Einsamkeit

Einsamkeit erleben vor allem ältere Menschen und psychisch Kranke.
Einsamkeit kann Kontaktarmut sein. Man ist allein, hat keine Freunde. Einsamkeit kann auch Ausdruck von Verlassen- und Verstoßensein sein. Man fühlt sich von der Gesellschaft ausgestoßen. Einsamkeit kann aber auch die Sehnsucht nach einem Partner, nach Kindern und einer Familie sein.

Joanne Wieland-Burston sieht auch die positive Seite der Einsamkeit, jeder kreative Prozeß setze Einsamkeit voraus. „Einsamkeit ist eine notwendige Voraussetzung für jede Art von Entwicklung." (Wieland-Burston, S.14) Vereinzelung, Individualismus und Einsamkeit gehören zum modernen Leben. Depression ist die Krankheit der heutigen Zeit. Depressive neigen dazu, sich zu isolieren.
„Einsamkeit liegt an der Wurzel aller psychischen Probleme." (Wieland- Burston, S.13)
Soziale Isolation ist ein beschleunigender Faktor, der für den Ausbruch einer psychischen Erkrankung auslösend sein kann. Wer lange in einer totalen Institution hospitalisiert wird, ist draußen oftmals sozial isoliert. Als totale Institutionen bezeichnete Goffman Altersheime, psychiatrische Krankenhäuser, Knäste, Kasernen und Klöster. Symptome des „Anstaltssyndroms" seien: affektive Störungen, Herabsetzung der Ausdrucksfähigkeit, Absinken der Arbeitsfähigkeit und Persönlichkeitsveränderungen. Das Anstaltsmilieu sei verantwortlich für Hospitalisierungsschäden. Nach Barton ist es gekennzeichnet durch „fehlenden Kontakt zur Außenwelt", „Verlust von Freunden, persönlichem Besitz und Privatleben", „erzwungene Untätigkeit", „autoritäres Verhalten von Ärzten und Pflegepersonal" , „mangelnde Zukunftsaussichten außerhalb der Anstalt" und „Medikamente". (Zimmermann, S.14) Soziale Isolierung trete besonders bei Schizophrenen auf, kurzzeitig hospitalisierte Schizophrene seien introvertierter. Wer sich schon vorher als Einzelgänger bezeichnete, hat auch in der Klinik weniger Kontakt. Risikofaktoren für eine langandauernde Hospitalisierung seien ein „hohes Erkrankungsalter, ohne Angehörige lebend, eine schlechte Schulausbildung und eine niedrige berufliche Qualifikation". (Zimmermann, S.45) Je länger Patienten hospitalisiert sind, desto weniger Einsamkeitsgefühle äußern sie. Sie haben zwar kaum Kontakt zur Außenwelt, aber zu den Mitpatienten. Je kürzer die Aufenthaltsdauer, desto einsamer fühlen sich psychiatrische Patienten.

Eberhard Elbing stellt in seinem Buch „Einsamkeit" psychologische Konzepte zur Einsamkeit vor. Der „positive Erlebensbereich des Alleinseins" sei das „Für-sich-Sein", der negative Bereich die Einsamkeit. Nach GAEV gäbe es zwei Hauptformen der Einsamkeit, die „existentielle Einsamkeit" ist das „Getrenntsein" des Individuums von den anderen, die „pathologische Einsamkeit" ist die „Erfahrung chronischen Getrenntseins von sich und von anderen aufgrund des Unvermögens, soziale Beziehungen aufzubauen, zu bewahren und den Bedürfnissen nach sozialer Eingebundenheit zu genügen. Vier Komponenten kennzeichnen pathologische Einsamkeit: 1) die Trennung vom eigenen Selbst, 2) die Unfähigkeit, die emotionalen Barrieren zu anderen zu überwinden, 3) die Unfähigkeit, in sozialer Gemeinschaft einen Platz zu finden und 4) die Unfähigkeit, im Leben Sinn zu finden." (Ebeling, S.26)

Neben diesen zwei Formen gibt es fünf Untergruppen der Einsamkeit. Zunächst ist es die „Einsamkeit des inneren Selbst", man ist von sich selbst getrennt. „Physische Einsamkeit" löst Frustration aus, wenn physische Nähe nicht befriedigt ist. „Emotionale Einsamkeit" ist ein „Gefühl der Traurigkeit", weil gefühlsmäßige Nähe mit anderen nicht realisiert ist. Bei „sozialer Einsamkeit" hat man das Gefühl, keinen „Platz in einer sozialen Gemeinschaft" zu haben. „Geistige Einsamkeit" ist ein „Gefühl der Leere und des Abgeschnittenseins", man hat das Gefühl, ein sinnloses Leben zu führen. (Elbing, S.26f.)

Dieter Zimmermann, Soziale Isolation und Einsamkeit bei psychiatrischen Langzeitpatienten, Beltz Verlag Weinheim und Basel 1982

Joanne Wieland-Burston, Einsamkeit, Kreuz Verlag Zürich 1995

Eberhard Elbing, Einsamkeit, Hogrefe, Verlag für Psychologie, Göttingen 1991