Vom Klassenbewußtsein zum Falschen Bewußtsein

Karl Marx unterschied zwischen der Klasse der produktiven Lohnarbeiter und der Klasse der industriellen Kapitalisten. Die Proletarier und die Bourgeoisie standen sich unversöhnlich gegenüber. Das Sein bestimmt das Bewußtsein, hieß es.

Im Programm der SED (Revolutionäre deutsche Parteiprogramme, Dietz-Verlag Berlin 1964) wird behauptet: „Das Klassenbewußtsein und die politische Reife der Arbeiterklasse nehmen ständig zu.“ Die Realität sah anders aus. Es gab zwar Systemtreue, aber die Mehrheit der DDR-Bevölkerung schaute eher in Richtung Westen und ließ sich vom Westfernsehen und-radio dauerberieseln. Die Herrschenden der DDR hatten längst den Kampf um die Köpfe verloren. Der Normalbürger in der DDR sprach zwei Sprachen, eine offizielle und eine private. Ständig wurde gemeckert. Die DDR-Bürger wurden zunehmend konsumorientierter, aufgrund der Werbung im Westfernsehen und der Kontakte in die BRD. Das Klassenbewußtsein verkümmerte. Aus dem Proletariat entstand das Kleinbürger- und Spießertum. Autoritäre Strukturen bedingten autoritäre Menschen. Wie sonst ist es zu erklären, dass sogenannte sozialistische Menschen nach dem Mauerfall sofort ihren Klassenfeind bejubelten und sich ihm unterordneten. Und danach auch noch rechtsextreme Progrome ausbrachen. Aus dem Klassenbewußtsein der Arbeiterklasse war ein Falsches Bewußtsein geworden. Überall.

John T. Jost von der Yale-University spricht von Falschem Bewußtsein und liefert 6 „Typen“ von false consciousness.

Die Unfähigkeit, Ungerechtigkeit und Nachteil wahrzunehmen:

Das sei die Tendenz der unterdrückten und ausgebeuteten Klassen einer
Gesellschaft an die Gerechtigkeit der sozialen Strukturen der Unterdrücker zu glauben.

Alles gehe mit rechten Dingen zu und habe seine Richtigkeit. Das führt dazu, dass bestehende soziale Strukturen/Institutionen und die politische Führung geschützt werden. Die eigene Situation wird paradoxer Weise nicht als benachteiligt wahrgenommen. Wie läßt es sich sonst erklären, dass prekarisierte Arbeiter mit geringer Entlohnung Parteien wählen, die Arbeitergeberverbände und das Kapital stützen?

Dazu kommt natürlich auch folgende Erklärung. Sie sind fatalistisch. Man kann ja sowieso nichts machen. Der 2. Typ ist also Fatalismus, der Glaube an die Unabänderlichkeit des Schicksals. Protest sei aussichtslos und bringe nichts, verändert nicht. Protest sei auch peinlich, wenn die anderen schweigen, dann müssen sie zufrieden sein. Man will auch nicht auffallen, denn abweichendes Verhalten ist anstrengend. Protest ist mühsam und kann auslaugen.
Aber es geht noch weiter, soziale Rollen werden gerechtferigt. Der gesellschaftliche Stand spiegele den Wert der jeweiligen Person wider. Paris Hilton und Michael Schumacher haben ihre Millionen und die Aufmerksamkeit verdient. Man schimpft höchstens über Abfindungen bei Managern, wenn es gerade alle tun. Die Stars himmelt man eher an. Die Leistungsträger haben das Geld und die Macht schwer erarbeitet. Pin-Mitarbeiter oder Aldi-Verkäuferinnen sind dagegen Minderleister, sie sind nicht so leistungsfähig und müssen sich mit ihrer Situation abfinden. Reiche Menschen sind eben gebildeter und intelligenter als Arme. Der Status des Reichen und des Armen sind somit berechtigt. Die Sterotypen im Kopf bestimmen über den Wert der jeweiligen Person.

Und es geht noch weiter. Jetzt kommen die unrichtigen Schuldzuweisungen. Arme und Arbeitslose sind eben selbst Schuld. Unterdrückte machen sich selbst für ihre Situation verantwortlich, da ja sonst alles mit rechten Dingen zugeht. Arbeitslose schämen sich, sie schreiben sich die Verantwortung selbst zu. Und erkennen nicht, dass es Ereignisse waren, die außerhalb ihres Einflussbereichs liegen. Sie glauben an eine gerechte Welt und sind auf der Suche nach Sündenböcken. Oftmals sind es Migranten, die Ausländerströme. Parolen, wie kriminelle Ausländer raus, sind dann zu hören. Wer immer definiert, was dann kriminell sei. Zum Beispiel ein Verstoß gegen die Residenzpflicht, wenn ein Migrant, der in einem Brandenburger Asylbewerberheim wohnt, nach Berlin fährt. Oder Prekarisierte, die knapp über dem Hartz IV-Satz liegen, lassen sich gern gegen Hartz IV-Bezieher aufhetzen. Die Herrschenden freuts. Und Heitmeyer konstatiert eine zunehmende Erwerbslosenfeindlichkeit. In Zeiten, da die Arbeit knapp ist, sind die Arbeitslosen die Schuldigen, die zu faul sind. Na logisch.
Das Falsche Bewußtsein führt dazu, dass man sich mit dem Unterdrücker identifiziert. Dominierende Gruppen überzeugen andere, dass sie sie gegen die inneren und äußeren Gefahren beschützen würden. Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es auch mir gut.

Das alles führt zu einem Widerstand gegen Veränderung. Man hält an Gedanken fest, obwohl sie nicht sinnvoll sind. Nur kleine Änderungen werden zugelassen. Man geht „gültig“ wählen, obwohl man weiß, dass sich dadurch nichts wirklich ändert und es egal ist, welche Partei man wählt. Das ist man eben gewohnt. Auf die Barrikaden zu gehen, eben nicht. Nur wenn der Leidensdruck groß ist, geht man auf die Straße. Wie vor Einführung von Hartz IV. Viele Montagsdemonstranten hatten ihr Falsches Bewußtsein im Gepäck. Sie hatten früher hart gearbeitet und wollten nicht mit den faulen Sozialhilfebeziehern in einen Topf geworfen werden. Von Klassenbewußtsein oft keine Spur, die Proteste schliefen dementsprechend wieder ein. Man kann ja sowieso nichts machen...


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