Zum Tode von Hadayatullah Hübsch

»Für diese Vision arbeiteten wir ...«

»Genau das war es ja, was wir leben wollten; diesen kurzen, amoralischen, wilden Rausch von der geträumten absoluten Freiheit, den uns der Beat mit seinem Gefolge vorzugaukeln begann, das war es, der Beat bleibt links. Keine verstaubte Herrschaft der Apparatschiks, gleich welchen Lagers, keine dümmliche Sonntagsnachmittags - Hitparaden - Schlagerhelden - Bilder - an - der - Wand - Betäubung, ohne Schallplattenproduzentenknechtschaft, nichts von all dem genormten Zeugs der Tageszeitungen und Illustrierten, sondern pulsierendes, alles ausschöpfendes, hemmungsloses Ja-Sagen zum Leben und seiner ungeheuren Möglichkeit und Schönheit inmitten dieses von Menschen verursachten Grauens, seinen Ursachen in der Jagd nach Mehr, in der Schrecklichkeit dieser abgewirtschafteten, unbarmherzigen, gottlosen Welt in ihrem Todeskampf und dem Jahrtausende alten Wust aufgesetzter Zwänge und Herrschaft des Obermenschen über den Untermenschen. Für diese Vision arbeiteten wir ...« (Aus: Keine Zeit für Trips, 1991, Koren & Debes, Frankfurt/Main)



Nachtrag des Herausgebers:


»Wild Thing«

Von Herbert Debes


Als ich im Frühjahr 1990 Hadayatullah Hübsch kennenlernte, war ich ebenso entsetzt wie begeistert. Dieser merkwürdige, wie aus der Zeit gefallene Typ mit der Persianermütze in seinem schwiemeligen schwarzen Kaftan zitterte merklich, als er die Papiere aus einer abgerissenen Ledertasche herauskramte. Was er mir übergab, war ein Wust von mit Maschine beschriebenen Seiten, eingerissen, durcheinander, bekleckert, mit Flecken & Eselsohren. Es war das Manuskript zu seinem autobiographischen Bericht: »Keine Zeit für Trips«.

Nach wenigen Seiten schon wichen meine Vorurteile einer kindlichen Begeisterung, und mir war klar geworden, daß ich gottloser Gesell unbedingt meine damaligen jüdischen Geschäftspartner davon überzeugen mußte, dieses Buch eines ehemaligen kleinkriminellen Drogendealers, der zum Islam konvertiert war, und nun als Imam Dschuma in der Nuur-Moschee in Frankfurt-Sachsenhausen die Freitagspredigt hielt, zu machen.

Und siehe, es geschah:

»Keine Zeit für Trips« funktioniert wie eine Zeitmaschine, die uns mit höllischem Tempo in die Aufbruchstimmung der Sixties hineinkatapultiert. Frankfurt, London, Berlin, Almeria, Marrakesch sind nur einige Stationen auf diesem Mammut-Flash-Back, dieser Trip-Odyssee auf der Suche nach Freiheit und Glück. Hübsch erzählt aus dem Leben eines modernen Taugenichts; von seinen euphorischen Höhenflügen bei grünem Tee und marokkanischem Kif, von endzeitlichen Höllenfahrten durch spanische Gefängnisse und geschlossene Anstalten. Sein Bericht ist auch zu lesen als die atemberaubende Chronik einer Generation, von der viele, oft die besten, verlorengegangen sind; hängengeblieben auf dem Marsch durch die Institutionen oder draufgegangen in den Klapsen und Knästen dieses Landes.

Hadayatullah Hübsch, ehemals PiDschi genannt, war es gelungen, diesem Teufelskreis zu entkommen. In seinem Glauben hat er Heimat und eine Familie gefunden, der mein Mitgefühl gilt.

Möge sein Gott ihn aufnehmen. Allahu Akbar