Von der Normal- zur Bastelbiographie

 

Der ewig gleiche Trott

Wie halten es Menschen nur aus

den ewig gleichen Trott.

Wohnen- früher in der Platte, heute baun sie ein Haus.

Dafür hab ich nur Spott.

Wie halten es Menschen nur aus

den ewig gleichen Trott,

Arbeiten- früher monoton, heute flexibel.

Dafür hab ich nur Spott.


Wie halten es Menschen nur aus

den ewig gleichen Trott.

Trinken- immer die gleichen Leute in immer den gleichen Kneipen.

Dafür hab ich nur Spott.


Wie halten es Menschen nur aus,

den ewig gleichen Trott.

Fußball gucken- fast jeden Tag.

Dafür hab ich nur Spott.


Wie halten es Menschen nur aus,

den ewig gleichen Trott.

Immer auf den gleichen Wegen.

Dafür hab ich nur Spott.


Jeder weiß, was eine Normalbiographie ist. Man erlernt einen Beruf, übt seinen Beruf lebenslang aus, geht in Rente. Normalbiographien gab es in der DDR und im Westen, es gibt sie heute noch, mit abfallender Tendenz. Viele Beamte wie Lehrer haben diese Biographien. Es gab aber auch schon früher diskontinuierliche Erwerbsverläufe, Menschen wechselten die Betriebe und die Berufe, diese Tendenz nimmt zu. Ulrich Beck hat in seinem Buch „Risikogesellschaft“ Tendenzen der Individualisierung und damit auch der Diskontinuität beschrieben. Die Individuen würden aus ihrer sozialen Klassen (da steht für mich ein Fragezeichen), familiären Beziehungsgefüge und traditionellen Sicherheiten herausgelöst. Die Arbeit entstandardisiert sich mit der Flexibilisierung. Dadurch, dass die freigesetzten Individuen arbeitsmarktabhängig werden, werden sie bildungs- und konsumabhängig, abhängig von sozialen Regelungen, von Verkehrsplanungen, Beratungen usw. Sie werden institutionenabhängig. Lebensläufe werden politisch gestaltbar und sie sind marktabhängig. Mit der Institutionenabhängigkeit wächst die Krisenanfälligkeit. Wird das Sozialticket abgeschafft, kann ich mir demnächst noch den öffentlichen Nahverkehr leisten. Wieviel muß ich für Medikamente zuzahlen, wie wirkt sich die Gesundheitsreform auf meine Lebenslage aus. Muß mein Kind demnächst Studiengebühren bezahlen. Wird bei Hartz IV der Zuverdienst gekürzt. Und vieles mehr. Gerade bei Erwerbslosen und Prekarisierten ist die politische Gestaltbarkeit der Lebensläufe enorm. Eine politische Gestaltbarkeit der Lebensläufe gab es allerdings schon immer. Wie wirkten sich Kriege, Weltwirtschaftskrisen oder Mauerbau zum Beispiel auf Lebensläufe aus? Heute zuckt man als einkommensarmer Mensch schon bei jeder sogenannten Reform zusammen, was kann diese wieder für das eigene Leben, den verdammten Alltag bedeuten. Auch in der DDR wurden Lebensläufe politisch gestaltet. Diese Ödnis, alles staatlich vorstrukturiert von der Wiege bis zur Barre, das machte die Normalbiographie in der DDR aus.

In der typischen DDR-Familie mittleren Alters von 1989 hatten beide Eltern eine abgeschlossene Berufsausbildung. Beide Elternteile waren vollzeiterwerbstätig, die Fünftagewoche zählte 43 ¾ Arbeitsstunden (für Frauen von 2 Kindern unter 16 Jahren 40 Stunden). Die Familie wohnte in einer kleinn Wohnung mit geringem Komfort, mit Warmwasserversorgung (vor allem im Plattenbau), ohne Telefon. Die Einrichtung wurde mit einem zinsbaren Ehekredit von maximal 7000 Mark finanziert. Von diesem Kredit wurden bei der Geburt des ersten Kindes 1000 Mark erlassen. Beim 2. Kind waren es 1500 Mark und beim dritten 2500 Mark. Damit hatte man die Wohnungseinrichtung dann „abgekindert“. Ein weiteres staatlich verursachtes Motiv, Kinder zu bekommen, war, daß bei der Wohnraumvergabe Familien mit Kindern bevorzugt wurden.

Wie sah aber nun die Zukunft der Kinder aus? Seit 1986 gab es auch für das 1. Kind ein Babyjahr, die Mütter durften zu Hause bleiben. 90% der Frauen hatten mindestens 1 Kind. Frühe Berufstätigkeit, Heirat und Elternschaft waren Normalität in der DDR. Das Heiratsalter lag Ende der 80er Jahre bei 22,7 (Frauen) bzw. 24,8 Jahren (Männer). Die generative Phase (also die Phase des Kinderkriegens) der Frauen war zwischen dem 19. und 25. Lebensjahr.

Die Kinder der zumeist jungen Eltern wurden in der Regel nach dem 1.Lebensjahr wieder in staatlichen Institutionen betreut. Ca. 80% aller Kinder zwischen dem 1.und 3. Lebensjahr besuchten die Kinderkrippe, so daß beide Elternteile zur Arbeit gehen konnten. Der Staat sicherte sich damit gleichzeitig Einflußmöglichkeiten der frühkindlichen Erziehung. Die Normalbiographie von Kindern in der DDR war durch staatliche Institutionen geprägt. 84% der Kinder unter 3 Jahren besuchten durchschnittlich 9 Stunden täglich eine Krippe, 95% der Kinder ganztags einen Kindergarten, 80% nach der Schule den Hort. Man schätzt, daß in der DDR 75% der mit dem Aufziehen von Kindern verbundenen Arbeiten und Kosten vom Staat getragen wurden. Für die Bundesrepublik veranschlagt man dafür weniger als 30%. Die Eltern wurden durch den Staat zum großen Teil ihrer Elternschaft entmündigt, die Kinder wurden frühzeitig an das Leben in staatlichen Kollektiven gewöhnt. In der Schule wurden die Kinder dann organisiert. 90% aller Kinder waren zunächst Jungpioniere, mit 10 Jahren Thälmannpioniere und mit 14 FDJ-Mitglieder. Kinder, die sich nicht einordnen konnten und überforderte Eltern hatten, liefen Gefahr, in Heimen untergebracht zu werden. Die „Normalfamilie“, jede 3. Ehe wurde geschieden, 1/3 aller Kinder waren unehelich, entzog sich dagegen in den 80er Jahren zunehmend dem Einfluß des Staates, es erfolgte ein Rückzug ins Private. Man spricht auch von der Entwicklung einer Nischengesellschaft. Und kaum waren die Kinder erwachsen, gingen sie einer Arbeit nach, gründeten eine Familie, bekamen Kinder. Sie „marschierten im Gleichschritt“ durch die staatliche Berufs-und Studienlenkung, durch die staatliche Wohnraumlenkung, die staatliche Lenkung der Betriebe usw. Die Normalbiographie in der DDR war vollkommen institutionalisiert, das zeitliche Timing und die chronologische Abfolge der Lebensverläufe waren stark normiert. Man kann von einem beschleunigten Lebenslauf sprechen, auffallend ist insbesondere die Beschleunigung der Übergänge vor allem für Hineinwachsende ins Erwachsenenleben. Der sozialistische Staat sorgte dafür, daß jeder seinen Platz im Sozialismus finden werde. Kinder und Jugendliche in der DDR sollten eine bewußte Berufswahl treffen, d.h. das Ziel war die Übereinstimmung von Berufswunsch und gesellschaftlichen Erfordernissen (Arbeitskräftebedarf). Diese Art der Berufslenkung führte oft zur Arbeitsunzufriedenheit und einer schlechten Arbeitsmoral. Seit Ende der 70er Jahre bestand ein Widerspruch zwischen den Arbeitsinhalten in der Produktion und dem wachsenden Qualifikationsniveau der ArbeiterInnen. 1988 hätten 40% der Tätigkeiten in der Produktion lediglich ungelernte ArbeiterInnen erfordert, es gab aber nur noch 10% ohne Berufsabschluß. Die Bedeutung der Arbeitskollektive stieg in de 80er Jahren und wurde zum wesentlichen Faktor für die Arbeitsorientierung der DDR-Bevölkerung. Die Mobilität der Berufstätigen war gering. Und so ging es mit sozialistischem Gang bis zur Rente.

Im Westen ging es eben mit kapitalistischem Gang bis zur Rente. Die Zeiten sind vorbei, der flexible Mensch wird heute gewünscht. Richard Senett stellt den neuen Typus in seinem gleichnamigen Buch „Der flexible Mensch“ treffend dar. Er beschreibt die Situation von Enrico, dem Vater und Rico, dem Sohn. Enrico ging Jahr für Jahr den gleichen Tätigkeiten nach, er putzte, die Tage unterschieden sich kaum. Enrico hatte trotzdem das Gefühl, Autor seines Lebens zu sein, mit dem Dienstalter stieg die Entlohnung und die staatliche Pension wartete. Der Sohn Rico war aufgestiegen und hatte trotzdem Angst, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Er befürchtete jede innere Sicherheit zu verlieren und in einen Zustand des Dahintreibens zu geraten. Nichts Langfristiges ist in der neuen Arbeitswelt das Motto. Die Werte der flexiblen Gesellschaft sind: „bleib in Bewegung, geh keine Bindungen ein und bring keine Opfer“. Rico ist ein erfolgreicher und zugleich verwirrter Mann. Senett schreibt, dass er Angst hat, dass jenes flexible Verhalten, dass ihm den Erfolg gebracht hat, gleichzeitig den eigenen Charakter schwächt. „Die Erfahrung einer zusammenhanglosen Zeit bedroht die Fähigkeit der Menschen ihre Charaktere zu durchhaltbaren Erzählungen zu formen.“ (Senett, S. 37)

Heute leben immer mehr Menschen mit einem Baukastensystem, sie sollen Baumeister ihres eigenen Lebens werden. Die Blaupausen der Biographie werden aufgelöst. Es geht darum, eine eigene Biographie zu entwerfen. Es gibt Vorgaben als Bausätze, mit denen die Individuen ihr Leben konstruieren, sie montieren sich ihr Leben. Als freiheitsliebender Menschen tun sich da natürlich Wahlmöglichkeiten auf. Bastler seines eigenen Lebens, eine tolle Vorstellung. Das Problem sind natürlich die Vorgaben der Bausätze. Die Marktmechanismen und staatliche Entscheidungen, die diese Bausätze steuern. Selbst die Bastelexistenz wird im Kapitalismus gesteuert, und vor allem die Produkte, die diese Bastelexistenzen schließlich auf den Markt werfen. Sie sind schon mit einem marktförmigen Design versehen. Und nicht nur der Wunsch ist da, sein eigenes Leben zu entwerfen, sondern auch der Zwang, das eigene Leben als Unternehmen zu entwerfen, wobei die meisten Selbstunternehmer ihre Situation noch nicht einmal erkennen. Für viele ist natürlich auch die biographische Unsicherheit erschreckend. Alain Ehrenberg beschreibt, wie sich aufgrund dieser Entwicklungen, ein erschöpftes Selbst herausbildet. Der Kapitalismus ist durch einen neuen Geist geprägt, in der Postmoderne leiden viele an einem Orientierungsverlust. Die Depression wird zur Krankheit des modernen Lebens. Früher erkrankten Menschen an den repressiven Normen der Gesellschaft. Die alte Gesellschaft war ein disziplinierender Kerker. Die Menschen wurden neurotisch. Heute erkranken sie an den Defiziten ihrer Persönlichkeit. Depression ist die Krankheit der neoliberalen Gesellschaft. Der Depressive fühlt sich minderwertig. Er ist „erschöpft von der Anstrengung, er selbst zu werden.“ (S. 4) Er soll sein Leben selbst wählen, daran scheitert er. Es geht nicht mehr um Gehorsam und Disziplin, sondern um persönliche Initiative und Eigenverantwortung. Die Depression ist die „Tragödie der Unzulänglichkeit“. „Sie ist der vertraute Schatten des führungslosen Menschen, der des Projekts, er selbst zu werden, müde ist...“(S.12) Ab den 70er Jahren wird die Depression zur verbreitesten Krankheit der Welt. Diese Phase ist durch eine „psychische Befreiung“ , aber auch eine „unsichere Identität“ gekennzeichnet. Auf der Bühne beginnt die Emanzipation der Massen..“Der Massenmensch beginnt, sein eigener Herr zu werden. ..Der Begriff Verbot fällt.“ (S.135) „An die Stelle der Konformität gegenüber einer einzigen Norm tritt zunehmend die Vervielfältigung der Werte und Heterogenisierung der Lebensweisen.“ (S. 128) Die Depressiven haben das Gefühl, auf der Seite der Verlierer, der Enttäuschten zu stehen. Depression wird die Krankheit des modernen Lebens. Depression ist das Fehlen von geistiger Bewegung, der Mangel an Initiative, Abstumpfung, Grübelsucht und Handlungsunfähigkeit. Die Hoffnung zu verlieren wird zum größten Risiko. Der Unternehmer wird zum Modell des Handelns. Der ideale Arbeiter ist der flexible Unternehmer. Die Depression ist die „unerbittliche Kehrseite des Menschen, der sein eigener Herr ist.“„Während die gesellschaftlichen Zwänge zurückgegangen sind, haben die psychischen Zwänge den gesellschaftlichen Schauplatz erobert: „Die persönliche Initiative ist für das Individuum notwendig, um gesellschaftsfähig zu bleiben.“(S.272) „Die Depression ist das Geländer des führungslosen Menschen.“ (S. 278) (Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst, Campus Verlag Frankfurt am Main 2004) Wie schaffen es Menschen, gesellschaftsfähig zu bleiben, sie müssen eine neue Charakterstruktur herausbilden.