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Blues für Carl-le-Nègre alias The Burning Boche. Zum Tod von Carl Weissner

Von Franz Dobler
Irgendwie germarican: Carl Weissner (1940–2012)
Irgendwie germarican: Carl Weissner (1940–2012)
Foto: dpa
»Wollen Sie schockieren, oder schockiert Sie die Welt?« fragte die Moderatorin.

»Weder – noch«, sagte Carl Weiss­ner.

Er war der einzige auf der Leipziger Buchmesse vor zwei Jahren, dem ich sowas glauben konnte. Ich treffe sehr selten Leute, denen ich so große Aussagen über sich selbst glauben kann. Es war typisch für ihn, daß er aus den beiden Worten keine schöne große Nummer machte, nein, damit war alles gesagt.

»Dreißig Jahre sind genug!« hatte Carl ein paar Jahre vorher in der Mannheimer Bahnhofswirtschaft lachend gerufen.

Was er meinte, war, daß er seinen Einsatz als Agent soeben beendet hatte. Und seine Arbeit als Übersetzer gleich mit; was dann fast stimmte. Und was hatte er vor? Er sei sich nicht sicher, sagte er, ob er’s durchziehen würde, aber seltsamerweise, wie damals bei seinem ersten Buch, hätte er jetzt zuerst die letzte Seite geschrieben.

Und dann stellte Weissner also sein neues Buch vor, »Manhattan Muffdiver«. Für mich war das eine Sensation, denn es war sein erstes Buch in deutscher Sprache, und er war siebzig Jahre alt oder kurz davor. Ich war vollkommen verblüfft, als mir das an diesem Abend bewußt wurde, ich konnte es nicht glauben. Sicher war nur, daß ich mich großartig fühlte, neben ihm am Tisch zu sitzen; Ahne machte unser Trio komplett. Von mir aus hätte die Lesung tagelang dauern können.

Es war die Gedichtsammlung »Terpentin On The Rocks«, mit der mir klar wurde, daß Bukowski/Weissner eine Kombination war, sowas wie eine Band. Ich war etwa siebzehn. Baader/Meinhof war für mich auch sowas wie eine Band, ihre Befreiung war gerade gescheitert. Ich war mir sicher, daß Bukowski/Weissner wie eine Band arbeiteten und eine Menge Spaß hatten, und sie zeigten mir einen Weg. Ja.

Carl war nicht »rüstig«, er war wie sein Buch, oder paßte zu seinem Buch, und das war nicht »jung« oder »jugendlich«, sondern geistig extrem schnell, herausfordernd, aggressiv, komisch und, natürlich, irgendwie Germarican und – alles Sätze, die ich eigentlich sofort lieber löschen würde, nicht weil sie mir falsch, sondern nicht gut genug vorkommen, aber »Durchhalten ist alles, man weiß nie, wozu’s noch mal gut ist«, hatte Weissner mal seinem Freund Jörg Fauser geschrieben – keine Literatur des behäbigen Ausmalens, des naiven, sorgsam häkelnden Erklärens oder rührenden Bekennens, wie es in der literarischen Klein- und Hochkultur so beliebt, gefragt und üblich ist.

Auf Carl und seinem »Manhattan Muffdiver« hatte eine gewisse Last, vielleicht sogar Verantwortung gelegen, die nur sehr wenige Autoren zu spüren bekommen. Wer seine wenigen, viel zu wenigen Texte kannte, mußte nichts befürchten; eine Garantie gibt es nie.

Es war großartig, daß es das Buch gab, aber das eigentlich Großartige war, daß es so gut war und diese Belastung vergessen ließ. Und schon im Jahr darauf, letztes Jahr, neulich, vor wenigen Wochen, erschien der ebenfalls »nur« 150 Seiten lange, ebenso aus der Produktion um uns herum herausragende Roman »Die Abenteuer von Trashman«, sein »New Yorker Nachtjournal 1968«, ebenfalls im Milena Verlag.

Für mich sah es so aus, als könnte es so weitergehen. Als würde Carl Weissners nächstes Buch dann auch bald kommen. Aber ich weiß nicht, wie anstrengend es war, diese Bücher zu schreiben; ich hatte nie einen Grund gesehen, ihn das zu fragen. Soweit ich weiß, am Tag danach, kam sein Tod für alle überraschend.

»Über mich gibt’s eigentlich nichts zu sagen«, hatte er bei meinem ersten Anruf gesagt, nachdem ich erklärt hatte, über ihn schreiben zu wollen.

Das paßte zu dem Mann im Hintergrund, der als Entdecker, Agent und Strippenzieher arbeitete. Seit damals war viel Gift den Fluß runtergeflossen, und ich konnte beurteilen, daß er mit seinen Übersetzungen von Burroughs, Ginsberg, Algren oder Dylan und Zappa mehr als jeder andere Übersetzer unsere Sprache beeinflußt hatte und seit Ende der 1960er zu einem der wichtigsten Hintermänner der Deutsch-Amerikanischen Literaturfreundschaft geworden war. Die Liste ist lang, und sie erzählt nicht nur von Geschäften, sondern viel mehr von einer Haltung; Jack Micheline wurde kein Hit, aber er ist da.

Als Heidelberger Anglistik-Student gründete Weissner 1965 sein Literaturmagazin Klectoveedsedsteen, benannt nach einem Titel von Charlie Parker. »Ein kompletter Satz liegt heute wahrscheinlich nur in der New York Library, von der Ausgabe mit der Schallplatte hab’ ich selber kein Exemplar.« Die Rowohlt-Anthologie »Beat« und zwei Sondernummern des Times Literary Supplement über Underground-Literatur hatten ihn inspiriert. Deutsches veröffentlichte er nicht, und »das Heft hat hier vielleicht mal zwölf Stück verkauft«. Aber es erreichte die Internationale der literarischen Opposition. Bukowski, Burroughs, Ginsberg schickten ihm Texte.

1966 ging Weissner als Stipendiat nach New York und San Francisco. In der Lower Eastside »hatte ich nur Bohème-Junkies um mich rum, mit Hippies hatte da keiner was am Hut«. Aus Briefkontakten wurden Freunde, und er hat »einen Haufen militanten Scheiß geschrieben für Freunde oder wenn irgendwo ’ne Benefizveranstaltung war«. Anfang 1969 kam Weissner nach Frankfurt/Main zurück. Seine Muttersprache stieß ihn ab, besonders das Studentenbewegungsdeutsch.

»Das ist ja ’ne Bürokratensprache! Die dürfte nicht sein bei Leuten, die was Neues machen wollen. Ich hab’ mich unbeliebt gemacht, als ich sagte, was der Viktor Klemperer damals über die Lingua Tertii Imperii, die Sprache des III. Reichs geschrieben hat, sowas wird jemand über ’68 schreiben. Und ich dachte, da hat ja anscheinend die ganze Nation ein Problem, ich bin der einzige, der die deutsche Sprache nicht leiden kann in diesem Verein.«

Die bahnbrechende Anthologie »Acid« von Brinkmann/Rygulla war sein Einstieg ins Übersetzen. 1970 pushte und übersetzte er das erste Buch des bei uns unbekannten Charles Bukowski, und mit »Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang« kam der Durchbruch, der ohne Weissner ziemlich sicher nicht stattgefunden hätte, und nicht bei einem großen, sondern beim kleinen Maro Verlag.

Der eigentliche Punkt bei Carls Karriere war, daß diese Autoren ihn als einen der ihren ansahen, er veröffentlichte in vielen Magazinen, in denen ihre Texte erschienen und, ja, er schrieb englisch. »Das war einer der besten Texte, der mir in den letzten Jahren untergekommen ist«, kommentierte Bukowski in einem Brief, »das Ding hat mich fast zum Heulen gebracht.«

An seinen Publikationen »So Who Owns Death TV« (1967) und »The Braille-Film« (1970) waren William S. Burroughs und Claude Pélieu beteiligt, mit dem und dessen Frau Mary Beach Weissner oft zusammenarbeitete; Pélieu nannte ihn »Carl-le-Nègre« und Beach »The Burning Boche«. Weissner montierte mit ihnen Texte, die er oder sie oder wer auch immer geschrieben hatte.

»Ich war damals der totale Burroughs-Jünger«, erzählte Carl. Burroughs’ Montagetechnik »Cut-Up hab’ ich wirklich bis zum Exzeß durchgezogen, aber ich wußte, damit kannste kein Geld verdienen.« Weissner schrieb Hörspiele, Stories oder für den Literatur-Tip. Mit Jürgen Ploog und Jan Herman schrieb er »Cut Up Or Shut Up« heraus; mit den Freunden Ploog und Jörg Fauser, den er sofort förderte, gründete er das legendäre Magazin Gasolin 23; Zeit und Stimmung hat Fauser im Roman »Rohstoff« beschrieben.

Im Gegenzug jedoch wurde der Übersetzer Weissner so erfolgreich, daß er den Schreiber verdrängte. Bukowski hatte ihn gewarnt, er solle sein eigenes Schreiben nicht vernachlässigen, aber Carl übersetzte, wie seine Autoren schrieben. Maniacs. »Ich wurde ein unsoziales Wesen, ich sprang mitten in der Nacht aus dem Bett, weil mir ein Satz oder Wort eingefallen war.« Es sei eben ein Glücksfall gewesen, »ich wußte, diese großartigen Autoren mußt du jetzt übersetzen, und nicht erst, wenn sie tot sind, und das hat mich dann eben ein paar Jahre gekostet«.

Ich mußte ihn fragen, ob er es bedauerte, wie es gekommen war. Erst beim dritten unserer langen Gespräche ging er darauf ein: »Ich hätte nur die Hälfte machen sollen, auf diese Art kannste das eigentlich nicht machen, Übersetzen ist eigentlich ein Hausfrauenjob, abends zwei Stunden, wenn die Kinder im Bett sind, ein Glas Wein dazu, das wäre mein Traum.« Er sagte es eher nachdenklich als verbittert. Vielleicht weil er nun abgeschlossen hatte, und er die Bücher, die kommen sollten, im Kopf hatte.

Eines Abends trafen wir uns im Foyer eines großen Münchner Hotels am Hauptbahnhof. Ein Bild, das ich behalten will. Es herrschte dichter Businessverkehr, keine Touristen und Turnschuhe, nur Anzüge, Kostüme, Laptops. Carl fiel auf, in seinen Jeans, dem karierten Hemd, der braunen Lederjacke, auch weil er so groß war. Vollkommen fehl am Platz. Aber er ging so souverän, lässig und ohne die geringste Angeberei durch diese Szenerie, daß ich dachte, Mensch, so würde der Typ daherkommen, der sie alle mit einem Klick feuern könnte.

Ich hätte eher mit meinem eigenen als mit seinem Tod gerechnet. Aber als am frühen Abend die Mail von Jürgen Ploog mit der Betreffzeile »Blues for C.« kam, wußte ich, was los war. Am 24. Januar 2012 wurde Carl Weissner in seiner Wohnung in Mannheim tot aufgefunden. Er wurde 71 Jahre alt. Möge es Götter geben, die ihn gut aufnehmen.