Unmündigkeit durch die Psychiatrie

Foucault beschreibt in Wahnsinn und Gesellschaft die Narrenschiffe und die Internierungen seit dem 17. Jahrhundert. Die Wahnsinnigen wurden in die Verfolgung des Müßiggangs mit einbezogen. Der Wahnsinn wird wahrgenommen, als er „am sozialen Horizont der Armut, der Arbeitsunfähigeit und der Unmöglichkeit, sich in eine Gruppe zu integrieren", auftaucht. Im Zeitalter der Vernunft werden die unvernünftigen Wahnsinnigen an Mauern und Betten gekettet. Die Behandlung des Wahnsinns im Hospital war ausgeschlossen, weil
dessen Hauptaufgabe in der Zucht und Bestrafung lag. Und der Wahnsinn nimmt zu. Die wahnsinnigen Inhaftierten machen die Vernünftigen irre. Ihre Gegenwart wird unerträglich. „In der merkantilistischen Ökonomie hatte der Arme, der weder Produzent noch Konsument war, keinen Platz. Als Müßiggänger, Vagabund, Arbeitsloser kam er nur für die Internierung in Betracht, durch diese Maßnahme wurde er verbannt und gewissermaßen von der Gesellschaft abstrahiert. Mit dem Aufkommen der Industrie, die kräftiger Armer bedarf, gehört er erneut zum Staatskörper." (Foucault, S. Nun wird zwischen „gesundem" und „kranken" Armen unterschieden. Die gesunden Armen sollen sich durch Arbeit selbst helfen. Der Arme wird wieder in die Gesellschaft aufgenommen werden, er muß sich zur Verfügung des Reichtums stellen. Der Irre hat keinen ökonomischen Nutzen. Pinel befreite Geisteskranke von ihren Ketten, es entstand das Asyl. Dort zieht die neue Vernunft ein, man erklärt Wahnsinnige zu unmündigen Kindern. Pinel stellt fest: „ Wieviel Analogie gibt es zwischen der Kunst, die Irren zu leiten, und der, die Jugend zu erziehen." Der Irre muß wissen, dass er überwacht, beurteilt und verurteilt wird. Der Arzt wird zur Autorität.
Am Schluß stellt Foucault fest: „ Der Irre enthüllt aber die endgültige Wahrheit des Menschen. Er zeigt, bis wohin die Leidenschaft des Menschen, das gesellschaftliche Leben und alles, was ihn von der primitiven Natur abhält, die den Wahnsinn nicht kennt, haben bringen können." (Foucault, S.)
(Michael Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft)

Im Nationalsozialismus hatten viele Psychiatriepatienten gar ihr Recht auf Leben verwirkt. Anfang 1939 begannen die Vorbereitungen zur Euthanasie konkret zu werden. Der Beginn kann auf den 29. September datiert werden, 2 Tage nach der Kapitulation Polens. Das Maß der Arbeitsfähigkeit sollte über Leben und Tod bestimmen. Ruhe, Ordnung, Arbeitsfähigkeit, Fleiß und Sauberkeit waren die Maßstäbe, anhand derer die Heilbarkeit bzw. Unheilbarkeit der Anstaltsbewohner gemessen wurde. Zum Beispiel galten in Erlangen 60% der ausselektierten Menschen als schizophren und befanden sich zumeist mehr als 2 Jahre in der Anstalt. Gleichzeitig gab es in den Anstalten einen therapeutischen Aktivismus. Heilen und Vernichten waren eng miteinander verknüpft, Ausdruck des totalen Krieges gegen die Psychiatriepatienten. Die Psychiater haben in ihrer Funktion als Psychiater in den vorgegebenen Strukturen an dem Massenmord teilgenommen.

Nach dem Krieg geht es weiter mit der Psychiatrie. Ernst Klee spricht von einer Entnazifizierungslegende der DDR. Die Entnazifizierung in der DDR-Psychiatrie fand nicht statt, wird aber bis heute als eine der bedeutendsten Leistungen der Nachkriegsjahre verkauft. Die Behauptung, die DDR habe alle Euthanasieverbrecher bestraft und NS-Medizner in Schimpf und Schande verjagt, ist die große Lebenslüge der DDR-Psychiatrie. 1990 gab es eine Untersuchung, die über die katastrophale Lage der Psychiatrie in der DDR berichtete. In der Regel Verwahrung in baufälligen Großkliniken, es mangelte an Ärzten, Pflegern, Arbeitstherapeuten, an allem. Zwischen 35-70% der Patienten waren nicht behandlungsbedürftig. Als Ernst Klee 1992 eine Psychiatrie in Ueckermünde betritt, beschreibt er das so: „Ich habe schon viele menschenunwürdige Stationen betreten, doch mein Entsetzen läßt sich kaum beschreiben...kahle Säle, bizarr deformierte Behinderte, Männer wie Frauen teils ganz nackt, teils in Windeln, schreiend, klagend, wimmernd. Im Schlafsaal steht Bett an Bett. Es gibt keine Nachtschränkchen, keine Bilder an der Wand, nur den kahlen, nackten Raum. Auf der Station gibt es keinen Arzt, keinen Psychologen, keinen Therapeuten, keinen Behinderten-Pädagogen, nur zwei, drei Schwestern, die völlig überfordert sind und abstumpfen müssen, wollen sie nicht selbst seelischen Schaden nehmen. Eingesperrt, ohne Außenkontakte, auf sich selbst reduziert, produziert jeder Mensch solche Symptome, „Hospitalismus" genannt. Das heißt: die Ursache der Schädigung ist die Hospitalisierung, nicht die Behinderung. Sie sind ohne jede Beschäftigung, ohne jeden Zuspruch. Abends werden sie abgefüttert und mit Medikamenten abgefüllt, ohne Zuspruch und Zuwendung. Unwillkürlich denkt Ernst Klee: Wie im ZOO! In Ueckermünde haben Bewohner schon Steine mit ins Bett genommen, um wenigstens was Eigenes zu besitzen." (Klee, S.)
Die DDR hat viele Strukturen aus der Nazi-Zeit übernommen, dazu zählt auch, daß Behinderte als bildungsfähige und -unfähige, als „sozial brauchbare" und „sozial unbrauchbare" selektiert und entsprechend behandelt wurden.

Im Westen war die Situation nach 1945 noch brutaler. Medizintäter wurden hofiert, ihre Opfer verstoßen. In der Bundesrepublik gefährdeten kommunistische Briefträger oder DKP-Lokführer angeblich die Staatssicherheit, Nazi-Ärzte stellten keine Bedrohung dar. Es war nicht zuletzt ein Mengenproblem: Kommunisten bildeten eine Minderheit, NS-Ärzte nicht. Als 1967 über Entschädigungen an Zwangssterilisierte befunden werden sollte, verwahrte sich Franz Josef Strauß dagegen und sagte. "Gegen eine Pauschalabfindung spricht überdies noch, daß (...) bis zu 60% an Geisteskranke, Schwachsinnige oder schwere Alkoholiker gezahlt werden würde."
Ernst Klee resümiert: In der Behandlung der Medizintäter und ihrer Opfer standen Deutschland-West und Deutschland-Ost in nichts nach. (Ernst Klee: Irrsinn West-Irrsinn Ost)
Im Westen gab es mit der „Psychiatrie-Enquete" 1975 jedoch reformerische Ansätze, diese fanden in der Regel meistens nur auf dem Papier statt bzw. verdoppelten die Psychiatrie. War es eigentlich das Ziel, die Anstaltspsychiatrie abzubauen, so wurde die Anstatltspsychiatrie schließlich durch die Sozialpsychiatrie gestärkt. Es wurde ein riesiger Apparat der gemeindenahen Psychiatrie zusätzlich aufgebaut, durch die Nähe vor Ort wurden immer mehr Menschen psychiatrisiert, das Kontrollnetz ausgebaut. Es kann von einer neuartigen Psychiatrisierung sozialer Problemlagen gesprochen werden, besonders in den sozialen Brennpunkten nahmen die Psychiatrisierungen zu. In der gemeindenahen Psychiatrie entstanden natürlich viele Arbeitsplätze, die legitimiert werden mußten. Die psychosoziale Versorgung ist heute ein riesiger Markt, im Psychiatriebereich wird massiv Geld verdient und umgesetzt. Gleichzeitig werden die Psychiatriebetroffenen registriert, es werden viele Akten angelegt und auch der Zwang ist noch gang und gebe. Zwangseinweisung- Zwangsbehandlung- Zwangsmedikamentierung- Zwangsbetreuung- Zwangsentmündigung. Und überall Betreuung. Betreutes Wohnen- betreutes Arbeiten- betreutes Essen- betreute Freizeit. Ivan Illich schreibt, indem die Ärzte definieren, was die Menschen benötigen bzw. was ihnen fehlt oder wo ihre Mängel, Defizite sind, welche Abhilfe dagegen benötigt wird und insofern sie sich als die allein wirksam helfenden Professionellen /Experten darstellen, erstirbt das Selbsthilfepotential, und die Entmündigung durch den Experten schreitet voran.

Antipsychiatrie

Die Antipsychiatrie scheint auf dem Stand der 60er und 70er Jahre stehen geblieben zu sein. Weder werden die Veränderungen in der Psychiatrie, z.B. die Verbesserung der Medikamente, noch die gesellschaftlichen Veränderungen, wie die Situation auf dem Arbeitsmarkt, berücksichtigt.
Die Antipsychiatrie-Bewegung leugnete das psychische Kranksein. Die Verbesserung der Situation für Psychiatriebetroffene durch die Entdeckung von Psychopharmaka in den 1950er Jahren wurde geleugnet.
Natürlich war und ist die Situation von Psychiatriebetroffenen zu kritisieren, das Thema wird tabuisiert und die Betroffenen sind den Anforderungen der Leistungsgesellschaft ausgesetzt. Die Ausgrenzung wirkt diskriminierend. Die Gefahr besteht bis heute, dass die Psychiatrie zu einem Instrument der Repression wird. Die Vision für die Zukunft ist A.Huxleys „Schöne neue Welt", in der alle durch das Schlucken von Pillen zu einer glückseligen uniformen Gesellschaft mutieren.
Die Pharma-Industrie macht schon heute Milliardengeschäfte. Auch die Zahl der Professionellen, die sich mit den psychisch Kranken befassen, erhöht sich beständig. Das schafft Konkurrenzsituationen. Seit den 1960er Jahren sind vielfältige Methoden hinzugekommen, so meditative Techniken damals mit Drogenexperimenten oder New Age. Eine Flut von Lebensberatungsliteratur kam auf den Markt, Publikationen die beständig auf den Markt geworfen werden und sich ständig wiederholen. Die Vielschreiber passen sich den Marktanforderungen an. Der Psychoboom wurde zum Geschäft, in dem sich viele Scharlatane tummeln.
Seit den neoliberalen Zeiten gewann die Gentechnologie an Bedeutung. Auch die Eugenik ist wieder im Vormarsch. Die Pharmaindustrie trug dazu bei, dass die Profitmaximierung in den Mittelpunkt trat und die Naturwissenschaften gegenüber den Sozialwissenschaften begünstigt wurden. Die Psychiatrie spaltete sich, wobei die biologische Psychiatrie auf dem Vormarsch ist. Auch wurden neue Diagnosen, z.B. bei der Depression, erfunden, um den Absatzmarkt für Psychopharmaka zu erweitern.
ie Werbeflut der Pharmaindustrie ist enorm, in den USA wird im Fernsehen sogar massiv für Antidepressiva geworben. Auch die Verwendung von psychologischen Tests in Auswahlverfahren nimmt zu. Jegliches „unwirtschaftliches" Menschsein soll ausgerottet werden, sind Menschen in der Zukunft Hochleistungsroboter?

Die Kritik der Antipsychiatrie bezog sich vor allem auf die Realität der Psychiatrie, die Verwendung von Psychopharmaka und die Haltung der Psychiatrie während des Nationalsozialismus.

Die britische Antipsychiatrie wurde durch David Cooper und Ronald D.Laing geprägt. Für Cooper war die Politisierung der Verrücktheit unerläßlich. „Im Wahnsinn komme die Vision einer neuen Welt zum Vorschein." (Rechlin, Vliegen, S. 15) Die Schizophrenen seien die „erdrosselten Dichter unserer Zeit". Der Schizophrene sei ein Mensch ohne Hoffnung. Einige Aussagen Coopers:
„Jeder Wahn ist eine politische Aussage. Jeder Verrückte ist ein politischer Dissident...Ich behaupte nicht, daß jedes Opfer der Psychiatrie ein Dissident ist. Die meisten jener hunderttausend Psychiatrisierten sind nicht verrückt, oder ihr Verrücktsein ist ihnen schon im ersten Stadium der Psychiatrisierung ausgetrieben worden." (Cooper, Wer ist Dissident, S.20f.)
„Die Sprache der Verrücktheit ist nicht mehr und nicht weniger als die Verwirklichung der Sprache. Unsere Wörter beginnen den anderen zu berühren, und darin liegt die Gefährlichkeit der Verrücktheit: wenn sie ihre Wahrheit ausspricht. Eine Gefahr, die einzige Gefahr der Verrücktheit, ist die gewaltsame Entnormalisierung der banalen Wörter einer in den Netzen der Sicherheit gefangenen Welt." (Cooper, Sprache, S.27)
„Verrücktheit ist eine permanente Revolution im Leben eines Menschen." (Cooper, Sprache, S.30)

Für Laing war die Entfremdung des Menschen Ursprung für alle psychischen Störungen. „Verrücktheit müsse nicht unbedingt Zusammenbruch sein. Sie könne auch Durchbruch sein....denn der Schizophrene sei ‘ein Verbannter, der Signale aus der Leere sende’, in die er versunken sei....der Schizophrene (sei) ‘ein Wissender’..., der einen Weg aus der allgemeinen Entfremdung aufzeige." (Rechlin, Vliegen, S. 20f.)

Der bekannteste Vertreter der italienischen Antipsychiatrie war Franco Basaglia. Die Aufgabe des Psychiaters sei politisch, man müsse den Kranken die Freiheit wiedergeben. Er versuchte die Psychiatrie in Görz umzugestalten. Als ein Insasse während seines Wochenendurlaubs seine Frau mit einer Axt erschlug, wollte er die Türen der Anstalt wieder schließen.

Thomas S. Szasz ist der bekannteste Vertreter der amerikanischen Antipsychiatrie. Er ist allerdings auch in der Antipsychiatriebewegung umstritten.
„Vergeblich beharrt der vermeintlich Irre darauf, daß er nicht krank sei, seine Unfähigkeit ‘einzusehen’, daß er es doch ist, gilt als Kennzeichen seiner Krankheit. Vergebens lehnt er es ab, behandelt und hospitalisiert, das heißt gefoltert und eingesperrt zu werden- daß er sich der psychiatrischen Autorität nicht beugen will, gilt als weiteres Zeichen seiner Krankheit." (Szasz, S.14)

Auch Ivan Illich hat die Antipsychiatrie mitgeprägt. Die politische Ursache von Krankheiten werde verschleiert. Die Medizin erklärt neue Diagnosen und damit neue Außenseitergruppen. „Zusammenfassend sind für Illich Gesundheit und Krankheit Maßstab einer unheilvollen gesellschaftlichen Entwicklung, da der kranke Körper gegen die inhumane Industriegesellschaft ‘rebelliert’. Krankheiten lassen daher Rückschlüsse auf die moralische und ethische Verfassung einer Gesellschaftsform zu." (Rechlin, Vliegen, S.43)

Ein französischer Autor, der die Diskussion mitgeprägt hat, ist Michel Foucault. Siehe Wahnsinn und Gesellschaft. Auch deutsche Autoren, wie Dirk Blasius haben Bücher zu dem Thema veröffentlicht. Er schreibt: „Wenn abweichendes Verhalten, wie es heute der Fall ist, sich dermaßen massiert, muß etwas mit der Grundstruktur der Gesellschaft nicht stimmen, können die Probleme nicht ausschließlich auf Seiten der Betroffenen gesucht werden. Einen der zentralen Krisenherde moderner Industriegesellschaften bilden psychische Krankheiten." (Rechlin, Vliegen, S.50f.)

Die Antipsychiatrie verurteilt die diagnostische Etikettierung. Psychosen seien auch positive Elemente in der Lebensgeschichte, sie seien eine Wendung in Richtung politischer Befreiung. Die Biographie erkläre das Zustandekommen einer Psychose. Die klinische Psychiatrie erklärt dagegen, dass die somatischen Ursachen bei endogenen Psychosen unbekannt seien.

Immer wieder werden in der Literatur die Züge der Schizophrenie betont: Entfremdung, Kontaktlosigkeit, unerträgliche Einsamkeit. Eine Psychose sei ein verzweifelter Notruf aus einem eingemauerten Dasein.

Herbert Marcuse setzte seine Hoffnung auf die Randgruppen der Gesellschaft, ihre Verweigerung. „Ihr Leben bedarf am unmittelbarsten und realsten der Abschaffung unerträglicher Verhältnisse und Institutionen...Die Tatsache, daß sie anfangen, sich zu weigern, das Spiel mitzuspielen, kann die Tatsache sein, die den Beginn des Endes einer Periode markiert." (Rechlin, Vliegen, S.77)
Sartre hatte eine Abneigung gegen das Normale. Sein Anliegen war die „schonungslose Aufdeckung der Unaufrichtigkeit der bürgerlichen Gesellschaft". (Rechlin, Vliegen, S.86)

Eines der meistgelesensten Bücher zu diesem Thema war Klaus Dörners „Der Bürger und der Irre".
Auch in der Literatur wurden antipsychiatrische Gedanken verarbeitet. So von Samuel Beckett, Eugene Ionesco, Heiner Kipphardt, Friedrich Dürrenmatt (Physiker), Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige" / „Der Weltverbesserer", Sartre (Das Zimmer).

Rechlin und Vliegen resümieren: Insgesamt liegt „dem antipsychiatrischen Verständnis ein generelles Unbehagen an den bestehenden Verhältnissen in der Welt zugrunde". (Rechlin, Vliegen, S.119)

David Cooper, Die Sprache der Verrücktheit, Rotbuch Verlag Berlin 1978

David Cooper, Wer ist Dissident, Rotbuch Verlag Berlin 1978

Thomas S. Szasz, Die Fabrikation des Wahnsinns, Walter Verlag Olten und Freiburg im Breisgau 1974

T.Rechlin, J.Vliegen, Die Psychiatrie in der Kritik, Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1995