Askese

Mit Askese wird oft sexuelle Enthaltsamkeit assoziiert, die ist hier nicht gemeint. Askese wurde zunächst in Klöstern vorgelebt. Das Kloster wurde schließlich „zum Muster für weltliche Lebensführung...Aus dem Kloster wird ein die gesamte Gesellschaft gestaltendes Arbeitshaus. Nun dreht sich der Spieß um: Wer sich nicht der asketischen Welt der Arbeitsgesellschaft einfügt, wird eingesperrt- in Gefängnisse, Psychiatrien, Arbeitshäuser.“ (Gronemeyer, S.121) In Zeiten des Wirtschaftswunders in den 50er Jahren entsteht dann die Konsumgesellschaft, nicht Verzicht sondern Konsum ist angesagt. Erst seit den 90er Jahren wird wieder Verzicht propagiert. Für viele gibt es kein Zurück ohne den Bankrott, Haus und Kinder drücken auf den Etat. Die Bürger werden aufgefordert, ihren Gürtel enger zu schnallen. Die Staatskassen seien leer, das Anspruchsdenken der Bürger müsse gesenkt werden. „Die Zerstörung des Sozialstaates...wird zu einem Askeseprogramm für das Volk umgestylt. Askese wird damit- nur mühsam kaschiert- zu einer ordnungspolitischen Formel, die auf lange Sicht den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet.“ (Gronemeyer, S.20) Die Mittelschicht wird abgeschafft sein, die Arbeitslosen und Prekären zur Zwangsaskese gezwungen sein, die Eliten sich in Lifestyle-Askese erproben.

Der Ausweg der Eliten bestehe in Zeiten des Massenkonsum in der Askese, dahin werde der Pöbel nicht folgen. Diese Asketen seien „hysterische Konsumenten, die eine ehrwürdige Tradition kolonisieren, um sie ihren modischen Bedürfnissen dienstbar zu machen...“ (Gronemeyer, S. 17)

Wie schön wäre die Vorstellung der Askese als Verweigerung, als Widerstand gegen den Terror der Ökonomie. „Eine Askese,...die sich als Entwurf eines künftigen Lebensstils versteht, der einen Schlußstrich unter die Zerstörung von Natur, Gesellschaft und Individuum zu ziehen versucht.“(Gronemeyer, S.22)

Aber Reimer Gronemeyer warnt, die neue Lust an der Askese ist zwiespältig. Sie kann zwar „dem Turbokapitalismus seine Dynamik rauben. Denn Askese lehrt loslassen. Wenn Karrieredampf, Geschwindigkeitsrausch, Termindruck und Konsumzwang für viele lächerlich werden und bedrohlich, weil sie das Leben kosten können, dann beginnen die Tugenden der Asketen zu leuchten, dann rettet man sich- des Überflusses überdrüssig- im bewußten Verzicht: im kategorischen Nein zu all dem Plunder..“ Aber die neue Lust an der Askese „kann (auch) zum Trend degenerieren, zur kurzlebigen Modeerscheinung im Wettlauf der Lebensstile.“ (Gronemeyer, S.32f.) Und nehmen wir den Klimawandel, Verzicht wird nicht von den Menschen, sondern von den Dingen erwartet. Sparsam soll das Auto, die Glühbirne etc. sein. Reimer Gronemeyer resümiert: „Askese ist mehr als ein Apparat zur Entsorgung von Überflüssigem. Askese kann dann gerade zu einer Erfahrung werden, aus der das Ich neu wird, ja wiedergeboren wird...Askese ist kein Lebenskonzept. Das war es in der Blütezeit der Arbeitsgesellschaft...Jetzt kann Askese nur eine Suchbewegung sein.“ (Gronemeyer, S.188)


Reimer Gronemeyer, Die neue Lust an der Askese, Rowohlt Berlin 1998