Abweichende Jugendliche

Hier möchte ich vor allem auf die Gammler und Punks eingehen, die sich der Arbeitsgesellschaft verweigerten. Zunächst beleuchte ich den westlichen Ursprung dieser Subkulturen, um dann speziell auf die DDR zu kommen.

Die Gammler

Die erste Protestbewegung, die sich ausklinkte, war die amerikanische Beatgeneration. Sie war der Vorläufer der Gammler. Der Beatnik war immer unterwegs („on the road"). Er lebte in selbstgewählter Armut. Die Beats verdienten mit Gelegenheitsarbeiten, was sie für ihr Leben brauchten. Jack Kerouc beschrieb in seinem Roman „On the road" das Leben der Beatgeneration. Ein ungeregeltes Leben führten auch die Gammler.
Der Begriff Gammler tauchte in der BRD-Presse 1963 auf und wurde seit 1965 verstärkt verwendet. 1966 soll es in der BRD 800 bis 1000 Gammler, in Europa 5000 gegeben haben (laut Spiegel). Ihr Anderssein drückten die Gammler durch ihr Aussehen aus. Gammler hatten lange Haare. Sie waren ihr Symbol, das ihren Protest ausdrückte. Die Gammler wollten mit den langen Haaren schockieren und provozieren. „Lange Haare bringen die Leute in Rage- mehr noch als Ideologie, denn lange Haare sind ein Mittel der Kommunikation...Für junge Leute ist kurzes Haar gleichbedeutend mit Autorität, Disziplin, Freudlosigkeit, Langeweile, Sattheit, Lebenshass. Langes Haar dagegen ist gleichbedeutend mit Enthemmung, Unförmigkeit, Freiheit und Offenheit." (Gotthardt, S.38) Die Gammler wollten nicht mitmachen. Auch mit ihrer „ungepflegten" Bekleidung grenzten sie sich ab. Seinen wenigen Besitz konnte der Gammler bei sich tragen, denn der Lebensstil der Gammler war anspruchslos. Die Gammler trugen ihre Besitzlosigkeit zur Schau. Gammler traten meistens in Gruppen auf, und das an öffentlichen Plätzen in Großstädten. Sie waren abenteuerlustig und reisten viel.
Der typische Gammler, so schreibt Tina Gotthardt, „stammt zu 20% aus dem Arbeitermilieu, zu 20% aus Beamten- und Angestelltenfamilien und zu 19% aus dem Bereich Handel/ Handwerk....Wenig Gammler sind vom Lande. Die meisten Gammler sind unter 21, Frauen stellen 18%, Männer 82%." (Gotthardt, S.28) Walter Hollstein beschreibt die Sozialstruktur der Gammler so: „...11% kamen aus der Oberschicht, 82% aus den Mittelschichten und 7% aus den Unterschichten.." (Hollstein, S.42) Ähnlichkeiten mit der Stimmungslage der Gammler und Punks in der DDR treten bei folgender Aussage auf: „als Last empfanden sie hingegen das Ewigwiederkehrende, das sie als Tretmühle empfanden..." (Gotthardt, S.29) Arbeitsgesellschaften, die fordistische Industriegesellschaft, gab es in der BRD und DDR. In der DDR lehnte die Subkultur die vorbestimmte Normalbiographie ab, von der Wiege bis zur Barre alles vorstrukturiert. Aufgrund der Tretmühle wollten die Gammler keine festen Arbeitsverhältnisse eingehen, sie wollten ihre Spontanität und Flexibilität beibehalten. Die Gammler verweigerten sich der Leistungs- und Konsumgesellschaft, sie lehnten Arbeit und Konsum ab. Die Gammler widersetzten sich den Wertvorstellungen, vor allem dem Karrieredenken und Konsumismus, ihrer konformistischen Eltern. Deshalb kann man von einem Generationskonflikt sprechen. Gegen die herrschenden Normen und Werte opponierten sie. Sie wollten unkonventionellen Lebensformen nachgehen, eine Gegenkultur schaffen, einen eigenen Lebensstil verwirklichen. Statt enfremdeter Lohnarbeit das Recht auf Faulheit, statt Karriere der Ausstieg, statt Konsum der Konsumverzicht. Mit ihrer Haltung waren sie „lebender Protest". Sie stellten ihren Müßiggang im öffentlichen Raum zur Schau.
Als der Gammler-Look vermarktet, das Gammeln also kommerzialisiert wurde, war das Ende der Gammler eingeläutet. Zudem ließ das Interesse der Presse nach, 1965-1967 waren die Gammler noch das wichtigste Jugendthema. Während der Protest der Gammler noch passiv war, wurde der Protest der Provos und der 68er Studentenbewegung jetzt aktiv und sehr politisch. Hatten die Gammler den Konsum und ein „total durchorganisiertes Leben" (Gotthardt, S.51) kritisiert, so wurde nun die gesamte Gesellschaft, der Kapitalismus, zum Angriffsfeld der protestierenden Jugend. Eines hatten die Gammler mit ihrem provozierenden Aussehen und Auftreten in der Öffentlichkeit erreicht, die Empörung und das Unverständnis vieler Bürger. Nach einer Befragung hatten 73% der Bürger kein Verständnis für die Gammler. Die Gammler stellten die Grundfesten der Gesellschaft in Frage. 56% wollten wieder einen Arbeitsdienst einführen. Gammler hörten damals, im übrigen in Ost und West, solche Sprüche wie: „Unter Hitler hätten sie euch vergast." Und wie ging die Politik mit den Gammlern um? Tina Gotthardt unterteilt den Umgang mit den Gammlern in zwei Phasen. Am Anfang, also ab 1963, ließ man die Gammler noch gewähren. Als die Gammler jedoch immer mehr Zulauf hatten, wurden diese als Bedrohung empfunden und nicht mehr als Randphänomen. Der Zenit dieser Angst wurde im Frühjahr 1966 erreicht. In Berlin ging man gegen das Bettlerunwesen vor. In München hatte es 1962 die Schwabinger Krawalle gegeben. Die Polizei sollte später gegen Lärmbelästigung und Hausfriedensbruch vorgehen. 1966 wendete die Polizei in München 4000 Arbeitsstunden für die Kontrolle der Gammler auf, von 457 kontrollierten Gammlern wurden 267 festgenommen. 1967 wurden 735 Gammler wegen strafbarer Handlungen festgenommen.
Bundeskanzler Ludwig Erhard empörte sich 1966 in einer Wahlkampfrede: „ Solange ich regiere, werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören." (Gotthardt, S. 2) Er befürchtete bei den Gammlern politischen Protest. Damit machte Erhard die Gammler für die Presse interessant und sorgte weiter für Zulauf. Allerdings drückten die Gammler ihren Protest vorwiegend durch das äußere Erscheinungsbild aus. Als die Bürger sich an das Erscheinungsbild gewöhnt hatten und daran keinen Anstoß mehr nahmen, wurde der Protest politischer. „Laut Pasoloni seien die Gammler 1968 von der Studentenbewegung ‘aufgesogen’ worden. Die langen Haare seien nun auf ein Unterscheidungsmerkmal herabgewürdigt worden und der Protest würde nun durch ‘verbale Sprache’ ausgeübt. 1972 seien die langen Haare schließlich sogar zur allgemeinen Mode geworden, die ‘herrschende Subkultur’ habe also die ‘oppositionelle Subkultur’ geschluckt und sich ihre Merkmale angeeignet....Die langen Haare hatten ihren Wert als Erkennungsmerkmal verloren. „ (Gotthardt, S.80)
Damit verloren die langen Haare auch die „idenititätsstiftende Kraft...Gerade bei Subkulturen, die nicht über revolutionäre Gesellschaftsideen verfügten, spielten die Symbole eine große Rolle und werden ‘in’, also in die Gesellschaft integriert. Eine weitere Folge sei dann die Kommerzialisierung der Subkultur...Der Kapitalismus bemächtige sich des Protestes." (Gotthardt, S.80f. ) 1968 wurden die Gammler uninteressant, die Studentenproteste wurden wichtig. Die Gesellschaft veränderte sich in den 70er Jahren und ließ auch Nischen zu.
Die Provos und die Hippies traten auf den Plan. In den USA entstammten die Hippies überwiegend den Ober- und Mittelschichten. In New Yorks East Village kamen nur 1% der Hippies aus der Unterschicht. 48% der Blumenkinder von New York konsumierten LSD. Die psychedelische Rock- Musik wurde von der Musikindustrie vermarktet, der Protest entschärft. Blumenkinder wurden zur Touristenattraktion. Eine Gesellschaft des Spektakels, das Schicksal der Hippies wurde zum Thema der Situationisten.

Auch in der DDR entwickelte sich eine jugendliche Subkultur, die durch lange Haare und unkonventionelle Kleidung auffiel. Die Jugendlichen interessierten sich für Rock- und Beatmusik und für westliche Mode. Der Beat avancierte zum Statussymbol seiner jugendlichen Anhänger, damit grenzte man sich von der älteren Generation ab. Das Rolling Stones Konzert in der Westberliner Waldbühne wurde zum Warnsignal. Das ZK-Kahlschlagplenum von 1965 markierte das Ende der Toleranz mit dieser Subkultur. Das „Neue Deutschland" schrieb am 17.Oktober 1965 über die „Amateurgammler": „Das sind junge Menschen, die Helden zu sein wähnen, indem sie die Gammler westdeutscher Prägung nachahmen, die dort auf Straßen und Plätzen herumlungern, herumpöbeln und herumrempeln. Ihr Anblick bringt das Blut vieler Bürger in Wallung: verwahrlost, lange, zottlige, dreckige Männen, zerlumpte Twist-Hosen. Sie stinken zehn Meter gegen den Wind. Denn Waschen haben sie ‘freiheitlich’ aus ihrem Sprachschatz gestrichen. Und von einer geregelten Arbeit halten die meisten auch nichts." (Rauhut Beat, S.119) Jugendliche, die mit ihrem Outfit von der Norm abwichen, wurden zum Friseur gezehrt oder zur Zwangsarbeit in Lager eingewiesen. In einigen Orten wurden sie in Extralisten eingetragen. 1965 begann auch ein Feldzug gegen die Beat-Kultur, so wurden im Bezirk Leipzig 50 Bands verboten. Oftmals wurden den Bands Rechtsverstöße, Steuerhinterziehung oder „Arbeitsbummelei" angekreidet. Oder Musiker wurden zum Wehrdienst einberufen. Englischsprachige Gruppennamen waren verboten. Gegen die Schikanen wandten die Musiker viele Tricks an. Sie fingierten Besetzungen, kürzten sich die Haare, legten Spezialklamotten an, änderten ständig ihre Gruppennamen, fälschten Programmlisten. Der Beat erlangte durch die Konfrontationen die Aura des Nervenkitzels. Am 25.10.1965 gab es eine Demonstration in Leipzig („Beataufstand"). Die Polizei ging mit äußerster Brutalität vor, 267 Personen wurden zugeführt, 162 inhaftiert, 97 in ein Arbeitslager verbracht. Besonders Stasi-Chef Mielke war es, der immer wieder auf diese Jugendlichen, die durch ihr „dekadentes" Verhalten und Aussehen auffielen, hinwies. „Dekadent" waren ungepflegtes Äußeres, überlanges Haar, anstößige Kleidung, Veranstalten anstößiger Partys. Das MfS sollte sich stärker auf die Jugendlichen unter 25 konzentrieren. Gammler, die die öffentliche Ordnung gefährdeten und nicht regelmäßig arbeiteten, sollten in Arbeitslager eingewiesen werden. Der Beat wurde 1969 bis 1972 dann offiziell anerkannt, es entstand sogar „systemtragende Rockmusik", die Politik versuchte diese Form der Musik zu vereinnahmen.

Bereits in den 1950er Jahren gab es in der DDR Halbstarke, diese Jugendkultur hatte meistens keinen politischen Hintergrund, wurde aber von der SED politisch gedeutet. Kampagnen gegen westliche Moden wurden durchgeführt, das Hören westlicher Musik war verboten, nach westlicher Unterhaltungsmusik wurde gesucht. „Einen ebenfalls vorwiegend unpolitischen Charakter hatte die aus dem Westen in die DDR ausstrahlende Jugendkultur der sechziger Jahre. Wie auch im Westen begeisterte sich die DDR-Jugend für die Beatmusik. Spontan entstanden in der gesamten DDR seit 1963 Hunderte von Gruppen, die diese in West und Ost gleichermaßen unkonventionelle Musik- und Subkultur pflegten."(Neubert, S.144) Zunächst versuchte die DDR-Führung diese Jugendkultur „sozialistisch zu zivilisieren", initiierte z.B.die Gitarrenbewegung. „Schließlich ging die SED wieder mit Gewalt gegen die Beatfans vor. Die FDJ schwenkte um und erklärte 1965 den Beat zum Ausdruck westlicher Unmoral." (Neubert, S.144) Die Beat-Gruppen galten als Sicherheitsrisiko. Die Jugendlichen stellten aufgrund ihres dekadenten Aussehens (ungepflegtes Äußeres, überlanges Haar, anstößige Kleidung etc.), wegen Arbeitsbummelei, Rowdytum und „krimineller" und staatsfeindlicher Handlungen eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit dar. Die Musik,
Amateurbands und Veranstaltungen wurden verboten. „Auch in die 1961 eingeführten Arbeitslager wurden zahlreiche zu ‘Rowdys’ erklärte Beatfans eingewiesen." (Neubert, S.145) Das erste Jahr nach dem Mauerbau wurden 767 Personen in Arbeitslager eingewiesen, 1964 waren es über 1000. 1965, in Folge der Beat-Demo in Leipzig, 1971 im Umfeld des Brandt-Besuch in Erfurt und 1973 vor den Weltfestpielen der Jugend (mehr als 7000!) gab es einen kräftigen Anstieg der Arbeitslagerinsassen. Die Insassen waren meistens unangepasste Jugendliche. Im Osten wie im Westen waren die Protagonisten des Rock’n’Roll als Bürgerschreck gefürchtet. Auch in der DDR wurden vereinzelt bereits Ausschreitungen von Halbstarken wahrgenommen, so im September 1959 in Leipzig. Mit dem Jugendkommunique 1963 und dem Deutschlandtreffen 1964 keimte Hoffnung auf, kurz darauf war Beatmusik und die Begleiterscheinungen aber wieder geächtet.
In der DDR gab es in den 1960er Jahren einen Generationskonflikt. Der Protest der Beat-Fans richtete sich nicht nur gegen die Eltern, sondern auch gegen die herrschende Ideologie und die Einschränkungen im Alltag. Die DDR-Führung empfand die Zurschaustellung westlicher Moden wiederum als Herausforderung. In Städten tauchten die ersten Gammler auf, das waren Jugendliche mit langen Haaren und Schlaghosen. Sie trafen sich, um Musik zu hören, Bier zu trinken und gemeinsam zu Beat-Veranstaltungen zu ziehen. In Berlin war der Bahnhof Lichtenberg der Treffpunkt von Gammlern, wo sie zum Ärgernis wurden. Gegen diese Gammler gab es z.B. Prozesse wegen asozialer Lebensweise. Nach dem 11.Plenum im Dezember 1965 wurde in den Medien gegen Gammler hergezogen. Sie seien z.B. unhygienisch und unästhetisch. Oftmals wurden ihnen von der Polizei oder in Betrieben die Haare geschnitten. Die Gammler und Beat-Fans der DDR stammten vorrangig aus dem proletarischen Milieu. Unter den verhafteten 357 der Beat-Demo am 31.10.1965 in Leipzig waren 8 Studierende und 166 Arbeiter. Im Jahre 1965 wurden 1669 Menschen in Arbeitslager eingewiesen. Die widerspenstigen Jugendlichen sollten als „arbeitsscheue Elemente" zur Arbeit erzogen werden. Bei den Gammlern unterschied die Staatssicherheit zwischen „Rowdygruppen" und „Partygruppen". „Wurden die so genannten „Partygruppen" wegen ihrer Anfälligkeit für ideologische Einflüsse aus dem Westen, die vor allem sozialistischen Moralauffassungen, aber auch bürgerlichen Konventionen zuwiderliefen, von den Sicherheitsorganen der DDR beobachtet, so galten die „Rowdygruppen" als akutes Sicherheitsrisiko. Sie konterkarierten mit ihrer als ‘asozial’, ‘dekadent’ oder ‘pervers’ erachteten Lebensweise das Bild sozialistischer Persönlichkeiten...Die Straftaten, vorwiegend Eigentumsdelikte, unbefugte Fahrzeugbenutzung, Sachbeschädigungen und Beleidigungen, würden von den Jugendlichen oft aus Übermut und Langweile begangen....Wegen ihrer Spontanität seien die Jugendgruppen beider Schattierungen, vor allem aber die sogenannten ‘Rowdies’, unberechenbar und neigten zu Widerstand gegen die Staatsgewalt, intensiver ‘Hetze’ und Sabotage. Vor diesem Hintergrund wurden die ‘Gammler’ in der Öffentlichkeit als Sozialschmarotzer übelster Prägung dargestellt. Wie mit ihnen umzugehen wäre, hatte die FDJ-Zeitung Junge Welt....demonstriert. Auf der Titelseite brachte sie die Reportage eines Berliner FDJ-Sekretärs, der sich brüstete, seine Klasse habe einem langhaarigen Mitschüler gegen dessen Willen die Mähne gestutzt." Als ein Vater eines betroffenen Lehrlings sich in einem anderen Fall wehrte, er zeigte den Betrieb wegen Körperverletzung an, schrieb die Junge Welt, „wir (sind) keine Rolling-Stones-Macht, sondern eine Arbeiter- und- Bauern- Macht". (Ohse, S.98) Da die Staatsführung sich in diesem Fall mit den Bürgern einig war, fühlte sie sich in dem Kurs bestätigt. Durch die Diskriminierung wurden die Jugendlichen allerdings erst politisiert. 1968 gab es angesichts der Niederschlagung des Prager Frühlings auch in der DDR Proteste, vor allem von Jugendlichen.
„Mit dem neuen Strafgesetzbuch von 1968 hatte die SED eine Handhabe, selbst bei Bagatelldelikten schärfste Strafen oder Arbeitslager zu verhängen. Lange Haare, ungewöhnliche Kleidung, Beatmusik, Westfernsehen, Trampen und Auftreten in Gruppen konnte strafbar werden, wenn mehrere dieser ‘unsozialistischen’ Verhaltensweisen zusammenkamen. In fast allen größeren Städten bildeten Jugendliche eigene Treffpunkte, um sich so dem organisierten ‘frohen Jugendleben’der FDJ zu entziehen. Diese kriminalisierten und diskriminierten Jugendgruppen waren die Wurzeln der später aufblühenden jugendlichen Subkulturen. Eine Minderheit wurde durch diese Repressionen dauerhaft politisiert und teilweise in der kirchlichen Sozialarbeit aufgefangen. Sie bildeten den Grundstock der Offenen Arbeit (OA), die sich von Anfang an im politischen Widerspruch zur Jugendpolitik der SED befand." (Neubert, S.145)
Die Kirche nahm sich seit den 60er Jahren den an den Rand der Gesellschaft gedrängten Jugendlichen an, es entstand die Offene Arbeit und 1987 die Kirche von unten. Die Lebensweise der „Gammler" und später der „Punks" wurde hier akzeptiert.
Walter Schilling erzählt: „1968,`69 ging die Offene Arbeit los...Das Unbehagen eines Tels der jungen Generation, die 68-Bewegung, schwappte zu uns herüber. Der Vietnam-Krieg, die versteiften familiären Lebensformen, dagegen musste man sich wehren. Im Westen war der Protest studentisch geprägt, allein in der DDR waren die Studenten ja weitgehend angepasst. Hier war es die intelligente Arbeiterschicht, die aufbegehrte. Gezeigt haben sie es mit der Musik und den langen Haaren." (Otze, S.45f.) Viele subkulturelle Jugendliche trafen sich vor allem bei Großveranstaltungen. So erzählt Walter Schilling von der June 1978 und 1979 sowie der Jugend 86. SED und MfS versuchten, das Tramperunwesen zu bekämpfen. Immer wieder gab es Auseinandersetzungen mit der Polizei, dabei wurden auch Freiheitsforderungen gerufen, so bei Rockkonzerten 1974 in Altenburg und 1976 in Plauen. Krawalle entwickelten sich auch am 7.Oktober 1977 auf dem Alexanderplatz in Berlin, dabei kamen 2 Polizisten und ein Jugendlicher ums Leben. Weitere Auseinandersetzungen gab es in Altenburg, Frankfurt/Oder, Erfurt und in kleineren Städten. Es entstanden wilde ‘Jugendklubs’, so der Saalfelder Jugendklub, der aus einer Baracke bestand und vom MfS angezündet wurde. „Lehrlinge und Arbeiter, die viel weniger als Studenten Karrieresorgen hatten, verweigerten immer mehr die standardisierten Unterwerfungsrituale, ohne damit eine politische Alternative anzustreben." (Neubert, S.206)
Pfingsten 1987 revoltierten dann jugendliche DDR-Rockfans an der Mauer, als vor dem Reichstag in Westberlin ein Open-Air-Konzert stattfand. Es wurde u.a. gerufen „Die Mauer muß weg". Dabei gab es brutale Ausschreitungen von Volkspolizei und Staatssicherheit.

Die Punks

„Anders als auf der Insel, wo die meisten Punks tatsächlich der britischen Working class entstammten, wurde die deutsche Punk-Szene- West wie Ost- von Beginn an von Kindern aus gutbürgerlichen oder SED-privilegierten Elternhäusern dominiert. ‘Die kommen stattgefressen von zu Hause und schnorren.’" (Farin2, S.90)

Klaus Farin schreibt: „Punk in Deutschland war von Anfang an durch die Medien geprägt. Eher Mode als soziale Bewegung. Natürlich ging es auch um Musik, doch im Mittelpunkt des Interesses stand die Möglichkeit der Abgrenzung und Provokation allein schon durch das Outfit." (Farin, S.106) Die Punks wollten schockieren. Punk war destruktiv, die Punks wollten Tabus und Ideologien zerstören. Punks wollten sich von den Hippies absetzen.

Punks in der DDR wehrten sich gegen einen „tabellarischen Lebenslauf", die „Verurteilung zu zweimal lebenslanger Haft", wie Henryk Gericke es in dem Buch „too much future" formuliert. (S.12) Die Arbeitsverweigerung von Punks wurde in der DDR hart bestraft, wie in folgendem Fall: „ Krug, Storch und Mucke kamen aus Neuenhagen am Rande von Berlin. Sie hatten keinen Bock mehr auf Arbeit und kamen auf die Idee, sich gegenseitig die Finger mittels einer Eisenstange zu brechen. Finger auf Tischkante, Schluck Blauen Würger, Augen zu. Die Stange traf mit voller Wucht, der Staat ebenso. Anklagen wegen Selbstverstümmelung und asozialen Verhaltens brachten acht bis zwölf Monate Knast. Um die Verurteilten langfristig aus dem Verkehr ziehen zu können, gab`s nach der Entlassung Berlinverbot, Meldepflicht und Arbeitsplatzbindung. Natürlich war vorauszusehen, daß die Auflagen nicht eingehalten würden, und eine erneute Inhaftierung war die Folge." (Boehlke, Gericke, S.40) Punks wurden in der DDR als Randgruppe repressiv behandelt. Kaiser schildert: „Jeder, der irgendetwas mit Punk zu tun hatte, wurde mindestens zweimal in der Woche zum Abschnittsbevollmächtigten vorgeladen. Uns wurde da erst klar, wie instabil dieses System sein muß, wenn die solche Angst vor uns haben." (Boehlke, Gericke, S.54) Im Jahre 1984 hatte das MfS die erste Punk-Generation in der DDR weitgehend aufgelöst. Zuvor waren noch 900 Punks in der DDR registriert, ca.400 in Ostberlin. Punks mußten zur Armee oder wurden inhaftiert, so auch Punkmusiker wegen Texten ihrer Lieder. Die Punkmusikszene spaltete sich, als die „anderen" Bands in der DDR integriert wurden. Viele Punks reisten auch aus, oder suchten Schutz in der „Offenen Arbeit" der Kirchen.

Das MfS versuchte natürlich auch, Jugendliche als IM`s zu gewinnen. In der Subkultur fand man kaum Jugendliche, die aus Überzeugung IM`s wurden. Eher verfolgten die IM`s materielle Interessen (wie Kiste in Dresden) oder sie wurden erpresst, es wurde ihnen Straffreiheit oder Strafmilderung versprochen. Man versuchte sozialdeklassierte, „kriminell gefährdete" junge Menschen als IM´S zu gewinnen. Bei „rowdyhaften Zusammenschlüssen" verfolgte das MfS eine eigene Strategie. Der IM sollte die Gruppe zerstören. Das MfS versuchte auch in der sozialdiakonischen Jugendarbeit der Kirchen IM´s einzusetzen. „Die gut ausgebildeten Sozialdiakone bewiesen, daß die Jugendlichen nicht von vornherein kriminell oder asozial waren, sondern oft der Staat und seine an den Schulen praktizierte Pädagogik diese Jugendlichen erst marginalisiert und kriminalisiert hatte." (Beschädigte Seelen, S.100) Gegen die Sozialdiakone wurden Operative Vorgänge angelegt. Viele IM´s eröffneten den Diakonen ihre Stasi-Mitarbeit und beendeten damit ihre IM-Tätigkeit. Besonders schwer war es für das MfS IM´s bei den Bausoldaten zu gewinnen. Insgesamt lag der Anteil von IM´s im Alter von 14 bis 25 Jahren bei etwa 17 000, oftmals waren es Studenten und Wehrpflichtige. Dort wo die IM`s eine ideologische Zustimmung mit dem MfS hatten, fand oft auch eine Kooperation mit den Eltern statt. Der Typ Erpressung/Tauschgeschäft war besonders bei Mitgliedern von Gruppen („Rowdys", Punks etc.) zu finden und bei solchen, die polizeilich aufgefallen waren. „Das ‘Geschäft’ lautete: Befreiung von der Strafverfolgung gegen Kooperation, oder mit anderen Worten, ‘Tust du etwas für uns, tun wir dir nichts.’" (Beschädigte Seelen, S.141) Trotzdem hatte es das MfS schwer in „negative" jugendliche Kreise einzudringen. „Zu verzeichnen sei vielmehr eine hohe ‘Abschreibungsquote’ bei jugendlichen IM infolge bewußter Dekonspiration, Desinteresse, mangelhafter Treffdisziplin, unbefriedigender Arbeitsergebnisse, Perspektivlosigkeit in der Zusammenarbeit und dem Einfluß feindlich-negativer Personen auf die jugendlichen IM...Aufgrund einer gewissen Ratlosigkeit gegenüber weitaus radikaleren Formen des Jugendprotestes als in den siebziger Jahren praktizierte das MfS jetzt besonders gegen jugendliche Punkgruppen die Methode des ‘Herausbrechens’ einzelner Gruppenmitglieder, um sie auf der ‘Basis der Wiedergutmachung’ für begangene Straftaten als Im zu werben. „ (Beschädigte Seelen, S.279) Die Erfolge waren nur gering. Das Erzeugen von Mißtrauen in den Gruppen war dagegen erfolgversprechender.
Otze Ehrlich von Schleimkeim war ein bekannter Punk in der DDR. Er kooperierte teilweise mit der Kripo. Später wurde er selbst operativ bearbeitet.
Mit 11 Jahren wurde Otze erstmals beim Diebstahl einer Flasche Korn erwischt. Er schloß die 6. Klasse ab und startete in sein Arbeitsverweigerungs-Leben. Er macht eine Lehre zum Stahlarbeiter, die zum Fiasko gerät. Er hört Radio und kommt so zum Punk. 1981 wird er kurzzeitig inhaftiert. Öffentliche Herabwürdigung (§220), aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes und anderer Nichtigkeiten. Die Kripo führt die Akte „Nadel" zur Überwachung von Otze und Erfurter Punks. Am 11.12.1981 hat seine Band Schleimkeim den ersten Auftritt. Als Schleimkeim im Westen auf einer Plattenseite veröffentlicht wird, beginnt der Ärger. Otze kommt dafür 4 Wochen in U-Haft. Es wird eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Die Liedtexte werden als gefährlich eingestuft. Und Otze wird schließlich als inoffizieller kriminalpolizeilicher Mitarbeiter für operative Aufgaben geführt. 1 ½ Jahre liefert er Berichte ab. Aufgrund seiner Dekonspiration, seiner Arbeitsbummelei und seines Ausreiseantrages wird er umregistriert, in KA „Keim" operativ bearbeitet. Kurz darauf wird er wegen asozialen Verhaltens inhaftiert. Otze fährt bis zur Wende immer wieder ein. Paragraphen, wegen denen er belangt wurde, waren § 100 Staatsfeindliche Verbindungen, § 158 und §177 Diebstahl, §249 Asozialität, §215 Rowdytum, §219 Ungesetzliche Verbindungsaufnahme, §220 Staatsverleumdung. Seinen Ausreiseantrag zog er wieder zurück. Nach der „Wende" hatte er noch Auftritte mit Schleimkeim.
Bis 1994 hatte er sich noch in Griff. Aber die letzten Auftritte von Otze waren eine Katastrophe. Otze hat nie gearbeitet, wenn man sein Musikmachen nicht als Arbeit betrachtet. Er bezog zu Westzeiten Sozialhilfe. Zu Ostzeiten trank er hauptsächlich Alkohol oder die Punks nahmen Tabletten, Antiepileptika, Faustan, Radedorn, Radepur. Nach der Wende nahm er zunehmend Drogen, LSD, Kokain, Speed, Ecstasy, schließlich Heroin. Außerdem soff er auch noch. Otze war immer ziemlich gewaltätig, er war unberechenbar. Viele hatten Angst vor ihm. Ab 1995 ging es los mit seinem Wahn. Er wohnte vier Monate im Treppenhaus des Tacheles, und schlug einmal im Tacheles mit einem Hammer um sich, so dass er rausgeschmissen wurde. Wenn er aufgegriffen wurde, wurde er weggesperrt. Er war vogelfrei. Dreimal war er in der Geschlossenen in Erfurt. 1998 räumte Otzes Vater sein Zimmer leer und schmiß alles weg, Der Vater wollte ihn entmündigen lassen. 1999 erschlug Otze seinen Vater mit der Axt. 2005 kam Otze in der Forensik unter rätselhaften Umständen ums Leben.

 

Michael Rauhut, Beat in der Grauzone, Basisdruck Berlin 1993

Marc-Dietrich Ohse, Jugend nach dem Mauerbau, Ch. Links Verlag Berlin 2003

(Hrg) Jörn Mothes, Gundula Fienbork, Rudi Pahnke, Renate Ellmenreich, Michael Stognienko, Beschädigte Seelen- DDR-Jugend und Staatssicherheit, Edition Temmen, Rostock, Bremen.

Tina Gotthardt, Abkehr von der Wohlstandsgesellschaft, VDM Verlag Dr. Müller Saarbrücken 2007
Walter Hollstein, Der Untergrund, Luchterhand Verlag Berlin 1969
Klaus Farin, Jugendkulturen in Deutschland 1950-1989, Bundeszentrale der politischen Bildung, Bonn 2006

Klaus Farin2, Jugendkulturen zwischen Kommerz und Politik, Archiv der Jugendkulturen Berlin 1998

Michael Boehlke, Henryk Gericke, too much future- Punk in der DDR, Verbrecher-Verlag Berlin 2007

Anne Hahn, Frank Willmann, Satan, kannst du mir noch mal verzeihen, Verntil Mainz 2008