nicht in Dogmatismus verfallen, auch ein Fehler der 68er. Oskar Negt: „Der Antimarxismus innerhalb der Linken ist auch ein Produkt dieser Linken. Wer Tag und Nacht mit dem „Kapital" traktiert wird, der will das schließlich nicht mehr hören, der entwickelt einen geradezu irrationalen Sättigungswiderwillen dagegen. Das hat mit dem Wahrheitsgehalt der betreffenden Sache gar nichts zu tun.....und eine Warnung davor, auf eine neue Marx- Orthodoxie, die solche Fehlentwicklungen beiseite schiebt, künftig nicht mehr hereinzufallen." (Negt, S.117f.) Es muß neu gedacht werden, nicht nur von den Intellektuellen, z.B. bieten libertäre Ideen und Projekte viele Ansätze. (Oskar Negt: Achtundsechzig, Steidl Verlag Göttingen 1995)