Interview mit Harry, 57, auf der Schillerpromenade

Wie lange wohnst du hier?

Ich wohne seit 13 Jahren in Neukölln. Vor 4 Jahren mußte ich umziehen, weil die Miete zu hoch war. Seitdem wohne ich hier gleich um die Ecke. Ich wohne gern hier.

Wovon lebst du denn?

Vor zwei Jahren hat das Arbeitsamt gesagt, ich bin nicht mehr vermittelbar. Jetzt bin ich Frührenter. 90% schwerbehindert, Herz, Asthma, Gicht. Jeden Tag kommt für 1 ½ Stunden eine Betreuerin. Ich beziehe eine geringe Rente, das Sozialamt bezahlt ergänzend die Miete.

Hast Du einen Beruf?

Na klar. Zuerst war ich Autolackierer, dann Gerüstbauer und schließlich Akustiker. Danach habe ich fünf Jahre Geld vom Arbeitsamt gekriegt.

Was bedeutet für dich die Schillerpromenade?

Ich bin jeden Tag hier. Ich kenne hier alle und habe viele Freundschaften. Es war eine Sauerei, dass sie hier die Tische abgebaut haben. Mitten in der Nacht, als keiner hier war, so dass keiner von uns protestieren konnte. Ich hätte das nicht zugelassen. Viele, auch Familien mit Kindern, haben hier Pizza oder Nudeln gegessen, die sie sich drüben geholt haben. Die Reste wurden dann auch ordentlich in den Müll geworfen.

Warum wurden denn die Tische abgebaut?

Das QM hat uns gesagt, weil zu viel getrunken wurde. Ich habe nicht den Sinn verstanden, denn es wird weiter getrunken. Das QM kam auch mal, wir sollen das Bier nicht offiziell in der Öffentlichkeit trinken.

Habt ihr Probleme mit der Polizei?

Die Polizei guckt nur und fährt langsam durch, weil hier nichts ist. Es ist selten, dass sie mal anhalten. Sie passen nur auf, dass keiner auf dem Spielplatz ist. Das QM hat uns gesagt, dass die Sträucher entfernt wurden, damit die Polizei, wenn sie hier langsam durchfährt, uns besser sehen kann. Hier gab es nämlich mal Sträucher, das war herrlich. Von einem Tag zum anderen haben sie alles abrasiert. Für die Anwohner ist es ohne Sträucher jetzt natürlich lauter. Eine Begründung war, weil zu viele pinkeln gegangen sind. Aber es gab hier auch mal Toiletten, die haben sie aber auch abgeschafft. Sie seien zu teuer. Jetzt pinkeln die Leute dahinten.

Hast Du auch Angst, dass die Bänke abgebaut werden?

Ich bin schwerbehindert und auf Bänke angewiesen. Ich kann nicht lange laufen. Wenn es hier keine Bänke gäbe, müßte ich in der Wohnung bleiben. Wollen die mich auf den Balkon verbannen, dass ich überhaupt nicht mehr rauskomme? Mein Arzt sagt, ich soll laufen. Noch weiter schaff ich es nicht. Hier sind viele Ältere und Behinderte, die auf die Bänke angewiesen sind. Wenn die alten Leute von Edeka kommen, machen sie hier eine Pause. Wo sollen die sich hinsetzen?

Ein Vorwand für den Abbau könnte natürlich sein, dass die Bänke öfter mal repariert werden müssen?

Das sind doch alles nur Vorwände. Holz verfault, wenn es nicht gepflegt wird. Wir machen nichts mutwillig kaputt. Wir sind doch zufrieden, dass wir hier sitzen können. Wir randalieren auch nicht. Sie behaupten, es gäbe hier Streß, aber das stimmt nicht. Es gibt mal Meinungsverschiedenheiten, aber es gibt kaum Prügeleien.
Wir achten aufeinander. Man kennt sich. Ich weiß wer wann kommt, jeder hat seine Zeiten. Auch nach Feierabend setzen sich Leute her. Wenn einer nicht da ist, wundert man sich und geht auch mal zu dem nach Hause. Das hier ist ein Treffpunkt. Ich habe hier viele Freundschaften, mich kenne hier alle. Ich habe einen Stammplatz und viele stehen freiwillig auf, wenn ich mich setzen möchte, auch wenn sie das nicht brauchen. Und wenn ich meine Ruhe haben möchte, kann ich auch mal alleine sein. Es ist wunderbar hier. Auch die Geschäfte in der Umgebung verdienen an uns, der Bäcker, die Pizzeria und der Kiosk. Ich kann nicht in der Pinte sitzen, so viel Geld habe ich nicht. Es ist hier wie überall, manche trinken ein, zwei Bier und gehen nach Hause, mancher holt sich eine Flasche Wodka und kippt um. Was können wir dafür. Wir passen aufeinander auf.

Und die Verantwortlichen im Bezirk...

Für den Neuköllner Baustadtrat Blesing (SPD) gehört Harry zur „Brigade Sorgenfrei", so betitelte er sie in einer BVV-Antwort. Blesing ist einer der Verantwortlichen im Stadtbezirk, die sich den schwarzen Peter gegenseitig zu schieben, seitdem Mitte Juni die Tische auf der Schillerpromenade vom Grünflächenamt entsorgt wurden. Herr Sokykat vom Grünflächenamt teilte mit, dass das auf Anweisung des Quartiersmanagements (QM) geschehen sei. Die Leiterin des QM Frau Schmiedeknecht behauptete dagegen, dass die Tische auf Veranlassung des Grünflächenamtes abgebaut wurden. In einer Antwort auf eine mündliche Anfrage der Linkspartei in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) machte der Baustadtrat wiederum den Quartiersbeirat für den Abbau der Tische verantwortlich. Mitglieder des Quartiersbeirates widersprechen dem, solch ein Abbau sei nicht beschlossen worden. Niemand will es gewesen sein. Statt die sozialen Probleme zu lösen, sollen die unerwünschten Anwohner weggesäubert werden. Wir bleiben alle!