Frei-Sein statt Entfremdung

Die Kritik an der Entfremdung ist mit der Frage verbunden, wie wir leben wollen. Die Aufhebung von Entfremdung ist ein Aneignungsverhältnis. Rahel Jaeggi beschreibt in ihrem Buch „Entfremdung" diesen Prozeß und nennt Auswege. Viele Individuen sind in dieser Gesellschaft „von sich selbst" und „von ihren Handlungen" entfremdet. Sie empfinden Ohnmacht. Die Welt, in der sie leben, ist nicht ihr zu Hause und sie können keinen Einfluß auf diese Welt nehmen. Die ohnmächtigen entfremdeten Subjekte werden zu passiven Objekten. Sie erfahren sich als ohnmächtige Objekte, die fremden Mächten ausgeliefert sind.
Entfremdung kann vieles bedeuten: Man ist sich selbst fremd. Man verhält sich nicht so, wie man eigentlich ist, sondern unecht. Man ist konform, verhält sich so, wie andere es wünschen. Entfremdet können auch Verhältnisse sein, z.B. in der Arbeit. Viele identifizieren sich nicht mit ihrer Arbeit. Potentiale verkümmern, man ist ein Rädchen im Getriebe. Verhältnisse können Zwänge bedeuten, in denen man keinen Handlungsspielraum mehr hat. So kann sich Bürokratie als „stählernes Gehäuse" erweisen. Man kann sich aber auch in seinen sozialen Zusammenhängen entfremden. Vom Ort seiner Herkunft, einem kulturellen Milieu oder von einem Partner. Entfremdung kann Heimatlosigkeit bedeuten. Zwischenmenschliche Beziehungen können sich auch versachlichen. Die Marktsphäre dringt in immer mehr Lebensbereiche ein. Das Marketing empfiehlt den Marktsubjekten Kontaktpläne zur Beziehungspflege zu erstellen. Wer nützlich und wichtig ist, wird gehegt und gepflegt, wer nicht nützlich ist, fliegt raus. Die Sinnlosigkeit, mit der Entfremdung erfahren werden kann, wurde schon von Camus u.a.beschrieben. Marx beschrieb vor allem die entfremdete Arbeit. Der Arbeiter identifiziert sich nicht mit dem, was er tut und kann auch keine Kontrolle ausüben. Entfremdung vom Produkt bedeutet so gleichzeitig auch Kontrollverlust. Der Arbeiter ist in seiner Arbeit fremdbestimmt. Heidegger prägte dagegen den Begriff der Uneigentlichkeit. Heidegger nannte die Normalität „Man-Selbst", das Dasein verharrt im Uneigentlichen, das Dasein sei ein geworfener Entwurf.
Entfremdung bedeutet Sinnverlust. Die Welt erscheint sinnlos. Diese sinnlose Welt macht ohnmächtig. In den Herrschaftsverhältnissen scheinen wir aber gleichzeitig Opfer und Täter zu sein. Derjenige, der sich in seiner Rolle entfremdet, spielt diese gleichzeitig selbst. Der Arbeitslose, der sich ohnmächtig diesen Verhältnissen ausgeliefert fühlt, spielt aber gleichzeitig selbst, wenn er sich schämt und sich selbst die Schuld gibt. Und auch wenn man sich seiner Herkunftsfamilie entfremdet fühlt, gehört man immer noch dazu. „Entfremdung ist eine Beziehung der Beziehungslosigkeit." (Jaeggi, S.44) Marcuse sprach davon, dass die subjektive Zufriedenheit jener Integrierten, die in objektiven entfremdeten Verhältnissen leben, ein falsches Bewußtsein sei. Kann man in objektiv entfremdeten Verhältnissen subjektiv nicht entfremdet sein. Oftmals stellen sich bereits Arbeitsverhältnisse als entfremdet dar. Man spielt eine Rolle und kann nicht so sein, wie man eigentlich ist. Allein das Wort „man" ist in diesem Zusammenhang schon mißverständlich. Und auch als Arbeitsloser muß man im Jobcenter seine Rolle spielen. Man hat seine Mitwirkungspflicht zu erfüllen und kann nicht einfach sagen, diesen Job lehne ich ab, weil ich ihn unwürdig fühle oder er mir keinen Spaß macht, das ist mein Leben und darüber haben nicht andere zu entscheiden. Wie kann man in einer entfremdeten Welt authentisch sein. Selbst reiche Menschen ohne Existenzdruck sind in den Verhältnissen gefangen, indem sie ihren Status herausstellen und ihre Rollen spielen müssen bzw. oft diese Rollen bereitwillig annehmen. Rahel Jaeggi bezeichnet Entfremdung als verhindertes Aneignungsverhältnis. Wenn Menschen plötzlich bewußt wird, dass ihr eigenes Leben ihnen fremd geworden ist, dass sie nur noch funktionieren, dass sie nur noch den Ansprüchen anderer gerecht werden, dass sie unauthentisch sind, dass sie sich selbst fremd sind, in dem was sie wollen und tun, dass sie neben sich stehen, wenn sie sich kritisch selbst befragen, dann hat das einen emanzipatorischen Sinn. Man fragt sich, wer man wirklich ist und fragt sich, ob das Leben, das man führt, das eigene sei. Aus einer Krise kann eine Chance für ein neues Leben werden. Das sind Fragen, die Aussteiger beschäftigen. Aus einem Leben in „geordneten Bahnen" kann ein aufgeregendes werden. Aus einem Leben in der Reihenhaussiedlung kann für Aussteiger ein Leben in der „Fremde" werden. Sie werden Aussteiger und gehen nach Australien oder sonstwohin. Sie brechen aus der Erstarrung, aus dem „stählernen Gehäuse", aus verfestigten Verhältnissen aus. Denn sie wurden zu Dingen gebracht, die sie eigentlich nicht wollten. Sie schlüpfen aus ihren Rollen, aus ihrer Konformität und Uniformität, auch wenn sie die unkonventionelle Rolle gespielt und sich mit ihrer Arbeit scheinbar identifiziert haben. Sie schienen noch unauthentischer, der Zwang war verinnerlicht. Die Welt eine Bühne, auf der ein Theaterspiel aufgeführt wurde. Goffman schrieb: Wir alle spielen Theater. Die Rollen sind bereits geschrieben. Der Mensch besteht aus Schalen ohne inneren Kern. Der Akteur ist nicht identisch mit der Rolle, die er spielt. Das Selbst ist nach Goffman der Haken, an dem die Rollen hängen. Und Adorno: „Der außengeleitete Mensch hat in der Regel nicht seine Individualität verloren, er hat sie in der außengeleiteten Gesellschaft gar nicht erworben." (Jaeggi, S.122) Nach Jaeggi ist „Über-sich-verfügen-zu-können" ein „Prozess praktischer (Selbst-) Aneignung". "Nicht entfremdet „man selbst" ist man, wenn man in seinen Handlungen präsent ist, sein Leben steuert, statt von ihm getrieben zu sein, sich soziale Rollen eigenständig aneignen, sich mit seinen Wünschen identifizieren kann und in die Welt verwickelt ist- zusammengefaßt: Wenn man sich sein Leben (als eigenes) aneignen kann und sich in dem, was man tut, selbst zugänglich ist." (Jaeggi, S. 187) In dieser Gesellschaft ist es aber oftmals umgekehrt, aus einem Bürgerschreck der 68er Revolte wird selbst ein Spießer. „Von manchen Handlungen, Wünschen etc. hat man das Gefühl, dass sie einfach nicht zu jemandem „passen", selbst dann, wenn dieser es offensichtlich darauf anlegt, sie zu tun oder zu haben. In solchen Fällen liegt es nahe zu sagen, jemand versuche, „etwas zu sein, das er nicht ist". Der Zwangscharakter, der von der Idee einer wilden Bohemien-Existenz nicht lassen mag; der Kreuzberger Autonome, der „tief in seinem Innern" das Spießerideal eines geregelten Lebens mit sich herumträgt- oder eben die Feministin, die sich damit schwer tut, ihr Rollenverständnis praktisch umzusetzen. In solchen Fällen kann jemand offenbar nicht wollen, wie er will. Und wenn solche Biographien dann im Einfamilienhaus angekommen sind, wird häufig (mehr oder weniger hämisch) bemerkt: Jetzt ist er angekommen, wo er hingehört, jetzt ist er endlich „er selbst"." (Jaeggi, S. 200) Und auch bei einem sogenannten Aussteiger zeigt sich plötzlich, dass er mit seinem Startkapital, welches er sich in seinen „geordneten Bahnen" oder durch Erbschaft angeeignet hat, in der Fremde auch nur eine bürgerliche Existenz aufbauen will und alles läuft wieder in „geordneten Bahnen". „Entfremdung behindert ein Leben in Freiheit. Erst dann nämlich, wenn wir unser Leben in einem anspruchsvollen Sinn als unser „eigenes" erfahren können, sind wir frei...Sein eigenes Leben zu führen bedeutet, in seinem Leben Projekte voranzutreiben, die man selbstbestimmt verfolgt, die man sich dabei zu Eigen machen und mit denen man sich affektiv identifizieren kann. Das bezieht erstens das Verhältnis zur Welt ein, sofern es impliziert, dass man die Welt und das, was man in ihr tut, als bedeutungsvoll erlebt. Zweitens hat es uns zu einem komplexen Verständnis davon geführt, wann man im Verhältnis zu sich sein eigener Herr, d.h. Herr über die eigenen Wünsche und Entscheidungen ist. Drittens wird so auf eine Qualifikation der Projekte bzw. der Art und Weise, in der sie verfolgt werden, verwiesen, auf der ich im Zusammenhang mit dem Konzept der Selbstverwirklichung zurückkommen werde." (Jaeggi, S.236ff.) Selbstverwirklichung besteht nicht nur aus der „Entwicklung der eigenen Fähigkeiten", sondern ist vielmehr ein „Vorgang tätiger Weltaneignung".
„Man verwirklicht nicht sich, sondern sich in dem, was man tut." (Jaeggi, S.244)

(Rahel Jaeggi, Entfremdung, Campus 2005)