Vom Plattenbau und Verfall zur Gentrifizierung


Altbau, Hinterhaus. Jemand macht sich an einer Tür zu schaffen. Man hört eine Weile Geräusche, wie jemand illegal ein Schloß aufmacht und ausbaut

Wohnungsbesetzer: Oben bin ich. Und eine runter ist auch besetzt. War mal ein Wasserohrbruch, die Seite war leer. Im Winter friert es öfter ein.

Sie: Und was dann.

Wohnungsbesetzer: Mußt dir Eimer Wasser holen.


Später im Westen:

 

Aalglatt


Wo kommen nur die vielen glatten Menschen her?

Bevölkern die Restaurants und Cafes

kreativ und global

Zeitgeist

sie wissen, was man sagen muß

sie wissen, was man tun muß

sie wissen, was man lassen muß

und dabei kommen sie sich wahnsinnig interessant vor

uniform wie sie sind

Wer kurbelt endlich die Produktion

von FDJ- Blusen an,

sie werden dringend gebraucht

alle anders- alle gleich.


Durch den Krieg wurde viel Wohnraum zerstört. Es ging zunächst um die Instandsetzung von beschädigtem Wohnraum. In der DDR war in der Verfassung ein Recht auf Wohnraum festgeschrieben. Es gab eine strikte Meldepflicht und die Zustimmung für ein Hauptmietverhältnis lag bei den Räten der Städte und Gemeinden. Bei der Wohnungsvergabe wurden kinderreiche Familien, Funktionäre und qualifizierte Kräfte bevorzugt. Die Mieten für den Altwohnungsbestand wurden auf dem Niveau von 1936 eingefroren, das waren zwischen 0,60 und 1,20 Mark/m². Aufwendungen für die Instandhaltung und Verwaltung wurden so nicht gedeckt. Die Miete war der Grundpfeiler der sozialpolitischen Legitimationsbasis. Es gab einen absoluten Mieterschutz, Kündigungen konnten nur ausgesprochen werden, wenn andere Wohnungen zugeteilt waren. Zunächst war die Wohnungsbautätigkeit gering und die Bausubstanz wurde immer älter. Es existierten drei Eigentumsformen des Wohnungsbaus, der größte Teil war staatlich und volkseigen, zudem gab es genossenschaftliche und private Formen. Die Bauweise wurde verändert. Von der Stalinallee schließlich zum Großplattenbau in Hoyerswerda, Schwedt, Halle-Neustadt. Die Platte wurde schließlich an der Peripherie von Großstädten gebaut. Während die Plattenbauten errichtet wurden, verrottete die Altbausubstanz. Die Durchschnittsgröße der Wohnungen wurde reduziert. Mit dem Machtantritt Honeckers gewann die Wohnungsbaupolitik große Bedeutung. Sie sollte nun das Kernstück der Sozialpolitik werden. Es gab einen Bauboom von Plattenbauten. Erst seit Mitte der 80er Jahre war ein allmählicher Rückgang zu verzeichnen.

Welch Schock erlebten DDR-Bürger, als sie sich an Mieten im Westen gewöhnen mußten. Und an die Macht der Privateigentümer, hier in Gestalt der Hausbesitzer. Verfallene Altbaugebiete wie der Prenzlauer Berg wurden saniert. Das ging mit einer Aufwertung des Kiezes einher, was gleichzeitig eine Verdrängung bestimmter Bevölkerungsgruppen bedeutete. Gentrifizierung nennt sich dieser Prozeß. Selbst im Berliner Stadtbezirk Neukölln, den Wolfgang Schäuble als "Slum" bezeichnete, sind erste Gentrifizierungsanzeichen zu beobachten. Andrej Holm, jener Wissenschaftler, der wegen des §129a einsaß (mit fadenscheinigen Begründungen), fragte im Mieterecho: "Endstation Neukölln" oder "neuer Trendkiez"? Auch der Reuterkiez in Neukölln wird inzwischen im Zusammenhang mit Gentrifizierung diskutiert. Hier gibt es erste Aufwertungserscheinungen. Viele Studenten ziehen dorthin, es werden Cafes, Galerien, Mode-und sonstige Läden der Kreativbranche eröffnet. In Nord-Neukölln wurde in den vergangenen Jahren ein Anstieg der Mieten bei Neuvermietungen registriert. Insbesondere Wohnungssuchende, die sich in verschiedenen Stadtteilen orientieren, stellten fest, dass die Preise rund um den Reuterplatz inzwischen Kreuzberger Niveau hätten. Es ist auch eine steigende Zahl von Hausverkäufen und Eigentümerwechseln zu verzeichnen.
Ein zweites zentrales Merkmal von Gentrifizierung ist der Austausch und die Aufwertung der Sozialstruktur. Zunächst ziehen vor allem Künstler/innen, Studierende, Selbstständige - die sogenannten Pioniere - in die Aufwertungsgebiete. Sie verfügen über höhere Bildungsabschlüsse. Auch unterscheiden sie sich auch in ihren Berufsperspektiven oftmals deutlich von den bisherigen Bewohner/innen solcher Gebiete. Doch hinsichtlich der Einkommen und der Zahlungsfähigkeit gibt es nur geringe Unterschiede. Erst in einer späteren Phase der Gentrifizierung ziehen auch einkommensstärkere Haushalte in das Gebiet und verdrängen die bisherigen Bewohner/innen und die Pioniere gleichermaßen. In den Reuterkiez ziehen zur Zeit hauptsächlich Studierende und Künstler, daher sei das erst eine Startphase der Gentrifizierung. Ein drittes typisches Merkmal von Gentrifizierungsprozessen ist die Veränderung des Nachbarschaftscharakters. Preiswerte Läden mit Waren des täglichen Bedarfs oder spezielle Angebote für migrantische Bevölkerungsgruppen wie etwa Telefonshops werden verdrängt. An deren Stelle entstehen Spezialgeschäfte für den gehobenen Bedarf wie Feinkostlebensmittel oder Edel-Boutiquen. Dadurch verändert sich das Image des Kiezes. In Nord-Neukölln sind diese Entwicklungen noch zaghaft. Insbesondere die "Zwischennutzungsagentur" ist ein zentraler Motor bei der Etablierung einer neuen Gewerbestruktur. Sie kooperiert mit dem Quartiersmanagement. Diese Aufwertungsprozesse sind also politisch gewollt. Andrej Holms Schlußfolgerung: Zusammenfassend kann die Situation in Nord-Neukölln vielleicht als eine Gentrifizierung im Wartestand bezeichnet werden. Sowohl ökonomisch, als auch sozial und hinsichtlich des Nachbarschaftscharakters können Anzeichen einer Aufwertung beobachtet werden.