Erich Mühsam

Nur mit dem Künstler gerät der Spießer in die Brüche. Ich will hier bemerken, daß ich unter „Künstlern" nur solche verstanden wissen will, die ihre Kunst nicht zum Gewerbe erniedrigen, die es also unter allen Umständen ablehnen, ohne künstlerischen Antrieb zu produzieren. Dagegen gehören zu den Künstlern, die ich als Outsider der Gesellschaft behandle, auch solche, die ohne künstlerisch überhaupt produktiv zu sein, in allen ihren Lebensäußerungen von künstlerischen Impulsen geleitet werden.

Nein, Boheme ist eine Eigenschaft, die tief im Wesen des Menschen wurzelt, die weder erworben oder anerzogen werden, noch durch die Veränderung der äußeren Lebenskonstellation verloren gehen kann.

Was in Wahrheit den Bohemien ausmacht, ist die radikale Skepsis in der Weltbetrachtung, die gründliche Negation aller konventionellen Werte, das nihilistische Temperament...

Immer wird der Bohemien ein Sonderling sein, und schon deshalb wäre es lächerlich, ein Schema für die Lebensweise der Boheme aufzeigen zu wollen.

Ein Bohemien ist ein Mensch, der aus der großen Verzweiflung heraus, mit der Masse der Mitmenschen innerlich nie Fühlung gewinnen zu können- und diese Verzweiflung ist die eigentlichste Künstlernot- drauf losgeht ins Leben, mit dem Zufall experimentiert, mit dem Augenblick Fangball spielt...Die Verzweiflung über die Unüberbrückbarkeit der Kluft zwischen sich und der Masse, die Wut gegen den vertrottelten Konventionsdrill der Gesellschaft mag natürlich den Bohemien oft genug zum bewußten Auftrotzen gegen das Gewöhnliche verführen, das sich in der brutal zur Schau getragenen Unterstreichung des Andersseins äußert.

Der Haß gegen alle zentralistischen Organisationen, der dem Anarchismus zugrunde liegt, die antipolitische Tendenz des Anarchismus und das anarchistische Prinzip der sozialen Selbsthilfe sind wesentliche Eigenschaften der Bohemenaturen. Daher stammt denn auch das innige Solidaritätsgefühl zum sogenannten fünften Stande, zum Lumpenproletariat, das fast jedem Bohemien eigen ist.

Verbrecher, Landstreicher, Huren und Künstler- das ist die Boheme, die einer neuen Kultur die Wege weist.

(aus Erich Mühsam, Fanal, Wagenbach 1984)


Jedes Jahr treffen am 10. Juli, dem Todestag Erich Mühsams, Menschen am Ehrengrab des Dichters auf dem Dahlemer Waldfriedhof zusammen. Sie lesen sich Texte vor und trinken Rotwein über seinem Grab, so wie er es sich in einem Gedicht gewünscht hat.

Humbug der Wahlen

Wer seine Stimme abgibt, hat nichts mehr zu sagen.

Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten.

Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.


Mehr zu Mühsam