Boheme

„Es ist noch gar nicht so lange her, da galt der Künstler als der Gegenentwurf zum Geschäftsmann...Das Versprechen auf Kreativität, Intensität, Risiko- kurzum: „Leben“- galt seit jeher als Programm gegen die Entfremdung des Erwerbslebens...Um so erstaunlicher ist, dass neuerdings der Künstler in einer kuriosen Volte als Exempel für das moderne Wirtschaftssubjekt präsentiert wird. Heute gelten die Tugenden des Künstlers- die früher aus der Managementperspektive nichts als Untugenden waren- als wesentliche Voraussetzungen, will man wirtschaftlich Erfolg haben. Geistige Ungebundenheit, Offenheit für Neues, Fantasie, Spiel, Improvisationsfähigkeit, atypisches Verhalten und sogar kreative Anarchie- sie sind das, was heute vom neuen, zeitgemäßen Arbeitnehmer erwartet wird und vom „neuen Selbständigen“ sowieso...Und mit den Künstlertugenden begannen sich auch die formalen Merkmale der Kulturberufe in den anderen Berufsgruppen zu verbreiten: Flexibilität, Mobilität, kurzfristige Engagements, chronische Unsicherheit. Aus der Forderung nach der Einheit von Kunst und Leben wurde die Einheit von Kunst und Wirtschaftsleben.“(S.82)

„Wer den Wirtschaftsstandort fit halten will, muss also gefälligst die Boheme fördern. Früher gab es nicht selten das Vorurteil normal beschäftigter Angestellter und Arbeiter, die Künstler würden „auf unsere Kosten“ leben. Heute stellt sich die Sache eher umgekehrt dar: Jetzt wird den Bürohengsten in Behörden und Betrieben vorgehalten, sie trügen nicht genug zur Steigerung des Sozialproduktes bei, ganz im Unterschied zu den Kreativen, die auch noch ganz ohne die soziale Absicherung auskommen, die Flexibilität ohnehin nur behindert.“ (S.88) „Die Kreativen sollen nicht nur zum Reichtum der Gesellschaft einen entscheidenden Beitrag leisten, im Grunde sind die Kreativen diejenigen, von denen der Umbau der Gesellschaft selbst erwartet wird...Berührungsängste gegenüber Kapitalgebern, die Künstler aus Angst vor Kommerzialisierung lange hatten, sind heute meist nicht mehr auszumachen...die Künstlerstrategien (werden) heute immer mehr von Markenstrategien überformt. In einer kuriosen Kernschmelze werden die Künstler zu Marken und gleich auch zu Marketingexperten ihrer selbst.“(S.96f.)

(Robert Misik, Das Kultbuch, Aufbau Verlag Berlin 2007)

 

Früher lebte der Künstler oft in Armut und Unsicherheit. Künstler kokettierten schon immer mit dem Scheitern. Der gescheiterte Künstler sei authentisch und individualistisch. Er verachtete angeblich die bürgerliche Welt und solidarisierte sich mit den Außenseitern. Was früher Boheme war, gehört heute zum Lebensstil vieler Künstler.

In Berlin sind 5000 professionelle Künstler registriert, die Dunkelziffer ist noch viel höher. Die Zahl der Beschäftigten im Kunst- und Kulturbetrieb ist in den letzten Jahren um 30% gestiegen, die Mitgliederanzahl in der Künstlersozialkasse stieg von 40 000 auf 140 000. Nur wenige können davon leben, viele sind auf zusätzliche Einkommensquellen angewiesen. Trotzdem sind viele Künstler heute ziemlich wohlhabend, weil sie erben. Künstler zu sein, muß man sich leisten können. Das Durchschnittseinkommen der bildenden Künstler in Berlin liegt bei etwa 750 Euro im Monat, wobei 15 Prozent überhaupt kein Einkommen durch die Kunst haben. Sie bekommen ihr Einkommen durch Eltern, Vermögen, prekäre Jobs oder Schwarzarbeit. Die Berliner Freiberufler Holm Friebe und Sascha Lobo prägten in ihrem Buch "Wir nennen es Arbeit" den Begriff digitale Boheme. Man komme auch ohne Festanstellung gut über die Runden. Schließlich bringe das auch Annehmlichkeiten. Als sie auf einer Veranstaltung gefragt wurden, wovon sie denn leben würden, wollten sie gut gelaunt nicht so recht antworten. Unterbezahlte Arbeit wird als große Freiheit gefeiert. Die digitale Boheme sitzt heute in den Cafes mit dem Laptop, nicht in den Absturzkneipen mit Alkohol und Drogencocktails, sondern im Restaurant mit der Bionade. Gammeln ist out, die digitale Boheme ist busy. Der digitale Boheme ist die ideale Zielgruppe des Marketings. Die digitale Bohemien rebelliert auch nicht mehr, denn er wird von den Eltern finanziert. Es sind nicht mehr die Fortgelaufenen, sondern Papa bezahlt den großen teuren Salatteller. Klaus Wowereit hat die Bedeutung der Kulturwirtschaft in Berlin erkannt. „Arm aber sexy.“ In der DDR verweigerte sich die Boheme noch der Karriere, die Anpassung verlangte. Die heutige digitale Boheme aus der Mittelschicht macht sich wahrscheinlich vergebens Hoffnung, wie ihre Eltern beruflich aufzusteigen. Konformität statt Rebellion.