Das Gesundheitswesen und Altersarmut


Das Gesundheitswesen in der DDR muß differenziert betrachtet werden. Dem leichten Zugang zum staatlichen Gesundheitswesens stand eine schlechte medizinische Ausstattung entgegen. Auch der Gleichheitsgrundsatz wurde durchbrochen, es gab 14 privilegierte Systeme. Die Präventionspolitik funktionierte mit Kontrollen und Androhung von Strafen, dem „Bummelantentum“ wurde der Kampf angesagt. Auch die Gesundheitspolitik war arbeitszentriert. Die Beiträge zur Sozialversicherung fielen so gering aus, daß die Mehrausgaben des Gesundheitswesens den Staatshaushalt belasteten.

Unproduktive Alte, die zwar Reisefreiheit hatten, lebten in der DDR häufig in Armut, meistens Frauen. Die Mindestrente betrug 300-370 Mark. Neben der Einheitsversicherung gab es eine Freiwillige Zusatzrentenversicherung. Es gab 4 Sonder- und 27 Zusatzsysteme, damit wurden vor allem Funktionäre und qualifizierte Erwerbstätige umworben.

Im Kapitalismus besteht eine soziale Ungleichheit von Gesundheit und Krankheit. So sterben Arme im Durchschnitt früher. In einigen Fällen macht allerdings Krankheit arm. Wer geringe finanzielle Ressourcen hat, ist oftmals gesundheitsschädlichen Einflüssen wie bei der Arbeit oder in der Wohnung ausgesetzt. Es gibt auch die These, dass das Verhalten kulturell beeinflußt ist. So würden Arme mehr rauchen und trinken, sich weniger bewegen und ungesünder essen. Auch das Bewältigungsverhalten sei sehr unterschiedlich.

In Deutschland existiert heute eigentlich ein gut ausgebautes Gesundheitswesen, leider gibt es aber schätzungsweise 300.000 Menschen ohne Krankenversicherung (manche sprechen von einer halben Million). Selbständigen wird unterstellt, dass sie Großverdiener sind. Für sie ist ein hoher Einstiegssatz festgelegt. Durch die Gesundheitsreform, die 2004 in Kraft trat, wurde der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen enorm ausgedünnt. Es wurde die Praxisgebühr eingeführt. Die Zuzahlungen sind angestiegen. Viele Menschen verschieben Arztbesuche. Krankenhausaufenthalte werden zur finanziellen Belastung. Kosten werden auf die Patienten abgewälzt. Auch der ökonomische Druck der Ärzte und in den Krankenhäusern nimmt zu. Die Gesundheitsversorgung wird den Kräften des freien Marktes unterworfen. Krankenhäuser werden privatisiert. Die Budgetierungen führen dazu, dass am Ende eines Jahres die eingeplanten Gelder bereits aufgebraucht sind, auch wenn Ärzte versuchten, sparsam zu sein. Seit 1990 nahm die Zahl der Krankenhäuser und Krankenbetten rapide ab. Auch der Stellenabbau ist enorm und er geht weiter. Laut Vivantes-Geschäftsbericht (privatisierte Krankenhäuser in Berlin) wurden allein von 2001 auf 2002 862 Vollzeitstellen abgebaut, davon 369 im Pflegedienst. Während Stellen abgebaut werden, lassen sich die Krankenhäuser Berater viel kosten. McKinsey konnte für ihre drei monatige Tätigkeit bei Vivantes rund 2,7 Millionen Euro einstreichen. Das war ein Tageshonorar pro Berater von etwa 2.500 Euro. Die Charité zahlte für Roland Berger 1,1 Millionen Euro. Die Berater sollen dafür sorgen, daß Personal und Patienten möglichst wenig Kosten verursachen. So werden Löhne gesenkt und die Arbeitsverdichtung nimmt zu. Der Streß z.B. für Krankenschwestern und Ärzte steigt enorm. Die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen und im Pflegebereich sind oft katastrophal. Auch auf Kosten der Patienten, für die immer weniger Zeit bleibt. Die Verweildauer in Krankenhäusern und die Behandlungszeit von Ärzten (5-7 min) wird aus Kostengründen immer kürzer. Eigentlich kann man als Einkommensarmer nur Angst vor Krankheit und Alter haben. Viele Alte werden in Pflegeheimen nur verwahrt, es wird oft über Mißstände berichtet. Auch hier: abgefüttert- abgefüllt- abgestumpft. Zeit für Gespräche und Zuwendung bleibt dem Personal aufgrund des Zeitdruckes kaum. Die seelischen und körperlichen Belastungen für das Personal sind enorm, daher verlassen viele diesen Beruf. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist groß. Der Anteil der alten Menschen wird weiter zunehmen. Durch den technischen Fortschritt werden diese immer länger leben. Die Situation im Pflegebereich wird sich noch verschärfen. In diesem Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass es eine Debatte um Sterbehilfe gibt. Aktive Sterbehilfe ist Tötung auf Verlangen bzw. erweiterte Selbsttötung. Passive Sterbehilfe ist Unterlassung lebensverlängernder Maßnahmen bei Schwerkranken. Wie man dazu aus persönlichen Gründen auch stehen mag, es könnte durch eine Legalisierung ein Druck auf schwerkranke Menschen entstehen, um den eigenen Tod zu bitten. Sie wollen ihren Angehörigen nicht zur Last fallen, die ökonomischen Zwänge im Gesundheitswesen tun ihr übriges. Hier sollte man sich auch Theorien zur Biopolitik ansehen. Das alte Recht, sterben zu machen oder leben zu lassen, wurde nach Foucault von einer Macht abgelöst, leben zu machen oder in den Tod zu stoßen. Einerseits geht es um Zurichtung des individuellen Körpers und die Steigerung der Nützlichkeit. Andererseits geht es um die Regulierung der Bevölkerung. Nach Agamben streben die Mächtigen nicht nur die Kontrolle der Individuen an, sondern vereinnahmen auch ihr biologischen Leben. In den Konzentrationslagern wurden die Menschen z.B. auf das „nackte Leben“ reduziert. Als Ausnahmezustand sieht er auch das amerikanische Gefangenenlager Guantanamo und die Flüchtlings-Camps in der EU. Dabei wird häufig Einwanderung aufgrund des demographischen Wandels gefordert, aber natürlich nur erwünschter Arbeitskräfte, die für Deutschland oder Europa einen Nutzen haben. Der demographische Wandel beschreibt die Unterschreitung der Sterberate durch die Geburtenrate seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Geburtenrate ist zu niedrig, die Menschen werden älter. Der demographische Wandel wird oftmals für die These mißbraucht, die heutige Bevölkerung würde auf Kosten späterer Generationen leben. Deshalb müßte ein Sozialabbau erfolgen. Das Anspruchsdenken müsse sinken. Der Sozialstaat sei nicht mehr zu finanzieren, da immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Nicht-Erwerbstätige aufkommen müßten. Daher wurde die Lebensarbeitszeit verlängert, obwohl die ältere Generation immer weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat und aussortiert wird. Gerade deshalb wird auch die Altersarmut enorm anwachsen. Nach Berechnungen des paritätischen Wohlfahrtsverbands wird die Durchschnittsrente in 14 Jahren auf das Niveau der Grundsicherung gesunken sein. Der Hauptgeschäftsführer des DPWV Ulrich Schneider warnte, dass in 15 bis 20 Jahren bis zu 20% der Alten arm sein werden. Es sei ein großes Problem, dass nicht nur die Riester- Rente mit einer späteren Grundsicherung verrechnet werde, sondern auch Lebensversicherungen, private Rentenpläne oder Betriebsrenten. Der Anreiz, Vorsorge zu betreiben, sei damit gleich null. Nur derjenige komme in den Genuss seiner kompletten Ersparnisse, der über 1900 Euro brutto im Monat verdient und mindestens 35 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat. Alle, die weniger verdienten, müßten mit zum Teil deutlichen Abzügen rechnen. Menschen, die in der Dritten Welt leben, würde diese Rente gar nicht mehr erleben.

In Dritten Welt lag die durchschnittliche Lebenserwartung 2001 bei 64 Jahren, wegen Aids in einigen afrikanischen Ländern bei knapp 40 Jahren. Aber statt Medikamente gegen Krankheiten der Armut zu entwickeln, werden eher Lifestyle- Medikamente für zahlungskräftige Kunden erforscht. Das Patentrecht der Pharmaindustrie, das von der WTO überwacht wird, verhindert die Produktion von preiswerten Medikamenten. Medico international fordert: „Gesundheit ist keine Ware!“