Erziehung zur Konformität


Schule in der DDR


Gefangen und gefesselt.

im Frontalunterricht

Zahlen sind wichtig

Formeln in Mathe

die man wieder vergißt

Zahlen sind wichtig

auch im Geschichtsunterricht

der Lehrer mit dem Zeigestock

zack zack schlägt er auf den Tisch,

stures Auswendiglernen,

im Deutschunterricht

eigene Gedanken nicht erlaubt,

im Staatsbürgerunterricht

kritische Fragen nicht erlaubt,

Uniformen sind wichtig

stolz ein Pionier zu sein

stolz ein FDJler zu sein

das ist erlaubt,

Appelle sind wichtig

sich Phrasen anhören

sich Gebote anhören

das ist erlaubt,

Träume werden ausgetrieben,

Befehle eingepeitscht,

die Befehlsstachel

stecken immer noch in mir,

diese Schule werd ich nie mehr los,

die Ordnung wieder betoniert

wie eh und je- ob gestern oder heute.

Mich dürstet nach Freiheit.

 

Man hört das Geklapper von Kaffeetassen. Sie sitzt in ihrem Zimmer mit der Kinderkrippenleiterin.

 

Kinderkrippenleiterin: Warum hängen die Windeln da? Gibt es keine anderen Möglichkeiten zum Aushängen?

Sie: Nein.


Staaten tun alles, damit der „Durchschnittsmensch ...das tun (will), was er tun muß, um zu funktionieren..“ (Fromm, S.23) Dafür braucht er die Institution Schule, um seine Zöglinge gesellschaftsfähig zu machen. Denn: „Wenn es einer Gesellschaft erst einmal gelungen ist, die Charakterstruktur des Durchschnittsmenschen so zu formen, daß er das, was er tun muß, gern tut, ist er mit den Umständen zufrieden, die ihm die Gesellschaft auferlegt.“ (Fromm, S.25) Es müssen Menschen erzeugt werden, die zu den Erfordernissen des Systems passen. Der Mensch hat am meisten Angst vor der Isolierung und vor der vollkommenen Verstoßung. „Der Kapitalismus funktioniert nur in einer Gesellschaft von arbeitsamen, disziplinierten, pünktlichen Menschen, die vor allem am finanziellen Gewinn interessiert sind und deren Hauptziel im Leben der Profit aus Produktion und Warenaustausch ist.“(Fromm, S.23) Pünktlich und Disziplin erlernen die Kinder in der Schule. Leider war auch der Realsozialismus vom Geist des Kapitalismus absorbiert. Im Realsozialismus wurde geglaubt, es liege am Kapitalismus, dass das materielle Interesse das tiefgreifenste Motiv sei. Das Sein bestimme das Bewußtsein. Aber das Bewußtsein in der DDR wurde auch durch autoritäre Institutionen, wie der Schule, geprägt. Autoritäre Institutionen und Strukturen bilden aber auch autoritäre Charaktere mit einem kleinbürgerlichen Geist heraus. So wurde in der DDR die Uniformität gefördert. In den Schulen Pionieruniformen und FDJ-Hemden, Fahnenappelle u.v.m. Propaganda war im Erziehungssystem der DDR ständig allgegenwärtig. Und es gab natürlich auch Noten, Leistungsdruck (zwei Schüler einer Klasse durften zur Erweiterten Oberschule), Disziplinierung, Strafen, das ganze Repertoire, was Schwarze Pädagogik zu bieten hat. In der DDR wurden vor allem Industriearbeiter gebraucht, denn auch die DDR gründete sich auf Industrialisierung. Die gesellschaftlichen Erfordernisse waren wichtiger, als die individuellen Wünsche. Und es mußte ideologische Anpassung erreicht werden, denn die Betriebe gehörten nicht den Menschen, die darin selbstbestimmt agieren konnten, sondern dem Staat, der durch seine Pläne und Befehle die Macht über die Betriebe und die Arbeiter hatte. Es wurde Gehorsam gebraucht. „Um ungehorsam zu sein, muß man den Mut haben, allein zu sein...“(Fromm, S. 14) Die Mehrheit der DDR-Bürger paßte sich an, die Bedeutung der Kollektive wuchs, man wollte dazugehören. Aber es gab auch „Rebellen“, die nein sagten. Es gibt sie überall. Nach Erich Fromm kann ein Revolutionär dagegen auch bejahen. Er weigert sich, etwas nachzureden. Und er sagt, was er einsieht. Man müsse nur die Augen aufmachen und anderen Menschen die Augen öffnen. Denken ist umstürzlerisch und revolutionär. Frei denken ist nicht erwünscht. Es gibt nur wenig kritisches Denken. Das das so ist, dafür sorgt u.a. die Schule. (Erich Fromm: Über den Ungehorsam, dtv München 1990)

Die Schule in der DDR war vom Staat bestimmt, wie heute auch. Die Schüler wurden durch die politischen Organisationen indoktriniert. Kritisches Denken war unerwünscht.

Auch heute ist in der Schule kritisches Denken nicht erwünscht. Als pädagogisch wertvoll gilt, daß sich der Mensch an die gesellschaftlichen Umstände anpaßt. Die Unterwerfung des Menschen unter die Zwecke von Staat und Kapital wird als Entfaltung seiner wahren Bestimmung lobpreist. Erziehung im Kapitalismus heißt Unterwerfung. Kritik hat konstruktiv zu sein, darf also nicht die Beseitigung des Kapitalismus fordern, denn der

Kapitalismus wird als naturgegeben dargestellt. Ständig wird von Freiheit geredet, dabei geht es allerdings nur um die Befolgung von Zwängen. Die Schule ist mit ihren Normen und Leistungsmaßstäben an der Mittelschicht orientiert. Freerk Huisken kritisiert nicht nur die konservativen, sondern auch die sogenannten kritischen Pädagogen. Diese glauben an eine bessere Erziehung im Kapitalismus. Man präge einfach kritische Geister statt Anpaßler und schon ist die Welt in Ordnung, und das Geschäft der Pädagogen also der Nabel einer besseren Welt. Sie hätten dann das Gefühl, ihrem kritischen Selbstbewußtsein treu zu bleiben, obwohl sie nur „weisungsgebundes Exekutivorgan des Staates“ seien. Der kritische Pädagoge tue seinen Dienst...Der Lehrplan ist eine Vorschrift, die die staatliche Schulaufsicht erläßt. Schule ist eine staatliche Angelegenheit. Jene Kräfte, die für die Lebenssituationen auch der Schüler verantwortlich sind, die diese zu bewältigen haben, liegen natürlich außerhalb der Betrachtung liegen. In der Sphäre, in der die freie Meinung gebildet wird, hat der Staat die Finger drauf. Er schreibt seinen Jungbürgern vor, was, ab wann, wie lange, wie und bei wem sie zu lernen haben. „Die Verpfichtung, sich zehn Jahre lang am identischen geistigen Besitzstand der Nation abzuarbeiten, kann die Umverteilung des materiellen Besitzstandes wohl kaum zum Ziel haben...Statt auf Bildung zu setzen, hätte es sich für die Angehörigen der unteren Klassen angeboten, etwas unmittelbarer die Veränderung der Besitzverhätnisse auf die Tagesordnung zu setzen....Doch weiß jedermann, daß zwischen der Hervorbringung von schlauen Gedanken und der Erschaffung bzw. Verteilung von Reichtum Eigentumsverhältnisse stehen..."

Die Staaten entscheiden, was gelehrt wird, was vernünftig sei und was nützlich erscheint. Sollte in der Schule der DDR dabei ein disziplinierter und konformer Menschen herauskommen, so wird heute Eigenverantwortung schon in der Schule gefördert. Es soll ein Marktsubjekt, das sich verkaufen kann, aus der Institution Schule ausgeschieden werden. Dabei bestimmt oftmals die soziale Lage der Schüler (wie auch die PISA-Studie zeigt) über ihren Schulerfolg. Also Geld, die Wohnsituation, das soziale Umfeld etc. Erziehung in allen Staaten soll eine gelungene Anpassung des Menschen an die gesellschaftlichen Erfordernisse erreichen. Dafür brauchen Staaten in der heutigen westlichen Welt die Schulpflicht. Hier sollen die Heranwachsenden lernen, ihre Arbeitskraft verwerten und es wird aussortiert aus dem „Menschenmaterial“. In der Dritten Welt fehlen dagegen Schulen. In der Dritten Welt sind viele schlicht überflüssig. Wer in der „1. Welt“ Erfolg sucht, muß sich anpassen. Alles wird als „Sachzwang“ verkauft, die Schulpflicht, die Privatisierung der Bildung, die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Man wird zurechtgeknetet und dann wird das als Freiheit verkauft. Die Freiheit wird dann unter Befolgung von Zwängen genossen. Es ist der „stumme Zwang“ der Verhältnisse. Von Zwängen umgeben, sorgt dann die Pädagogik dafür, dass man sich selbst beherrscht. Die Pädagogen wollen die Identität von Wollen und Sollen. Wer da aus der Reihe tanzt, z.B. einige migrantische männliche Jugendliche, meistens Hauptschüler ohne Chance, dem wird mit Erziehungscamps gedroht. Erziehung zum Gehorsam und zur Selbstbeherrschung. Erziehung fand in der DDR und heute unter staatlicher Maßgabe und Aufsicht statt. Erzieher unterliegen einem Vorschriftenkatalog. Erziehung umfaßt auch Strafandrohung. So sorgen Erziehung und ihre Institutionen für Anpassung. Wer da nicht mitmacht, wird in der Schule ausselektiert. Er wird für überflüssig erklärt. Denn es sollen durch Erziehung gesellschaftlich handlungsfähige Subjekte entstehen. Der „heimliche Lehrplan“ ist dann Erziehung zur Disziplinierung, Konformitätsorientierung und Konkurrenzdenken. Die Kinder werden auf Arbeitstugenden getrimmt. Und wenn dann Hauptschüler aufbegehren, weil sie die Arbeitstugenden nicht brauchen, denn sie haben sowieso keine Chance auf dem Arbeitsmarkt, wird ihnen wie in Neukölln Security vor die Schule gestellt. Angeblich zum Schutz, natürlich auch zur Disziplinierung in der Schule.

Die Schule ist an den Normen und der Leistungsfähigkeit der Schule orientiert. Die Mittelschichts-Pädagogen meinen dann, die Bildungsresultate spiegeln die Bildungsunterschiede wieder. Freerk Huisken setzt sich in seinem Buch „Erziehung im Kapitalismus“ interessanterweise auch mit den Sprachcodes auseinander. „Der „restringierte Code“ der Unterschicht weise, verglichen mit dem „elaborierten“, eine geringere „Flexibilität“ auf. Der „restringierte Code“ definiere sich daher durch die Begrenztheit der Ausdruckmittel, die diese Sprache sehr berechenbar mache. Starre Sprechweise führt also zu geistiger Erstarrung“, so Pädagogen. (Huisken, S.138f.) Somit ist dann die Schichtspezifik Schuld an der Bildungsmisere der Unterschicht, die Pädagogen und die Institution Schule werden freigesprochen. (Freerk Huisken, Erziehung im Kapitalismus, VSA Hamburg 2001/Freerk Huisken, Grundlügen der Pädagogik)

Aber es ist nicht nur zu kritisieren, dass der Staat Einfuß auf Schule und Schüler ausübt. Zunehmend wird der öffentliche Sektor kommerzialisiert. Die Staatskassen sind aufgrund der neoliberalen Umverteilungspolitik leer. Im öffentlichen Bereich werden betriebswirtschaftliche Kriterien immer wichtiger. Die Werbewirtschaft zieht in die Bildungsinstitutionen ein. Die Schulen und Universitäten bemühen sich um Sponsoren. An den Schulen und Hochschulen werden Reformen durchgeführt, der Unterricht gestrafft. An den Schulen wird das Zentralabitur eingeführt. Das Studium wird verschulter. Bachelor und Master wurden eingeführt. Die Studenten werden diszipliniert und aufgefordert, ihr Studium schnell durchzuziehen. Den Langzeitstudenten wird der Kampf angesagt. Studiengebühren wurden in einigen Bundesländern durchgeführt. Die Zwänge für die Schüler und Studenten an den Bildungsinstitutionen nehmen zu, die geforderten Unterwerfungsrituale für das Lehrpersonal werden immer schamloser, aber alles sei angeblich freier. In den Universitäten, aber auch den Schulen regieren immer mehr die Gesetze des Marktes. Bildung wird zur Markenware. Dabei scheint für viele Menschen in diesen neoliberalen Zeiten eine gute Ausbildung immer wichtiger. Nicht nur die Schüler und Studenten konkurrieren um diese gute Ausbildung, sondern auch die Institutionen um ihre Kunden. Privatisierung ist öffentliche Politik und wird vom Staat subventioniert, so erhalten einige Privatunis mehr staatliche Gelder als öffentliche Hochschulen. Auch aufgrund der Dienstleistungsrichtlinie der EU wird die Privatisierung von Bildungseinrichtungen zunehmen. Mit dieser Richtlinie wird auch ein Wettlauf um die niedrigsten Standards (Lohn, Arbeitszeit, Urlaub, Arbeitsschutz) befürchtet. Insbesondere die Bertelsmann-Stiftung beteiligt sich am Umbau des Bildungswesens, sie agiert an den Hochschulen und in der Schulpolitik. Jedes Problem an Schulen, wie PISA oder die Rütli-Schule wird skandalisiert, um die Privatisierung noch reibungsloser vollziehen zu können. Die Eltern sind dann bereit, noch mehr Geld für die Bildung ihrer Kinder auszugeben. Durch die Ranking-Listen wird die Konkurrenz um die beste Bildung noch gefördert. Eliten sollen wieder gebildet werden. Übrigens gab es auch in der DDR Elitenförderung durch Spezialschulen. Ein Problem der 80er Jahre war die Selbstrekrutierung aus den Funktionärsklassen. Der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann hat für die BRD aufgezeigt, dass die deutschen Macht-, Geld- und Verwaltungseliten ein nahezu geschlossenes System der Selbstrekrutierung bilden. Die Durchlässigkeit nach unten geht gegen Null. Letztlich geht es nur darum, ob die Selbstrekrutierung als Skandal oder für legitim gelten soll. Die Massenbildung ist dagegen unterfinanziert, die Ausbildung wird teurer. Damit wird der Geldbeutel der Eltern zunehmend wichtiger. Vorbei mit dem „Fahrstuhleffekt nach oben“ einer breiten Masse. Und nicht zuletzt ist ein kommerzielles Bildungssystem ein undemokratisches. Dort, wo das Kapital regiert, ist demokratische Mitbestimmung nicht erwünscht.