Johannes R. Becher: Kultusminister der DDR

"Dass Johannes R. Becher, Schriftsteller und nach dem Zweiten Weltkrieg Kultusminister der DDR, über viele Jahre Morphinist war, ist weithin bekannt. Seine stärkste Abhängigkeit fällt in die Zeit des Ersten Weltkriegs. Für junge expressionistische Künstler war regelmäßiger Drogenkonsum damals Teil ihres antibürgerlichen Habitus. Überdies ließ sich eine Suchterkrankung sehr gut für eine Freistellung vom Militär verwenden, eine Strategie, die auch Becher anwendete. Becher machte mehrere Entziehungskuren in Sanatorien und Privatkliniken, die letztlich alle erfolglos blieben aber den Dichter immerhin vom Dienst für das Vaterland befreiten. Erste Erfahrungen mit Drogen hat Becher bereits vor dem Krieg gemacht. Emmy Hennings, in die er sich- wie einige andere Literaten auch- verliebte, verkehrte in der Berliner und Münchner Bohemeszene und machte Becher vermutlich dort mit Drogen bekannt....In einem Umfeld, in dem Morphium, Äther und Kokain mit Nonchalance und dem Pathos des leidenden und unverstandenen Künstlers eingenommen wurden, verwundert es wenig, dass Becher und Hennings in eine jahrelange Abhängigkeit glitten. Für Becher war Sucht stets Ausdruck künstlerischer Unzufriedenheit. Wie andere drogenabhängige Schriftsteller wusste er das Image des hungerleidenden, sich auf dem Weg der Genesung befindenden genialen Jungdichters auszunutzen, um bei Freunden, Bekannten und Unbekannten um Geld zu bitten. Dabei nahm er es mit der Wahrheit über seinen Gesundheitszustand nicht immer genau. Mal benötigte er 100, mal 200 Mark für einen Sanatoriumsaufenthalt, mal stellte er sich gar als Sterbender dar, der nur noch durch schnelle finanzielle Hilfe vor dem sicheren Tod gerettet werden konnte. 'Mein Arzt, Herr Dr. Klapper, Berlin- Kurfürstendamm, wird ihnen mitteilen können, dass ich elend eingehe, wenn mir nicht sofort mit Geld geholfen wird. Mein letzter Brief. Seien sie warmherzig!" Im Januar 1918 wird Becher schließlich von der Polizei nach wiederholter Fälschung von Rezepten zur Entziehungskur in eine geschlossene Anstalt eingeliefert. Zu dieser Zeit setzt er sich bis zu 40 Spritzen pro Tag und versucht mit einer Überdosis Morphium sowie aufgeschnittenen Pulsadern Selbstmord zu begehen. Im August 1918 gelingt ihm vorerst der Ausstieg aus der Abhängigkeit, die Droge Morphium wird er jedoch bis zu seinem Tode im Jahr 1958 immer wieder vorübergehend benutzen." (Stephan Resch, Rauschblüten, Vandenhoeck& Ruprecht Göttingen 2009, S. 43f.)

Rauschblüten: Ein Interview mit dem Autor